Die wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland taumeln in die Krise. Euroschwäche, Preissteigerungen und Etatkürzungen verhindern die Anschaffung notwendiger Bücher und Fachzeitschriften - Anlass, über dringende Reformen nicht nur nachzudenken, sondern die vorhandenen Mittel zielgerichtet einzusetzen.
Der Euro schwächelt; und bei wichtigen ausländischen Zeitschriften vor allem der Naturwissenschaften, Technik und Medizin gibt es ‘exorbitante Preissteigerungen’: Diese Faktoren haben die wissenschaftlichen Bibliotheken an den Universitäten und Hochschulen der Bundesrepublik in ‘eine verzweifelte Etatlage’ gebracht. Allein in diesem Jahr, klagt die Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände (BDB), konnten mehr als eine halbe Million notwendige Bücher nicht mehr angeschafft werden.
Bei der Vorstellung einer Verbände-Initiative verwahrte sich BDB-Sprecher Georg Ruppelt gegen die in Politik und Verwaltungen um sich greifende Meinung, das Internet mache Bibliotheken überflüssig. ‘Es wäre falsch, das Kind mit dem Bade auszuschütten’, erklärte er. ‘Es wird auch weiterhin einen hohen Bedarf an konventionellen Zeitschriften und Bibliotheken bei den Wissenschaftlern geben’.
Die Preissteigerungen von 7 bis 15 Prozent in den letzten Jahren lagen ‘signifikant höher als die Inflationsrate’ und haben dazu geführt, dass die Bibliotheken inzwischen für einzelne Fachzeitschriften aus dem so genannten STM-Bereich (Science, Technology, Medicine) zwischen 10 000 und 30 000 Mark jährlich aufbringen müssen. ‘Mit der Einführung des Euro eskalierte die Situation dramatisch’, berichtet der Leiter der Erwerbungsabteilung an der Bayerischen Staatsbibliothek München, Rolf Griebel. Auch hiervon war der STM-Bereich besonders betroffen, ‘da in diesen Feldern der Anteil der angloamerikanischen Literatur mit 70 bis 80 Prozent besonders hoch ist’.
Doch allein durch das Streichen von Zeitschriftentiteln seien die Kostensteigerungen nicht aufzufangen; in vielen Bibliotheken gibt es daher seit Monaten einen Bestellstop auch für Bücher. ‘Wir haben seit Mai keine Monografien mehr gekauft’, erklärte Mittler.
Damit steht er nicht allein. Die Kollegen in Heidelberg haben den Ankauf von Büchern auf die Hälfte reduzieren müssen und für 180 000 Mark Zeitschriften gekündigt; die Universitätsbibliothek Karlsruhe geht mit einem Defizit von 1,3 Millionen Mark ins neue Haushaltsjahr.
Noch ärger stellt sich die Situation in den neuen Bundesländern dar. Sie hatten in den Jahren 1991 bis 1998 zum Aufbau eines Grundbestandes an Fachliteratur Zuwendungen in Höhe von 340 Millionen Mark aus Mitteln der Hochschulbauförderung erhalten, doch deren reguläre Bibliotheksetats reichen jetzt nicht einmal aus, um die jährlichen Fixkosten zu decken.
An die Bildungs- und Wissenschaftsministerien von Bund und Ländern appelliert die Initiative, ‘kurzfristig schnelle Hilfen durch Sonderprogramme zur Verfügung zu stellen, um zumindest die dramatischen Auswirkungen der Euroschwäche auszugleichen’. Zudem fordert sie von den Politikern, ‘mittelfristig die Finanzausstattung der Bibliotheken so zu gestalten, dass der Forschung und Lehre ein dauerhafter Zugang zu allen Publikationsformen wissenschaftlicher Information gesichert wird’.
Prof. Dr. Eberhard Hilf, theoretischer Physiker und Geschäftsführer des Institute for Scientific Networking an der Universität Oldenburg, betrachtet die Finanzkrise in einem Gespräch mit c't aber auch als heilsamen Zwang zu notwendigen Reformen.
c't: Herr Hilf, seit Jahren klagen die Bibliotheken, dass sie bei stagnierenden Etats mit der Preisentwicklung für wissenschaftliche Zeitschriften nicht mehr mithalten können. Die Alternative, das Internet, gibt es längst. Warum ist die elektronische Verbreitung von Forschungsergebnissen immer noch ein Problem?
Eberhard Hilf: Da gibt es kein Problem mehr. Die technischen Fragen sind gelöst. Was bleibt, ist die Herausforderung, wie man das Ganze organisiert und flächendeckend umsetzt. Die neue Arbeitsteilung umzusetzen, ist eine herkulische Aufgabe. Die jetzige Finanzkrise der Universitätsbibliotheken wird die Dinge eher voranbringen, weil sie den Reformdruck erhöht.
c't: Wie sieht die neue Arbeitsteilung aus?
Hilf: Die wissenschaftlichen Zeitschriftenverlage schreiben zurzeit nach eigenem Bekunden noch tiefschwarze Zahlen; sie wissen aber, dass ihr bisheriges Geschäftsmodell, mit dem Monopol des Dokumentenbesitzes an wissenschaftlichen Veröffentlichungen Geld zu verdienen, nicht mehr haltbar ist. Denn das, was mit staatlichen Mitteln in der Forschung gefördert wurde, ist ‘Public Domain’ und muss als Erkenntnis frei und öffentlich zugänglich sein. Die großen, internationalen Häuser orientieren sich deshalb bereits auf Mehrwertdienste um, die nicht mehr auf dem Vertrieb von Zeitschriften beruhen. Dazu gehören der Betrieb professioneller Suchmaschinen, oder auch die Organisation der Begutachtung von Veröffentlichungen durch konkurrierende Peer-Review-Klubs. Das wird die Leistungsfähigkeit des Systems enorm steigern. Die Forschungsergebnisse selbst, also die wissenschaftliche Primärinformation, werden künftig von den Autoren über das Netz angeboten. Der ‘Vertrieb’, genauer: die Bereitstellung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in einer elektronisch lesbaren und wieder auffindbaren Form, ist künftig Aufgabe von universitären Informations-, Kompetenz- und Servicezentren. Die Bibliothekare müssen von Sammlern zu Jägern werden, also von Archivaren zu Informationsbrokern.
c't: Wenn die Publikationen nicht mehr zentral vertrieben, sondern weltweit verstreut vorgehalten werden - wie findet ein Forscher dann noch die relevanten Arbeiten, ohne dass ihn Search-Engines wie AltaVista oder Fireball mit tausenden von Links zu einem Suchbegriff zuschütten?
Hilf: Dafür wird es internationale Vereinbarungen zur Klassifizierung von Dokumenten in der Open Archive Initiative (OAi) geben. Wenn die Autoren und Bibliotheken sich daran halten, können Suchmaschinen problemlos unterscheiden, ob der Begriff ‘Kanal’ sich auf eine Arbeit in der Wasserwirtschaft oder der Kommunikationstechnik bezieht. Solche Metadaten, die wie die Karteikarte aus einem konventionellen Bibliothekskatalog Information über Informationen enthalten, ermöglichen die gezielte maschinelle Suche. Die wissenschaftlichen Bibliotheken wurden jüngst von der Deutschen Initiative für Netzwerkinformation DINI aufgefordert, der OAi beizutreten und die Vereinbarungen zu übernehmen.
c't: Wer ist für die Langzeit-Archivierung zuständig, damit eine wissenschaftliche Arbeit auch nach 50 oder 100 Jahren noch verfügbar und vor allem elektronisch lesbar ist?
Hilf: Der Staat. Der Staat hat - wie bisher übrigens - die Pflicht, alles zu archivieren, worüber ein Konsens besteht, dass dies eine öffentliche Aufgabe ist. Dazu gehören Dissertationen, Habilitationen und begutachtete wissenschaftliche Veröffentlichungen. Das sind Informationen, auf die jeder Bürger ein Anrecht hat. Bei den Dissertationen ist das punktuell erreicht: Die Deutsche Bibliothek in Frankfurt hat den staatlichen Auftrag, die elektronischen Doktorarbeiten zu sammeln und dauerhaft zu erhalten. Entsprechende Aufträge muss es für einzelne Fachgebiete an die zuständigen Sondersammel-Bibliotheken wie die TIB in Hannover oder die SUB in Göttingen geben, auch die Online-Veröffentlichungen der Nachwelt zu erhalten.
c't: Was kann das Bundesforschungsministerium tun, um die Entwicklung voranzutreiben?
Hilf: Das Ministerium sollte sich kräftigst darum kümmern. Es sollte umgehend die Archivierungsaufträge erteilen und den Aufbau der neuen Informationsinfrastruktur massiv fördern, sowie alles, was man dazu braucht: Schulungen, die Erprobung von Werkzeugen, die Zusammenstellung von Lehr- und Lernmaterialien, die Evaluation von Mehrwertdiensten. In einer Umbruchsituation wie dieser muss man kurzfristig an vielen Stellen investieren, wenn man international wettbewerbsfähig bleiben will. Das BMBF hat sich seit 1994, als mit dem WWW das alte Informations- und Dokumentationsprogramm der Bundesregierung praktisch über Nacht obsolet wurde, dieser Thematik viel zu langsam und zu umständlich genähert.
c't: Es hat doch mit rund zehn Millionen Mark Global Info gefördert.
Hilf: Ich war daran beteiligt und kann sagen, das Konzept war super. ‘Global’ stand, etwas missverständlich, nicht für ‘weltweit’, sondern für ‘umfassend’: alle Fächer, alle Bibliotheken, alle Verlage, alle Dokumenttypen. Die Losung war, wir steigen mit viel Geld rasch und umfassend ein. Aber dann geriet das Vorhaben in die Mühlen der Förderbürokratie, und unter den vordergründigen Interessen der kleineren nationalen Wissenschaftsverlage - nicht der großen wie Elsevier oder Springer - wurden zentrale Teile ausgeklammert. Pakete wie die Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien, die Erprobung von Prototypen an den Hochschulen, die Evaluation und die Betreuung der Nutzer kamen unter die Räder. Von anfangs zehn Sonderfördermaßnahmen blieben fünf Einzelprojekte übrig, von denen eines, die Entwicklung von Metadaten in CARMEN, sehr erfolgreich ist. Aber das Gebäude insgesamt ist zusammengebrochen. Jetzt ist Global Info ganz tot.
c't: Die Bundesforschungsministerin will die wichtigsten Förderaktivitäten in Leitvisionen für das Jahr 2010 fokussieren. Eine dieser Leitvisionen soll die ‘Digitale Bibliothek 2010’ sein.
Hilf: Richtig: 2010, und nicht 2002! Das Jahr 2001 dient jetzt als Programmfindungsphase. Eine Consultingfirma ist beauftragt worden, in Anhörungen herauszufinden, was die Beteiligten für notwendig halten, und soll daraus ein Strategiekonzept formulieren.
c't: Das heißt, dass das BMBF nach drei Jahren der Förderung von Global Info und zwischenzeitlich unter neuer Leitung immer noch kein Konzept für die Bewältigung des Übergangs zu einer vollvernetzten Informations-Infrastruktur in der Wissenschaft hat?
Hilf: Das ist eben Politik. Mit der neuen Führung hat zwar die Cockpit-Besatzung gewechselt, aber den Kurs bestimmt weiter der Autopilot - der Apparat des Ministeriums fährt einfach weiter. Die Spitze des Hauses hat ein ganzes Jahr gebraucht, um die Brisanz des Themas zu erkennen. Jetzt bemüht sie sich ernsthaft, die Dinge in den Griff zu bekommen, aber mit den angepeilten Zeiträumen geht das viel zu langsam voran. Obendrein habe ich die Sorge, ob eine Unternehmensberatung für die Probleme der Informationslogistik in der Wissenschaft verständig genug ist.
c't: Warum tragen Sie Ihr Anliegen dem Ministerium nicht direkt vor?
Hilf: Das haben wir im Forum Fachinformation des Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss getan; aber das BMBF hat sich entschieden, von einer Consulting-Firma die Informationen einholen zu lassen, die es von den Wissenschaftlern hätte direkt bekommen können. Deshalb bereiten die wissenschaftlichen Fachgesellschaften jetzt eine eigene Stellungnahme zu den Problemen und Notwendigkeiten vor. Denn aus der internationalen Zusammenarbeit sehen wir recht klar, was getan werden muss. Um den Anschluss an die internationale Entwicklung nicht zu verlieren, wird das Geld jetzt gebraucht, nicht erst im Jahr 2003 oder 2005.
c't: Das verlangt die Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände auch.
Hilf: Die gesamte Informations-Infrastruktur an den Hochschulen braucht kurzfristig mehr Geld, dies aber unter strikter Zweckbindung und harten Auflagen - nämlich nur, wenn sie zum Beispiel trotz der zusätzlichen Mittel weitere 30% der Zeitschriften abbestellen und die freiwerdenden Mittel in die Umstrukturierung stecken. Damit gehe ich nicht so weit wie der frühere Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und jetzige Direktor des Instituts für Plasmaphysik, Alexander Bradshaw. Er hat im letzten Jahr sogar die Abbestellung sämtlicher wissenschaftlichen Zeitschriften der kommerziellen Verlage empfohlen. Das war sicher überspitzt, aber wenn wir über Geld reden, dann sollte eines klar sein: Es geht nicht um dreistellige Millionenbeträge, sondern um winzige Bruchteile der Mittel, die in anderen Bereichen umstandslos zur Verfügung stehen. Hier müssen keine Großgeräte angeschafft werden, und genügend Personal ist in Bibliotheken und Fachbereichen bereits vorhanden. Im Prinzip ist auch genug Geld da - es fließt nur in die alten Strukturen. (jk)
[2] Deutschen Initiative für Netzwerkinformation
[3] Institute for Scientific Networking an der Universität Oldenburg
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