Schöner Schein

Wie IT-Hersteller, Händler und Dienstleister tricksen

Wissen | Hintergrund

Wer hat sich nicht schon nach dem Kauf eines Gerätes darüber geärgert, dass vermeintliche technische Vorzüge keinerlei praktischen Vorteil bringen oder einige Funktionen nicht wie erwartet arbeiten? Wir zeigen, wo Sie beim Einkauf genau hinschauen müssen.

Der nagelneue Full-HD-Beamer ist an die Decke geschraubt, die Leinwand glattgezogen, das Bild mühsam justiert – da erst fällt auf, dass das Notebook dem Projektor keine volle 1080p-Auflösung liefert. Nach einigen Stunden Gefummel stellt sich dann heraus: Full-HD-Material akzeptiert der Beamer ausschließlich via HDMI, am analogen Eingang frisst er höchstens UXGA. Einem Fachmann ist das klar, er kennt die Technik und verfolgt jede Neuerung – Sie auch?

Auch wer an IT-Technik sehr interessiert ist oder gar beruflich damit zu tun hat, weiß nicht auf jedem Teilgebiet Bescheid. Oft scheitern Versuche, sich vor einem Produktkauf oder dem Abschluss eines Dienstleistungsvertrags exakt zu informieren – an fehlendem Fachwissen, an unverständlichen Abkürzungen und an bewusst zurückgehaltenen Informationen. Wenn man weiß, wo man genauer hinschauen muss, lassen sich Spreu und Weizen aber schon rascher trennen.

Die Unwissenheit und Bequemlichkeit der Käufermehrheit nutzen fast alle Anbieter aus. Dahinter steckt nicht unbedingt betrügerische Absicht im Sinne des Gesetzes, sondern die Marktwirtschaft: Hersteller, Händler und Dienstleister leben nun einmal vom Verkauf ihrer Produkte und die Konkurrenz ist stets nah – besonders dann, wenn potenzielle Käufer verschiedene Offerten via Web in Sekundenschnelle vergleichen können. Kaufleute sind also gezwungen, die Vorzüge ihrer Produkte aufs Beste zu präsentieren. Nachteile verbergen sich im Kleingedruckten oder werden bewusst verschwiegen. Viele Anbieter tarnen unschöne Produkteigenschaften beeindruckend geschickt mit einer überbordenden Fülle technischer Informationen. Nur ein Fachmann sieht dann auf den ersten Blick, welche der eigentlich besonders interessanten Details im Datenblatt fehlen. Gerade bei Computern und Unterhaltungselektronik verändert sich die Technik kontinuierlich, Fachwissen veraltet rasch – da kann man kaum Schritt halten, wenn man alle drei bis fünf Jahre mal ein neues Gerät kauft. Deshalb haben wir auf den folgenden Seiten – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Hinweise für verschiedene Produktgruppen und Dienstleistungen zusammengetragen, an denen Sie sich bei Kaufentscheidungen orientieren können. Dabei ist ein ziemliches Sammelsurium an Informationen zusammengekommen; auf einige Aspekte, die für mehrere Geräteklassen von übergreifender Bedeutung sind, gehen wir genauer ein.

Unsere Liste soll dabei aber nicht etwa als Sammlung illegaler Machenschaften missverstanden werden – die meisten Hinweise zielen auf Unschärfen in Produktbeschreibungen oder Detailangaben, die erst bei tieferem Verständnis der technischen Zusammenhänge von Bedeutung sind. Manche Datenblätter stecken zwar voller verwirrender Informationen, erlauben aber keinerlei Beurteilung der praktischen Gerätequalität. Das gilt beispielsweise für LC-Displays, bei denen man nur etwas über solche Eigenschaften erfährt, die bereits der Verpackungskarton verrät: Bildschirmdiagonale, Zahl der Pixel, Anschlüsse, Gehäusefarbe. Ob das Display aber verspiegelt ist oder matt, in welchem Bereich die Helligkeit regelbar ist, wie gleichmäßig es ausgeleuchtet ist, wie viel Leistung es bei einer Leuchtdichte von 100 cd/m2 aufnimmt, wie groß der Blickwinkelbereich bei einem Restkontrast von 10:1 ist – all das verrät oft nicht der Hersteller, sondern höchstens ein unabhängiger Testbericht. Hinzu kommt, dass die Industrie im Rahmen eigener Gremien viele Messnormen nach ihrem Gusto definiert: Die Umschaltgeschwindigkeit von Monitorpixeln etwa wurde zunächst für Schwarz-Weiß-Übergänge von 10 Prozent auf 90 Prozent der Schaltflanke spezifiziert – das schaffen Monitore schön schnell. Trotzdem zeigen sie bei schnellen Bewegungen nicht unbedingt ein schlierenfreies Bild, denn weitaus wichtiger dafür sind kurze Umschaltzeiten zwischen Graupegeln.

Geradezu ein eBay-Klassiker: Ein Billig-PC wird mit wohlklingendem Technik-Kauderwelsch aufgehübscht. Tatsächlich ist Onboard-Grafik und -Sound drin, Vista oder XP kosten extra.
Geradezu ein eBay-Klassiker: Ein Billig-PC wird mit wohlklingendem Technik-Kauderwelsch aufgehübscht. Tatsächlich ist Onboard-Grafik und -Sound drin, Vista oder XP kosten extra.

Solche Beispiele für industriefreundliche technische Normung gibt es viele – das Nachsehen hat der Kunde. Allerdings tappen viele Käufer auch in selbstgebaute Fallen, indem sie sich etwa auf wenige vermeintlich klare Kriterien festlegen, die sie aber nicht ganz verstanden haben: Das sinnlose Pixel-Anzahl-Wettrüsten bei Digicams, das glücklicherweise bereits abebbt, ist ein schönes Beispiel dafür: Weil die absolute Fläche der Bildsensoren mit steigender Pixelzahl nicht etwa gewachsen, sondern im Gegenteil sogar eher geschrumpft ist, wuchs auch die Rauschneigung der Chips. Das hat schlechtere Bilder insbesondere bei schwacher Beleuchtung zur Folge. Hinzu kommt noch der Brennweiten-Wettlauf, der Digicams immer stärkere Zoom-Objektive mit schwacher Lichtausbeute beschert hat. Der Megapixel-Wahn führte also letztlich dazu, dass schlechtere Bilder fettere Dateien belegen, die Speicherkarten und Festplatten verstopfen und deren Bearbeitung immer mehr PC-Rechenleistung verschlingt.

Man könnte nun lange darüber diskutieren, welche Schuld Hersteller und Händler am Megapixel-Wahn tragen. Doch gute optische Eigenschaften oder leichte Bedienbarkeit sind potenziellen Käufern schwieriger zu erklären als einfache Zahlen, speziell wenn die Bestellung dann direkt über eine Preisvergleich-Webseite erfolgt. Der einzelne Händler hat jedenfalls keinen Grund, etablierte und funktionierende Verkaufskonzepte über den Haufen zu schmeißen – ihm selbst würde das eher schaden. Um beim Beispiel der Digicam-Megapixel zu bleiben: Ein Händler oder Hersteller verspricht jedenfalls nichts Falsches, wenn er die Anzahl der Bildpunkte nennt – dass diese keine Aussage über die Bildqualität ermöglicht, ist nicht sein Problem.

Den vollständigen Artikel finden Sie in c't 08/2009.

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