Qualitätsoffensive

Freie Online-Enzyklopädie Wikipedia stellt die Weichen für die Zukunft

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Die deutsche Wikipedia-Gemeinschaft hat mit ihrer Enzyklopädie die Schallmauer von 100 000 Artikeln durchbrochen und sich in einem eigenen Verein formiert. Schon im nächsten Jahr soll die Wikipedia der etablierten Konkurrenz das Wasser reichen können.

Der Opel Laubfrosch wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren als erstes deutsches Automobil am Fließband gebaut. Seit dem Juni markiert das Symbol für den Fortschritt im Automobilbau einen Meilenstein einer ganz anderen Branche - als Inhalt des 100 000sten Beitrags der deutschen Wikipedia.

Am 13. Juni um 0.11 Uhr war der Laubfrosch-Artikel online. Wochenlang hatte die Community auf diese Punktlandung hingearbeitet, denn der Beitrag mit der symbolträchtigen Nummer sollte genau an dem Tag erscheinen, an dem die deutschen Wikipedianer eine nationale Tochterorganisation der amerikanischen Wikipedia Foundation gründen.

Das geschah dann im Rahmen der Konferenz Wizards of OS 3 (siehe S. 30; c't 14/04). Der Verein „Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens“ (http://wikimedia.de/) will unter anderem ein Sprachrohr der Wikipedia sein und Gelder sammeln, die auch in Zukunft ihren Betrieb ermöglichen.

Die gedruckten WikiReader der deutschen Ausgabe sind ein erster Versuch, ein wenig Geld in die Kassen spülen. Auf der Konferenz wurden die ersten Reader vorgestellt. Die WikiReader sind noch keine vollwertigen Lexika, sondern Artikelsammlungen zu bestimmten Themenbereichen, derzeit „Internet“ und „Schweden“. Für ihre Herstellung reichte es dennoch nicht, einfach Artikel aus der Wikipedia zu kopieren. Über Wochen wurde das Konzept der Reader diskutiert, Artikel wurden neu geschrieben und immer weiter verbessert.

Die WikiReader können im WikiMedia-Shop bestellt werden. Sie stehen aber auch auf der Homepage kostenlos im PDF-Format bereit. Sämtliche Inhalte der Wikipedias unterliegen der offenen GNU Free Documentation License und können damit auch kostenlos in kommerzielle Produkte einfließen - aber Jim Wales, Leiter der Wikimedia-Foundation, hofft, dass gewerbliche Nutzer einen Teil ihres Gewinns wieder an die Wikipedia abführen werden (siehe [#interview Interview]).

Die deutschen Wikipedianer sind derzeit sehr darum bemüht, die Qualität der Artikel zu verbessern. Diese Arbeit steht erst am Anfang; momentan ist es die Qualität eines Beitrags für Außenstehende schwer zu beurteilen.

Im Rahmen einer „Qualitätsoffensive“ stellt die deutsche Wikipedia-Community jeweils einen bestimmten Themenbereich auf der Titelseite gesondert vor. Die Wikipedia-Gemeinschaft versucht, innerhalb einer definierten Zeitspanne dieses Themengebiet adäquat zu beleuchten: Zuerst werden Systematiken aufgestellt, existierende Artikel kritisch analysiert und fehlende Artikel ergänzt. Am Ende einer solchen Offensive steht zumindest das Grundgerüst für eine solide Weiterarbeit.

Die aktuelle Qualitätsoffensive mit dem Namen „Aa“ legt die Latte noch höher. Bis zum Erscheinen der neuen Brockhaus-Ausgabe im kommenden Jahr will es das Online-Projekt mit der etablierten Konkurrenz qualitativ aufnehmen können. Die englische Wikipedia könnte sich schon bald direkt mit den papiernen Konkurrenten vergleichen lassen: Zurzeit laufen Verhandlungen mit einem Verlag, der im kommenden Jahr eine Printfassung der englischen Wikipedia herausbringen möchte.

Schon seit ihrem Start im Januar 2001 hat sich die Wikipedia-Gemeinschaft immer neue Mechanismen zur Qualitätsverbesserung ausgedacht. Sie sollen dafür sorgen, dass die internationale Enzyklopädie mit 750 000 Artikel in 60 Sprachen inhaltlich nicht im Sumpf der Beliebigkeit untergeht. Denn im Prinzip ist WikiPedia Anarchie in Reinform: Jedermann kann sofort mitarbeiten; jeder darf Artikel umschreiben, auch anonym; die Änderungen sind sofort auf der Webseite sichtbar. Die Schwelle zur Mitarbeit - aber auch zum Missbrauch - liegt so denkbar niedrig.

Wo klassische Lexikonredaktionen Fachleute und ausgewiesene Experten engagieren und in einen fest gefügten Redaktionsprozess einbinden, setzt Wikipedia auf die „Peer Review“ der Masse seiner Nutzer: Je mehr Wikipedianer die Artikel anderer überprüfen und gegebenenfalls überarbeiten, desto größer wird die Qualität der Beiträge - so zumindest die Theorie.

Damit das funktioniert, versuchen die Wikipedianer die Aufmerksamkeit der Nutzer zu kanalisieren. Eine automatisch generierte Liste auf der Startseite soll zum Beispiel dafür sorgen, dass Besucher neue Beiträge bemerken, ansehen - und gegebenenfalls verbessern. Weitere vom Redaktionssystem angelegte Listen über zu kurze oder fehlende Artikel zeigen den Wikipedianern, wo noch Arbeit nötig ist.

Kontroverse Themen, zum Beispiel aus der Geschichte oder der Politik, und administrative Entscheidungen haben die Einführung von Wahlen und Abstimmungen notwendig gemacht. Sie finden in der Regel auf normalen Wiki-Seiten statt und haben eher den Charakter von unverbindlichen Umfragen [#literatur [1]]: Die zur Entscheidung stehende Frage wird aufgeschrieben, Wiki-Nutzer geben ihre Stimme im Klartext ab, nach einer gewissen Frist wird ausgezählt. Generell setzt die Gemeinschaft bei strittigen Fragen auf die offene Diskussion. Will zum Beispiel ein Benutzer einen Artikel entfernen lassen, muss er die Löschung auf einer speziellen Seite beantragen und zur Diskussion stellen.

Damit sich Editier- und Abstimmungsprozesse nicht überschneiden oder in Chaos ausarten, sind nicht alle Nutzer völlig gleichberechtigt. Administratoren lenken die redaktionellen Abläufe. Sie können Beiträge sperren oder löschen und Störenfriede von der Plattform verbannen, wenn sie sich nicht auf eine sachliche Diskussion einlassen. Die Administratoren arbeiten ehrenamtlich und sind meist über mehrere Stunden täglich online. Ohne ihre Arbeit wäre die Wikipedia ein leichtes Ziel für Spammer oder Quertreiber.

Über Abstimmungsergebnissen und den Entscheidungen der Administratoren steht jedoch immer noch das Votum des bei Beobachtern nicht unumstrittenen Wikipedia-Gründers Jim Wales. Er richtet sich bei vielen Fragen nach dem Willen der Community, etwa wenn darum geht, ob Werbung auf den Seiten der Enzyklopädie erwünscht ist. Keine Kompromisse kennt er aber bei den inhaltlichen Grundpfeilern der Wikipedia, wie dem Neutral Point of View, der besagt, dass ein Artikel sämtliche Sichtweisen seines Themas berücksichtigen soll.

Auch die amerikanische Wikipedia will ihre Organisation auf breitere Füße stellen und eine verlässliche Plattform zur Finanzierung der Projekte schaffen. Daher wurde im vergangen Jahr die Wikimedia Foundation gegründet. Welchen Einfluss dieses Gremium hat, muss sich allerdings noch zeigen. Im „Board of Trustees“ sitzen drei Vertreter von Wales’ Firma Bomis, die Wikipedia-Community wählte im Juni 2004 zwei Vertreter aus ihren Reihen. (jo)

[1] Torsten Kleinz, Schreibrecht für alle!, Mit Wikis Sites gemeinschaftlich betreuen, c't 2/03, S.176

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„Besser als die Britannica“

Jim Wales ist Mitbegründer der Wikipedia und Leiter der Wikimedia-Foundation.

c't: Sucht man einen Artikel auf der Webseite der Encyclopedia Britannica (www.britannica.com), steht dort zuerst der Slogan: „Informationen, denen Sie vertrauen können“. Vertrauen Sie allen Inhalten auf Wikipedia?

Wales: Im Durchschnitt ist unsere Qualität sehr hoch - ich würde sogar sagen, besser als die der Britannica. Aber sicherlich kann ein Artikel mal in einem schlechtem Zustand sein. In naher Zukunft werden wir ein System für unsere Redakteure haben, mit dem sie Artikel als „stabil“ und damit vertrauenswürdig markieren können.

c't: In Deutschland gibt es eine Rubrik „Exzellente Artikel“ - doch auch hier entscheiden Laien. Gibt es Pläne, den Peer Review durch das Votum von Experten zu ergänzen?

Wales: Nein, es gibt keine Pläne dieser Art. Aber es ist ein Fehler zu glauben, dass die Leute, die entscheiden, reine Laien wären und keine Profis. Die meisten unserer Redakteure - und sicherlich die einflussreichsten - sind Profis verschiedener Art.

c't: In welchen Bereichen fehlen heute Artikel und Mitstreiter?

Wales: Wir benötigen insgesamt mehr Details in allen Bereichen. So haben wir zwar alle bedeutenderen Vogelarten erfasst, aber einige kleinere Arten noch nicht.

c't: Zur Finanzierung ist Wikipedia auf Spenden angewiesen. Vieles zahlen Sie aus eigener Tasche. Könnten Sie sich ein Modell wie Star Office oder Slashdot vorstellen: Freie Inhalte für die Community, Zusatznutzen gegen Geld?

Wales: Es ist möglich. Aber ich betrachte mich in diesen Dingen als Stimme der Community. Und die Community ist fest darauf festgelegt, dass Wikipedia frei von Gebühren und Werbung bleibt.

c't: Könnten Projekte wie der WikiReader helfen, die Wikipedia zu finanzieren?

Wales: Ja, ich glaube, dass Buchverkäufe und Beiträge von Nutzern, die finanziell von unseren Inhalten profitieren, uns zu substanziellen Einnahmen verhelfen können. Ich werde Site-Betreibern, die unsere Inhalte übernehmen und Werbung platzieren, vorschlagen, uns zehn Prozent ihrer Einnahmen zukommen zu lassen. Selbstverständlich wird dieser Beitrag niemals zwangsweise kassiert. Aber die Beteiligung stünde den kommerziellen Nutzern sicher gut zu Gesicht.

c't: Wikipedia hat bisher alle Erwartungen übertroffen. Wo sehen Sie das Projekt in fünf Jahren?

Wales: In fünf Jahren werden wir Druck- und CD-Rom-Ausgaben der Wikipedia haben, die Versionen in allen größeren Sprachen werden so vollständig sein, wie es die englische heute schon ist.

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Infos zum Artikel

Kapitel
  1. Angriff auf die Etablierten
  2. Anarchie mit Vorgaben
  3. Diktatorische Demokratie
  4. Literatur
  5. Interview mit Jim Wales
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