Tomas Rudl
Weg von der Insel
Entwickler stellen Audiobus-System für iOS vor
Gute Nachrichten für Musiker: Mit Audiobus steht eine neue Software bereit, die es iOS-Apps ermöglicht, in Echtzeit Audiostreams auszutauschen.
Bislang war für iOS-Musiker das Verschieben von Audiodaten zwischen Apps nur durch umständliche Verrenkungen möglich, denn Echtzeit-Streaming ist in iOS nicht vorgesehen. So war immer der Umweg über zuvor abgespeicherte Dateischnipsel notwendig, die anschließend über iTunes, Cloud-Dienste oder AudioCopy/AudioPaste in die jeweiligen Anwendungen eingefügt wurden. All diese Lösungen funktionieren nicht in Echtzeit, was den Kreativitätsfluss mitunter empfindlich stören kann. Geht es nach den Machern von Audiobus, einer Kooperation der Entwickler von A Tasty Pixel und Audanika, soll damit nun Schluss sein.
Voraussetzung ist ein Gerät mit einem A5- oder A6-Prozessor, mindestens iOS 5, die Audiobus-App, die für rund 9 Euro im App Store erhältlich ist – und kompatible Anwendungen. Zum Start stehen elf davon bereit, darunter populäre wie Rebirth oder Sunrizer Synth in der jeweiligen iPad-Variante. Jedes Instrument kann sich in den Input-, Output- und/oder Effekt-Slot von Audiobus einklinken, muss aber nicht notwendigerweise alle drei Betriebsarten unterstützen. So lässt sich etwa die Audioausgabe eines Synthesizers in einen Multitrack-Sequenzer umleiten und dort aufnehmen. Sofern das nicht schon während der Aufnahme passiert ist, kann diese Audiospur in ein externes Plug-in geleitet und dort weiterbearbeitet werden – etwa mit einem exotischen Effekt, den der Sequenzer selbst nicht bietet. Bis zu drei Inputs lassen sich im Audiobus-System verschalten; als Effekt oder Output lässt sich jeweils bloß ein Slot belegen. Diese Beschränkung liegt an der noch vergleichsweise schwachbrüstigen Mobil-Hardware. Das Framework ist laut Mit-Entwickler Sebastian Dittmann aber flexibel ausgelegt, sodass in Zukunft längere Effekt-Ketten möglich sein werden.
Die im Hintergrund laufende Audiobus-App selbst, die das Routing der Instrumente und Effekte verwaltet, soll der Nutzer möglichst selten zu Gesicht bekommen. Nach dem Start und der initialen Konfiguration von Audiobus wird das System direkt aus den jeweiligen Apps heraus über ein kleines Fenster auf der Bildschirmseite gesteuert, das sich über die Bedienoberfläche legt und Knöpfe wie Start/Stopp oder Aufnahme bereitstellt. Auch das Wechseln zu verschalteten Apps ist mit diesem Steuerelement möglich, was schneller und intuitiver funktioniert als das iOS-eigene Multitasking-Menü. Wird dieses Fenster gerade nicht benötigt, lässt es sich jederzeit ausblenden.
Professionelle Features
Überhaupt haben die Entwickler darauf geachtet, einen möglichst reibungslosen Workflow zu schaffen. Bereits installierte, kompatible Apps tauchen nach einem Abgleich mit der täglich aktualisierten Audiobus-Datenbank automatisch in der Routing-Ansicht auf und lassen sich sofort einbinden, ohne dass der Nutzer etwas einstellen muss. Eine eingebaute Fehlerkorrektur dient der artefaktfreien Signalübertragung. Audiobus kümmert sich auch darum, dass alle Apps im Hintergrund weiterlaufen, unabhängig von ihrer Voreinstellung. Damit Aufnahmen passgenau im Sequenzer ankommen, ist eine Latenzkompensation eingebaut. In der Praxis soll die Gesamtlatenz des Systems, abhängig von den verwendeten Apps und deren Einstellungen, etwa 20 bis 30 Millisekunden (ms) betragen. Als kleinste Einheit ist eine Puffer-Größe von 256 Samples vorgesehen, was knapp 6 ms entspricht. Fügt man weitere Instrumente hinzu, wird eine passende Verzögerung addiert.
Der Sunrizer-Synth kommt als Input im Audiobus-System an und gibt seine Ausgabe an Loopy weiter. Dort können anliegende Signale in Echtzeit aufgenommen werden.
Ob sich Audiobus als weithin akzeptierter Standard durchsetzen kann, muss sich freilich erst erweisen. Die Entwickler sind zunächst einmal froh, überhaupt im App Store angekommen zu sein. Denn die mehr als einjährige Entwicklungszeit verlief nicht immer angstfrei. So tauchte etwa bei Apples Präsentation von iOS 6 auf der WWDC im März der mysteriöse Eintrag „Inter-app audio” auf einem Slide auf – eine im System integrierte Möglichkeit zum Austausch von Audiodaten wäre der Todesstoß für das damals noch junge Projekt gewesen. Was es damit auf sich hatte, bleibt bis zum heutigen Tag unklar: iOS 6 bietet nämlich nach wie vor keine derartige Funktion.
Mit der Zulassung im App Store wurde eine wichtige Hürde nun genommen. Was noch fehlt, sind mehr Anwendungen, die Audiobus unterstützen. An mangelndem Interesse liegt es sicherlich nicht – über 750 Entwickler haben ihr Interesse am SDK angemeldet, sagte Dittmann im Gespräch mit c’t. Zusätzlich zu den ersten elf ausgewählten Entwicklern haben weitere 25 nach dem Start am 10. Dezember Zugang dazu erhalten. Die Beschränkung auf ausgewählte Entwickler sei durchaus bewusst gefallen. So will man in der ersten Phase nach der Veröffentlichung potenzielle Bugs möglichst zügig beseitigen. Anschließend soll das SDK öffentlich verfügbar gemacht werden. Beliebige Entwickler können dann Audiobus-Unterstützung in ihre Apps einbauen, Lizenzgebühren sollen dabei nicht anfallen. Klingende Namen wie Moog (AniMoog) oder WaveMachine Labs (Auria) haben bereits Zugang und arbeiten an der Integration in ihre Apps.
Die Audiobus-Macher haben keineswegs vor, stehen zu bleiben: Eine Netzwerk-Option, die das Verschicken von Audiostreams über WLAN möglich macht, befindet sich bereits in der Testphase. Denkbar ist auch, dass sich Apple das ambitionierte Projekt ansieht, für brauchbar befindet, kurzerhand die Entwickler übernimmt und Audiobus zum Systemstandard erklärt. Denn eine sinnvoll nutzbare und kundenfreundliche Infrastruktur für Audio-Plug-ins direkt in iOS wäre wünschenswert. Apple könnte auf diese Weise gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.
(tru)








