22.05.2003
Nach dem derzeitigen Forschungsstand sind die Mobilfunkgrenzwerte anscheinend niedrig genug, aber eine generelle Entwarnung bezüglich gesundheitlicher Risiken kann man nicht geben. Zu dieser Einschätzung kommt das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) in einer jetzt veröffentlichten Studie. Diese fasst die wissenschaftlichen Ergebnisse von insgesamt 28 Metastudien und 218 Einzelstudien zum Thema gesundheitliche Folgen des Mobilfunks zusammen. Die Projektskizze nennt als Anlass für die Studie unter anderem die zunehmenden Befürchtungen bei Bürgern und Versicherungswirtschaft, dass mit dem Ausbau der UMTS-Netze nicht nur die Anzahl von Mobilfunksendern steigt, sondern auch das Gefährdungspotential zunehmen könnte.
Eine klare Antwort bietet auch die TAB-Studie nicht: "Die Strahlung, die von Mobilfunksendemasten ausgeht, ist nach derzeitigem Stand der Forschung in der Regel ungefährlich. Insbesondere die Langzeitwirkungen gepulster elektromagnetischer Felder sind laut TAB jedoch nicht ausreichend erforscht. Und: Neben thermischen Effekten elektromagnetischer Strahlung, wie sie bereits seit langem bekannt sind, sehen einige Wissenschaftler im Zusammenhang mit der Nutzung von Mobiltelefonen Hinweise auch auf athermische Effekte, die zu Kopfschmerzen, Migräne, Schlaf- und Konzentrations- sowie zu allgemeinen Befindlichkeitsstörungen führen können. Außerdem geht die Forschung mittlerweile davon aus, dass es Menschen gibt, die sensibler auf elektromagnetische Strahlung reagieren als die überwiegende Mehrheit."
Zu besonderer Vorsicht mahnt das TAB bei Kindern und Jugendlichen, da wissenschaftlich ungeklärt sei, welche Auswirkungen die von Handys ausgehende und für die meisten Menschen unbedenkliche Strahlenbelastung auf Zellen und Organe hat, die sich noch in der Entwicklung befinden. Generell solle man die Belastung so gering wie möglich halten - insbesondere Headsets oder Handfrei-Kits benutzen und bei schlechtem Empfang wie beim Auto-, Zug-, S- und U-Bahnfahren oder in Tunneln möglichst gar nicht telefonieren. Der Autor der Studie, Christoph Revermann, weist darauf hin, dass das im vergangenen Jahr eingeführte Gütesiegel für Mobiltelefone bei der Auswahl eines Handys keine letzte Sicherheit gebe. Das Siegel gibt die größtmögliche Energiemenge an, die das Handy auf den Körper des Nutzers ausstrahlen kann. Wegen der dynamischen Leistungsregelung der Geräte variieren die tatsächlichen Strahlungswerte in der Praxis allerdings so stark, dass der so genannte SAR-Wert allein kaum Anhaltspunkte für die durchschnittlich auf den Kopf des Nutzers einwirkende Strahlung hergibt. Sinnvoller - und technisch möglich - wäre laut Revermann, wenn der Nutzer am Display seines Handys jederzeit ablesen könne, wie hoch die Leistungsabgabe seines Telefons gerade ist.
Trotz dieser Warnungen geht Revermann davon aus, dass auch die Strahlungen, die bei erhöhter Leistung erreicht werden, für die meisten Menschen vermutlich unbedenklich sind. Die Emissionen der meisten Mobilfunkgeräte liegen auch bei schlechtem Empfang weit unterhalb der von der internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung (ICNIRP) festgelegten Grenzwerte. Kritiker meinen, dass diese Grenzwerte die bisher nur vermuteten athermischen Einflüsse durch den Mobilfunk nicht berücksichtigen. Eine in einigen europäischen Ländern diskutierte oder - wie in der Schweiz - bereits umgesetzte Senkung der 1999 von der ICNIRP festgelegten Grenzwerte, hält Revermann dagegen "aus wissenschaftlicher Sicht für nicht unbedingt geboten". Notwendig sei aber eine Intensivierung der Forschung - die einzige Schlussfolgerung, bei der die Vertreter aller Positionen bisher weitgehend Übereinstimmung erzielen konnten.
Da einerseits als sicher gilt, dass die elektromagnetische Strahlung und die Strahlenbelastung für Menschen insgesamt weiter zunehmen wird, andererseits aber noch Unsicherheiten über die Auswirkungen bestehen, fordert das TAB Netzwerkbetreiber und Gerätehersteller auf, die Mobilfunktechnologie zu verbessern. Die Strahlungsintensität von Sendeanlagen wie auch die der Mobiltelefone könne und müsse weiter verringert werden. Empfehlungen an die Politik: Kommunen zu Messungen verpflichten Als Konsequenz aus dem Bericht empfiehlt das TAB dem Parlament, Kommunen und Netzwerkbetreiber zu umfassenden und flächendeckenden Emissionsmessungen zu verpflichten. Nachweise für die Einhaltung von Grenzwerten müssten regelmäßig erbracht werden. "Außerdem", so Christoph Revermann, "ist die Politik gefordert, so offensiv und umfangreich wie möglich für Aufklärung über die Strahlungsbelastungen zu sorgen."
Politiker aller Couleur fühlten sich von der Studie in ihrem bisherigen Wollen und Tun bestätigt - wobei jeder eine andere Passage besonders aufmerksam gelesen zu haben scheint. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte: Der Sachstandsbericht "Gesundheitliche und ökologische Aspekte bei mobiler Telekommunikation und Sendeanlagen" ist nur gedruckt, dafür aber kostenlos erhältlich beim TAB.
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