Wenig Neues in Ubuntu 15.04

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Die neue Version 15.04 von Ubuntu zeigt deutlich: Derzeit liegen die Prioritäten von Canonical nicht auf der Weiterentwicklung des Desktop. Immerhin gibt Ubuntu Next einen Ausblick auf die Zukunft von Ubuntu, Kubuntu vollzieht den Umstieg auf KDE 5 und auch beim Server gibt es Neues.

Ubuntu 15.04
Vergrößern Der Desktop von Ubuntu 15.04: Immerhin ein neues Hintergrundbild.

Schon seit einigen Ubuntu-Versionen hat man das Gefühl, dass sich die Entwicklung von Ubuntu für den Desktop im Wesentlichen auf Bugfixes, kleinere Verbesserungen und die Aktualisierung der enthaltenen Software beschränkt. Neue Projekte von Ubuntu-Sponsor Canonical konzentrieren sich derzeit auf Ubuntu Phone und den Serverbereich – da hat sich einiges getan, mehr dazu später.

Die schon vor Jahren versprochene Konvergenz zwischen dem mobilen und dem Desktop-Ubuntu ist erst mal verschoben: Die neue Oberfläche Unity 8 und der Display-Server Mir, die bereits in Ubuntu Phone eingesetzt werden, sollen auf dem Desktop frühestens mit Ubuntu 15.10 zum Standard werden, vielleicht auch erst mit der nächsten LTS-Version 16.04. Und so sind die echten Neuerungen in Ubuntu 15.04 (Vivid Vervet), das noch X11 und Unity 7 verwendet, überschaubar.

Das beginnt schon mit dem Desktop: Optisch hat sich Ubuntu 15.04 gegenüber der Vorversion kaum verändert. Den Desktop ziert immerhin ein neues Wallpaper, das aber dem bekannten Farbschema aus Violett- und Orangetönen treu bleibt. Die Menüleiste von Anwendungen wird jetzt standardmäßig in der Titelleiste des zugehörigen Fensters angezeigt, nicht mehr in Mac-Manier am oberen Bildschirmrand – die Ubuntu-Macher nennen das lokal integrierte Menus (LIM).

Zudem ist es in der neuen Unity-Version 7.3.2 endlich möglich, dafür zu sorgen, dass die Menüs dauerhaft angezeigt werden und nicht bloß, wenn man mit der Maus über die Menüleiste fährt. Dazu ist ein Ausflug auf die Kommandozeile erforderlich:

dconf write /com/canonical/unity/always-show-menus true

Nachteil: Der Titel des Fensters ist dann gar nicht mehr zu sehen – doof für Programme, die wie der Bildbetrachter Eog die Titelleiste nutzen, um relevante Informationen wie den Namen des angezeigten Bildes kundzutun.

Die größte Änderung am System ist der Wechsel des Init-Systems von Upstart zu Systemd. Damit zieht Ubuntu seiner technischen Basis Debian nach, deren Macher sich nach langen Diskussionen für Systemd als bevorzugtes Init-System entschieden haben. Anders als Debian sieht Ubuntu den Einsatz eines anderes Init-Systems aber nicht vor.

Sofern man nicht selbst an den Init-Skripten herumschraubt, wird man von der Umstellung von Upstart auf Systemd allerdings nicht viel bemerken. Zentrales Werkzeug zur systemweiten Boot- und Dienstekonfiguration ist jetzt systemctl, nicht mehr initctl. Upstart ist übrigens keineswegs komplett ausgemustert: Das Canonical-Tool kontrolliert nach wie vor die User-Sessions und startet den Unity-Desktop mit allen nötigen Hintergrunddiensten. In der Smartphone- und Tablet-Variante bleibt Upstart zunächst auch noch für den Systemstart zuständig.

Ansonsten gab es die üblichen Updates: Kernel 3.19, Firefox 37, Thunderbird 31.6, LibreOffice 4.4.2. Der Gnome-Unterbau des Unity-Desktops ist bei Version 3.14 angekommen, die aktuelle Gnome-Version 3.16 vom März dieses Jahres hat es nicht mehr in Ubuntu 15.04 geschafft. Das Kernel-Update bringt viele neue und erweiterte Treiber, darunter auch aktualisierte proprietäre Herstellertreiber für Nvidia- und AMD-Grafik.

Eine Neuerung, die allerdings auch für Ubuntu 14.04 und Ubuntu 14.10 zur Verfügung steht, ist Ubuntu-Make. Das frühere Ubuntu Developer Tools Centre erlaubt die bequeme Einrichtung von Entwicklungsumgebungen für 14 verschiedenen Plattformen, darunter Android Studio, die Entwickler-Edition von Firefox, IDEA, Pycharm, Webstorm, Rubymine, Phpstorm, Eclipse und die plattformübergreifende Spiele-Plattform Stencyl. Ubuntu-Make kümmert sich darum, alle notwendigen Komponenten zu installieren – auch solche, die nicht in den Ubuntu-Repositories zu finden sind.

Einen ersten Eindruck von der konvergenten Ubuntu-Zukunft gibt das experimentelle Ubuntu Desktop Next. Hier ist das traditionelle X Window System durch Canonicals selbst entwickelten Display Server Mir ersetzt; als Desktop dient wie bei Ubuntu Phone Unity 8. Im Test startete Mir weder in VirtualBox noch in VMware, aber lief immerhin ohne Probleme auf einem Notebook mit integrierter Intelgrafik. Auf dessen Touchscreen ließ sich der Desktop auch mit dem Finger bedienen – sieht man von den Indikatoren in der Benachrichtigungsleiste oben ab, die für eine Touchbedienung viel zu klein sind.

Die Anpassung von Unity 8 an Desktop-Erfordernisse steht noch sehr am Anfang: Das Ubuntu-Icon links oben, das in Unity 7 das Dash öffnet, hat keine erkennbare Funktion. Die Scopes, die auf Ubuntu-Telefonen den Home-Screen bilden, werden in einem Fenster von der Größe etwa eines halben Smartphone-Bildschirms angezeigt. Andere von Ubuntu Phone portierte Apps laufen ebenfalls in kleinen Fenstern – viel anfangen lässt sich damit noch nicht.

Kubuntu 15.04
Vergrößern Kubuntu ist auf Plasma 5 umgestiegen.

Während man in die Neuerungen von Ubuntu 15.04 mit der Lupe suchen muss und Ubuntu Next noch sehr unfertig ist, haben die Kubuntu-Entwickler einen erheblichen Schritt vorwärts gemacht: Standard-Desktop in Kubuntu ist KDE Plasma 5.2. Der bringt gegenüber dem KDE 4 in der Vorversion nicht nur eine neue, frische Optik, sondern auch einen neuen technischen Unterbau auf der Grundlage von Qt 5 und den KDE Frameworks 5. Schon der Kubuntu-Installer ist konsequent im neuen Look and Feel von Plasma 5 gestaltet.

Die Softwareverwaltung übernimmt Muon-Discover. Das Tool präsentiert zur Installation verfügbare Apps in Art eines App Store. Leider sind noch nicht alle KDE-Anwendungen in der neuen KDE-Welt angekommen, der Kontact-Suite beispielsweise sieht man ihre KDE-4-Basis an vielen Stellen noch deutlich an. Aber auch wenn es noch einige kleinere Haken und Ösen gibt, ist Plasma 5 doch mittlerweile alltagstauglich.

Der Ubuntu-Server 15.04 enthält bereits die kommende OpenStack-Version Kilo, die noch im April veröffentlicht werden soll, und Docker 1.5. LXD stellt eine Infrastruktur zum Management von Docker-Containern bereit, die für eine bessere Isolation der Container sorgen soll – Canonical spricht von einem Hypervisor für Linux-Container. Nova-compute-lxd, ein Plug-in für OpenStack Nova, bindet Container unter OpenStack ein.

Auch bei der sonstigen Server-Software gab es Updates: OpenvSwitch (OVS) 2.3.1 soll die Stabilität verbessern. MySQL wurde auf Version 5.6 aktualisiert, MariaDB auf 10.0.17. Auch in Sachen Virtualisierung ist Vivid mit Qemu 2.2 und Libvirt 1.2.12 recht aktuell.

Neu mit Ubuntu 15.04 ist die Variante Ubuntu Core, ein auf rund 150 MByte abgespecktes Linux, das sich gleichermaßen für das Internet of Things wie für den Betrieb in der Cloud und als Basis für Container-Installationen eignen soll. Es läuft aufx86-, ARM- und PowerPC-Prozessoren.

Daneben gibt es auch noch Snappy Core, eine Distribution für die x64- und ARM-Plattform. Sie verwendet Snappy Apps, ein neues Paketformat, mit dem man nach einem Update jederzeit zu einem früheren Versionsstand zurückkehren kann. Ein solcher Rollback ist auch nach einem Betriebssystem-Upgrade möglich. Dazu musste das Dateisystem-Layout erheblich umgebaut werden.

[Update 23.4., 17:45] In der ersten Version dieses Textes wurde Ubuntu Core und Snappy Core fehlerhafterweise als ein Produkt dargestellt. Das wurde korrigiert.

Wer derzeit Ubuntu 14.10 einsetzt, muss auf die neue Version updaten, denn für Ubuntu 14.10 läuft in einigen Wochen die Versorgung mit Updates aus. Das betrifft alle Ubuntu-Varianten gleichermaßen.

Für ein Upgrade von Ubuntu 14.04 gibt es hingegen wenig Gründe: Im Desktop-Bereich sind Verbesserungen kaum erkennbar. Die bessere Hardware-Unterstützung von Ubuntu 15.04 wird mit dem nächsten Point-Release auch für 14.04 verfügbar sein, und Ubuntu 14.04 erhält noch bis 2019 Updates – Ubuntu 15.04 hingegen nicht mal bis zur nächsten LTS-Version 16.04.

Für Kubuntu-Anwender ist ein Upgrade wegen des Umstiegs auf KDE Plasma 5 interessanter. Auch wer in Sachen OpenStack und Container auf dem Laufenden bleiben will, sollte über ein Update auf 15.04 nachdenken. Ubuntu Core reiht sich in den Reigen schlanker Cloud- und Containerplattformen wie CoreOS und Red Hats Atomic Host ein und lohnt sicher einen näheren Blick – schon allein wegen der neuen Konzepte zur Softwareverwaltung. (odi@heiseopen.de)


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