Tag der Jäger und Sammler

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Aussteller Carsten Gerber über Ameisen, Goldhamster und Wanderheuschrecken an einem ganz normalen CeBIT-Sonntag.

Die CeBIT ist nicht nur eine Messe der Superlative, sondern auch der Treffpunkt tausender kleiner Ameisen, die sich morgens verschlafen und verkatert den Weg zum Stand ihres Unternehmens bahnen. Eine dieser Ameisen bin ich.

Es ist CeBIT-Sonntag, sechs Uhr dreißig. Die kalten Fliesen im Gästebad erinnern mich daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Gestern war Bergfest. Wie in jedem Jahr habe ich mir vorgenommen, es diesmal bleiben zu lassen. Dass der erste Charter-Bus zurück erst um 24 Uhr geht, habe ich wie immer vergessen.

Den Menschen im Spiegel kenne ich nicht, wasche ihn aber trotzdem. Rein in das Eterna-Hemd, dessen dezentes ‘e’ auf der Brusttasche mich von jenen Business-Frischlingen unterscheidet, die ein Billighemd mit Firmenlogo tragen müssen, das unser Marketing unter Verwendung hunderter Designstudien für das Messepersonal entworfen hat. In diesem Jahr hat mich die Tatsache gerettet, dass mir italienisches XL nicht passt. Bereits am ersten Messetag habe ich das Hemd mit Firmenlogo gegen einen Kugelschreiber getauscht, der blinkt, wenn im Umkreis von fünf Metern ein Handy klingelt, auf der CeBIT also eigentlich immer.

Auf dem Weg zum Bahnhof fällt mir ein, dass heute der Tag ist, an dem die Jäger und Sammler in die Hallen strömen. Darunter auch die Spezies der Beutelratte. Man erkennt sie an den Beuteln und Tüten, die sie ständig mit sich herumschleppt und mit Prospekten, Datenblättern und anderem Krimskrams füllt - bis sie platzen. Dann schnappt sich die Beutelratte die nächste Tüte. Hat sie schließlich so viele Beutel gefüllt, dass sie kaum noch laufen kann, beginnt sie den jeweils ältesten abzustoßen. Da die beladene Beutelratte auf Rolltreppen leicht ins Straucheln kommt, sollten Nebenstehende stets auf einen Sicherheitsabstand achten.

Weniger gefährlich, aber nerviger ist der Pin-Jäger. Er ist meistens weiblich, mittleren Alters oder jung und männlich. Der Pin-Jäger geht wie die Beutelratte alleine oder paarweise auf die Pirsch. Eine weitere Messe-Spezies ist der Mousepad-Grapscher. Er tritt immer in kleinen Rudeln auf. So ein Rudel verteilt sich in Sekunden über den Stand. Einzelne Rudelmitglieder versuchen dann, die Aussteller in Fachgespräche zu verwickeln, während die anderen unbeobachtet alles einsammeln, was nicht am Stand festgetackert ist.

Artverwandt mit dem Mousepad-Grapscher ist das Container-Schweinchen. Es handelt sich dabei um einen Grapscher, der sich aus dem Rudelverbund gelöst hat, um die kleinen Container zu durchschnüffeln, in denen die Aussteller ihre Privatsachen verstauen, in denen aber auch gelegentlich Werbeartikel zu finden sind. Die Wanderheuschrecke wiederum tritt in mittleren bis großen Schwärmen auf, überfällt ohne Vorankündigung einen Messestand und vertilgt in wenigen Minuten sämtliche frei verfügbaren Nahrungsvorräte, um dann ebenso schnell den nächsten Stand heimzusuchen. Auf ihrer Suche nach Nahrung verschmäht sie natürlich auch kleinere Werbeartikel nicht. Dadurch wird sie mitunter mit dem Mousepad-Grapscher verwechselt.

Am umgänglichsten sind die Sehleute, die ‘einfach nur mal schauen’ wollen. Sie stören eigentlich nur durch ihre Anwesenheit. Sehleute können auch Fragen stellen, verstehen aber die Antworten nicht. Viele sind bereits jenseits der 50, was Fachleute zur Annahme verleitet hat, es handle sich um domestizierte Wanderheuschrecken. Untermauert wird diese Annahme durch die Tatsache, dass Sehleute rudimentäre Verhaltensweisen der Wanderheuschrecke zeigen, etwa eine Vorliebe für Kaffee und Kekse, die man ihnen aber anbieten muss.

Eine mittlerweile gefährdete Art ist der Goldhamster. Er jagt zumeist alleine. Seine Jagdmethode ist relativ einfach. Ein Aussteller wird in ein Fachgespräch verwickelt, um Interesse an Produkten und Dienstleistungen vorzutäuschen. Hierbei fällt auf, dass der Goldhamster selbst grobe technische Irrtümer des Ausstellers nicht bemerkt und geneigt ist, selbst über die dümmsten Witze noch zu lachen. Ziel ist es, den Aussteller so einzuwickeln, dass er nach einer gewissen Zeit ein wertvolles Werbegeschenk herausrückt. Zur Unterstützung dieser Zermürbungstaktik verwendet der Hamster Knoblauchdragees und knallbunte Hawaii-Hemden, die am Kragen mit viel zu kurzen komplementärfarbenen Krawatten zusammengebunden sind. Diese Reizüberflutung soll die Aussteller willenlos machen.

Während ich noch über weitere Untergruppen philosophiere, fährt der Zug in den Messebahnhof ein. Schnell noch die Messezeitung geschnappt und schon schlägt mir der Muff von 20 000 Quadratmetern Einwegteppich entgegen. Fünfzehn Minuten vor Messebeginn sind die ersten Mousepad-Grapscher schon am Stand eingetroffen. Ich hole mir noch schnell einen Kaffee und versuche den letzten Rest Müdigkeit zu vertreiben, um gewappnet zu sein für nervenaufreibende neun Stunden. (em)


1. Machen Sie Messepersonal höflich, aber bestimmt auf sich aufmerksam. Hilft dies nicht, wird ein Ziehen am Jackett oder Ärmel oder ein Kniff in den Po von Hostessen immer gern gesehen.

2. Wenn Sie kein Werbegeschenk auf dem Tresen finden, schauen Sie in den kleinen Containern nach. Zwischen den privaten Sachen der Mitarbeiter findet sich immer ein interessantes Accessoire.

3. Am letzten Tag verkaufen wir alle Standgeräte für einen Bruchteil der Neukosten. Alles muss raus! Monitore, Faxgeräte, Mobiltelefone, Server, Kühlschränke und insbesondere die Hostessen, die zum Schluss völlig abgegrapscht sind. Auch wenn wir sagen, dass wir nichts verkaufen, bitte bleiben Sie am Ball. Fragen Sie am besten alle Mitarbeiter, nicht jeder weiß wirklich Bescheid.

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  1. Drei goldene Regeln für CeBIT-Besucher
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