Obwohl schon für den Sommer angekündigt, kommen die kommerziellen Peer-to-Peer-Börsen nicht in Gang. Stattdessen greifen Musik- und Videofans zu einer Vielzahl kostenloser Dienste und tauschen weiterhin fröhlich MP3-Songs und zunehmend häufiger ganze DivX-Filme. Wo die Videos sind, wo sich Musik versteckt - die Tauschbörsen mussten im c't-Test zeigen, was sie ‘draufhaben’.
Vor einem Jahr war die Welt noch in Ordnung: Wer einen MP3-Song suchte, startete die Peer-to-Peer-Tauschbörse Napster und hatte das gesuchte Lied - je nach Internet-Anbindung - innerhalb von Minuten auf der Festplatte. Kein Wunder, dass die Musikindustrie auf die Barrikaden ging und Napster nach langen Kämpfen vor amerikanischen Gerichten niederrang. Aber schon zu Zeiten Napsters schossen neue Tauschbörsen wie Pilze aus dem Boden [1]. Doch diese beschränken sich nicht nur auf Musiktausch: Auch aktuelle Kino-Blockbuster und die neuesten DVD-Ripps finden ihren Weg durchs Internet [2]. Wer Dateien lediglich herunterlädt ohne selbst welche anzubieten, braucht dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben.
Insbesondere Gnutella wurde von vielen schnell als unbesiegbarer Napster-Ersatz angesehen, weil das verwendete Protokoll keinen zentralen Server zur Indexierung aller verfügbaren Daten vorsieht, sondern jeden Rechner gleichermaßen zum Server und Client macht. Vom vollständig anonymisierenden Freenet (www.freenet.org) spricht indes kaum noch jemand: Das Projekt ist für den gemeinen Tausch-Börsianer eher ungeeignet. Doch inzwischen schicken sich einige andere Ersatz-Napster an, Gnutella den Rang abzulaufen.
Die Plattenindustrie sieht angesichts der stetig wachsenden Beliebtheit der Tauschbörsen ihre Felle davonschwimmen. Statt potenzielle Kunden möglichst schnell mit eigenen Angeboten aus der rechtlichen Grauzone der Peer-to-Peer-Dienste zu locken, versucht sie, die eigenen Erzeugnisse verstärkt durch Kopierschutz zu sichern und den unliebsamen Tauschbörsen auf rechtlichem Wege beizukommen.
Im Hintergrund werkeln die Plattenlabels an aufwendigen Lizenzierungsdiensten, die eine unkontrollierte Verbreitung der Inhalte im Internet durch digitales Rechtemanagement (DRM) verhindern sollen. Doch selbst in diesem Bestreben bilden die Plattenmultis keine einheitliche Front: Mit PressPlay (Sony, Universal) und MusicNet (BMG, Warner, EMI) haben sich die Big Five der Musikbranche in zwei Lager gespalten. Für den redlichen Kunden bedeutet dies, dass er seinen Musikbedarf in Zukunft kaum aus einer Quelle decken können wird - wenn sie denn endlich sprudeln würden.
Zumindest in den USA können seit Anfang Dezember MusicNet-Inhalte über den RealOne-Dienst von Real Networks zu einem monatlichen Abo-Preis von 9,95 US-Dollar bezogen werden. Die Kunden dürfen dafür 100 Lieder als Audio-Stream einmalig abrufen und 100 weitere Lieder herunterladen - allerdings nur in einem DRM-geschützten Format, das das Abspielen lediglich für 30 Tage erlaubt.
Abo-Modelle mit monatlicher Abbuchung, proprietäre Audio-Formate und eingeschränkte Nutzbarkeit dürften die Attraktivität der kommerziellen Angebote empfindlich stören und die User kaum an die Dienste fesseln - zumindest solange kostenlose Alternativen bestehen.
Dabei wäre ein großer Teil der Cyber-Konsumenten durchaus bereit, für den Erwerb von Musik über das Internet ein paar Mark auszugeben - so zumindest das Ergebnis einer Online-Umfrage der Universität Hannover (siehe c't 26/2001, S. 168). In der Zwischenzeit decken Online-Nutzer ihren digitalen Audio-/Videobedarf in zahlreichen Tauschnetzen.
Grundsätzlich ist zwischen zentral und dezentral verwalteten Tauschbörsen zu unterscheiden: Erstere erfassen das Datenangebot mit einem so genannten Index-Server, der zudem als Suchmaschine dient. Derartige Systeme sind leicht angreifbar und lassen sich per richterliche Verfügung abschalten. Bei dezentral organisierten Systemen ist im Idealfall jeder einzelne Client auch Server, der weiß, welche Daten wo zu finden sind. In Realität geht dies mit einer Reihe von technischen Problemen einher, weswegen man bei der Umsetzung einige Zugeständnisse machen muss.
Auch wenn die Tauschbörsen technisch sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen, haben die Client-Programme doch viele Gemeinsamkeiten: Die meisten geben nach einer Suchabfrage mittels farbigen Symbolen wie Balken oder Sternchen vage Anhaltspunkte zur Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Downloads. Nur fünf Programme (Direct Connect, Hotline, WinMX, Filetopia und Aimster) sind präziser: Sie zeigen an, ob man warten muss und in welcher Position man sich innerhalb der Warteschlange befindet. Eine Eingrenzung auf bestimmte Bitraten bei der MP3-Suche unterstützen gerade einmal die Hälfte der Tauschbörsen, einzig die FastTrack-Clients geben sogar Auskunft über die Auflösung von Videofilmen.
Bis auf Audiogalaxy sind alle Angebote zum Tausch beliebiger Dateitypen geeignet. Die meisten taugen übrigens zu weit mehr als dem reinen Dateiaustausch: Entweder gibt es die Möglichkeit, private Mitteilungen an die Tauschpartner zu senden, oder gar eine volle Chat-Funktion.
Einige Programme bieten Filterfunktionen, um bestimmte Dateitypen oder pornografische Inhalte aus den Suchergebnissen auszublenden. Lediglich iMesh setzt Letzteres sinnvoll mit Passwortschutz um. Bei allen anderen Programmen ist die Filterung ‘freiwillig’ und kann von jedem deaktiviert werden.
Alle Clients der untersuchten Tauschbörsen sind kostenlos, häufig aber werbefinanziert und mit Adware gespickt, damit die Anbieter ihre Dienste überhaupt finanzieren können. Die meisten Tausch-Börsianer dürften sich von den mitunter recht hartnäckigen Werbebotschaftern durchaus gestört fühlen.
Den kompletten Artikel finden Sie in c't 26/2001 ab Seite 158.
[1] Erik Möller, Kopieren ohne Grenzen, Dateien tauschen in Peer-to-Peer-Netzen, c't 6/01, S. 150
[2] Dr. Volker Zota, Moviez zum Nulltarif, Raubkopierte Filme im Internet - die Filmindustrie hat ein Problem, c't 3/01, S. 90
[3] Technische Informationen zu Gnutella: www.grouter.net/gnutella/flowcntl.htm
[4] eDonkey-Protokoll: www.edonkey2000.com/overview.html#how
[5] RIAA-Memo: www.dotcomscoop.com/riaamemo.html
[6] http://gift.sourceforge.net/press_9_29_01.html
[7] Dietrich Harke, Musikkopien - illegal?, Zum Download von MP3 und zum Kopieren von Musik-CDs, c't 5/00, Seite 112
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