Versandhaus Quelle: Am Anfang war ein großer Fluss

Wissen | Hintergrund

Das insolvente Versandhaus beendet seinen Ausverkauf. Anlass für einen Blick auf eine etwas andere Computergeschichte. Quelle ist nämlich Pionier des Computereinsatzes im betrieblichen Ablauf.

Das insolvente Versandhaus Quelle, das am heutigen 19. Dezember seinen Ausverkauf beendet, ist Pionier des Computereinsatzes im betrieblichen Ablauf. Das 1956 installierte "Informatik-System Quelle" wurde in der damals modernsten "Paketfabrik" der Welt eingesetzt, in einem eigens für diesen Zweck konstruierten Bau voller Bandanlagen, Kreisförderer und Paternoster, in dem jedes Geschoss bestimmten gesteuerten Abläufen gehorchte. Der Bau (PDF-Datei, Seite 4) ist heute denkmalgeschützt, während von dem bei Standard Elektrik Lorenz (SEL) gebauten Informatik-System nichts mehr übrig geblieben ist. Vereinzelte Hinweise in der wissenschaftlichen Literatur, dass dieser Rechner vom patentierten Namen "Informatik-System" her die Gründung der jungen Wissenschaft der Informatik behinderte, sind alles, was geblieben ist.

Die etwas andere Computergeschichte beginnt im Jahre 1951, als der Versandhändler Gustav Schickedanz mit den Planungen für ein neues Versandzentrum begann. Das "Wirtschaftswunder" hatte begonnen, der Quelle-Versand mit 1,5 Millionen Stammkunden wuchs rasant, bis 1956 sollten den Planungen zufolge 3 Millionen Kunden an der Quelle bestellen. Schickedanz wollte eine Anlage errichten, die täglich mindestens 100.000 Pakete auf den Weg bringen konnte. Er schickte den Konstrukteur Georg Reinicke auf eine Reise durch die USA, wo er die Arbeit der Versandhäuser studieren sollte.

Reinecke hatte schon in der Reichswehr gedient und war in Hitlers Wehrmacht als General bei den Pionieren einer der Cheflogistiker in der Nachschuborganisation des deutschen Heeres. In den USA fand Reinicke nur hilflose Versuche, das Chaos zu bändigen und so machte er sich dran, ein eigenes System zu entwickeln. Reinicke entwickelte ein dreigeteiltes System: ein koordinatengesteuertes Kommissionierungslager, ein "chaotisch" arbeitendes Überfließlager und ein Auslieferungslager, in dem die Bestellungen auf Band so zusammenliefen, das ein Bestellvorgang in einem Packvorgang mündete. "Wie in einem Flußgebiet, in welchem die verschiedenen Wasserläufe aus allen Richtungen ununterbrochen einem Strom zufließen", heißt es lyrisch im Patent von Schickedanz und Reinicke.

Außerdem entwickelte Reinicke mit seinen Ingenieuren eine Warenlagerbeschreibungssprache und zwang die Zulieferer, ausschließlich in Quelle-Normkartons das Lager zu beschicken. Die Beschreibungssprache der "Abflusstechnik" war so präzise, dass Programmierer später, als der SEL-Computer abgelöst wurde, die neuen IBM-Computer aus dem Stand weg einrichten konnten. "Unsere Ablaufprogramme waren streng geheim und Schickedanz verbot es Reinicke, andere Versandhäuser zu beraten", erinnert sich der Unternehmensberater Horst G. Mayer, der damals als Assistent von Reinicke bei Quelle arbeitete. Gleichwohl verbreitete Reinicke seine Ideen über die neue deutsche Wunder-Logistisk im Rationalisierungskuratorium der Deutschen Wirtschaft, in dem die Entwicklung von Hochregallagern normiert wurde.

Die Aufgabe des Computers war es, eine Katalogbestellung, die 1955 durchschnittlich aus 5 Einzelposten bestand, zu serialisieren, fünf maschinell lesbare Warenscheine zu drucken und die Bandsteuerung zu informieren, wann diese Posten zu einer Sendung zusammengeführt werden. Das sollte in maximal 20 Sekunden erledigt sein. Da die Eingabe der Bestellungen parallel an 50 Arbeitsplätzen ablief, mussten die Serien in einem weiteren Schritt optimiert werden, um die Zahl der Lagerzugriffe zu minimieren. Den Auftrag für das System sicherte sich Standard Elektronik Lorenz, wo zu diesem Zeitpunkt Karl Steinbuch arbeitete, der aus Information und Technik das Wort Informatik ableitete: In den SEL-Hausnachrichten von 1957 definierte Steinbuch Informatik als "automatische Informationsverwaltung in der Fabrik der Zukunft". Entsprechend wurde der von Steinbuch und Robert Piloty entwickelte Quelle-Computer in Stuttgart in einem "Informatikwerk" produziert.

"Das Hirn", wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel damals das System nannte, bestand aus einem festprogrammierten 7-Bit Rechner mit einem Ferritkernspeicher (Arbeitsspeicher) von 200 Worten, der mit Germanium-Halbleitern und nicht (wie noch in den USA) mit Röhren arbeitete. Technisch war der Rechner der unmittelbare Vorläufer des SEL Rechenautomaten ER56, mit dem SEL seinen Ausflug in den Computerbau auch schon beendete: Ein von der skandinavischen SAS bestelltes Flugbuchungssystem auf Basis des ER56 entwickelte sich für SEL zu einem Fiasko.

Als Speicher kamen beim Informatik-System Quelle vier von SEL selbst entwickelte Magnettrommeln mit jeweils 320.000 Bit Kapazität zum Einsatz, zur Eingabe gab es zunächst 50, später 400 Arbeitsplätze mit einer siebenstelligen Volltastatur (Saldiermaschine). Zur Ausgabe wurde eine druckende Addiermaschine als "Warenzetteldrucker" verwendet. Die Zuordnung des Artikels zum Preis erfolgte über ein großes Koppelfeld eines Kreuzschienenverteilers und konnte nur halbjährlich zum Katalogwechsel verändert werden. Seine Bewährungsprobe bestand das System im Weihnachtsgeschäft 1957, als die Bestellungen im Rechensaal (PDF-Datei, Seite 9) mit 400 Arbeitskräften abgewickelt werden konnten, exakt einem Drittel des zuvor benötigten Personals. Gleichzeitig verdoppelte sich der Quelle-Umsatz gegenüber dem Weihnachtsgeschäft im Vorjahr.

Als Einzellösung brachte es das "Informatik-System Quelle" zu keinem besonderen Ruhm. Es fand aber weltweit Beachtung, weil mit dem System frühzeitig der Beweis angetreten wurde, dass Computer in der "Prozessteuerung" eingesetzt werden konnten. Dies muss vor dem Hintergrund der 50er Jahre gesehen werden, als Computer als Rechensysteme genutzt wurden und in der Industrie bestenfalls Hollerithmaschinen zum Einsatz kamen. Selbst die analogen Zuse-Rechner, die in der Industrie verwendet wurden, lieferten nur Berechnungen, etwa von Optik-Linsen bei Zeiss. Parallel zum Informatik-System, das Quelle installierte, wurde in Frankfurt mit einer UNIVAC der Einstieg in die DV-Ausbildung abseits der Universitäten gelegt. Wenig später wurde bei der Allianz-Versicherung der erste IBM-Rechner in Betrieb genommen. Von diesen frühen Installationen war das Informatik-System Quelle ein echter Dauerläufer. Das System wurde 16 Jahre lang bei Bestellungen eingesetzt, während das Versandhaus in anderen Bereichen längst moderne Computer verwendete.

Die grundlegende Veränderung des Informatik-Systems begannen, als die Eingabe der Bestellungen von den Anwendern selbst übernommen werden konnten: So experimentierte der Versender frühzeitig mit der Handschriftenerkennung. Die von Quelle 1968 gewonnen Erkenntnisse gestatteten es übrigens später, dass verbesserte IBM-Maschinen bei der Auswertung der Volkszählungsbögen eingesetzt werden konnten.

Der Autor bedankt sich bei Horst G. Mayer, einem der ersten Bediener des Informatik-Systems Quelle, und bei Rudolf Staritz, der einen Rechenautomaten ER56 beim Postscheckamt Nürnberg installierte.

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