Red Hat Enterprise Linux 6.2

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Das zweite Update der Unternehmensdistribution bringt zahlreiche Optimierungen rund um Virtualisierung, Ressourcen-Management und Dateisysteme. Die Hardware-Unterstützung verbessert sich durch neue und überarbeitete Treiber und ein größeres Update des X-Servers.

Dreizehn Monate nach Einführung von Red Hat Enterprise Linux (RHEL) 6 hat Red Hat zu Nikolaus das zweite Update der auf Unternehmenskunden ausgerichteten Linux-Distribution vorgestellt. Da sich diese Versionsreihe noch in ihrem ersten Lebensabschnitt befindet, enthält die Version 6.2 nicht nur die seit Vorstellung von RHEL 6.1 freigegebenen Korrekturen, sondern auch eine lange Reihe größerer Verbesserungen.

Genau wie der Process-Scheduler von Linux 3.2 kann der des RHEL-Kernels nun die einer Control Group (Cgroup) zugeteilte Prozessorzeit deckeln ("cgroups CPU ceiling enforcement"). Dadurch sollen Anwendungen einer Gruppe nicht mehr als die dieser Cgroup zugeteilte CPU-Ressourcen nutzen können, selbst wenn dann eigentlich freie CPU-Ressourcen ungenutzt bleiben. Das ist etwa in Cloud-Umgebungen mit "Pay-per-use"-Abrechnung wichtig, damit ein Nutzer nicht mehr als die erworbenen Ressourcen nutzen kann. Außerdem ermöglicht die Deckelung Service-Level-Garantien, sodass jedem Nutzer in seinem Gast-System jederzeit und sofort die von ihm bezahlten CPU-Ressourcen zur Verfügung stehen.

Red Hat will ferner die Skalierbarkeit des Cgroups-Codes verbessert haben. Dadurch sollen sich laut den Release Notes nun mehrere hundert Gruppen nutzen lassen, ohne dass es Performance-Implikationen gibt. Ferner will Red Hat die Performance der Cgroup-Controller für I/O-Aufgaben und Arbeitsspeicher beschleunigt haben.

Der auf Linux 2.6.32 basierende RHEL-Kernel bietet das bei Linux 2.6.39 eingebaute Pstore, das im Falle eines Absturzes Daten zur Crash-Analyse auf nichtflüchtige Speicherbereiche ablegen kann; manche neueren Systeme enthalten solchen "Platform Persistent Storage", einen eher kleinen Speicherbereich zum Speichern genau solcher Informationen.

Wie üblich hat Red Hat eine ganze Reihe von Treibern aktualisiert, um neue oder in den kommenden Monaten erwartete Hardware zu unterstützen. Besonders viele Änderungen gab es wie üblich bei den Treibern für Storage- und Netzwerk-Hardware; in diesem Zug will Red Hat die Unterstützung für 10-Gigabit-Netzwerk-Hardware verbessert haben. Auch die Audio-Treiber und jene für USB 3.0 und PCI Express (PCIe) hat der Distributor aktualisiert.

Normalerweise belässt Red Hat die Kern-Bestandteile der Distribution auf dem Versionsstand, der bei der ersten Version einer RHEL-Familie zum Einsatz kam. Beim Grafik-Stack macht der Linux-Distributor diesmal eine Ausnahme, denn das Unternehmen hat bei Mesa 3D auf Version 7.11 und beim X-Server auf Version 1.10 umgeschwenkt. Auch die Treiber für die Grafik-Hardware von AMD, Intel und Nvidia wurden aktualisiert, um neuere Hardware besser zu unterstützten. In den Release Notes ist vage von Grafik-Unterstützung für Intels nächste Chipsatz-Generation die Rede, womit die im nächsten Jahr erwartete Ivy-Bridge-Platform gemeint sein dürfte. Ein aktualisierter Synaptics-Touchpad-Treiber bringt Multitouch-Unterstützung.

Das Performance Monitoring Tool Perf und dessen Kernel-seitige Unterstützung hat Red Hat auf den Stand von Linux 3.1 gehoben, wodurch es nun auch Cgroup-Unterstützung bietet.

Das im Rahmen des RHEL-6-Add-Ons Scalable File System unterstützte Dateisystem XFS soll sich nun bei Metadaten-lastigen Arbeitsszenarien besser verhalten – etwa bei Zugriffen auf Verzeichnisse mit vielen kleinen Dateien, wo es laut Release Notes bisher Performance-Einbrüchen gab.

Neu ist das als nicht unterstütztes Technology Preview eingestufte Parallel NFS (pNFS). Diese in NFS 4.1 spezifizierte Technik soll den Datendurchsatz erheblich steigern, da es Metadaten und Daten parallel verarbeitet.

Das Anlegen eines Ext4-Dateisystems erfolgt jetzt deutlich schneller, da der Kernel "Lazy Inode Table Initialization" nutzt und dadurch lediglich einen Teil der Dateisystemstrukturen beim Formatieren anlegt; die anderen erzeugt es später. Schreibvorgänge über das CIFS-Dateisystem, mit dem der Kernel Samba- und Windows-Freigaben einbinden kann, sollen dank einem asynchronen Ansatz beim Schreiben von Daten bis zu doppelt so schnell erfolgen. Diese Verbesserung ist kürzlich auch in den Hauptentwicklungszweig von Linux eingegangen und wird in Kernel 3.2 enthalten sein.

Der bisher als Technology Preview eingestufte Betrieb von Clustered Samba (CTDB) zusammen mit dem Cluster-Dateisystem GFS2 wird nun voll unterstützt. Im Rahmen des Add-on für High Availability (HA) bietet RHEL ab 6.2 auch Unterstützung zur HA-Konfiguration von Applikation, die auf einem RHEL-6.2-Gast unter einer Virtualisierungslösung von VMware laufen.

Durch die neue Unterstützung für Stream Control Transmission Protocol (SCTP) Multihoming lassen sich Systeme jetzt unter mehreren IP-Addressen erreichen. Der RHEL-6-Kernel kennt nun den auch in Linux 3.0 eingegangenen Syscall sendmmsg. Durch ihn lässt sich ein ganzer Schwung von Nachrichten mit nur einem Funktionsaufruf übergeben, was den Syscall-Overhead reduziert und den Netzwerk-Durchsatz steigern kann. Das bei RHEL neue, vom offiziellen Kernel seit Version 2.6.38 gebotene Transmit Packet Steering (XPS) soll den Sendedurchsatz erhöhen.

Ein ganzer Schwung von Neuerungen dreht sich um Virtualisierung; davon wird auch das noch in Arbeit befindliche Red Hat Enterprise Virtualization (RHEV) 3.0 profitieren, dessen Kernel mit dem von RHEL 6.2 verwandt ist.

Bei KVM-Gastsystemen mit Zugriff auf mehrere Prozessoren bietet RHEL ab Version 6.2 "Virtual CPU timeslice sharing". Durch die Technik sollen Gastsysteme die ihnen zugeteilten Ressourcen effizienter nutzen und schneller arbeiten; gerade auf großen Systemen mit vielen Prozessorkernen soll die Technik Vorteile bringen, denn gerade dort kam es zu Performance-Einbußen, da es häufig zu einem Gerangel um die Sperren ("Locks") kam, die den exklusiven Zugriff auf Datenstrukturen sicher stellen. Die dazu nötige Unterstützung auf Prozessorseite nennt AMD Pause Filter und Intel Pause Loop Exiting (PLE).

Ferner will Red Hat die Geschwindigkeit beim Verarbeiten von UDP-Daten über den Treiber virtio-net verbessert haben; zudem soll RHEL 6.2 Netzwerkpakete effizienter handhaben, die kleiner als 4 KByte sind. Optimierungen an den I/O-Pfaden bei der Netzwerkkommunikationen sollen die Performance verbessern und laut Release Notes den Betrieb von Gast-Systemen ermöglichen, die schneller seien als der Host. Auch bei den Netzwerk-Techniken macvtap und vhost will Red Hat die Geschwindigkeit verbessert haben; sie gelten allerdings weiter als Technology Preview und werden daher vom Support-Vertrag nicht abgedeckt. Als solches ist auch die neue Unterstützung für Live Snapshots eingestuft, mit den man den Dateisystemstand eines Gastsystems im Betrieb sichern lässt -- etwa zu Backup-Zwecken.

Die Libvirt kann bei NUMA-Systemen jetzt nicht mehr nur die zu verwendenden Prozessoren, sondern auch den vom Gast genutzten Speicherbereich festlegen, damit Idealerweise Arbeitsspeicher genutzt wird, auf den die jeweilige NUMA-Node am schnellsten zugreifen kann. Das für KVM genutzte Qemu bietet nun auch eine USB-2.0-Emulation. Beim Betrieb als paravirtualisierter Xen-Gast unterstützt RHEL 6.2 Memory Ballooning, also das Anpassen der Speichergröße zur Laufzeit.

Neu ist die Unterstützung zum Betrieb von Anwendungen als Linux Container (LXC), um Anwendungen von Rest des System zu separieren und die Ressourcennutzung über Control Groups (Cgroups) und Namespaces zu steuern. Diese Funktion lässt sich über Libvirt API und den Virt-Manager nutzen, gilt aber fürs erste ebenfalls als Technology Preview.

  • Ähnlich wie bei neueren Kernel-Versionen kann der Logical Volume Manager (LVM) nun die normalerweise mit dem Werkzeug mdadm genutzten Software-RAID-Funktionen des MD-Subsystems nutzen. Ein RAID 5 legt beispielsweise der Befehl lvcreate --type raid5 -i 3 -L 1G -n my_lv my_vg an. Diese Funktion hat allerdings den Status eines nicht unterstützten Technology Preview. Zudem will Red Hat die Zeit zum Aktivieren und Deaktivieren von LVM-Verbunden reduziert haben und unterstützt bei weiteren Device-Mapper-Targets das Melden von freigegegben Speicherbereichen an den Datenträger ("Discard").
  • Durch neue Versionen der Software-RAID-Werkzeuge mdadm und mdmon und passender Unterstützung im Kernel beherrscht RHEL nun Array Auto-Rebuild, das Migrieren bestimmter RAID-Level zu anderen Verbundarten und "drive roaming" bei SAS-SATA-Laufwerken.
  • Die Initiator- und Target-Funktionen für iSER (iSCSI extension for RDMA) gelten nun als voll unterstützt, wodurch sich RHEL nun auch als iSCSI-Initiator und -Storage-Server einsetzen lässt. Ein Technology Preview ist der neue Target-Mode für Fiber Channel over Ethernet (FCoE).
  • Via Fibre Channel oder Serial Attach SCSI (SAS) angebundene Datenträger lassen sich im Installationsprozess jetzt über ihren World Wide Name (WWN) oder ihren World Wide Identifier (WWID) ansprechen.
  • Die bei RHEL 6.1 eingeführte und auf FreeIPA basierende Lösung zum Identitäts-Management (IPA/Identity, Policy and Audit) legt den Status als Technology Preview ab und wird damit nun von Red Hat voll unterstützt. Es ermöglicht eine Anbindung an ein Active Directory und kann so den Verwaltungsaufwand für die Linux-Infrastruktur reduzieren.
  • Seit der Beta von RHEL 6.2 wird die Linux-Distribution für Common Criteria for Evaluation Assurance Level (EAL) 4+ evaluiert. Eine Zertifikation nach FIPS-140 ist beantragt und wird derzeit geprüft.
  • RHEL beherrscht nun Trusted Boot (tboot). Durch diese nicht mit Secure Boot zu verwechselnde Technik lässt sich in Kooperation mit Intels Trusted Execution Technology (TXT) sicherstellen, dass nicht schon beim Start des Systems Schadcode geladen wird – etwa ein um eine Backdoor erweiterter Kernel.
  • Der Network Manager bietet nun Unterstützung für Wireless Roaming und kann im Hintergrund nach Funknetzen suchen.

Details zu diesen und anderen Neuerungen von RHEL 6.2 finden sich in von Red Hat bereitgestelltem Informationsmaterial. Einen schnellen Überblick bietet das PDF-Dokument "Red Hat Enterprise Linux 6.2 – What’s New". Ausführlicher und eher mit technischem Blick geschrieben sind die Release Notes; wer es noch genauer wissen will, kann die Technical Notes konsultieren. (thl)

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