Andreas Stiller
Prozessorgeflüster
Von alten Hasen und jungen Hunden
Core2 Duo - so haben die alten Hasen aus Intels einfallsreichem Marketing-Team die neuen Mobil- und Desktop-Prozessoren getauft, die bislang noch auf die Codenamen Merom und Conroe horchten. Und AMD ist auf den Hund gekommen - der ja als treuester Begleiter zuweilen besser horcht als ein Prozessor - und zwar auf den Wind- und den schottischen Hirschhund.
Nach den derzeitigen Plänen sollen Intels Doppelzweier mit dem neuen Namen Core2 Duo im Sommer - der Conroe vermutlich bereits im Juli - auf den Markt kommen. Das neue Core-Namensschema verwischt die Unterschiede zwischen Prozessortypen für stationäre und mobile Rechner, die sich ja nun auch wieder (wie früher zu seligen Pentium- bis Pentium-III-Zeiten) viel ähnlicher sein werden, als es Pentium 4/D und Pentium M beziehungsweise Core Duo waren. Die einzelnen Modelle werden entsprechend der Energieaufnahme mit E, T, L oder U sowie gemäß ihrer Performance mit einer vierstelligen Modellnummer gekennzeichnet, wie es an dieser Stelle schon vor einiger Zeit zu lesen war [1]. Neben dem normalen Core2 Duo hat Intel auch den Extreme Edition als Core2 Extreme „namensmäßig“ angekündigt, den höhere Prozessor- und Bus-Takte vor dem gewöhnlichen Core2 Duo auszeichnen werden.
Doch Core2 Duo wird vermutlich nicht der erste Vertreter der neuen Core-Mikroarchitektur auf dem Markt sein. Zuvor erwartet man noch in diesem Quartal die Serverversion mit Codenamen Woodcrest, deren offizieller Name indes noch der Bekanntgabe harrt. Wie wärs, analog zu Centrino italienisch verziert, mit „Corxeone“ - oder wirds doch nur ein schlichtes „Xeon Core2“? Und vor dem Woodcrest steht außerdem noch der geplante Stapellauf des - nunmehr eigentlich überflüssigen - Dempsey-Prozessors an, der letzte der NetBurst-Mohikaner aus der Xeon-DP-Riege. Er soll als Dual-Core-Chip mit Hyper-Threading, gefertigt in 65-nm-Technik, vor allem als Vorreiter für die neue Plattform namens Bensley dienen, die für jeden der beiden Dual-Core-Prozessoren einen eigenen Bus und FB-DIMM als Speicher bietet.
Intel hat durchblicken lassen, dass man Dempsey preislich so attraktiv machen will, dass er gegenüber seinem Nachfolger Woodcrest noch eine Marktchance bekommt - ob allerdings beim Preis der energiehungrigen CPU auch die Betriebskosten schon eingerechnet sind, sei dahingestellt. Der Anteil, den die Prozessoren zum Energieverbrauch von Servern beitragen, wird allerdings immer geringer. Derzeit liegt er noch bei 48 Prozent - so hatte Intels Cheftechnologe Justin Rattner vorgerechnet -, mit Woodcrest soll er auf nur noch ein Drittel sinken - da „fressen“ allein die Treiberbausteine für FB-DIMM mitunter mehr.
Derweil hat Intel die Preise für die Pentium-D-Prozessoren zum Teil deutlich gesenkt und die Prozessorlinie mit der Version 960 noch ein bisschen auf 3,6 GHz aufgebohrt (zum OEM-Preis von 530 US-Dollar). Mit 130 Watt liegt dieser aber nun im gleichen „Schluckbereich“ wie seine nahezu doppelt so teuren Extreme-Kollegen, die als Goodie zusätzlich Hyper-Threading und schnelleren Bus (FSB1066) bieten.
Vier-Beiner
Mit hübschen neuen (Hunde-) Namen kann auch AMD aufwarten. Laut der Hongkong-chinesischen Website HKEPC Hardware ist „Deerhound“ als Quad-Core für DP und MP-Server mit DDR2 fürs zweite Halbjahr 2007 und „Greyhound“ für die Vierkern-Desktop-Prozessoren (mit DDR3 und HyperTransport 3.0) ab erstem Halbjahr 2008 auserkoren. Die Besonderheit dieser Chips ist, dass sie offenbar für alle vier Kerne einen gemeinsamen L2-Cache vorgesehen haben. Für größere Server steht ab dem zweiten Halbjahr 2008 unter dem Codenamen „Zamora“ auch ein Quadcore mit getrenntem L2- und gemeinsamem L3-Cache auf dem Programm. Er soll zudem für FB-DIMM und HyperTransport 3.0 ausgelegt sein. Für kleinere Server und Workstations ist unter „Cadiz“ eine Variation des Desktop-Chips Greyhound vorgesehen. Zu diesem Zeitpunkt gegen Ende 2008 sollte bei AMD so langsam die 45-nm-Prozess-Ära eingeläutet werden; dass Za-mora und Cadiz dafür schon eingeplant sind, ist eher unwahrscheinlich. Die „Hunde-Chips“ werden jedenfalls der derzeit im Testbetrieb befindlichen 65-nm-Produktionslinie der Dresdener Fab 36 entstammen. Laut AMD-Planung soll man gegen Ende dieses Jahres die ersten 65-nm-Prozessoren bewundern können. Mehr als eine „Handvoll“ Chips darf man jedoch zunächst nicht erwarten - die Volumenproduktion der Athlon-64-Chips im 65-nm-Prozess namens „Brisbane“ und „Sparta“ wird wohl erst im Frühjahr 2007 starten.
Loch-Nest
Derweil hat AMD mal wieder mit ein paar Sommerlochmonstern rund um die Gleitkommaeinheit zu kämpfen. Zu dem kleinen Sicherheitsloch bei Thread-Wechseln im Umfeld der Fxsave/Fxrstor-Befehle kommt jetzt ein Testloch namens „CPU Frequency Margin Test Escape“ bei Single-Core-Opterons (nur die x52- und x54-Modelle) hinzu: Manche durchgeschlüpften Exemplare - AMD spricht von maximal 3000 - verrechnen sich bei hohen Temperaturen und bei ganz speziellen, gleitkommaintensiven Abläufen - die genaue Risikosequenz wollte AMD indes nicht veröffentlichen. OEMs wie Sun, IBM oder HP bekamen ein Verification Tool, ins Web gestellt hat AMD die Software indes bisher nicht. Besorgte Opteron-Kunden können entweder obige OEMs oder das AMD Technical Support Center unter 089/45 05 31 99 anrufen. Sie bekommen dann per E-Mail einen Fragebogen zugeschickt, mit dessen Hilfe man potenziell gefährdete Prozessoren und problematische Betriebsbedingungen einkreisen soll. Im Ernstfall kommt dann ein AMD-Techniker ins Haus, um den Test durchzuführen und gegebenenfalls die Prozessoren zu tauschen.
Testlöcher bei Prozessoren sind nichts Neues - vor ein paar Jahren rutschten zahlreiche Athlon-Prozessoren durch den Endtest durch, die sich bei der Multiplikation der 3Dnow!-Einheit verrechneten, was sich dann hübsch anschaulich durch eine verbröselte JPEG-Darstellung im Internet Explorer offenbarte. Doch das schönste Loch bleibt ja weiterhin das A20-Loch, dieses schöne Relikt aus der frühen Steinzeit der PCs, das wie Nessie immer mal wieder auftaucht. Nun haben auch die Macs mit diesem ominösen Monster zu tun, das den Apple-Neuling gleich freundlich mit hübschen Linux-Bootlader-Problemen begrüßte. Und auch die neueste Pentium-4/Xeon-Fehlerliste freut sich, dass sie unter Fehlernummer R119, AB21 oder D55 einen weiteren der zahlreichen Bugs aus dem Umfeld dieses Unikums ausweisen kann. Wär schon schade, wenn A20-Nessie irgendwann mal untertauchte.
(as)
Literatur
[1] Andreas Stiller, Prozessorgeflüster, Von Vierkern- und anderen Menüs, c't 5/06, S. 22



