Windows XP bringt als gemeinsamer Nachfolger von Windows 9x/ME und Windows 2000 nicht nur technische Neuerungen, sondern seit der Beta 2 auch eine umgestaltete Bedienoberfläche mit. Mit ihr hofft Microsoft, auch PC-Unerfahrenen die Bedienung zu erleichtern. Doch die Beta 2 lohnt auch abseits der neuen Optik eine nähere Betrachtung ...
Windows XP, das bis Anfang Februar noch unter dem Namen ‘Whistler’ bekannt war, soll die bisher mit unterschiedlicher Technik ausgerüsteten Windows-Varianten auf eine gemeinsame technische Basis stellen. Auch für das Privatkunden-(Consumer-)System soll dann die bereits für Windows NT entwickelte Technik den Standard darstellen; das in Windows 9x/ME noch vorhandene DOS schickt Microsoft damit endlich in den verdienten Ruhestand.
Noch ist Windows XP allerdings nicht fertig. Ende März legte Microsoft mit mehreren Wochen Verspätung die zweite Betaversion vor (Build 2462a). Erst in dieser Variante ist die neue Bedienoberfläche mit dem Namen Luna integriert - vorherige einer breiteren Öffentlichkeit zugängliche Testversionen enthielten sie noch nicht. Die nächsten Vorabversionen, die mehr als nur den Beta-Testern offen stehen sollen, dürfte Microsoft im Rahmen eines Preview Program abgeben - es soll für diejenigen, die sich dort registriert haben, den ersten Release Candidate als CD und den zweiten zum Download geben [#literatur [1]] .
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Wer ein Problem mit der neuen ‘Luna’-Optik (links) hat, kann sie abschalten. Ein Teil der neuen Optik bleibt dabei dennoch erhalten. |
Als erste Varianten des neuen Windows sollen die Versionen für den Desktop-Einsatz noch 2001 erscheinen: Die ‘Home Edition’ tritt dabei die Nachfolge von Windows 9x/ME und die ‘Professional Edition’ die von Windows 2000 Professional an. Die Server-Varianten, deren Namen noch nicht feststehen, kommen voraussichtlich nicht mehr 2001 heraus. Auch über Preise und Updatekonditionen ist bei Microsoft noch nichts zu vernehmen.
Ein nicht unwichtiges Detail scheint aber schon festzustehen: Wer als Hobbyist bisher das stabilere NT oder 2000 bevorzugt hat, der dürfte sich über Microsofts Produktpolitik ärgern: Die Home Edition unterstützt lediglich Updates von Windows 9x/ME auf XP, nur die Professional Edition funktioniert als Update zusätzlich auch von NT4 und Windows 2000 aus. Die Unterschiede zwischen den beiden Ausgaben fallen nicht allzu gewichtig aus (siehe Tabelle ‘Home versus Professional’), sodass das Folgende Unterschiede nur im Einzelfall aufzeigt.
Einen neuralgischen Punkt in Windows XP, nämlich die von Microsoft in Office XP eingeführte und auch im Betriebssystem zukünftig integrierte Produktaktivierung, würdigt der folgende Artikel. Er betrachtet neben der juristischen Seite auch die praktischen Auswirkungen, die dieses Verfahren hat - schließlich bindet Microsoft mit der Aktivierung die Windows-Lizenz an die jeweilige Hardware.
Die erste Reaktion der Windows-gewöhnten Kollegen auf die neue Optik der Bedienoberfläche und die an PC-Unerfahrenen ausgerichteten Bedienhilfen fiel nahezu identisch aus. Der Tenor: negativ - zu bunt, zu grell, zu kindlich ... Mancher wähnte sich geradezu bevormundet. Andererseits stellen viele der dargebotenen Funktionen, die man sonst bestenfalls im Kontextmenü findet, einen wirklichen Fortschritt für Einsteiger dar. Bei einem erfahrenen Benutzer kommt das aber wohl nicht an. Speziell die allerorts aufblühenden Sprechblasen überdecken oft Elemente, die man erst nach dem Wegklicken der Blase erreichen kann.
Wer die neue Bedienoberfläche nicht mag, kann sie weitgehend abschalten. Das Angenehme daran ist, dass viele der Neuerungen im Detail dabei erhalten bleiben. Das gilt zum Beispiel für die neue Funktionsweise des Taskbar, der die Fenster einer Applikation, wenn viele Instanzen geöffnet sind, zu einem Button zusammenfasst - ein Klick auf diesen Button zeigt dann eine Liste der Instanzen, etwa der Browserfenster.
Während die neue Optik schon bekannt war, keimten auch Gerüchte, dass XP andere Themes/Skins unterstützen würde. Später hieß es dann, dass Microsoft zumindest weitere Designs (Visual Styles) liefern wolle. Bisher ist mit Ausnahme einer Alpha-Version mit zusätzlichen Styles von den Machern von Window Blinds nichts in Sicht. In Microsofts Beta 2 ist es nicht einmal möglich, das Windows-Farbenspiel zu beeinflussen - wer mit der neuen Optik arbeiten will, ist also auf die grelle Farbwahl Microsofts festgelegt.
Mit der neuen Oberfläche ergeben die Web-Views, die in bisherigen Windows-Varianten eher störend als nützlich waren, plötzlich Sinn: Microsoft nutzt sie, um auch unerfahrene Benutzer auf mögliche Aktionen für im Explorer dargestellte Objekte aufmerksam zu machen. Deutlich wird das zum Beispiel am Ordner ‘Eigene Bilder’, in dem der Benutzer Aufgaben wie Bilder übertragen, als Diashow anzeigen und Abzüge übers Internet bestellen findet. Diese an Aktivitäten respektive Aufgaben orientierte Herangehensweise setzt Microsoft weitgehend kompromisslos auch andernorts um, etwa in der Benutzerverwaltung et cetera - letzten Endes starten dann die sattsam bekannten Assistenten.
Andere wirklich relevante Erweiterungen an der Bedienoberfläche muss man indes suchen. In manchem Kontextmenü finden sich praktische Zusätze, etwa unter ‘Öffnen mit’. XP sammelt dort wie schon Windows 2000 Applikationen, mit denen Dateien dieses Typs bereits geöffnet worden sind. Es kann sich also endlich pro Dateityp mehr als eine bearbeitende Applikation merken und bietet diese auch gleich noch komfortabel an. Mancher mag auch Ergänzungen begrüßen wie die zum Ändern des Symbols von einzelnen Ordnern.
Erstaunlich ist die schnelle Konditionierung des Anwenders auf die XP-Optik. Während dieser Text mit den damit verbundenen Wechseln zwischen Arbeitsplatzsystem (unter Windows 2000) und diversen Test-PCs mit XP entstand, ging die Orientierung im alten System schnell flöten. Die insgesamt gefälliger gestalteten Symbole in XP, das flächige Startmenü mit den zuletzt gestarteten Applikationen und andere Details sorgten letztlich dafür, dass ich unter Windows 2000 schnell etwas vermisste - aller spontanen Abneigung der neuen Optik gegenüber zum Trotz.
Den Desktop hat Microsoft weitgehend leergeräumt. Lediglich der Papierkorb und in der Beta einige Readme-Dateien lungern dort herum. Weder die Netzwerkumgebung noch der Arbeitsplatz liegen noch dort. Letzteren hat Microsoft in das neu gestaltete Startmenü umziehen lassen. Stellt man das Look & Feel der Bedienoberfläche auf ‘klassisch’ um, tauchen die Symbole allerdings an den gewohnten Orten auf dem Desktop wieder auf.
Ähnlich wie schon beim Umstieg von NT4 auf Windows 2000 braucht man bei der neuen Optik in der Anfangsphase etwas länger, um die gewohnten Bedienelemente zu finden. Waren zum Beispiel die Netzwerkeinstellungen bei 2000 nicht mehr in der Systemsteuerung zu finden, sondern über die Eigenschaften des Netzwerksymbols auf dem Desktop zugänglich, finden sie sich in XP wieder in der Systemsteuerung - und zwar nur dort (sie tauchen im neuen Startmenü erst auf, wenn bereits Netzverbindungen bestehen).
Entsprechend der Erbfolge lässt sich XP als Update auf ein bestehendes Windows installieren. Nur wer von Windows 95 oder womöglich 3.1 umsteigt, muss neu installieren - was natürlich auch für alle anderen eine Option ist: Der zu XP gehörende (NT-)Bootmanager nimmt das alte System dann normalerweise in seine Auswahl auf. Ab Windows 98, ME und NT4 klappt die XP-Installation per Update. Da all diese Vorgänger, NT4 ausgenommen, mit anderer Technik arbeiten, muss das Update für jedes Gerät neue Treiber installieren. Damit dieser Prozess gelingt, hat Microsoft das Setup so ausgelegt, dass es sich während einer Update-Installation online selbst aktualisieren und über den normalen Lieferumfang hinaus mit zusätzlichen Treibern versorgen kann.
Voraussetzung für diesen Zugriff auf den Update-Dienst ist natürlich, dass das alte Windows einen funktionstüchtigen Internet-Zugang hat. Inwieweit Microsoft bei der Markteinführung diesen Dienst mit aktuellen Treiberangeboten et cetera bestücken kann, wird man abwarten müssen. Die Bemühungen Redmonds, Treiberentwickler auf XP einzuschwören und die Ambitionen, mehr über problematische Geräte zu erfahren (beim Scheitern einer Geräteinstallation soll man dies an Microsoft melden können), sprechen jedenfalls Bände ...
Der Umstieg von der DOS-Technik eines Windows 9x/ME auf Windows XP stellt eine große Herausforderung dar, bedenkt man, wie lieblos einige Hardware-Hersteller Microsofts jetziges Geschäftskundenbetriebssystem Windows 2000 mit Treiber bestücken. Die Treiberversorgung ist die Achillesverse von Windows XP: Kommt Microsoft hier nicht hinterher oder folgt die Schar der Hardware-Entwickler nicht Microsofts Wünschen, könnte sich das XP-Geschäft zäh entwickeln.
Experimente mit einem Update von Windows 98 zeigen ordentliche Resultate bei PCs, die nicht mit der neuesten Hardware bestückt sind. Mit störenden Eingriffen muss man dabei aber rechnen, etwa wenn unter Windows 9x bereits eine Software zum Brennen von CDs installiert war. In den meisten Fällen wird das Setup von XP sie wohl stilllegen. Die ins System integrierte Software zum Brennen von CDs ist dafür eher ein schwächlicher Trost, da der Funktionsumfang weit hinter dem zurückbleibt, was gängige Brennsoftware heute kann.
Im Zweifelsfall kann man bei XP auf Treiber für Windows 2000 zurückgreifen. Das gelang zum Beispiel bei einer alten Hauppauge-TV-Tunerkarte, für die XP keine Treiber mitbringt. Nach einigem Hin und Her bei der Treiberinstallation lief die Karte unter XP einwandfrei und stand sogar als Capture-Device zur Verfügung.
Orientierungshilfe, welche Komponenten bei einem Update Ärger machen oder gar nicht mehr funktionieren könnten, gab bei der Einführung von Windows 2000 ein spezielles, bei Microsoft als Download erhältliches Programm. (Es steckte auch im Setupprogramm winnt32 von Windows 2000, wenn man dieses mit der Option ‘/checkupgradeonly’ aufrief.) Für XP will Microsoft einige Wochen vor der Markteinführung vergleichbare Software herausbringen und unter die Leute streuen - so jedenfalls der Plan Anfang 2001.
Anders als noch Windows 2000, das keine Möglichkeit bot, bei einem nicht zur Zufriedenheit verlaufenen Update die Prozedur rückgängig zu machen, wartet XP mit einer entsprechenden Undo-Funktion auf. Diese hat allerdings Grenzen: Bei einem Update von Windows 9x etwa darf man das Dateisystemformat nicht von FAT auf NTFS umstellen, sonst scheitert sie. Den zusätzlichen Platz, den die Undo-Funktion auf der Platte beansprucht, möchte XP nach einigen Wochen durch Löschen freigeben, fragt aber vorher beim Anwender nach.
Die XP-Entwickler haben sich zum Ziel gesetzt, Updates auf allen nach dem 1. 1. 2000 gekauften PCs zu 90 Prozent perfekt zu meistern. Perfekt heißt, dass nach dem Update alle vorher einwandfrei arbeitenden Geräte auch anschließend funktionieren und dass bereits installierte Software weiterhin arbeitet. Letzteres scheint ein ehrgeiziges Unterfangen, wenn man bedenkt, wie viele Programme aus dem Unterhaltungssektor unter Windows 2000 nicht mitmachen wollen.
In der Tat hat sich da mit XP einiges gebessert, obwohl die Technik unter der Oberfläche sich sehr von Windows 9x unterscheidet. Eine spezielle Kompatibilitätsschicht sorgt dafür, dass widerborstige Software trotzdem läuft. ‘Widerborstig’ bedeutet oft nur, dass die Installationsroutinen unvollständige Versionsabfragen machen, etwa zur Überzeugung gelangen, dass jemand versucht, die Software unter NT zu installieren, und dort notwendige Service-Packs fehlen et cetera.
Für die bekannten Kandidaten enthält XP eine Art Datenbank, die beim Start einer Installation prüft, ob zur jeweiligen Software bereits Informationen vorliegen. Je nach Kenntnisstand kann es passieren, dass XP die Installation mit einem Hinweis unterbindet, dass diese Software nicht funktionieren wird, oder aber geeignete Register zieht, damit die Software auch unter XP arbeitet (gegebenenfalls mit Einschränkungen).
Festzuhalten bleibt, dass Microsoft hier keine Wunder vollbringen kann. Die Kompatibilität geht nur so weit, dass sie das System und seine Architektur nicht gefährdet. Software, die unter Windows 9x spezielle Treiber benötigt (etwa so genannte virtuelle Gerätetreiber, VXDs), kann unter Windows XP grundsätzlich nicht funktionieren.
Der Benutzer merkt im Idealfall von all dem nichts. Er hat aber die Möglichkeit, gezielt einzelne Programme zu beeinflussen: Über eine Verknüpfung mit dem ausführbaren Programm kann er wählen, ob es eine NT4- oder Windows-9x-kompatible Umgebung vorfinden soll. Feinere Einflussmöglichkeiten hat Microsoft direkt nicht vorgesehen, liefert sie mit seinem Application Compatibility Toolkit aber zum kostenlosen Download [#literatur [2]] nicht nur für XP, sondern auch heute schon für Windows 2000. Es handelt sich dabei allerdings eher um ein Angebot für Software-Hersteller als für normale Nutzer.
Den vollständigen Artikel finden Sie in der aktuellen Printausgabe.
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Home versus Professional |
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| Home | Prof. | |
| SMP | - | + |
| NTFS-Verschlüsselung | - | + |
| 9x/ME-Update | + | + |
| NT/2000-Update | - | + |
| Desktop-Fernzugriff | - | + |
| Backup/Recovery | - | + |
| Benutzerverwaltung | (+) | + |
| Policies | - | + |
| Netware-Client | - | + |
| Fax | - | + |
| Multimonitor | - | + |
| dynamische Datenträger | - | + |
| Domain-Mitgliedschaft | - | + |
| Offline-Dateien | - | + |
| Desktop-Roaming | - | + |
| Terminal Service Client | - | + |
- nicht vorhanden + vorhanden (+) eingeschränkt vorhanden (s. Text)
[1] Registrierung für Preview Program: www.microsoft.com/windowsxp/preview/order.asp
[2] Application Compatibility Toolkit (auch für Windows 2000):
[3] Jo Bager, Holger Bleich, Explorer persönlich, Die Beta-Version des Internet Explorer 6.0, c't 8/01, S. 18
[4] Peter Siering, ‘Hagelsturm’: Microsoft als Spinne im Netz, c't 7/01, S. 34
[5] Peter Siering, Sämtliche Wunder, Tablet PC und Windows XP auf Microsofts WinHEC, c't 8/01, S. 16
[5] Microsoft Press, Microsoft Windows 2000 Professional, Die technische Referenz, ISBN 3860632744
[6] David A. Solomon, Mark Russinovich, Inside Microsoft Windows 2000, ISBN 3860636308
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