Bei AMD nimmt der Vertriebschef seinen Hut kurz vor der seit Jahren wichtigsten Produkteinführung des Unternehmens. Außer von ihrer Rechenleistung hängt der Erfolg neuer Prozessoren zunehmend auch von ihrer Energieeffizienz ab.
Adieu, sagt Henri Richard zu seinem Arbeitgeber AMD: Der charismatische Franzose, der stets gut gekleidet auftritt und gerne Ferrari fährt, verlässt AMD nach etwas mehr als fünf Jahren erfolgreichen Wirkens. Sein Abschied erfolge auf eigenen Wunsch und einvernehmlich, ließ AMD verlauten. Er selbst will nach 20 Jahren in der PC-Branche - vor AMD war Richard unter anderem für IBM tätig - sein Glück künftig in einem anderen Bereich versuchen.
Richard ist für markige Sprüche bekannt, insbesondere teilte er gerne gegen Intel aus. Zum Abschied legt er noch ein Brikett nach und sagt: „AMD ist jetzt in der richtigen Position, um das Monopol zu überwinden, das diese Branche plagt.“
AMDs Ex-Vertriebschef verpasst nun allerdings die Einführung der Barcelona-Opterons; die Presseveranstaltung für die EMEA-Region (also Europa, den Nahen Osten und Afrika) findet am 10. September passenderweise in der katalanischen Hauptstadt statt. Zuvor hat AMD-Chef Dr. Hector de Jesus Ruiz in einem Interview eingeräumt, dass die Barcelonas mit „mehr als einem halben Jahr Verspätung“ erscheinen und diese Verzögerung auf technische Probleme zurückzuführen sei - man habe wesentlich mehr Schwierigkeiten gehabt als zuvor erwartet.
Bleibt für AMD zu hoffen, dass nun wirklich restlos alle Probleme ausgeräumt sind. Immerhin hatte AMD noch im Juni öffentlich verkündet, die Barcelonas schon ab August „for Revenue“ auszuliefern. Den Begriff des „Revenue Launch“ hatte indes Intel schon Ende 2003 beim ebenfalls deutlich verzögerten 90-nm-Prescott-Kern des Pentium 4 verwendet. Der zumindest in seinen ersten Steppings extrem hitzköpfige Prescott hatte Intel kein Glück gebracht, sondern entwickelte sich letztlich zum dicksten Nagel im NetBurst-Sarg. Doch wir wollen hier keinen Aberglauben schüren, sondern drücken AMD die Daumen, dass die Taktfrequenzen der Barcelona-Kerne schnell genug steigen, um Intels schon mit den Hufen scharrenden 45-Nanometer-CPUs Paroli bieten zu können.
Auf der Games Convention in Leipzig konnte AMD immerhin schon einen mit 3 GHz laufenden Phenom X4 zeigen. Zu konkreten Preisen und Taktfrequenzen hält AMD aber eisern dicht; Webseiten aus Spanien (Noticias3D.com) und Großbritannien (TheInquirer.net) konnten immerhin schon die Produktlogos der neuen Barcelona-Opterons und der Phenoms enthüllen.
Wenn die neuen Prozessorkerne das finanzielle Schicksal der Firma AMD wieder zum Guten wenden, steht offenbar als nächste wichtige Entscheidung der Bau der neuen Chipfabrik im US-Bundesstaat New York an. Die Lokalzeitungen des Saratoga County - dort liegt der Gewerbepark Luther Forrest, wo die neue Fab im nächsten Jahrzehnt entstehen könnte - verbreiten jedenfalls Zuversicht, dass sich AMD bis zum Jahresende festlegt. Zurzeit sieht es damit eher schlecht aus: Glaubt man den Marktforschern von iSuppli, gehörte AMD im zweiten Quartal 2007 nicht mehr zu den zehn umsatzstärksten Chipherstellern - durch die Übernahme von ATI war AMD Ende 2006 in den exklusiven Club aufgestiegen. Die Zahl der verkauften AMD64-Prozessoren ist zwar kräftig gewachsen, doch der Preisverfall hat den Erfolg eingedampft.
Wie viele andere Hardware-Hersteller hebt auch AMD die Energieeffizienz seiner aktuellen und kommenden Produkte hervor, weil steigende Energiepreise und in einigen Ländern auch überlastete Stromnetze den professionellen Computernutzern deutlich die mit zunehmendem Energiebedarf wachsenden Kosten und Ausfallrisiken ihrer IT-Gerätschaften vor Augen geführt haben. Beim sparsamen Umgang mit Energie haben Intels Prozessoren die von AMD mittlerweile eingeholt, dank Core-Mikroarchitektur und sparsamerer Chipsätze (siehe auch Seite 24) ist auch die neuste Fassung der Energy-Star-Richtlinien keine Hürde für Intel-PCs mehr. Bei den Servern schlägt AMD indes weiter fröhlich auf die von Intel für Xeon-Systeme favorisierten Fully-Buffered-Speichermodule (FB-DIMMs) ein, die pro Stück rund vier bis sechs Watt mehr Leistung verbraten als herkömmliche DDR2-Riegel. Das hindert allerdings Sun nicht daran, beim kommenden UltraSPARC T2 ebenfalls auf FB-DIMMs zu setzen - offenbar hofft die Branche, dass die FB-Technik das Energiesparen noch lernt.
Die Firma Sun hatte vor zwei Jahren (nämlich anlässlich der Vorstellung ihrer ersten Opteron- und UltraSPARC-T1-Server) versprochen, mehr ökologische Verantwortung zu übernehmen. Am Beispiel eines neuen Rechenzentrums auf dem Sun-Campus in Santa Clara zeigt das Unternehmen nun im Detail, wie Energiesparen à la Sun aussieht: Statt 2177 Servern in 550 Racks mit zusammen 2,2 MW Leistungsaufnahme zur Stromversorgung und Kühlung sollen jetzt 1240 Server in 65 Racks ausreichen, die nur noch 500 kW benötigen. Außer diesen Zahlen nennt Sun noch viele weitere, gibt aber auch einige Rätsel auf - unter anderem soll die Stromrechnung trotz der angeblich um mehr als 77 Prozent gedrosselten Leistungsaufnahme bloß um 30 Prozent sinken. Diese letzte Zahl scheint dabei glaubwürdig, weil sie unter anderem auch die Hoster Strato und Host Europe für ihre neuen, auf hohe Energieeffizienz hin optimierten Rechenzentren nennen.
Viel Einsparpotenzial sehen alle Server-Hersteller darin, mehrere Systeme in Form virtueller Maschinen (VMs) auf einer kräftigeren, aber besser ausgelasteten und somit effizienter arbeitenden Maschine zu konsolidieren. So profilieren sich dann auch fette Multiprozessor-Server mit Anschlussleistungen im Kilowattbereich als Energiesparer. Wer nur einen PC hat oder braucht, dem hilft das wenig - hier braucht man absolut sparsame Technik, wie sie alle CPU-Hersteller versprechen. VIA hat soeben einen ULV-Prozessor (siehe Seite 22 in der Printausgabe) angekündigt, der sich mit weniger als einem Watt Leistungsaufnahme bescheiden soll, sowie ein Mainboard für PCs mit insgesamt lediglich 24 Watt Leerlaufleistung. Intel will 2008 spezielle Varianten des Notebook-Prozessors Penryn ausliefern, die mit 25 Watt Thermal Design Power (TDP) auf dem Niveau der aktuellen LV-Versionen des Core 2 Duo liegen. Diese Penryns für besonders kompakte (aber nicht „ultramobile“) Laptops sollen dabei auch in kleineren Gehäusen stecken - diese Idee hatte VIA bereits 2003.
Kompakte Rechner sind auch für Fahrzeuge interessant, ganz besonders für Luftfahrzeuge: Singapore Airlines will seine A380-Airbusse mit eingebauten PCs an jedem Sitzplatz ausstatten. Der Passagierstatus bestimme dann die Display-Größe: Bei Economy sind es 10 Zoll, in der Business-Klasse gibts 15 Zoll und im Luxusabteil 23-Zoll-Schirme. Panasonic Avionics baut die Rechner sowie den Server, die allesamt unter Linux laufen; als Prozessoren rennen die sparsamen VIA-CPUs unter dem Flugzeugsitz.
(ciw)
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