11.09.2008
Industrie und Handel beklagen sich über Wirtschaftskriminalität und Spionage unter Konkurrenten – und greifen zur Selbsthilfe: In zahlreichen Unternehmen gibt es eigene Sicherheitsabteilungen, an deren Spitze oft ehemalige Polizisten stehen. Sie arbeiten branchenübergreifend zusammen und verbünden sich mit Sicherheitsbehörden. Und sie nutzen für ihre Arbeit häufig Ermittlungsprogramme, die ursprünglich für die Polizei gedacht waren.
Die Hella KGaA Hueck & Co im westfälischen Lippstadt ist ein Beispiel dafür, wie so etwas funktioniert. Der etwa 100 Jahre alte Familienbetrieb mit den drei Geschäftsfeldern Automotive Electronic, Licht sowie Herstellung und Handel mit Zubehör ist für seine Xenon-Scheinwerfer bekannt, aber auch für das erste ASR-System für frontgetriebene Fahrzeuge oder den ersten Batteriesensor. Solcherlei weckt Begierden: Zweimal in den vergangenen vier Jahren haben Diebe Netzwerke gegründet und Hella bestohlen. Aber beide Gruppen flogen auch mit Hilfe von Software auf.
Um dem Scheinwerferschwund auf die Spur zu kommen, hatten die Mitarbeiter der vor sechs Jahren bei Hella gegründeten Sicherheitsabteilung zuerst die Ware bei den einzelnen Prozessen nachgezählt, sechs Wochen lang täglich den Bestand geprüft, Warenein- und Ausgang kontrolliert und die Bewegungen möglichst schnell verbucht. Sie entfernten begehrte Teile aus Kommissionsflächen und stellten jeglichen Ausschuss sofort sicher. Eine Vorsichtsmaßnahme, um keine Unschuldigen zu verdächtigen oder sich mit falschen Anschuldigungen bei der Polizei zu blamieren.
"Damals stellten wir unser Lagerbewirtschaftungssystem auf SAP um, und darum hätte es auch sein können, dass wir in Wirklichkeit gar keinen Schwund hatten, sondern dass die Zahlen einfach darum nicht stimmten, weil bei einer solchen Umstellung schon mal Falschbuchungen vorkommen können", erinnert sich Hans-Günter Laukat von der Sicherheitsabteilung. Aber sie konnte sich davon überzeugen, dass der Schwund nicht virtuell, sondern sehr real war. – Seitdem wird viel mehr intern geprüft, bei manchen Produkten gibt es jede Woche eine Inventur.
Als dennoch der Schwund nicht nachließ, begann die Sicherheitsabteilung neben der betriebsinternen Überprüfung auch extern mit der Suche nach den verschwundenen Gegenständen, vor allem auf Auktionsplattformen wie eBay. Dort schauten die Mitarbeiter nach allem, was häufig abhanden kam, also neben Scheinwerfern auch nach elektronischen Vorschaltgeräten, Gasentladungslampen und Brennern. Die Suche per Handarbeit war aber ziemlich mühsam, darum wurde vor drei Jahren Baywotch angeschafft. Die eBay-Beobachtungssoftware besteht aus einer Suchfunktion und einer Datenbank, in der sich Auktionen samt Artikelbeschreibung und Bild speichern lassen.
Eigentlich sollen beispielsweise potenzielle Verkäufer mit Baywotch auf der Auktionsplattform beobachten können, ob gerade ähnliche Artikel wie ihre ihre angeboten werden. Die Hella-Mitarbeiter aber suchten nach allem, was zwischen Lippstadt und Moskau abhanden gekommen war. Was sie fanden, verfolgten sie über eine Schnittstelle zur eBay-Datenbank zurück und prüften dort die Historie der Verkäufer: Auktionen, Umsätze, Zahl der Verkäufe, genaue Artikelbezeichnungen, außerdem die Bankverbindung, sofern sie angegeben wurde. Und wenn dieselben Telefonnummern, Adressdaten, Bankverbindungen oder auch bestimmte Artikel bei mehreren Verkäufern auftauchten, dann war klar, dass eine Verbindung zwischen ihnen bestand, manchmal handelte es sich auch um ein- und dieselbe Person. Danach zogen die Hella-Mitarbeiter Datenbanken und Visualisierungssoftware heran, um die Struktur der Diebesbande aufzudecken, und ein Geoinformationssystem, um ihre Aktionen zu lokalisieren.
Vom britischen Unternehmen i2 Ltd. stammen die Ermittlungsprogramme Analyst's Notebook, Analyst's Workstation sowie iBase. Die Programme nutzen nach Unternehmensangaben Analysten und Ermittler in mehr als 2000 Organisationen in über 100 Ländern, darunter alle britischen Polizeibehörden, Interpol, Europol und die NATO, aber auch Wirtschaftsunternehmen wie etwa Banken. Die Visualisierungs- und Analysesoftware Analyst's Notebook gibt es seit 1990, bei Hella ist sie seit vier Jahren im Einsatz. Mit ihr lassen sich etwa menschliche Netzwerke darstellen und untersuchen, indem Menschen und Gegenstände wie zum Beispiel bei eBay angebotene Waren eingepflegt und mit Linien verbunden werden.
Mit Hilfe weiterer Programme lassen sich noch mehr Datenquellen einschließen oder auf sie verweisen. Mehrere Datenbankprogramme sind mit Analyst's Notebook kompatibel, zum Beispiel ist es Teil von rsCASE. Während rsCASE auf Oracle basiert, hat i2 im Jahr 1995 die SQL-basierte Datenbank iBase herausgebracht. Mit beiden lassen sich Daten speichern und importieren, und vor allem können mehrere Nutzer auf sie zugreifen.
Mit diesen Werkzeugen haben die Mitarbeiter von Hellas Sicherheitsabteilung die Struktur der kriminellen Gruppe in Ansätzen darstellen können, erweitert durch die Geoinformationssoftware MapInfo. Mit diesem Kartografieprogramm können Karten erstellt werden, in die geschäftliche und geografische Daten eingepflegt werden können. Die Software ist mit diversen Datenbanken kombinierbar, zum Beispiel mit iBase, so wie es einige Unternehmen tun. MapInfo ist eigentlich für die Standortplanung gedacht, aber damit lässt sich auch angeben, in welchen Niederlassungen es besonders viel Schwund gibt. So konnten die Sicherheitsbeauftragten von Hella nachschauen, ob etwa eBay-Verkäufer, die just solche verschwundenen Gegenstände verkaufen, nicht "zufällig" an denselben Orten leben.
Nach etwa zwei Monaten waren sich die Sicherheitsspezialisten bei Hella sicher: Bei ihnen war eine gut organiserte Gruppe von Dieben und Hehlern am Werk, darunter auch einige Hella-Mitarbeiter. Das Unternehmen erstattete Anzeige und konnte die Polizei mit Hilfe der Ermittlungssoftware überzeugen, dass es sich in dem Fall um organisierte Kriminalität und Bildung einer kriminellen Vereinigung handelt. Es liefen mehrere Verfahren, zwölf Personen wurden verurteilt.
Heutzutage läuft der PC in Hella Sicherheitsabteilung sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag und durchsucht das Internet nach möglichem Diebesgut, aber es gibt nach Angaben der beiden Sicherheitschefs keine nennenswerten Schäden mehr.
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