Für die einen wächst endlich zusammen, was zusammengehört, für andere ist es nur ‘wieder so ein Hype’ - die einst als ‘Internet-Telefonie’ gefeierte Sprachkommunikation über Datennetze hat einige Höhen und Tiefen hinter sich. Jetzt scheint der nötige Reifegrad erreicht, der dieser Technik den langfristigen Erfolg bescheren kann.
Consultants und Marktforscher sind sich einig: Unternehmen sparen viel Geld mit VoIP, und zwar bei der hausinternen Infrastruktur ebenso wie bei den Gesprächskosten. Privatanwender können weltweit günstige Internet-Telefonate führen, und Spiele-Freaks flüstern sich bei Multiplayer-LAN-Sessions die Strategiekommandos neuerdings via Headset direkt ins Ohr.
Angefangen hatte Voice over IP - die Sprachübertragung über das Datennetz -, als die israelische Firma VocalTec 1995 der Öffentlichkeit das erste Telefongespräch von Computer zu Computer vorführte. Visionäre sahen düstere Zeiten für die Telecoms anbrechen: Jetzt sehe jeder, dass die Gesprächsgebühren absurd hoch seien; die Computerbranche werde die Tk schlucken, weil sie schneller, aggressiver und kompetenter sei; die Telecom-Carrier werden Internet-Telefonie flugs zu verbieten suchen, weil sie sonst im Konkurs enden - fast nichts davon hat sich bis heute bewahrheitet.
Der Grund: Die Technik funktionierte in vielen Belangen einfach zu schlecht. Heute hält VoIP bei Firmen Einzug in deren private Netze, wo sie wesentlich leichter zu beherrschen ist. Und hier kommen die Betriebswirtschaftler natürlich ernsthaft ins Grübeln: Wenns denn tatsächlich so gut funktioniert - warum müssen wir dann noch eine Tk-Anlage neben unserem Netzwerk bezahlen?
Nach Meinung führender Marktforscher wird der Rubel zunächst da rollen, wo der parallele Einsatz zweier Infrastrukturen, einer konventionellen Tk-Anlage für Sprachübertragungen und einem Computer-LAN für den Datenverkehr, sich für Firmen auf Dauer nicht rechnet. Das Marktforschungsunternehmen Gartner Group meint, dass sich beispielsweise die jährlichen Kosten eines Büroarbeitsplatzes um bis zu 30 Prozent senken lassen, wenn Firmen statt getrennter Sprach- und Datennetze eine integrierte Sprach-Daten-Lösung verwirklichen.
Die ursprüngliche Internet-Telefonie hatte man zwar zwischenzeitlich etwas aus den Augen verloren, doch auch die wird wohl in nächster Zukunft von dieser Entwicklung profitieren: Multi-Service-Netze mit IP-Telefon-Gateways, die Gespräche aus dem IP-Netz in die klassische Telefonwelt und umgekehrt vermitteln, landen schnell auf den Wunschzetteln, wenn die LAN-interne Lösung sich erst mal bewährt hat.
Entscheiden sich Unternehmen für eine Umstellung ihrer Kommunikationsinfrastruktur auf VoIP, haben die verantwortlichen IT-Fachleute die Qual der Wahl: Entweder sie vollziehen einen konsequenten Schritt hin zu VoIP, was bedeutet, dass eine reine IP-Telefonie-Lösung die traditionelle Telefonie komplett ersetzt. Oder sie schaffen eine sanfte Migration über eine LAN-Tk-Anlage mit Schnittstellen zur klassischen Telefonanlage. Beispielsweise telefonieren Mitarbeiter im LAN dann via IP, während andere Mitarbeiter noch immer die traditionelle Anlage benutzen.
Die ‘harte’ Lösung ist nicht jedermanns Sache, denn LANs haben durchaus bekannte Tücken. Wenn das nächste Mal der Server down ist, dann ‘stirbt’ damit auch das Telefon. Zurzeit favorisiert die Mehrzahl der Unternehmen vor allem eine kostengünstige Erweiterung vorhandener Tk-Systeme. Der einst spärliche und vor allem mit proprietären Produkten bestückte VoIP-Markt bietet mittlerweile zahlreiche Lösungen für die Anbindung von IP-Netzen an ein öffentliches Telefonnetz, und immer mehr auf VoIP spezialisierte Systemhäuser bieten ihre Dienste bei der Konzeption maßgeschneiderter Konvergenzlösungen an. Doch bevor diese vielbeschworene ‘Medienkonvergenz’ überhaupt möglich ist, müssen viele LANs, die nicht selten aus höchst heterogenen Teilnetzen bestehen, erst einmal konvergieren.
Glaubt man den Marktforschern, werden vor allem kleine und mittlere Firmen künftig auf die Kommunikation über LAN und IP-basierte Nebenstellenanlagen setzen, während Großfirmen wegen der sehr hohen Verfügbarkeitsanforderungen an ihre Netze mittelfristig noch die klassischen Kommunikationsnetze und Tk-Anlagen beibehalten werden.
Im Hinblick auf das Einsparpotenzial bei den Kosten für Festnetz-Gesprächsverbindungen ist VoIP derzeit aber nicht nur bei der Unternehmenskommunkation an der Schwelle, den herkömmlichen Tk-Strukturen den Rang abzulaufen. Anders als beim Start der IP-Telefonie vor sechs Jahren steigen die Telefontarife jetzt an, und die Preise für Internet-Anrufe etwa in die USA liegen meist deutlich unter den Verbindungsentgelten für herkömmliche Telefon-Ferngespräche.
Bestehende Telefongesellschaften wollen zwar ebenfalls VoIP in ihren öffentlichen Netzen einsetzen, doch selbst wenn der Umstieg schnell gelingen sollte, dürften sie vor allem Großkunden verlieren, die ihre weltweiten Dependancen über eigene IP-Netze koppeln. Weniger schmerzhaft, weil in der Summe wohl deutlich niedriger, dürften die Verluste sein, die Tk-Gesellschaften durch IP-plaudernde Privatkunden entstehen.
Obwohl viele Privatkunden die VoIP-Technik enthusiastisch begrüßen, halten letztlich nicht viele daran fest, hauptsächlich wegen mangelhaften Komforts (Wer schaltet schon gerne den PC zum Telefonieren an?) sowie enttäuschender Sprachqualität. Letztere gründet im Wesentlichen auf derzeit oft zu schmalbandigen Internet-Zugängen sowie noch immer gegenwärtigen grundsätzlichen Konzeptschwächen der IP-Protokolle für die Sprachübertragung.
Dennoch gibt es schon jetzt zahlreiche Möglichkeiten, kostengünstig von PC zu PC über das Internet zu telefonieren. In der Regel fällt nur der Preis an, den die Teilnehmer in dieser Zeit jeweils für ihren Internet-Zugang zahlen. Deshalb ist es bei der PC-Internet-Sprachkommunikation auch egal, wohin das Gespräch geht - ob um die Ecke oder rund um den Globus.
Um über das Internet zu telefonieren, benötigt der Anwender lediglich eine duplexfähige Soundkarte, ein Headset (Mikrofon und Kopfhörer) und natürlich einen Internet-Zugang. Eine hochgerüstete Rechnerausstattung ist nicht nötig, selbst ältere PCs erfüllen VoIP-Aufgaben mühelos.
Will man von einem PC aus mit einem anderen PC telefonieren, müssen sich die Gesprächspartner zunächst einmal dazu verabreden. Anders als bei der normalen Telefonie haben Internet-Anschlüsse keine festen Nummern, unter denen sie erreichbar sind, sondern bekommen häufig dynamische IP-Adressen zugeteilt.
Längst sind aber nicht nur Verbindungen von PC zu PC möglich, sondern es können auch Festnetz-Telefone zu Hause oder im Büro angerufen werden. Dann muss man sich allerdings bei Service-Providern anmelden, die den Übergang auf das herkömmliche Festnetz erledigen, was nicht immer kostenfrei ist.
Allerdings sollte man an die Internet-Telefonie, insbesondere bei kostenlosen Angeboten, nicht zu hohe Ansprüche stellen. Häufig gibt es Probleme mit der Einwahl, und die Qualität der Sprachübertragung gibt nicht unbedingt Anlass zum Jubeln. Mit dem in Windows enthaltenen Programm Netmeeting kann man aber beispielsweise beim Freemailer Web.de ausprobieren, wie ein Anruf vom PC zu einem Festnetzanschluss funktioniert. Das Angebot ist kostenlos; allerdings ist die Gesprächszeit auf zehn Minuten beschränkt, und man muss alle zwei Minuten ein Banner anklicken, damit die Gesprächszeit verlängert wird.
Auch im Spielesektor hat die IP-Sprachübertragung mittlerweile Einzug gehalten. Mit Freeware wie Team Sound oder dem kommerziellen SideWinder-Game-Voice-Set von Microsoft haben Spiele-Freaks die Möglichkeit, bei Multiplayer-LAN-Sessions ihren Mitspielern Strategieanweisungen neuerdings direkt ins Ohr zu rufen, statt auf der Tastatur einen neuen Anschlag-Rekord aufzustellen, um zu verhindern, dass sich das Noch-Heile-Welt-Szenario in eine Apokalypse verwandelt (mehr zu VoIP in Spielen auf Seite 160 in c't 16/01).
Zwar haftet dem klassischen Telefon noch immer ein vertrauter Stallgeruch an, doch neue Kodierverfahren, bessere Komprimierungstechniken und ausgereifte Quality-of-Service-Mechanismen - etwa mit der Einführung von IPv6 (siehe Artikel auf Seite 202 in c't 16/01) - könnten der IP-Telefonie zum endgültigen Durchbruch verhelfen. Lassen sich zudem weitere Unified Messaging Services wie der Zugriff auf das WWW, E-Mail-Dienste oder Instant Messenger komfortabel in VoIP integrieren, wird dieser Form der IP-Allround-Kommunikation künftig sicher ein noch höherer Stellenwert zukommen als bisher.
Unterdessen gibt es auch erste Ansätze, Voice over IP in drahtlose LAN-Infrastrukturen einzubinden. Handys von Symbol Technologies oder Spectralink etwa fügen sich als gewöhnliches Netzwerkgerät in Funk-LANs nach dem Standard IEEE 802.11b ein. So können beispielsweise auch Mitarbeiter eines Unternehmens mit IP-Telefonie versorgt werden, die häufig im Haus oder auf dem Firmengelände unterwegs sind.
Das größte Problem von VoIP liegt derzeit aber in der häufig noch fehlenden Interoperabilität zwischen Produkten verschiedener Hersteller oder sogar zwischen Produkten des gleichen Herstellers. Die Marktführer im Segment der VoIP-Übertragung wie Cisco, 3Com, Alcatel, Siemens oder Nortel haben zwar die Zeichen der Zeit erkannt und bieten immer mehr und immer bessere Sprachlösungen auf IP-Basis an, zu einem einheitlichen Standard in der IP-Telefonie haben sie sich aber bisher noch nicht zusammenraufen können.
Wohin die VoIP-Reise geht, zeigen nicht zuletzt auch die Bestrebungen von Microsoft: Der weltgrößte Softwarekonzern will der Sprachvermittlung über paketbasierte Netzwerke künftig einen sehr viel höheren Stellenwert einräumen als bisher. In das Serverbetriebssystem Windows 2000 integrierten die Redmonder mit TAPI 3.0 (Telephony Application Programming Interface) zuletzt schon eine neue Schnittstelle für die Steuerung von IP-Multimedia-Strömen und die Anbindung an die alte Welt der Telefonie - jetzt soll auch der Heim-Computer zur privaten Telefonzentrale umgebaut werden.
Microsoft will die VoIP-Technik standardmäßig in sein neues Betriebssystem Windows XP integrieren und dann entsprechend vermarkten. Ob das Vorhaben gelingt, bleibt abzuwarten. Angesichts des Erfolges der Produkte Windows, Internet Explorer oder des E-Mail-Programms Outlook aus dem gleichen Haus kann man aber davon ausgehen, dass dieser Vorstoß zumindest ein wenig Unruhe in der Telekommunikationswelt stiften wird. (pmz)
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