"The Art of Engineering and the Engineering of Art": Ivan Sutherland in Lüneburg

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Im Rahmen der 20. HyperKult plauderte der Computerpionier über das Leben, die Kunst und die Verantwortung für die Zukunft.

Deutschland ist im Sommer 2011 eine Reise wert: Während es Computerpionier Alan Kay nach Potsdam verschlägt, trat sein Lehrer Ivan Sutherland in Lüneburg auf. Im Rahmen der 20. HyperKult plauderte der 73-Jährige über das Leben, die Kunst und die Verantwortung für die Zukunft.

Mit Ivan Sutherland näherte sich der Mensch dem Computer auf neue Art an. Waren zuvor Lochkarten, Lochstreifen oder Magnetbänder im Einsatz, die den Computer mit aufgezeichneten Befehlen und Daten fütterten, reichte bei seinem Sketchpad ein Kasten voller Tasten und ein Lichtgriffel aus. Das System, das Sutherland im Jahre 1962 für seine Dissertation entwickelte, eröffnete noch vor der Maus eine andere Art der Interaktion von Mensch und Maschine. Noch der etwas später gedrehten Fernsehdokumentation ist die Euphorie anzumerken, die Sutherlands Arbeit damals auslöste.

Das Sketchpad-System von Sutherland wurde niemals in Großserie gebaut, doch die Erkenntnisse wurden im DEDS/ARTS-System bei der Flugverkehrsüberwachung umgesetzt: Vom Radar kommt ein Analogbild, das gefiltert dargestellt wird, vom Rechner kommen dazu Flugplannummern, Höhenangaben und Flugvektoren, die auf dem Schirm eingeblendet werden. So wurde aus der Not, dass Rechner damals die kompletten Bilddaten nicht verarbeiten konnten, eine Tugend: Die junge Dame, die im Bild links an einem DEDS von Univac sitzt, arbeitete am Urgroßvatersystem der "Augmented Reality" und der Multimedia-Produktion, wie in dieser Sequenz zu sehen ist.

Zu dieser Form der rechnerisch angereicherten Realität lieferte Ivan Sutherland im Jahre 1968 ein zweites Pionierstück, als er das das erste fünktionsfähige Head Mounted Displayentwickelte. Die Aufgabe war, einen Daten-Monitor vor den Augen eines Piloten einzublenden. Die Lösung mag schwerfällig aussehen, doch war sie ein erster Schritt zum Ultimate Display, dass Sutherland in seiner Zeit als ARPA-Koordinator projektierte. In dieser Position war Sutherland unmittelbar nach seiner Promotion der Nachfolger von J.C.R. Licklider, der von der Symbiose Mensch-Computer träumte. In seiner Zeit bei ARPA gehörte Sutherland zu den Menschen, die den Grundstock für das legten, was heute als intergalaktisches Internet unser Leben prägt. Mehrere Jahre lang koordinierte und finanzierte Sutherland die dafür notwendigen Forschungsprogramme, wie er in Lüneburg berichtete: "Ich denke, dass 50 Prozent der Gelder sinnvoll investiert wurden und uns Fortschritt brachten und 50 Prozent reine Verschwendung waren. Aber ich weiß bis heute nicht, welche Hälfte welche ist."

Vergrößern Ivan Sutherland Bild: Detlef Borchers

Der sehr gut besuchte Abendvortrag von Sutherland über sein Leben und Werk sowie die Art und Weise, wie die besten Ingenieursleistungen auch immer große Kunst in sich tragen, wurde vom deutschen Grafikpionier Frieder Nake eingeleitet. Dieser legte sein Redemanuskript und die gebundene Dissertation von Sutherland auf eine Stelle namens "Ablage verboten", was prompt die Hörsaaltechnik außer Gefecht setzte und eine hektische Suche nach dem Hausmeister auslöste. Ingenieurskunst, die solche Schaltungen zuverlässig vor dem unbedarften Redner schützen, ist heute selten, war die erste Message des Abends.

Thema der HyperKult war die Trivialisierung durch Technik mit allen Licht- und Schattenseiten. Sutherland näherte sich dem Thema über seine Erfahrungen mit Sketchpad: Was mit dem Griffel auf dem Kathodenstrahlbildschirm wie wackelig auch immer gezeichnet wurde, wurde von der Programmlogik des Computers, dem Constraint Programming zum ordenlichen Kreis oder zum gleichschenkeligen Dreieck gerechnet. Hinter der Arbeit mit dem Lichtgriffel liegt eine Struktur programmierter Logik, die in der Interaktion für den Menschen nicht sichtbar ist. Das hat Folgen für den Inhalt: Wer nicht weiß, dass die Informationen zur Formatierung eines Textes zusammen mit dem Absatzzeichen gespeichert werden, kämpft beim Löschen dieses Zeichens mit für ihn rätselhaften Textveränderungen. Sein Fazit vom Umgang mit dem trivialen Computer: "Sie erzählen uns nichts über die Struktur ihrer Programme und dafür müssen wir bezahlen", lautet Sutherlands Fazit der Lektion in Sachen scheinbar einfacher Benutzerführungen.

Für seine Intepretation des Ingenieurwesens als Kunst, die nicht den Vergleich zur Kunst in Malerei und Musik zu scheuen braucht, zog Sutherland Beispiele aus der von Ingenieuren geprägten Architektur heran. Der Eiffelturm mit seinen Verästelungen, die Golden Gate Bridge oder die Brooklyn Bridge mit ihren Seilen sind ästhetisch schön, obwohl die technischen Anforderungen der Verbindungssteifigkeit die Lösungen prägten. Sutherland blieb nicht bei seinen Kunstbetrachtungen stehen, sondern verwies darauf, dass die Golden Gate Bridge mitten in der Depression gebaut wurde und vielen Menschen Arbeit brachte. "Die harten Fragen sind die politischen Fragen, nicht die Frage, wie wir eine Brücke bauen sollen, sondern wie wir die Gesellschaft ordentlich bauen, dass wir den nachfolgenden Generationen eine lebbare Welt hinterlassen." Gegen die Trivialisierung führte er die Serendipität an, die zu neuen Ufern führen kann.

Davon entfernt, das Leben abgeklärt aus dem Schaukelstuhl zu betrachten, forscht Sutherland an dem von ihm gegründeten Asynchronous Research Center der Portland State University. Das Center ist auf der Suche nach der "Freiheit von der Tyrannei des Zeitzählers", der in allen Computern tickt und den Takt für alle Subsysteme vorgibt. Asynchrones Computern soll in der Zukunft zu einer drastischen Reduktion des Stromverbrauches führen. "Computer werden mehr wie in einer zivilisierten Gesellschaft organisiert sein, in der die Zeit für viele anders geht," so hatte Sutherland zu Beginn seines Vortrages die Forschung des Institutes beschrieben. Eine überlebensfähige Zivilisation als Ziel, in der viele eigene Zeiten und Schwungsysteme haben, die sich gegen die Trivialisierung sperren, so könnte man die Serendipität nach Sutherland definieren.

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