Schnelle Brüter

Microsoft investiert 150 Millionen in Apple-Aktien

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Nach siebzehn Monaten räumte der als Chefsanierer verpflichtete Gilbert F. Amelio seinen Vorstandssessel bei Apple. Während die Nachfolgerfrage noch ungeklärt ist, hat sich der Aufsichtsrat neu formiert.

Überraschender hätte Steve Jobs´ Keynote auf der Macworld Expo in Boston nicht ausfallen können. Im Vordergrund der mit Spannung erwarteten Ankündigungen stand die Bekanntgabe einer verblüffenden Allianz: Microsoft und Apple, die seit geraumer Zeit mit Patentstreitigkeiten über Kreuz liegen, wollen künftig wieder enger zusammenarbeiten. Microsoft bekräftigte die Absicht, sein Office-Paket weiterhin für den Mac zu entwickeln. Im Gegenzug bundelt Apple den Internet Explorer als Standard-Browser mit dem MacOS. Für die Ankündigung der Kooperation erntete Jobs Pfiffe und Buh-Rufe aus dem Auditorium. Microsoft besiegelte den Pakt mittlerweile mit der Bereitschaft, 150 Millionen US-Dollar in Apple-Vorzugsaktien (Aktien ohne Stimmrecht) zu investieren.

Wie erwartet informierte Jobs auf derselben Veranstaltung über die Umbesetzung des Aufsichtsrats: Aus dem bisherigen Board sind nur noch Gareth Chang und Edgar Woolard vertreten. Für Erstaunen sorgte die Entmachtung des ältesten und einflußreichsten Apple-Aktionärs Mike Markkula. Neben Steve Jobs rücken Oracle-Chef Larry Ellison, Intuit-Präsident Bill Campbell (früher stellvertretender Verkaufsleiter bei Apple) und der ehemalige Finanzchef von IBM und Chrysler, Jerome York, in das Gremium auf.

Demgegenüber konnte Apple noch keinen Nachfolger für CEO Gilbert F. Amelio präsentieren. Der Manager, dem es zuletzt nicht gelang, der angeschlagenen Marke Apple wieder auf die Beine zu helfen, war am 9. Juli auf Drängen des Vorstands aus seinem Amt geschieden - sieben Tage vor der mit Spannung erwarteten Bilanzpressekonferenz zum dritten Quartal. Gewollt oder schlecht geplant: Die Nachricht löste sogleich eine gewaltige Spekulationswelle aus, in deren Folge Journalisten über die Hintergründe der überraschenden Trennung brüteten. Die schnellsten Brüter saßen diesmal in der Wall Street: Apples Bilanz falle möglicherweise schlechter als erwartet aus, argwöhnten Analysten und reichten auch gleich die passenden Zahlen nach. Rund 70 bis 100 Millionen US-Dollar Verluste sollte der glücklose Amelio nach ersten Schätzungen allein im 3. Quartal angehäuft haben. Zuviel für einen hochgelobten Sanierer, der zwei Jahre zuvor noch den Konkurs bei National Semiconductor abgewendet hatte.

Als Apple sieben Tage später das dritte Vierteljahr bilanzierte und einen Verlust von 56 Millionen US-Dollar auswies, quittierten das die meisten Analysten mit deutlicher Erleichterung. Für einen Augenblick war sogar das historische Elfjahres-Rekordtief der Apple-Aktie und das niederschmetternde zweite Quartal mit einem Verlust von 708 Millionen Dollar vergessen. Schließlich setzt keine Computermarke bei Anwendern so starke Emotionen frei, wie die mit dem angebissenen Apfel. Selbst neutrale Beobachter und Journalisten sind vor gelegentlichen Gefühlsregungen nicht gefeit. `Apples Chefs kommen und gehen´, kommentierten Michelle Quinn und Mark Leibovich von den San Jose Mercury News aus Cupertino, `... aber der Mythos der Marke lebt weiter.´

Am Tag nach Amelios Abschied rätselte das Wall Street Journal, ob Apples Chef, dem eine Abfindung in Millionenhöhe den Abschied versüßte, möglicherweise erst unter erheblichem Druck des Vorstands seinen Posten geräumt habe. Während einer Vorstandssitzung sei es zu offener Kritik an Amelios Geschäftspolitik gekommen. An die Spitze der Oppositionsbewegung hatte sich Aufsichtsrat Edgar Woolard gesetzt. Zumindest gelang es dem 63jährigen, der sich vor Jahren um die Sanierung von DuPont verdient gemacht hat, mit Steve Jobs und Finanzchef Fred Anderson jene Gefolgsleute um sich zu scharen, mit denen sich Amelio widerstandslos aus dem Amt hebeln ließ.

Offen bleibt, welchen konkreten Einfluß Steve Jobs, zuletzt Berater auf Teilzeitbasis in Cupertino, auf das Stühlerücken in der Vorstandsetage hatte. Das Wall Street Journal kolportierte die Meldung, Jobs habe in letzter Zeit Amelio im privaten Kreis schonungslos attackiert. Da liege doch die Frage nahe, ob der Ex-CEO und Begründer des Apple-Mythos nicht eigene Interessen verfolgt habe.

Damit stand plötzlich ein Akteur im Rampenlicht, der unlängst noch erklärt hatte, er sei an einem Vorstandsposten bei Apple nicht interessiert. Trotzdem zweifelten nur wenige Insider an Jobs Comeback - zwölf Jahre nachdem er unfreiwillig aus dem Apple-Aufsichtsrat ausgeschieden war. Während sich der San Francisco Chronicle noch Jobs in neuer Rolle - diesmal als Apple-Präsident - vorzustellen versuchte, meldete der Fernsehsender CNBC unter Berufung auf gut unterrichtete Kreise, alles sei bereits entschieden und Jobs Vertragsunterschrift bereits getrocknet.

Die meisten Beobachter der Szene nahmen die neue Entwicklung mit wenig Überraschung zur Kenntnis. Denn seit Amelios Rücktritt hatte das Management des Computerherstellers mehrfach bekräftigt, Jobs solle und wolle künftig eine `gewichtigere Rolle´ im Konzern übernehmen. Ihm traue man es am ehesten zu, der Marke die dauerhafte Loyalität der Mac-Fans zu sichern. Seltsamerweise beendete auch Jobs´ Keynote nicht alle Spekulationen. Eine Entscheidung über die vakante Position des Präsidenten sei noch nicht gefallen, hieß es.

Bereits im Vorfeld der erwarteten Bostoner Erklärung waren sich die Kommentatoren einig: Mit Jobs als President hätte Apple ein Problem gegen ein neues ausgetauscht. Unter der Führung des eigenwilligen, charismatischen Apple-Mitbegründers dürfte die Suche nach einem geeigneten Amelio-Nachfolger keinesfalls leichter fallen. William Milton, Analyst der Investmentbank Brown Brothers Harriman, meldete bereits Zweifel an, daß es Apple überhaupt gelingen werde, die offene Stelle zu besetzen: `Welcher starke CEO möchte schon unter Jobs arbeiten?´ Unabhängig von ausstehenden Personalentscheidungen rechnet wohl auch Apple mit keiner schnellen Lösung des Problems. Die Anwerbung des neuen CEO wurde vorsorglich einem Headhunter übertragen.

Jobs, in den Tagen vor seiner Bostoner Rede längst zu keinem Pressegespräch mehr bereit, verzichtete angesichts der überhitzten Gerüchteküche auf Dementis. Allerdings meldete er sich per EMail bei seiner Firma Pixar Studios. Der Apple-Vorstand dränge ihn seit Wochen zur Kandidatur, teilte er den Mitarbeitern mit. Er habe allerdings abgelehnt und lediglich versprochen, sich bei Apple zu engagieren, bis ein neuer CEO gefunden sei: `Ich liebe meine Arbeit bei Pixar und kann mir keinen cooleren Platz vorstellen.´

Die Nachricht von Jobs´ Absage hatte gerade die Runde gemacht, da nahm Larry Ellison gegenüber der französischen Zeitung La Tribune Teile der Bostoner MacWorld-Eröffnungsrede vorweg und verriet, daß er in den Apple-Vorstand eintreten werde. Der Oracle-Vorstandschef hatte bereits im März sein Interesse an Apple signalisiert. Mit Hilfe von Investoren wollte er die Aktienmehrheit übernehmen. Zwischenzeitlich schien es so, als habe der Milliardär ganz das Interesse an Apple verloren. Jedenfalls hielt er sich nach Amelios Rücktritt gegen seine sonstigen Gewohnheiten ungewöhnlich bedeckt - und heizte damit die Gerüchteküche erst recht an.

Bereits am Tag nach Amelios Rücktritt startete die Apple-Aktie zu einem unerwarteten Höhenflug und kletterte zunächst um 14 Prozent auf über 15 Dollar. Nach den ersten Gerüchten über Jobs´ neue Rolle legte sie nach zwischenzeitlichem leichten Rückgang nochmals um 5 Prozent zu, bevor ihr die angekündigte Investition von Microsoft Flügel verlieh. Bei Redaktionsschluß war die Marke von 26 US-Dollar bereits überschritten.

Schon vor den ersten Kursgewinnen hatten Insider vermutet, die Übernahme des Computer-Herstellers stehe unmittelbar bevor. Die Namen von Sun und Oracle wurden am höchsten gehandelt. Auch HP und IBM wurde Interesse an Apple nachgesagt. Für Oracle wäre Apple ein gefundenes Fressen, rechnete Mike Gale (Intelliquest) vor, nichts von Ellisons Aufstieg in den Apple-Vorstand ahnend: Um der Firma ein mit Apple vergleichbares Image zu verpassen, müßte Oracle-Chef Ellison 750 Millionen Dollar in die Werbung stecken. Da böte sich ebenso der kaum teurere Kauf der Apple-Mehrheit an (an diesem Tag notierte das Apple-Papier bei 15 Dollar). Weniger Chancen wurden dagegen Umax eingeräumt. Dem Mac-Cloner mit einem Jahresumsatz von 750 Millionen Dollar trauen nur wenige Insider das notwendige Übernahme-Kapital zu.

Um alle Übernahmegerüchte aus der Welt zu schaffen, will Apple mit neuen Produkten zur alten Form zurückfinden. Das MacOS 8 (siehe Seite 70) verkauft sich in den USA prächtig. Auch die News aus den Hardwareentwicklungslabors klingen vielversprechend: Angekündigt sind der erste PostScript-Level-3-fähige Laserdrucker der Welt (LaserWriter 8500, DIN-A3-Papier), der Workgroup-Server 9650 mit 350 MHz, die `Kansas´-Macs 8600 und 9600 (siehe Test Seite 86), ein neuer 17-Zoll-Monitor sowie eine ganze Batterie neuer Software. (em)

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