ReactOS: Große Fortschritte und Stipendien für Entwickler beim freien Windows-Nachbau

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Nach einer erfolgreichen Spendenkampagne sorgt der erste bezahlte ReactOS-Entwickler für die Fertigstellung lang ersehnter Funktionen. Daniel Reimer und Colin Finck vom Förderverein ReactOS Deutschland sprachen mit heise open über den aktuellen Stand des freien Windows-Nachbaus und die Zukunft des Projektes.

ReactOS
Vergrößern ReactOS bietet eine vertraute Windows-Oberfläche.

Die Idee eines freien Windows, auf dem die von vielen Anwendern lieb gewonnenen Anwendungen und Treiber funktionieren, begeistert seit 1996 eine kleine Gruppe von Entwicklern. Aber erst seit einigen Jahren macht das Projekt ReactOS sichtbar Fortschritte. Im Unterschied zu anderen freien Betriebssystemen verwendet ReactOS keinen vorhandenen (Linux-)Kernel, sondern ist eine komplette Eigenentwicklung, um eine größtmögliche Windowskompatibilität zu erreichen.

Das ist auch der Grund, warum das Projekt in den ersten Jahren kaum Fortschritte zu machen schien: Hier wurde vor allem der Betriebssystemkern entwickelt. Erst mit der 2004 vorgestellten Version 0.2.0 erhielt ReactOS überhaupt eine grafische Benutzerschnittstelle mit Fenstermanagement und Taskleiste. Angestrebt wird derzeit eine vollständige Kompatibilität zur Windows NT-Technologie in Version 5.2 mit Win32-Subsystem, der Basis des Windows Server 2003.

ReactOS im Jahr 2014 – Live-Vorführung auf den Kieler Linux Tagen 2014

Seit der im Februar veröffentlichten Version 0.3.16 wurden nicht zuletzt durch die Arbeit eines Entwicklers, der seit März beim Verein ReactOS Deutschland angestellt ist, einige Fortschritte erzielt: Es gibt eine neue Shell samt besserem Explorer, die Emulation für die Ausführung von 16-Bit-Anwendungen unter dem Titel „NTVDM“ wurde weitestgehend fertiggestellt und die Arbeiten am neuen Speichermanagement wurden vorangetrieben.

Die Emulation für 16-Bit-Anwendungen setzt nicht wie das Vorbild von Microsoft auf den Virtual 8086 Mode der x86-Prozessoren, sondern bietet selbst eine vollständige 16-Bit-Emulation, die theoretisch auch auf anderen Plattfomen wie ARM und x64 funktioniert. Mit der neu entwickelten shell32 löst sich das Projekt davon, viele Funktionen und Elemente aus dem Prozess „explorer.exe“ heraus auszuführen, und schafft so eine sauber strukturierte Basis für die zukünftige Entwicklung.

Im Rahmen einer Live-Vorführung auf den 12. Kieler Open Source und Linux Tagen konnten die Projektvertreter zeigen, dass auch komplexe Software wie Adobe Photoshop CS2 oder Office 2007 Basic, das auf viele nicht dokumentierte Windows-Funktionen zugreift, sowie das 3D-Spiel Halo von Microsoft nun funktionieren. Darüber hinaus wurde die Auflistung von bereits getesteter und kostenfrei nutzbarer Software wie Firefox oder LibreOffice im Anwendungsmanager erweitert. Viele von Windows bekannte Programme wie Paint, Solitaire oder Minesweeper gehören natürlich zum Standard-Installationsumfang.

Auch die Unterstützung für Java-Applikationen wurde seit Version 0.3.16 implementiert: Während NetBeans IDE, Oracles Java SE Development Kit und OpenJDK jetzt funktionieren, bereitet die Installationsroutine der Oracle Java Runtime Environment noch Probleme. Software, die ihre JRE selbst mitbringt, wie beispielsweise GeoGebra, funktioniert jedoch bereits.

„Das neue Speichermanagement ist für die weitere Entwicklung hin zur Version 0.4.0 besonders wichtig, da bisher zwei Systeme parallel arbeiteten. Während das von Freiwilligen im Rahmen der ARM-Portierung neu entwickelte Speichersystem performanter und zuverlässiger ist, deckte es nicht alle vom Gesamtprojekt benötigten Funktionen ab, sodass das alte System mitlaufen musste“, erklärt ReactOS-Entwickler Daniel Reimer. Während die freiwilligen Entwickler auf den für sie interessanten Baustellen unter hohem Zeiteinsatz interessante neue Wege beschreiten, ist die Anpassung und Fertigstellung des Codes in anderen Bereichen im Gesamtprojekt zwar wichtig, aber für Freizeitentwickler oft nicht interessant genug.

Obwohl eine Anfang dieses Jahres gestartete Kickstarter-Kampagne scheiterte, konnte eine weitere Kampagne auf Indiegogo über 25.000 US-Dollar einspielen. Zusammen mit den vorhandenen Mitteln des Vereins ReactOS Deutschland sollen weitere Entwickler das Projekt im Rahmen eines Stipendiums voranbringen.

„Ziel dieser Förderung durch Stipendien ist nicht die Festanstellung von Entwicklern, sondern die Förderung von jungen Informatikern, die beispielsweise begleitend zu ihrem Studium durch praktische Arbeit an ReactOS lernen möchten. Neben der engen Betreuung durch freiwillige ReactOS-Entwickler leisten wir eine finanzielle Grundvergütung von 897 Euro monatlich sowie gegebenenfalls Familienzulagen“, erläutert Colin Finck vom Vorstand des Vereins ReactOS Deutschland und bittet um entsprechende Bewerbungen.

Eine wichtige offene Baustellen bei ReactOS auf dem Weg zur Version 0.4.0 ist momentan der Cache Controller, dessen Neuentwicklung im ersten Schritt neben dem bisher einzig nutzbaren Dateisystem FAT32 auch das EXT2-Dateisystem unterstützen soll. Durch einen modularen Aufbau sollen später weitere Dateisysteme, allen voran das aktuelle Windows-Standarddateisystem NTFS, hinzukommen. Weiterhin sollen nach der Fertigstellung der shell32 und dem neuen Explorer der USB-Support und das Soundsystem verbessert werden.

Interessierte Tester müssen aber nicht auf die für Mitte 2015 geplante Vorstellung von ReactOS 0.4.0 warten, sondern können tagesaktuelle Builds herunterladen und ausprobieren. Die ReactOS-Entwickler klassifizieren sowohl die Daily Builds als auch die bisherigen und derzeit geplanten Releases als Alphaversion, die nur zu Testzwecken empfohlen wird. Ein Betastatus wird für die bisher nur angedachte Version 0.5.0 angestrebt. (odi)

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