05.11.2003
Krach um VeriSign gibt es dauernd: Mal werden die Kunden der Konkurrenz mit dem Hausregistrar Network Solutions (Netsol) angeschrieben, dann soll eine exklusive Vermarktung ausgelaufener Domains etabliert werden und dann werden Domainvertipper kurzerhand auf die eigenen Sitefinder-Seiten umgeleitet. Über all dem gerät leicht in Vergessenheit, dass VeriSign mehr ist als eine Domainregistry. Schon jetzt kommt ein beträchtlicher Teil der Einnahmen aus Telekommunikations- und Securitydienstleistungen. Im kommenden Jahr will das Unternehmen den Strafverfolgern in Europa ein Mobilüberwachungssystem verkaufen und hat sich mit dem Stuttgarter Sparkassenverlag einen deutschen Zertifizierungspartner an die Seite geholt.
Unter Netdiscovery läuft VeriSigns Überwachungskonzept für Sprache, Daten und Email. VeriSigns EMEA-Chef, der Elsässer Francois Stieger, sagte gegenüber Journalisten in München: "Ich möchte Netdiscovery im nächsten Jahr ein bis zweimal in Europa platzieren." Das VeriSign Service Bureau soll Behörden und Unternehmen Auslesen und Übergabe der Daten abnehmen und dabei jeweils die notwendigen Anpassungen und Updates vornehmen. Kosteneffizientes Abhören in den komplexer werdenden Netzwerken ist in Europa gefragt, sagt der Instinkt fürs Geschäft und Stieger, der VeriSign Europa von Genf aus dirigiert, setzt darauf, dass sich die Behörden auf Standards einigen werden. In der vergangenen Woche hat er ein Treffen von Polizeivertretern aus den USA und Europa beim Club of Genf besucht und stellt fest: "Alle haben die gleichen Probleme."
Konvergenzprodukte
Netdiscovery ist Stiegers Vorzeigeprojekt. Sein Chef, US-CEO Stratton Sclavos, warb aber darüber hinaus gegenüber dem Wall Street Journal für eine Reihe weiterer neuer Dienste, mit denen man auch die letzten 30 Millionen US-Dollar Nettoverlust des letzten Quartals noch ausbügeln und in die Gewinnzone kommen möchte: Ein Frühwarnsystem für Computerviren, eine zentrale Rufnummerndatenbank und Routingdienste, die klassischen Telefoncarriern helfen sollen, die Grenzen vom Switched Network zum IP-Netz zu überspringen. "Voice over IP ist ein Schlüssel in unserer Strategie", so Stieger, "wir können auch ein Telco werden." Deutschland-Chef Marcus Ross präzisiert: "Konvergenz ist auf jeden Fall klar das Thema." All die neuen Dienste bauen auf VeriSigns herausgeputztem Advanced Transaction Lookup and Signaling System ATLAS auf.
Mit ATLAS habe man die Kapazität der 13 Rechenzentren für mögliche Transaktionen von 10 Milliarden pro Tag auf 100 Milliarden aufgerüstet. Eine Menge sei das, sagt Ross, wenn man bedenke, dass man es in Deutschland auf rund 25 Millionen Kreditkartenabwicklungen im Jahr bringe. Um sich so etwas leisten zu können habe VerisSign in miesen Zeiten investiert und jetzt hält man im Unternehmen die eigenen Profiterwartungen für mehr als berechtigt.
Sitefinder als Testfall
Vor diesem Hintergrund darf man VeriSigns Ärger darüber zu verstehen, dass der erste neue ATLAS-Dienst furchtbar Baden ging: Der SiteFinder. Das Unternehmen hatte die Umleitungen von Domainvertippern und nicht registrierten Domains auf die eigenen Seiten nach Protesten und einem Ultimatum der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) zurückziehen müssen. "Wir sind bestraft worden, und wir haben das auch verdient", sagt Stieger. Fehler in der Kommunikation hätten die Angst genährt, dass "VeriSign ein Biest im Schrank hat, und wenn man das raus lässt, dann ist es passiert." Stieger und seine Vorstandskollegen wollen nun lernen, den Schrank langsam zu öffnen und auch wieder zu schließen.
Ein neues Einführungsdatum gibt es unterdessen noch nicht. Auf den Dienst verzichten wird VeriSign aber kaum. "Da steckt Marktpotenzial drin," so Stieger. "Sitefinder ist ein Testfall für weitere Dienste. Stockt schon der, macht das keinen guten Eindruck auf die Aktionäre."
Eine Frage der Innovation
So sind die Debatten um Sitefinder und WLS ein Vorgeschmack auf mehr. Für VeriSign ist die Sache klar: Im Kern geht es um die Innovation der Infrastruktur. Überall im Netz passiert Innovation, sagen Stieger und Ross, nur nicht in der DNS-Infrastruktur. Dabei wäre genau das dringend notwendig: "Es ist wie mit der Stromleitung. Die kann man auch nicht ewig mehr belasten, ohne sie mal zu erneuern", erklärt Stieger. "ICANN muss auch lernen, dass man nicht einfach dasitzen kann und warten bis etwas passiert und dann mit dem Finger auf uns zeigen und sagen, dies dürft ihr nicht und das dürft ihr nicht."
Dass ein neues Produkt wie Sitefinder eine ganze Phalanx von Anwendungen stört und andere auf dem DNS ansetzende Innovationen hemmt, das haben die IAB-Experten Steve Bellovin und John Klensin der VeriSign-Spitze vorgehalten. Allerdings ohne großen Erfolg. Auch Stieger und Ross erinnern lieber noch einmal daran, dass das ganze Root-Server-System eine "kritische Infrastruktur" ist.
Mit dem Vorstoß zur Kommerzialisierung der DNS-Infrastruktur hat VeriSign viel Staub aufgewirbelt. Und wenn das Unternehmen demnächst seine neuesten Geschäftsideen kundtut, dürfte es wieder Kritik hageln. Dem kann Francois Stieger aber sogar etwas Positives abgewinnen: "Wir müssen auch die Stimmen haben, die uns kontrollieren. Sonst werden wir vielleicht das Biest."
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