Lange Zeit galten Handys als gefährliche Störer der Flugzeugelektronik. Doch nun sollen Passagiere auch während des Fluges nach Herzenslust telefonieren dürfen. Die Weichen dafür hat der Gesetzgeber bereits gestellt.
Air-France-Flug AF 5489 von Hannover nach Paris: „Sehr geehrte Damen und Herren, wir möchten Sie darauf hinweisen, dass das Telefonieren per Mobiltelefon an Bord dieses Airbus A318 erlaubt ist, sobald wir eine Flughöhe von 3000 Metern erreicht haben. Bitte verwenden Sie zum Verbindungsaufbau die internationale Vorwahl des Landes, in dem sich Ihr Gesprächspartner befindet. Die Abrechnung erfolgt über Ihren Mobilfunk-Provider. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug. Mesdames et messieurs …“
Was vor einigen Jahren noch undenkbar schien, dürfte in wenigen Monaten Standard in vielen kommerziell eingesetzten Flugzeugen sein: Die Nutzung des eigenen Handys während des Fluges für Telefonate und den Versand oder Empfang von Text- und Bildnachrichten. Hatte die Behörde für zivile Luftfahrt in Großbritannien (CAA) noch im Jahr 2003 eindringlich davor gewarnt, Mobiltelefone während des Fluges zu verwenden, weil dadurch die Funktionstüchtigkeit von Navigationsgeräten und Instrumentenlandesystemen beeinträchtigt werde, gibt es inzwischen keine gravierenden Sicherheitsbedenken mehr – auch in Deutschland nicht.
Grundlage für die neue Freiheit über den Wolken sind hierzulande im März in Kraft getretene Änderungen der Luftfahrzeug-Elektronik-Betriebs-Verordnung (LuftEBV), die Ausnahmen vom grundsätzlichen Verbot einer Nutzung von Mobiltelefonen in Flugzeugen vorsehen, wenn Fluggesellschaften dafür die technischen Voraussetzungen schaffen. Dazu gehört unter anderem, dass im Flugzeug eine Basisstation installiert sein muss, über die sämtliche Sprach- und Datenverbindungen der Passagiere abgewickelt werden. Mittels eines emulierten Mobilfunknetzes wird dabei verhindert, dass an Bord eingeschaltete Handys versuchen, sich mit terrestrischen Netzen zu verbinden und dabei die empfindliche Avionik der Flugzeuge stören.
Vorbild ist das gemeinschaftlich vom Flugzeugbauer Airbus und dem Luftfahrt-IT-Dienstleister SITA entwickelte OnAir-System, das bereits die Zulassung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) erhalten hat – und auf das unter anderem Air France und die Billigfluggesellschaft Ryanair setzen. Die Verbindung zur Erde erfolgt bei OnAir über den Satellitenkommunikationsdienst SwiftBroadband (SBB) von Inmarsat. Die Franzosen testen das System bereits seit Dezember vergangenen Jahres, beschränken die Nutzung aber derzeit noch auf SMS und MMS. Ab Juni sei eine „kontrollierte“ Ausweitung auf Sprachverbindungen vorgesehen, heißt es in Paris. Wird dadurch allerdings das Wohlbefinden der Fluggäste beeinträchtigt, kann die Crew den Service kurzerhand per Knopfdruck beenden.
Belästigungen durch nervige Vieltelefonierer fürchtet auch Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty, weshalb es bei der Kranich-Airline auch weiterhin keine Mobilfunkgespräche während des Fluges geben soll. Lufthansa konzentriere sich vielmehr auf die Wiedereinführung von schnellen Internetverbindungen für Passagiere auf Langstreckenflügen, sagt Lamberty. Dafür komme ein schmalbandiger GSM/GPRS-Zugang wie beim OnAir-System nicht in Frage. „Wir wollen unseren Gästen ein DSL-Gefühl wie beim früheren FlyNet-Dienst vermitteln“, verdeutlicht der Lufthansa-Sprecher. Bei FlyNet, das auf dem Connexion-System von Boeing basierte, war ein Datendurchsatz von mindestens 5 MBit/s möglich. Boeing stellte den satellitengestützten Internetdienst jedoch Ende 2006 aus Kostengründen ein.
Die arabische Fluggesellschaft Emirates Airlines, deren mehr als einhundert Großraumflugzeuge mit Kommunikationstechnik für Satellitentelefonie (Classic Satcom) ausgestattet sind, nutzt die vorhandene Infrastruktur hingegen jetzt auch für „normale“ Mobiltelefongespräche an Bord. „Wir haben uns dabei für den britischen Anbieter AeroMobile entschieden, weil dessen System das einzige war, welches rückwärtskompatibel zur bereits installierten Hardware ist“, erläutert Patrick Brannelly, Leiter des Bereichs „Passenger Communications & Visual Services“ bei Emirates, gegenüber c't. Wie bei OnAir werden auch beim AeroMobile-System die Flugzeugkabinen in Pico-Zellen umfunktioniert, was dafür sorgt, dass Handys nur mit etwa einem Tausendstel der auf der Erde üblichen Leistung funken.
„Eingeschaltete Mobiltelefone an Bord registrieren nur das AeroMobile-Netz“, erklärt Brannelly. „Die Vermittlung von Gesprächen und Textnachrichten erfolgt über die vorhandene Satellitenkommunikationstechnik via Inmarsat“. Künftig will Emirates pro Monat zwei bis drei Flugzeuge mit der AeroMobile-Technik nachrüsten. Die Kosten für den Passagier richten sich nach den Roaming-Preisen des jeweiligen Mobilfunkproviders. Emirates, das eigenen Angaben zufolge keinen Einfluss auf die Preisgestaltung hat, rechnet mit durchschnittlichen Minutenpreisen von 3,50 bis 4,00 US-Dollar. „Wir sehen dies als Investition in den Service, nicht als Profitmöglichkeit“, versichert der Emirates-Manager. „Aber natürlich freuen wir uns, wenn sich Passagiere auch wegen der Kommunikationsmöglichkeiten dazu entschließen, mit Emirates zu fliegen.“
Dass in näherer Zukunft wieder ein Anbieter auftritt, der einen zuverlässigen und global verfügbaren Breitband-Internetdienst für Flugzeuge vermarkten wird, glaubt man bei Emirates unterdessen nicht. „Wir schauen uns zwar um“, sagt Brannelly, „die Erfahrung hat aber gezeigt, dass nur wenige Passagiere bereit sind, 30 US-Dollar für Internet auszugeben. Und ohne eine große Nachfrage lässt sich ein solcher Dienst nicht wirtschaftlich betreiben.“ Gut möglich also, dass die Lufthansa noch länger nach einem geeigneten Breitband-Partner suchen muss – und dass die Konkurrenz in der Zwischenzeit mit schmalbandigen Kommunikationslösungen beim Kunden punktet. (pmz)
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