Medien, mehr Medien, noch mehr Medien: Wir leben in der Mediendemokratie, gar im Medienzeitalter. Auch wenn sich das gestalterische Niveau langsam, aber sicher hebt: Medienmüll wird es immer geben, auch bei Multimedia. Der Blick in die Trash-Tonne des Medienzeitalters kann nicht nur amüsieren, sondern beschert auch manches Aha-Erlebnis.
Manche Medienschaffende arbeiten am Computer nach dem Motto ‘Je Multi, desto besser’ oder ignorieren andere Prinzipien guter Gestaltung am laufenden Meter - ob im Internet oder auf CD-ROM. Das richtige Werkzeug (etwa Autorensystem oder HTML-Editor) kann zwar Vorlagen und Beispieldateien mitliefern, den eigentlichen Gestaltungsprozess jedoch kaum beeinflussen.
Im letzten Heft ging es um Werkzeuge: Autorensysteme wie ToolBook und Director traten zum Vergleichstest an [[#lit1 1]], und Internet-Standards wie JavaScript, Flash und SMIL wurden auf ihre Tauglichkeit für Online- wie Offline-Multimedia abgeklopft [[#lit2 2]].
Jetzt steht die Gestaltung im Mittelpunkt. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich vorwiegend mit Multimedia-spezifischen Themen wie Navigation und Interaktion, weniger mit allgemeinen Gestaltungsfragen, die in der einschlägigen Literatur [[#lit3 3], [#lit4 4]] diskutiert werden.
Wenn sich gestalterische Kompetenz mit den richtigen Werkzeugen paart, entstehen multimediale Gesamtkunstwerke wie jüngst die CD-ROM Sigmund Freud (c't 16/00, S. 202). Oft genug fehlt es jedoch an dem einen oder anderen. Die nachfolgende Doppelseite stellt einige besonders erschreckende Beispiele vor, die den c't-Testern in den letzten Jahren auffielen - ein Multimedia-Gruselkabinett, das sich nur deshalb an den Käufer bringen ließ, weil der (anders als bei Büchern und meist auch Audio-CDs) die Katze im Sack kaufen muss. Der Karton, in den eine CD-ROM verpackt ist, verrät oft nicht, wie es um Gestaltung und Ergonomie des Produkts bestellt ist.
Die ausgewählten Produktionen sollen nicht nur zum Schmunzeln bringen: Manches Prinzip guter Gestaltung wird erst dann augenfällig, wenn es verletzt ist. Insofern müssen wir den Multimedia-Billigheimern mit ihren Laien-Designs dankbar sein: Sie liefern amüsante Kuriositäten, die unsere Software-Vergleichstests auflockern, und sie dienen den Medienschaffenden als instruktives Anschauungsmaterial. Nur der Käufer ärgert sich. (ts)
[1] Michael Kurzidim, Thomas J. Schult: MultiMediaMacher, Autorensysteme aller Preisklassen, c't 18/00, S. 98
[2] Jörn Loviscach: Formen mit Normen, Internet-Standards für Multimedia - nicht nur online, c't 18/00, S. 108
[3] Erik Spiekermann: Ursache & Wirkung, ein typografischer Roman, Mainz: Schmidt 1994
[4] Hans P. Willberg, Friedrich Forssman: Erste Hilfe in Typografie, Mainz: Schmidt 1999
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Irgendwann gab es wohl mal einen Etat für eine schöne Oberfläche für Das große G Data Lexikon 1999, das in früheren Jahren auch unter anderem Namen verkauft wurde. Offenbar war der Etat schon verbraucht, als längst nicht alle Funktionen auf der nett gepinselten Oberfläche untergebracht waren - nicht nur die Volltextsuche fehlte. So packten die Entwickler die fehlenden Funktionen in eine Standard-Menüzeile und benannten sie auch noch falsch (die Volltextsuche heißt ‘Stichwortsuche’).
Viele Anwender werden diese Menüzeile aber nie finden. Sie zeigt sich nämlich nur, wenn der Mauszeiger an den oberen Bildschirmrand stößt. In dieses Niemandsland wird er sich im Alltag aber nur selten verirren: Das Lexikon beschränkt sich sonst auf ein 640 × 480-Fenster. Wer rechnet schon damit, dass hinter dem Passepartout noch Funktionen lauern?
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‘Der Inhalt ist sicherlich der wichtigste Aspekt eines Textes, aber man sollte auch die äußere Form nicht verachten’, verrät uns TeachPro Word, um im gleichen Atemzug in die Dekofalle zu tappen: Das Bemühen der russischen Entwickler von der Firma MultiMedia Technologies, eine angenehm zu betrachtende Seite zu gestalten, führte dazu, dass der Text fast unleserlich ist. Versprach die Firma in einer früheren Version noch ‘erschütternde Ergebnisse in kürzester Frist’, so ist sie sich jetzt sicher: ‘Die Effizienz der verwendeten Methodik ist unumstritten!’ Ansonsten quält das Programm den Anwender mit dilettantisch gemachten Videos, denen sich dieser auch noch wiederholt aussetzen muss - zunächst am Stück, dann geschnitten. Unumstritten erschütternd.
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Bach-Werkverzeichnis? Oder doch Komponisten-Datenbank? Die Oberfläche verrät auf den ersten Blick wenig über den Zweck des Programms The Pianist, lenkt durch ihre schrillen Farben zusätzlich davon ab. Denn die Musik spielt (im wahrsten Sinne des Wortes) auf der winzigen Tastatur, die wie eine Zierleiste am oberen Rand klebt. Nur dort passiert etwas: Während das Stück erklingt, kann der versierte Klavierspieler verfolgen, welche Taste wann gedrückt wird - das ist der Hauptzweck des Programms. Durch das Bonsaiformat konnten die Entwickler nicht einmal die Fingersätze auf den Tasten unterbringen, was zum Nachspielen hilfreich wäre; selbst die Noten fehlen. Auch wenn sich 78 Tasten schlecht dafür eignen, auf einem Bildschirm nebeneinander dargestellt zu werden, hätte man sie durch Strecken oder Zoomen deutlicher zeigen können.
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Machen Außerirdische Liebe ohne Anführungszeichen? Worthalden sondergleichen schaufelt Sherlock, die ‘komfortable Übersetzungshilfe’ (Eigenwerbung), auf den Bildschirm. Während selbst Begriffe des Grundwortschatzes nicht mit allen Bedeutungen vertreten sind, liefert Sherlock auch zu entlegenen Wörtern riesige Sammlungen von Wendungen, die von Redundanz nur so strotzen - Hauptsache, man kann damit werben, ein ‘elektronisches Wörterbuch mit über 1000 000 Einträgen’ zu sein. Neben einer Lexikonredaktion, die ihren Namen verdient, fehlte hier auch ein Gestalter, der die Einträge strukturiert und übersichtlich darbietet. Der Reihentitel Multimediale Lernsysteme Sprachen trifft nur in einem Punkt: Hier kann man lernen, wie man mit Sprache nicht umgehen sollte.
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Ein Wörterbuch kann nicht nur zu wenig, sondern auch zu viel Struktur haben, wie das Koch HomeLine Wörterbuch zeigt, von dem mehrere Varianten unter verschiedenen Namen im Umlauf sind. Wer die Übersetzung eines deutschen Begriffs sucht, wird von Ordnungshilfen schier erschlagen: Kapitälchen, vier Farben, Kursivschrift, Absätze, Angaben zu Sprache und Wortart (gleich in zwei Sprachen) sowie Bezeichner wie ‘Rechtschreibung’ und ‘Sachgebiete’ machen selbst kleine Einträge unübersichtlich. Wer nach einem Begriff sucht, der nicht als eigenes Stichwort verzeichnet ist, wird vollends durch Einträge verwirrt, die mit nicht erläuterten zweistelligen Zahlen versehen sind. Des Rätsels Lösung: Die Zahl soll ein Maß für die Ähnlichkeit zum Suchbegriff darstellen.
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Christian Spanik moderierte einmal Computersendungen, die jeder versteht. Systhema wollte daraus Lern-CD-ROMs machen, die jeder kauft. Das ging gründlich in die Hose. Neues ... der Anwenderkurs stellte eine typische Multimedia-Produktion nach dem Motto ‘Außen hui, innen pfui’ dar. Die auf den ersten Blick schick anzusehende Oberfläche treibt den Anwender zum Wahnsinn, weil er kaum Einflussmöglichkeiten hat. Was mit Knöpfen, Listen und Anzeigen wie ein hochgradig interaktives Produkt aussieht, ist doch kaum mehr als ein Videoplayer, der vier CD-ROMs lang Sendungen der gleichnamigen 3Sat-Reihe abspielt und noch nicht einmal ein Inhaltsverzeichnis bietet - ganz zu schweigen davon, dass die Abbildungen der Office-Oberflächen im Video-Guckloch schier unlesbar sind.
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Feste Fenstergrößen nerven, haben immer mehr Multimediaproduzenten erkannt. Auch wenn es manche Autorenwerkzeuge nicht erlauben, sollten zumindest Nachschlagewerke immer die Möglichkeit bieten, dass sich der Anwender den Inhaltsbereich so weit aufzieht, wie es sein Bildschirm erlaubt.
Das Sprechende Wörterbuch des Compact-Verlags verstößt besonders eklatant gegen die Prinzipien der Bildschirmökonomie: Es belegt immer nur 640 × 480 Punkte und nutzt diese zudem sehr schlecht - Eigenwerbung und Wolken bedecken ein Drittel des sichtbaren Bereichs. Wenn die ausführlichen Artikel das Guckloch aus acht sichtbaren Zeilen sprengen, plagt sich der Anwender mit der Karikatur eines Scrollbars, der sich pro Klick immer nur eine Zeile weit bewegen kann - es droht ein Muskelkater im Zeigefinger.
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Geld stinkt nicht, sagt sich das Bibliographische Institut, und kassiert seit Jahren 69 Mark für den Kompakt Brockhaus Multimedial, der den Respekt vor dem Namen Brockhaus rapide schwinden lässt, wenn man sich näher mit dem Programm beschäftigt. Die poppige Oberfläche verschleiert zunächst, dass sich der Verlag überhaupt keine Mühe gemacht hat, die Inhalte seines Brockhaus in einem Band in eine Form zu bringen, die dem Medium Computer angemessen ist: Die vielen Abkürzungen sorgen dafür, dass die Suchmaschine längst nicht alles findet, was sie finden müsste. Die Medienauswahl geriet zudem vollends daneben. Zum Eintrag ‘Fee’ findet sich etwa ein sekundenlanges Video, in dem eine alte Märchentante bloß sagt: ‘Und was der Frosch geweissagt hatte, das erfüllte sich.’ War er eine verwunschene Fee? (ts)
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