Es ist schon ein Graus. Da quält sich Intel jahrelang mit dem Itanium und endlich ist man so weit und kann das lange verzögerte Produkt ausliefern – da verhagelt einem die böse blaue Konkurrenz aus Armonk wenige Stunden zuvor die schöne Launch-Party.
Vor lauter Schreck hat Intel der neuen 9300-Familie (Tukwila) nicht ein einziges konkretes Benchmark-Ergebnis und erst recht keines garniert mit „World Record Performance“ in einem der Industrie-Standardbenchmarks mit auf den Weg gegeben, so wie es der ehemalige Business-Chef Pat Gelsinger versprochen hatte (diesbezüglich läuft noch eine Wette gegen ihn).
Früher waren Rekordmeldungen bei neu erschienenen Serverprozessoren an der Tagesordnung, etwa bei den Itanium-Familien 9000 (Montecito und Montvale), deren Weltrekorde allerdings primär auf der schieren Masse an Prozessoren und Festplatten – 7762 Stück für TPC-C –, denn auf der Leistungsfähigkeit der Prozessoren selbst beruhten. Heruntergebrochen auf Vier-Sockel-Systeme, etwa im HP Integrity rx6600, liefen indes auch Montecito und Montvale der Konkurrenz von IBM, Sun und den hauseigenen Xeons zumeist deutlich hinterher.
Was Intels Tuwila-Launch zusätzlich merkwürdig geraten ließ, war die völlige Abwesenheit fertiger Systeme. War vormals zumindest Hauptpartner Hewlett-Packard mit diversen Infinity-Servern und Superdomes bei solchen Ereignissen präsent und hatte oft schon vorab TPC- oder SAP-SD-Werte veröffentlicht, so versprach HP lediglich, binnen 90 Tagen mit Tukwila-Servern aufwarten zu wollen. Die Partner Bull, Hitachi, NEC, Supermicro und Inspur hatten ebenfalls nichts Konkretes vorzuweisen und andere frühere Itanium-Protagonisten wie SGI und Fujitsu standen nicht einmal mehr auf der Partnerliste; ganz zu schweigen von der Firma Unisys, die vor einem Jahr aus dem Itanium-Geschäft ausgestiegen ist.
So verkündete Intels Chef der Data Center Group, Kirk Skaugen im Wesentlichen nur das, was Gelsinger schon vor langer Zeit als Ziel bekanntgegeben hatte: mehr als doppelte Performance gegenüber dem Vorgänger Montvale, was bei verdoppelter Anzahl von Kernen ja nicht so schwierig ist, dazu eine sechsfache Speicherperformance dank zweier integrierter Speichercontroller mit vier Speicherkanälen (4,8 GT/s) und bis zu neunfache Performance beim Interconnect über vier volle und zwei halbe QuickPath-Links (4,8 GT/s). Nur durch diese beiden zusätzlichen halben QPIs, die gut miteinander verbundene Acht-Sockel-Systeme ermöglichen, unterscheidet sich der Tukwila äußerlich von seinem Ende März erwarteten Kollegen Nehalem-EX, mit dem er sich ansonsten die komplette Infrastruktur (Boxboro-Chipsatz, DDR3-Speicher bis 1 Terabyte via Scalable Memory Interface) teilt, was preiswertere Systeme ermöglicht.
Das Spitzenmodell der in bewährter 65-nm-Technik gefertigten Familie, der Itanium 9350, läuft mit gemächlichen 1,73 GHz Takt, verfügt über 24 MByte L3-Cache und verbraucht 185 Watt TDP. Dank Turbo-Mode kann er einzelne Kerne in bescheidenem Rahmen von einem „Bin“, sprich 133 MHz, höher takten.
In SPECint_2006_rate (peak) ausgedrückt käme ein Vierprozessorsystem mit Itanium 9350 auf Basis der unscharfen Aussage „mehr als zweifache Performance“ dann vielleicht auf etwa 205 – und damit gerade mal auf ein Fünftel des kleinsten Vertreters der neuen Power7-Systeme. Hewlett-Packard sprach aber auch von Applikationen, die bis zu neunmal so schnell laufen sollen, ja mehr noch, HPs zuständiger General Manager Martin Fink verstieg sich sogar dahin, dass „historische Kunden“ eine bis zu 40-fache Performance genießen können – buh, da hätte er doch gleich auf die vielen verbliebenen DEC-PDP-11-Benutzer abzielen können, denen der Tukwila eine vieltausendfache Performancesteigerung bescheren würde.
Und während Intel auf Zuverlässigkeit, langjährige Kompatibilität – die Tuwila-Nachfolger Poulson und Kittson sollen sockelkompatibel und die Software binärkompatibel sein – und den „Mission-Critical-“Einsatz abzielte, zog IBM beim Power7-Launch ungewohnt heftig über die Konkurrenz her. IBM ist offenbar sehr stolz auf seinen neuen, hochperformanten Achtkern-Prozessor in 45-nm-Technik, mit 3 bis 4,14 GHz Takt und vierfachem Multithreading. Gegenüber dem Vorgänger Power6 ist IBM wieder zu ausgeklügelter Out-of-Order-Technik zurückgegangen, der Takt liegt daher etwas niedriger. Der 32 MByte große L3-Cache ist als eDRAM ausgeführt – damit ist der Zugriff zwar etwas langsamer, aber das spart reichlich Transistoren und Energie. Und auch einen Turbo-Core-Modus kennen die Power7-Prozessoren, Kerne können ihre Cache- und Speicherkanäle an die anderen abtreten und sich schlafen legen. Die verbleibenden erfreuen sich dann, wie Intels neuere Prozessoren auch, eines höheren Turbotaktes.
Und auch bei den Preisen lehnt sich IBM zumindest bei den kleineren Systemen 755 und 750 Express – mit 4 Sockeln für 32 Kerne oder 128 Threads – stärker als bislang aus dem Fenster (ab 34 152 US-Dollar im Webshop, bestückt mit einem 3,0-GHz-Prozessor).
Die Armonker proklamieren damit eine bis zu vierfach höhere Performance und bessere Virtualisierungsfähigkeit bei gleichem Preis wie die Konkurrenz von Sun/Oracle und Intel, und das bei drei- bis vierfach besserer Energieeffizienz. Explizit positionieren sie die Power 750 Express in puncto Performance per Preis gegen HP-Integrity- und SPARC-Enterprise-Server und kommen auf deutlich bessere Werte. Ausführlich und geradezu genüsslich wirft IBM auf der Website unter „Compare Unix Systems“ mit riesigen SPEC-CPU2006-Werten nur so um sich, und beeindruckt insbesondere mit den Werten zu SPECint/fp_rate2006/Watt, wo sich die Power7-Systeme zumeist um Faktoren von vier bis sieben von der Konkurrenz abheben.
Bei den größeren Eisen mit 32 und 64 Kernen schickt IBM die Power-Systeme 770 und 780 ins Rennen, die mit bis zu 2530 SPECint_rate2006 und 2240 SPECfp_rate2006 ebenfalls die Konkurrenz (SPARC Enterprise 8000, HP Integrity rx8640) deklassieren.
Auch wenn die gegenübergestellten Systeme zum Teil schon etwas betagt sind – die Tukwila-Systeme werden sich schon ein bisschen besser schlagen, hier muss man vor allem erst mal die Serverpreise abwarten – mit dem Power7 hat IBM nun ein wirklich ganz heißes Eisen im Serverfeuer. Da kann man nun gespannt auf die Reaktionen der Herausgeforderten sein, insbesondere auf die von IBMs Lieblingsgegner Oracle.
(as)
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