Das neue Jahr 2005 steht ganz im Zeichen der Doppelkerne. Das ein oder andere Gerücht weht über geplante Intel-Gestirne aus fernen Welten heran und von AMDs Chefastrologen vernehmen wir, dass die Firma die Doppelkerne als Sprungbrett nutzen will, um sich weg von den weißen Desktop-Zwergen hin zu den Server-Sonnen neu zu positionieren. Und dann gibt es noch die Roten Riesen, die Itanium-2-Monsterchips - mehr als achtmal so groß wie AMDs Dual-Core.
Freundliche Post flatterte mal wieder dem schottischen Journalisten Mike Magee, dem Betreiber des Insider-Webdienstes theinquirer.net in Haus - hatte er doch auf eine französische Website verlinkt, auf der vertrauliche Intel-Folien abgelichtet waren. Die Mitarbeiterin einer Intel Europe Inc. aus Parsippany, New Jersey, forderte in ihrem Anschreiben erbost zur Löschung der Artikel auf - offenbar etwas übereifrig, denn sie wurde wohl von höherer Stelle bald wieder zurückgepfiffen. So aber gab sie gewissermaßen den Veröffentlichungen unfreiwillig Intels Segen, wiewohl ein gewisses Misstrauen gegenüber den Folien weiterhin angebracht ist.
Auf einer beschreibt Intel einen geplanten Dual-Core-Prozessor für Notebooks mit zwei Pentium-M-Dothan-Kernen. Bislang waren nur sein Codename Yonah und ein Die-Foto bekannt, das Intel bereits auf dem letzten IDF im September und jetzt erneut auf dem IEDM stolz herumzeigte - mit Recht, schließlich dürfte es der erste Prozessor in 65-nm-Technik sein. Auf der Intel-Folie trägt der Prozessor jedoch die merkwürdige Bezeichnung Sossaman - das könnte darauf hindeuten, dass es verschiedene Yonah-Versionen geben soll. Dieser Sossaman soll insgesamt 2 MByte L2-Cache bieten und mit zunächst 2,3 GHz Takt und FSB667 herauskommen. Mit nur 32 Watt beziehungsweise in Low-Power-Ausführung sogar nur 16 Watt liegt der Doppelprozessor gut im Notebook-Rahmen. Als weiteres Feature ist das „36 bit memory addressing“ aufgeführt, das von vielen als die AMD-kompatible 64-bittige EM64T-Erweiterung verstanden wurde - viel eher ist damit wohl die Physical Address Extension (PAE) gemeint, die bereits der Pentium Pro einführte. PAE ermöglicht neuerdings zusätzlich auch den Speicherschutz per NX-Bit. Als voraussichtlicher Starttermin steht in der Folie 1Q06 - aber hatte Intel nicht schon 2005 genannt?
Neben Intel sah sich auch Dell befleißigt, dem Inquirer einen netten Brief zu schicken - allerdings nicht wegen irgendwelcher geheimer Prozessoren, sondern wegen einiger Dell-interner Papiere, die ihren Weg auf die berüchtigte Website fanden. Dell, als treuer Intel-Vasall, hatte nämlich auf speziellen Kundenwunsch hin auch ein paar Opteron-Server von Rackserver ausgeliefert. Es ist bei großen Systemhäusern allerdings gang und gäbe, solche Kundenwünsche zu erfüllen. „Wenn ein Kunde eine Lore Itanium-Systeme bei uns bestellt und ein paar Opteron-Server dazu haben möchte, liefern wir die natürlich auch“, hatte NEC mal zum gleichen Thema geäußert. Das lässt noch nicht auf einen Stimmungswechsel bei Dell bezüglich Opteron schließen, zumal die Firma versucht, mit ziemlich schräg ermittelten Benchmark-Ergebnissen (manche Kritiker sprechen gar von Apple-Methoden) den Opteron schlecht gegenüber dem Xeon aussehen zu lassen.
AMD kann das, etwa mit einem Blick auf die neuesten SAP-SD-Benchmarkzahlen, kalt lassen. HPs Vierfach-Opteron-Server konnte hier mit 914 SD-Usern einen klaren Spitzenwert markieren, das in den SAP-Charts geführte schnellste Vierfach-Xeon-System stammt von IBM und kommt auf 770, die Dell-Xeon-Systeme rangieren unter ferner liefen. Viel mehr dürfte AMD ärgern, dass Intel in kürzester Zeit weit mehr 64-Bit-Prozessoren für Server und Workstations verkaufen konnte als sie selbst. Intel war über „dreimal so viele Prozessoren in einem Drittel der Zeit“ so erfreut, dass sie diesmal sogar Verkaufzahlen preisgab: eine Million in einem halben Jahr.
Aber AMD will das ändern und sich zu einer Serverfirma mausern. Es dürfte so manchen AMD-Fan enttäuschen, wenn er von dem Strategiewechsel erfährt, den Cheftechnologe Fred Weber in einem Webcast Anfang Dezember - relativ unbeachtet - darlegte: weg von den Desktop-PCs hin zu den Servern.
Und da passen auch die Pläne für Doppelkerne gut ins Bild, die wegen ihres langsameren Taktes für Desktop-Systeme nicht so opportun sind. Weber bekräftigte AMDs diesbezügliche Roadmap („alles ist im Zeitplan“): In der zweiten Hälfte 2005 sollen die Serverchips Denmark, Italy und Egypt in den entsprechenden 100er/200er und 800er Prozessorlinien auf den Markt sowie der Toledo als Fortsetzung der „Enthusiasten-Linie FX“. Weber skizzierte darüber hinaus auch schon mal Bilder für später, mit bis zu acht Prozessorkernen, DDR-III, Fully Buffered DIMMs, HyperTransport-III und PCI Express 2nd Generation. Doch bevor man zu diesen Sternen greifen kann, sind noch einige Hausaufgaben zu machen, etwa beim Herstellungsprozess. Mit Entwicklungspartner IBM gehts gut voran, beispielsweise mit Verbesserungen beim gestrecktem Silizium (siehe nächste Seite). Davon könnte auch noch die aktuelle 90-nm-Linie profitieren.
Die Schwergewichtler des neuen Jahres werden jedoch zweifellos die Itanium-2-Montecito-Prozessoren mit ihren 1,7 Milliarden Transistoren sein. Auch hier gibt es interessante Neuigkeiten. So hat sich Hewlett-Packard aus der Itanium-Prozessor-Entwicklung gänzlich zurückgezogen. Partner Intel übernimmt die gesamte Entwickler-Crew. Diese muss nicht umziehen, sondern verbleibt in Fort Collins, Colorado. Damit verfügt Intel nun über drei Itanium-Entwicklungsstätten: Neben den Headquarters in Santa Clara sowie Fort Collins arbeiten auch noch die von DEC übernommenen Entwickler in Hudson, Massachusetts, an Itanium-Designs. HP zieht sich damit allerdings nicht vom Itanium zurück, sondern hat im Gegenteil angekündigt, in den nächsten drei Jahren 3 Milliarden US-Dollar in die Itanium-Server-Familie Integrity zu investieren.
So langsam kommen die behäbigen Itanium-Kolosse in Schwung - auf dem Supercomputer-Markt können sie inzwischen Erfolge am laufenden Band verbuchen, sei es in Frankreich, in Polen oder anderswo. So soll Montecito nun auch in Deutschland das Doppelherz des schnellsten Rechners stellen: Das Leibniz-Rechenzentrum in München hat für 38 Millionen Euro von SGI ein System bestellt, das zunächst (Anfang 2006) mit 2560-Doppelprozessoren bestückt 33 TeraFlop/s leisten soll. Bereits vereinbart ist der Update beziehungsweise Ausbau auf 6656 Prozessorkerne im Jahr 2007, die dann mehr als das Doppelte, nämlich 69 TeraFlop/s schaffen sollen. Das wäre in der heutigen Top500-Liste Platz Nummer 2 - in zwei Jahren aber sollen das ja ein paar Cell-bestückte PSIII-Spielkonsolen so nebenbei bewältigen ... (as)
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