Drahtlose Nachbarschaftsnetze schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Kontakte sind schnell geknüpft, eben-so schnell verbreitet sich das Know-how - so zum Beispiel letzte Woche in Berlin auf der WLAN-Party ‘Berlon’.
Ein Wochenende lang beherbergte der alte Seitenflügel des ehemaligen Reichstelegraphenamts einen ‘Hotspot’ des Datenfunks: Rund 50 Freenet-Enthusiasten tauschten sich darüber aus, wie man Freunden, Bekannten und Besuchern über das eigene WLAN den freien Zugang ins Internet ermöglicht. In vielen Ländern gibt es bereits solche Bürgernetze. Sie sind eine Art Revival der Mailbox-Communities Anfang der achtziger Jahre oder der Bürgernetze ein Jahrzehnt später: Als ‘Internet’ ein Fremdwort war, T-Online noch BTX hieß und Compuserve lediglich einen proprietären E-Mail-Dienst anbot, schlossen sich seinerzeit Pioniere in etlichen Städten zu Vereinen zusammen, mieteten teure Übertragungsleitungen von der Bundespost zum Anschluss ihres Einwahlknotens ans Internet und verschafften so den Mitgliedern durch Kostenteilung günstige IP-Anbindungen.
Ein ähnliches Ressourcen-Sharing vollzieht sich nun zunehmend mit ungenutzten Flatrate-DSL- oder -Kabelmodem-Kapazitäten, indem der Inhaber seinen WLAN-Router als Festnetzzugang ins Internet für Besucher freischaltet. Diese brauchen lediglich ein Notebook oder einen PDA mit WLAN-Karte und bekommen per DHCP eine temporäre IP-Gastadresse zugewiesen [#literatur [1]]. ‘Es ist eine Tauschökonomie’, beschrieb der frühere Telepolis-Redakteur Armin Medosch zum Auftakt des Berlon-Workshops die Philosophie (www.rich-air.com/wireless). Medosch, der jetzt in London lebt, sieht in den offenen Funknetzen einen ‘Kontrapunkt zur dot-com-Depression’ der New Economy.
In England ist die Freenet-Bewegung schon weiter als hierzulande. Die Initiative Consume.net, mit rund 500 registrierten Zugangspunkten eine der größten auf der Insel, propagiert Selbstorganisation und ‘Empowerment’, die Emanzipation durch Technik. Dank der finanziellen Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung war eigens eine Gruppe von Aktivisten aus London zu der vom Berliner Bootlab e.V. organisierten WLAN-Party angereist. James Stevens von Consume.net führte Interessenten in den Aufbau und die Konfiguration eines Open Access Point ein. Alexei Blinov, hauptamtlich mit seiner Firma Raylab auf Laseranwendungen spezialisiert, demonstrierte praktisch, wie man mit selbst gebauten Antennen für wenig Geld die Funkreichweite erhöht, die unter günstigen Bedingungen sogar einige Kilometer betragen kann.
Bootlab-Vorstand Pit Schultz hofft, dass das Modell der Selbstorganisation Schule macht und sich über die Vernetzung noch mehr örtliche Communities bilden [#literatur [1]]. Bootlab ist eine Studiogemeinschaft von Künstlern, Autoren und IT-Firmen, die sich die Räumlichkeiten teilen und an Netzprojekten arbeiten. Zu den Mitgliedern gehören unter anderen das computerspielemuseum.de, die feministische Webseite xxero.net, die offene Bibliothek kritischer Schriften textz.com und das von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützte Projekt zur Evaluierung freier Software fos.bpb.de. ‘Es geht um mehr als die Antenne auf dem Dach, um mal ‘Hallo’ zu sagen’, meint Schultz; ‘die Wireless-Kultur kommt nicht ohne Inhalte aus.’
Wie erfährt der Besucher, in welche Netze er sich einloggen kann? Etwas übertrieben hat ein Bericht der BBC im Sommer die Low-Tech-Methode des so genannten ‘warchalking’ herausgestellt, bei der sich WLAN-Surfer durch Kreidezeichen auf der Straße untereinander informieren. Danach symbolisieren zwei geöffnete Halbkreise ein offenes, der volle Kreis ein geschlossenes Netz, das nur nach Authentifizierung zu nutzen ist. Tatsächlich dürfte die Wahrscheinlichkeit, auf diese Weise ein Netz zu finden, recht gering sein.
Eine erste Anlaufstelle ist eine Datenbank wie www.nodedb.com. Sie zeigt die Standorte der Zugangsknoten komfortabel anhand von Stadtplänen an. Danach liegt Berlin offenbar noch in einem Tal der Ahnungslosen: Am vergangenen Wochenende verzeichnete nodedb dort ein einziges offenes WLAN. Auch die auf Deutschland spezialisierte Datenbank www.mobileaccess.de zeigt nur 13 Einträge. Tatsächlich ist die Stadt aber gespickt mit den 802.11-Funknetzen, wie der Australier Adam Vortex eindrucksvoll nachwies. Ein großer Teil davon dürfte unfreiwillig offen für Gäste sein, weil die Betreiber die Sicherheitsfunktionen nicht aktiviert haben. Vortex ist IT-Sicherheitsberater, und sein Hobby ist die systematische Erkundung und Kartierung der Hochfrequenz-LANs in Städten. So wie früher die ‘wardialer’ systematisch Telefonnummern anwählten, um am anderen Ende der Leitung befindliche Modems ausfindig zu machen, fährt er als ‘wardriver’ durch die Stadt, um mit der Autodachantenne die HF-Signale örtlicher WLANs einzufangen. Der Datenverkehr bleibt dabei unangetastet, wie er versichert. ‘In andere Netze einzubrechen oder hineinzuspionieren, ist nicht meine Sache.’
Netzbetreiber und Internet Service Provider, die mit ihren Festnetzanschlüssen letztlich das Backbone zur Vernetzung der Funkinseln bereitstellen, sehen die basisdemokratischen Aktivitäten ihrer Kunden auf der letzten Meile inzwischen mit wachsender Sorge. Aus ihrer Sicht ist jeder Trittbrettfahrer an der Peripherie ihres Netzes ein zahlender Kunde weniger. In den USA bemühen sich die großen Anbieter schon, das Feuer auszutreten, bevor es es sich zum Flächenbrand ausweitet. Time Warner Cable hat bereits eine Reihe von Freenet-Betreibern abgemahnt; AT&T Broadband kontrolliert in Wohngegenden und fahndet nach Hobby-Netzbetreibern, die ihr Umfeld mit freien Internetzugängen versorgen.
Nur wenige Provider tolerieren in ihren Endkundenverträgen die Mitnutzung des Anschlusses durch Dritte. Die Electronic Frontier Foundation (EFF), Speerspitze der Bürgerrechtsbewegung im Cyber- space, veröffentlichte unlängst eine Liste ‘WLAN-freundlicher’ ISPs, damit die Kunden bewusst solche Anschlussprovider wählen können. Die Mitnutzung drahtloser Anschlüsse sei ‘eine wertvolle Nachbarschaftshilfe’, ließ die EFF verlauten; sie diene der Überwindung der digitalen Spaltung sowie als Backup-Zugang der Ausfallsicherheit - ‘allerdings sehen viele ISPs das anders.’
Moritz Meinesz von der Firma W:Lab, die den Berliner Workshop mit organisierte, kann die Bedenken nachvollziehen. Denn die Anbieter von Internetanschlüssen via Kabel oder DSL legen der technischen Dimensionierung und Tarifkalkulation ihrer Netze in der Regel eine Verkehrscharakteristik zugrunde, die von Einzelnutzern ausgeht. Wenn aber die Endkunden in großem Umfang offene Funknetze über diese Anschlüsse betreiben, ‘geht das Geschäftsmodell der Telekoms nicht mehr auf’. Selbst ISPs, die heute die Mitnutzung nicht explizit ausschließen, würden dann wahrscheinlich den Pauschaltarif anheben oder durch nutzungsabhängige Gebühren ersetzen. Meinesz sieht die WLAN-Zukunft eher im kommerziellen Bereich - seine Firma stellt dafür Authentifizierungs- und Abrechnungssysteme her, unter anderem für die WLAN-Tochter BerliNet des Berliner Stadtnetzbetreibers Berlikomm.
Kaum zur Sprache kam in Berlin das rechtliche Umfeld, in dem die Freenet-Bewegten operieren. Doch Ungemach dürfte Freenet-Pionieren auch von der Regulierungsbehörde RegTP drohen. Das Telekommunikationsgesetz lässt wenig Spielraum. Private WLANs sind zwar lizenzfrei, aber wer Übertragungswege für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellt und dabei die Grundstücksgrenzen überschreitet, gilt als Netzbetreiber und wird damit lizenzpflichtig. Das gilt auch bei ‘nichtgewerblichen Telekommunikationszwecken’. Ohne Lizenz bleibt den Nachbarschaftsnetzen nur das Vereinsmodell geschlossener Benutzergruppen.
Dessen ungeachtet propagierte der Berliner Workshop das grundsätzliche Ziel, die selbst organisierten Bürgernetze ohne Zensur und Filter für jeden öffentlich zugänglich zu machen. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich daher mit der Formulierung einer ‘Wireless General Public License’. Sie soll die Rechte und Pflichten von Providern und Nutzern in den Freenets beschreiben. Weil der Begriff ‘General Public License’ im Copyright belegt ist, wurde das Vorhaben in ‘Picopeering Network Agreement’ umgetauft. Die Diskussion hierzu steht noch ganz am Anfang. Ein Teilnehmer stellt sich den Appell ans Wohlverhalten der Gastnutzer etwa so vor: ‘Du kannst gern den Weg durch meinen Garten nehmen, aber tritt mir bitte nicht auf das Genom’. (je)
[1] Thomas Jungbluth, Du san Zivadinovi´c, Drahtlos und draußen, Surfen in öffentlichen Funknetzen, c't 16/02, S. 152
[2] Rudolf Opitz, Ernst Ahlers, Datenweitwurf, Wie man die Reichweite von WLAN-Netzen erhöht, c't 18/01, S. 134
Heise-Newsticker: WLAN-Transitabkommen für drahtlose freie Bürgernetze
Wireless LAN HotSpots in Deutschalnd
wooms - wireless open orgnaisation münster
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In den USA verstärkt die Freenet-Bewegung noch einen weiteren Trend. Konfrontiert mit neuen technischen Entwicklungen und rebellischen Nutzergruppen, gerät dort die Bewirtschaftung des Funkspektrums genauso unter Druck wie seinerzeit das Internet die Festnetz-Geschäftsmodelle der Telekoms durcheinander wirbelte.
Der Individualfunk im unlizenzierten 2,4-Gigahertz-Bereich des ISM-Bandes (Industrial, Scientific, Medical Applications), in dem unter anderem die 802.11-WLANs und Bluetooth, aber auch Funkbewegungsmelder und drahtlose Fernsehkameras koexistieren, gilt nämlich vielen als Modell zur Öffnung auch anderer Teile des Funkspektrums. Es stellt zudem die staatliche Regulierungspraxis des angeblich knappen Spektrums grundsätzlich in Frage.
Bisher vergeben die staatlichen Regulierer Lizenzen für komplette Bänder, und die Lizenznehmer dürfen sie nur für eine bestimmte Nutzungsart verwenden. Vor allem die Rundfunk- und Fernsehsender belegen einen erheblichen Teil der Kapazität mit festen Kanalzuweisungen und Schutzabständen, die sich teilweise mit dem Dreifachen der Sendebandbreiten noch an den technischen Gegebenheiten der zwanziger Jahre orientieren.
So gibt es Überlegungen, im traditionellen UKW-Band so genannte LPFMs - nicht kommerzielle Low-Power-FM-Stationen mit Reichweiten von maximal fünf Kilometern - für lokale Funkdienste zuzulassen. Der Plan stößt, wen wunderts, bei den Medienkonzernen und Eignern der Senderketten auf entschiedenen Widerstand.
Neue Modulationstechniken wie insbesondere die CDMA- und OFDM-Verfahren zeichnen sich durch eine erheblich höhere spektrale Effizienz aus, indem sie das Signal eines Senders nicht mit hoher Intensität auf einen engen Frequenzkanal konzentrieren, sondern es über das ganze zur Verfügung stehende Teilband spreizen, ohne dass dies zu störenden Interferenzen durch die Überlappung der vielen Sender führt.
Gegenüber der Einführung solcher Ultrawideband-Techniken verhält sich die Federal Communications Comission (FCC) bisher sehr restriktiv. Sie ist im Sommer deshalb vom Unterausschuss für Telekommunikation und Internet des US-Repräsentantenhauses heftig kritisiert worden. Der Streit dreht sich nur vordergründig um die Technik. Im Grunde geht es um die politische Frage, ob sich der Staat als Regulierer durch die künstliche Verknappung auf die Seite eines bestimmten Geschäftsmodells stellt oder ob das Spektrum allen gehört und beispielsweise auch lokale Bürgerwellen einen Anspruch darauf haben.
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