Andreas Stiller
Prozessorgeflüster
Berg- und Talfahrt
Nun sind sie da, die schon befürchteten Bilanzen des ersten Quartals 98. Zum einen hat die Asienkrise Löcher in sie hineingerissen, zum anderen gibt´s aber auch hausgemachte Gründe für schlechte Zahlen.
Andy Grove mußte in seinen letzten Tagen als Intel-Chef noch eine traurige Mär vermelden: Intels letzter Quartalsgewinn ist um 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen (auf nunmehr 1,3 Milliarden Dollar). Die immer wieder gern zitierte Asienkrise wollte Grove kaum als ausschlaggebende Ursache heranziehen, sondern vielmehr die Tatsache, daß die PC-Industrie auf ihren PCs und mithin Intel auf ihren Prozessoren sitzen geblieben ist. Intels Heilmittel: Preissenkung und verstärkte Adressierung des Low-Cost-Marktes mit dem Billig-Pentium-II Celeron.
Merkwürdig nur, daß andere Firmen, die auf dem Low-Cost-Markt kaum aktiv sind, beziehungsweise ihr Engagement dort eingeschränkt haben, von einer Krise nichts spüren. Vor allem Apple hat mit einem deutlichen Quartalsgewinn (55 Millionen Dollar) viele Analysten überrascht. Und selbst Digital konnte trotz Unkenrufen nach der Übernahme durch Compaq bezüglich der Zukunft der Alpha-Prozessoren mit positiven Zahlen brillieren (+ 256 Millionen Dollar).
Motorola erwischte es allerdings noch schlimmer als Intel, um 45 Prozent ging der Gewinn im ersten Quartal zurück. Demgegenüber steht das große Bollwerk IBM mit etwa nur 10 Prozent Gewinnrückgang vergleichsweise gut da. Der blaue Riese fertigt nicht nur alles, was sich direkt gegen Intel richtet (Cyrix-, AMD- und seit einiger Zeit auch IDT-Prozessoren), sondern soll sich den Gerüchten nach auch finanziell an AMD beteiligen wollen. Wie es heißt, will AMD gut eine Millarde Dollar entweder über weitere Aktien oder einen Investor aufnehmen. Die eigene Cash-Situation ist derzeit nämlich ziemlich desolat, das letzte Quartal schloß man wegen der Herstellungsprobleme beim K6-Prozessor mit einem Minus von 55,8 Millionen Dollar ab. Die Probleme seien nun laut CEO Sanders `gefixt´, im nächsten Quartal will man zwei Millionen K6e (mit bis zu 300 MHz) fertigstellen und dann gut acht Millionen in der zweiten Jahreshälfte. Hinzukommen sollen ab etwa Oktober die von IBM gefertigten K6-Prozessoren. Preislich will man immer etwa 20 Prozent unter Intels gleichschneller Pentium-II-Garde bleiben. Der K6-266 liegt mit 152 Dollar auf Celeron-Niveau, der K6-300 kostet 246 Dollar (OEM-Preise).
AMD-Chef Sanders kann wohl bald in Ruhe mit Andy Grove angeln gehen, denn man vermutet, daß er seinen CEO-Sessel in nicht allzuferner Zeit an Atiq Raza, den Ex-Chef der eingekauften Firma NexGen, abtreten wird.
PR-Maßnahmen
Der frühere Cyrix-Chef Rodgers kann da wohl nicht mitfischen, denn er hat sich in der Zwischenzeit einen anderen Job gesucht. Die Richtlinien-Kompetenz bei Cyrix besitzt jetzt Brian Halla, der CEO von National Semiconductors. Cyrix hat Nationals Bilanz allerdings ziemlich nach unten gezogen. Vor allem mit `PR-Maßnahmen´ will National jetzt dagegen ankämpfen. Und so schaffte man es, die gleichzeitig mit Intels Celeron-Vorstellung angekündigten PR300-Prozessoren der Presse als 300-MHz-Prozessoren zu verkaufen, wiewohl ihr wirklicher Takt dem Vernehmen nach bei 266 (66 × 4) oder 250 (83,3 × 3) MHz liegen wird. Der PR-Wert soll ja nur eine Gleichwertigkeit zu Intels Pentium-II-300 symbolisieren. Ob die Basis für die proklamierte Gleichwertigkeit, einige Benchmarks unter Windows 95, dafür hinreichend ist, bleibt jedoch zumindest fraglich. Vor allem moderne Spiele à la Quake wollen eine höhere Gleitkommaleistung, und auf diesem Gebiet dürfte der PR300 selbst dem `lahmen´ Celeron-266 unterlegen sein.
Als weiteren PR-Gag hat National den 6x86MX-Prozessor umbenannt. Sein früherer Codename M2 soll nun in römischer Gestalt als M II mehr Assoziation zum Pentium II sicherstellen. Der M II-300 (OEM-Preis 180 Dollar) wird von National vorerst noch in 0,35-µm-Technologie hergestellt, IBM wird ihn vermutlich nicht fertigen, sich möglicherweise ganz von Cyrix-Prozessoren verabschieden. Jedenfalls denkt IBM laut darüber nach, die eigenen 6x86MX nicht umzubenennen. Auch Intel war schöpferisch bei der Namensfindung: der Merced-Nachfolger trägt den Codenamen McKinley, und der Pentium-II Slot II, derzeit als SWV umschrieben, ist offiziell Xeon getauft worden.
Rechts-Maßnahmen
Und noch eine Schlappe mußte Andy Grove zum Abschluß einstecken. Ein US District Court gab Kläger Intergraph recht, Intel hätte dem Hersteller von Grafik-Workstations widerrechtlich Informationen vorenthalten und Prototypen nicht zur Verfügung gestellt. Intergraph fiel bei Intel in Ungnade, weil es Patente aus früherer Clipper-Zeit gegenüber Intel-Kunden geltend machte. Das Gericht stellte fest, daß Intel aufgrund seines Quasi-Monopol-Status ebenso wie etwa Microsoft nicht zu solchen `Kampfmaßnahmen´ gegenüber mißliebigen Firmen hätte greifen dürfen. Das Urteil wird sicherlich die amerikanische Kartellbehörde FTC interessieren, die in Sachen Antitrust bereits seit längerem gegen Intel ermittelt. Auch Apple klagt - und zwar gegen Exponential. Die Firma gibt es zwar nicht mehr, aber ihre Patente, die S3 im letzten Jahr ersteigert hat. Apple will noch offene Rechtsfragen gegen die Exponential-Verantwortlichen klären lassen und den Patentverkauf an S3 stoppen.
Hier handelt es sich wohl um eine Retourkutsche, denn Exponential hatte im letzten Jahr Apple wegen Vertragsverletzung verklagt. Weniger Ärger hat Apple hingegen mit dem anderen Prozessor-Sohn ARM, im Gegenteil: ARM geht jetzt mit so großer Nachfrage an die Börse (NASDAQ, London), daß man das IPO (Initial public Offering) von geplanten circa 19 Dollar auf 29,17 Dollar hob. Apple hatte 1990 nur rund 3 Millionen Dollar in ARM investiert und dürfte nun einen geschätzen Anteil von 100 Millionen Dollar an ARM halten - das hat sich also gelohnt. (as)
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Auch das noch
Wem auch der Schnellste der aktuellen Mikroprozessor-Riege, der Alpha 21164 mit seinen 600 MHz, noch nicht reicht und wer nicht bis Sommer auf den Nachfolger 21264 warten möchte, dem kann geholfen werden. Schlappe 6000 Dollar kostet ein `Kühlschrank´ von KryoTech Inc., in dem man den Prozessor um 30 Prozent höher takten kann, mithin auf 767 MHz. Das in klassischer Kompressionstechnik (Freon) arbeitende Kühlsystem (- 40 °C) wird statt Kühlkörper auf dem Prozessor befestigt. Ein komplettes System (KryoTech/Digital 767) mit Windows NT ist ab 22 000 Dollar im Angebot.
Intel hat das KryoTech-System auch bereits benutzt, nämlich um einen ausgewählten Pentium II auf der CeBIT auf 702 MHz zu beschleunigen.



