Prozessorgeflüster

Von Gegenstücken und Giftigkeiten

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Während Intel das IDF im Moscone Center in San Francisco zelebrierte, war auch Konkurrent AMD – wie traditionell üblich – in einem Hotel um die Ecke zugegen, um seine neuen Produkte und Roadmaps zu präsentieren. Aber nicht nur gegen Intel, auch gegen Nvidia muss sich AMD auf allen möglichen Ebenen wehren.

Nur einen Steinwurf weit weg vom Moscone Center in San Francisco fuhr AMD kräftig auf, unter anderem mit zahlreichen Notebooks mit den neuen Turion-II und Athlon-II-Prozessoren aus den verschiedenen Vision-Kategorien.

Auf AMD-Prozessoren mit integrierter Grafik als Gegenstück zu Intels Clarkdale- und Arrandale-Prozessoren (S. 18) muss man allerdings noch ein bisschen warten: Die Fusion-Chips Llano und Ontari sind erst für Anfang 2011 eingeplant. Bis dahin kann man aber auf leistungsfähige Grafik im Chipsatz zurückgreifen, etwa auf den 785G mit ATI-Radeon-HD4200-Kern. Um die Kombination von CPU- und Chipsatzleistung für den Kunden etwas transparenter zu machen, hat AMD derweil unter dem Namen „Vision“ eine neue Kategorisierung für Notebooks eingefügt, mit Premium, Ultra und Black als Präfixe für höhere Ansprüche. Ob er durch Vision dann mehr Durchblick hat, weiß man nicht.

Gegen den im nächsten Frühjahr erwarteten Xeon 7500 (Nehalem-EX) mit acht Kernen hat AMD durchaus einen entsprechenden Konterpart parat: das Zwölfkern-Modul Magny-Cours, offiziell Opteron 6000 genannt. Der müsste den Intel-Koloss locker in die Tasche stecken, jedenfalls wenn die AMD-Schätzungen für SPEC CPU2006 stimmen: plus 50 Prozent bei Integer und plus 85 Prozent bei Gleitkomma gegenüber AMDs aktuellem Sechskernprozessor Istanbul. Damit käme er bei optimistisch angenommenen 2,6 GHz in einem Viersockel-System auf 470 SPECint_rate_base2006est. und 460 SPECfp_rate_base2006est.

Die aus den Intel-Angaben zum Nehalem-EX abgeschätzten Werte liegen bei Integer etwa gleichauf, aber beim Gleitkommabenchmark mehr als 30 Prozent darunter. Allein rohe Performance ist aber nicht alles, es spielen in der Servermittelklasse noch viele andere Dinge eine Rolle, etwa Zuverlässigkeit, Energieverbrauch und letztlich der Preis. Das alles wird man abwarten müssen.

Die für Magny-Cours nötigen neuen Server-Chipsätze SR56x0 mit HyperTransport 3.0 und PCIe-2.0-Unterstützung hat AMD passenderweise zwei Tage vor dem IDF herausgebracht. Diese sind zunächst für die lang erwartete Fiorano-Plattform mit Sockel F1207 gedacht, die an nahezu gleicher Stelle schon vor einem Jahr als Prototyp herumgereicht wurde. Dann aber sollen sie die Maranello-Plattform bevölkern, die, mit dem G34-Sockel (vier HyperTransport-3.0-Links und vier DDR3-Speicherkanäle) bestückt, den Magny-Cours aufnehmen soll.

Bei der 3D-Grafik ist AMD/ATI Intel derzeit meilenweit voraus, und es ist mehr als fraglich, ob Intels geplanter Larrabee-Chip mit den 2,7 Teraflops der neuen RV8xx-Architektur wird mithalten können. Während AMD/ATI also schon mit DirectX11-tauglichen Grafikchips wuchert, hat Nvidia mit Fermi zwar ein schönes Design in petto (siehe S. 24), aber zunächst mal ist das nur heiße Luft. Den Teilnehmern an Nvidias GPU Tech Conference wurde nicht mal ein Prototyp, sondern lediglich eine Attrappe vorgeführt.

Derweil nehmen die Giftigkeiten zwischen den beiden GPU-Konkurrenten an Heftigkeit auch in Randbereichen zu. So blockiert Nvidia die von Windows 7 vorgesehene Möglichkeit, zwei GPUs unterschiedlich nutzen zu können – etwa für Grafik und Physik –, wenn die Co-Karte nicht von Nvidia stammt. Auch die PhysX-Software der im Jahre 2008 von Nvidia übernommenen Firma Ageia will nur mit Nvidia zusammenspielen. Das lässt sich die Community allerdings nicht gefallen; sie hat schon entsprechende Patches bereitgestellt. Und AMD wehrt sich gegen proprietäre Physiklösungen mit der Open Physics Initiative, die zusammen mit Pixelux Entertainment ins Leben gerufen wurde.

Hauptsache, Nvidia schließt nicht auch noch AMDs Prozessoren aus, das gäbe sicherlich richtig Ärger. Dann würde unter anderem das Oak Ridge National Lab wohl kaum noch den intensiven Einsatz der Fermi-GPUs planen. Die Computer-Spezialisten stehen derzeit in der Endphase der Umrüstung ihres Supercomputers Jaguar/XT5 auf AMD-Istanbul. Mitte Oktober müssten sie damit fertig sein, dann hat der Jaguar/XT5 mit 224 256 Kernen und mit einer theoretischen Spitzenleistung von rund zwei Petaflops allerbeste Chancen, die Nummer 1 in der nächsten Top500-Liste der Supercomputer zu werden, die Mitte November auf der SC09 herauskommt. Sollte das immer noch nicht reichen, könnten sie auch noch ihren zweiten Jaguar/XT4 mit derzeit etwa 260 Teraflops hinzuschalten.

Auch mit Intel steht AMD ja nicht nur in Produkt-Konkurrenz, sondern zusätzlich auf Kriegsfuß wegen des Vorwurfs der Wettbewerbsverzerrung. Gegen die Entscheidung der Europäischen Kommission mit einer Strafe in Höhe von über eine Milliarde Euro hatte Intel im Mai vor dem EU-Gericht in erster Instanz Berufung eingelegt. Einen Tag vor dem IDF legte nun die Kommission nach und veröffentlichte nicht vertrauliche Dokumente, die zu ihrer Entscheidung beigetragen haben. Diese Argumente akzeptiert Intel jedoch nicht und wirft der Kommission in der Erwiderung „Why the European Commision’s Decision is wrong“ Voreingenommenheit und Verfahrensfehler vor und sieht zudem die Höhe der Strafe als völlig unangemessen an.

Intels Rechtfertigung steht allerdings auf recht wackligen Füßen und Ex-AMD-CEO Hector Ruiz zerlegte sie genüsslich in einem Gastkommentar für die Zeitschrift Marketwatch. Ob man etwa den in Intels Klageerwiderung angeführten Wechsel von Apple hin zur Intel-Architektur als Beleg für eine „freie Prozessorwahl“ in jener Zeit anführen kann, wirkt in der Tat ziemlich an den Haaren herbeigezogen.

Immerhin hat Intel trotz der Malaisen mit der EU als einer der größten ausländischen Investoren in Irland für ein klares Ja zum Lissabon-Vertrag aufgerufen – offenbar mit viel Erfolg.

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