Andreas Stiller
Prozessorgeflüster
Transmetale Wiedergeburt und PowerPC-615 und Power3
Gerüchte um den geheimnisvollen x86-Newcomer Transmeta, Gerangel um Prozessor-Marktanteile, Gerichtsverfahren der FTC-Kartellbehörde und neue Geräte der RS/6000-Familie von IBM mit Power3-Prozessor.
Was sich schon seit einiger Zeit abzeichnete, hat National Semiconductors nun in die Tat umgesetzt: das Mutterhaus von Cyrix kündigte IBM den Fertigungsvertrag für 6x86-Prozessoren. 55 Millionen Dollar 'Ablösesumme' muß National dafür noch berappen. IBM steht dann ohne eigene x86er da - sieht man mal von den wenigen, lediglich durchgeschleiften IDT-Winchip-Prozessoren ab. Für System-on-a-Chip will IBM mit STMicroelectronics zusammenarbeiten - und es verdichten sich die Anzeichen, daß Big Blue mit Transmeta ins Geschäft kommen könnte.
Transmeta, eine kleine, weitgehend im verborgenen arbeitende Startup-Company, wurde 1997 mit Venture-Kapital des Microsoft-Mitbegründers Paul Allen ausgestattet. Transmeta-Chef (CEO) David Ditzel hat seine Sporen bei Sun mit den SPARC-Prozessoren verdient. Der bekannteste Transmeta-Mitarbeiter dürfte aber Linus Torvalds sein, Schöpfer und Prinzeps von Linux. Angeblich hat Torvalds darauf hingewirkt, daß der auf einem RISC-Kern basierende Transmeta-Prozessor Abschied von alten Zöpfen nehmen soll. Nicht nur das A20-Gate, nein der Real Mode insgesamt, möglicherweise auch diverse unnötige Segmente und anderer Steinzeitmüll sollen der Entsorgung anheim fallen. Die Zielvorgabe sollte sein, daß NT 5.0 darauf läuft, daneben sicherlich Linux - und auch Be wird heiß gehandelt.
Inzwischen kursieren Gerüchte, demzufolge IBMs vor zwei Jahren unversehens eingeschlafener PowerPC-615 im Transmeta-Design zumindest zum Teil Wiederauferstehung feiert. Wie es aussieht, hat IBM schon gute Drähte zu Transmeta, demnächst vielleicht sogar solche aus Kupfer ...
Power hoch 3
Angst um leerstehende Fabs braucht IBM wohl nicht zu haben, so streckt auch Sun die Finger aus, um die nächste Generation der UltraSparcs von IBM fertigen zu lassen. Schließlich ist Sun immer noch Marktführer bei den High-End-Servern, und der 64bittige UltraSparc III soll noch vor Merced über die 1-GHz-Grenze hüpfen. Offenbar traut Sun diesen Jump eher IBM zu als dem langjährigen Partner Texas Instruments.
Außerdem hat IBM ja auch eigene Prozessoren. Am 5. Oktober stellte ihre Workstation-Riege den neuen Sproß vor, den 64bittigen Power3. Noch kupferfrei im klassischen 0,25-μm-CMOS-Prozeß hergestellt, begnügt sich der erste Vertreter im RS/6000-Modell IP43/260 mit beschaulichen 200 MHz. Im nächsten Jahr, auf Kupfer umgestellt, soll er 333 und 400 MHz erreichen. Der erste mir bekannte Chip mit mehr als 1000 Pins (genau 1088) kann aber bereits bei 200 MHz dank eines schnellen Cache-Bus (6,4 GByte/s) und 128bittigem Speicherzugriff brillieren. So erzielt er im traditionellen Workstation-Benchmark gut 30 SPECint95 und 13 SPECfp95. Intels tags drauf vorgestellter Xeon-450 kommt in diesem Vergleich auf rund 18 SPECint95 und 15 SPECfp95.
Vertrauensschwund
Intel plagen bei dem Xeon-Prozessor aber immer noch Lieferschwierigkeiten. Schon auf den 400er muß man geraume Zeit warten - das dürfte beim 450er zunächst kaum besser werden. Und der Xeon-450 mit 1 MByte L2-Cache ist vorerst noch gar nicht zu haben.
| Intel-Preise | ||
| Prozessor | September | ab 25. Oktober |
| Xeon-450/512KB | 1060 (ab 6. 10.) | 825 |
| Xeon-400/1MB | 2675 | 1980 |
| Xeon-400/512KB | 1060 | 825 |
| Pentium II 450 | 659 | 559 |
| Pentium II 400 | 482 | 375 |
| Pentium II 350 | 299 | 210 |
| Pentium II 333 | 234 | 175 |
| Celeron 333 | 192 | 160 |
| Celeron 300A | 149 | 139 |
| OEM-Preise ab 1000 Stück in US-Dollar | ||
Auf dem amerikanischen Markt hat Intel nach einer Analyse der zu Ziff Davies gehörenden 'ZD Market Intelligence' ziemliche Verluste zu beklagen. Demnach ging Intels Marktanteil (in Stückzahlen) von 84 Prozent im Vorjahr auf nunmehr 53 Prozent zurück - allerdings nur bezogen auf den amerikanischen Einzelhandel. Direktvertrieb und Versandhandel (etwa von Dell und Gateway) blieben bei dieser Statistik außen vor - dabei ist Intel doch gerade hier stark. Und Intel-Chef Barrett reist seit Monaten durch die Lande, um unter anderem intensiv für Direct Marketing via Web zu werben. Intel selbst habe seit Juli gut zwei Milliarden Dollar Umsatz mittels ECommerce erzielt und rechnet mit 20 Milliarden im nächsten Jahr. So schlecht dürfte danach Intels nächste Bilanz jedenfalls nicht aussehen.
Dennoch besteht bei Intel genügend Grund zur Sorge. Weniger wegen des Verfahrens vor der Kartell-Behörde FTC, das auf Februar 1999 verschoben wurde (da hat Microsoft am 15. Oktober mehr zu befürchten): Schlimmer ist, daß Intel zunehmend an Ansehen in der amerikanischen Geschäftswelt verliert. Nach einer von ZD Intelligence durchgeführten Befragung von 2600 amerikanischen Firmen erwägt immerhin gut ein Drittel den Ankauf von Nicht-Intel-Systemen.
Vor allem AMD-K6/2-bestückte Systeme stehen in der Gunst hoch, daran ändert auch ein vermeintlicher Fehler nichts, denn der Bug steckte nicht im Prozessor, sondern in Windows 95. (as)
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Auch das noch
Aus der Linux- und GNU-Ecke ist man ja an Phantasie und Innovationsgeist einiges gewohnt: doch was sich nun einige Aktivisten vorgenommen haben, grenzt gar an Blasphemie. Sie wollen einen 'Merced-Killer' kreieren, einen eigenen 64-Bit-Prozessor (http://siva.usc.edu/~brion/f/). So wie Linux den proprietären Unixen das Wasser abgegraben hat, soll ihr 'Freedom CPU' genanntes Projekt im Rahmen eines offenen 'Web-Wide Collaborative Environment' Intel an den Kragen. Ein Rumpf-Konzept ist schon fertig, Mitarbeiter werden noch dringend gesucht, insbesondere CPU-Architekten. Und vor allem fehlt noch ein kapitalkräftiger Sponsor. Wie wär's mit Ihnen, Herr Ellison? Mit Linux haben Sie sich als Oracle-Chef ja schon angefreundet, und dann brauchen Sie nicht einmal mehr Apple zu kaufen, um gegen Intel und Microsoft gleichzeitig zu Felde ziehen zu können.



