Zehn Jahre Windows NT -- ein Rückblick

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Die NT-Geschichte, die mit dem Produktionsstart im Juli 1993 und der Marktverfügbarkeit wenige Wochen dannach für Endkunden begann, nahm ihren Ausgang schon Jahre zuvor.

Die NT-Geschichte, die mit dem Produktionsstart am 27. Juli 1993 und der Marktverfügbarkeit wenige Wochen danach für Endkunden begann, nahm ihren Ausgang schon Jahre zuvor. Seit 1988 schmiedete Microsoft mit IBM im Team an einem Nachfolgebetriebssystem für das betagte 16-Bit-OS/2 der Version 1.x: Es sollte OS/2 3.0 heißen. 1991 gingen die Partner allerdings endgültig im Streit auseinander. IBM forcierte die Weiterentwicklung von OS/2 1.x zu dem 32-bittigen OS/2 2.0 und Microsoft kündigte an, die Arbeit an einer Eigenentwicklung mit dem Namen "New Technology", kurz NT, aufzunehmen.

Bevor auch nur die Marktreife eines der Systeme in greifbare Nähe rückte, tobte die erste Schlacht um das bessere Betriebssystem: Die Branche zeigte sich verschreckt von dem Fernziel Windows NT, das in der Server-Version als Unix-Killer gehandelt wurde. Unix stand damals gerade in verschiedenen x86-Derivaten auf der Türschwelle zu den IT-Abteilungen ("Unix ante portas"). Mit Nice-Try-T-Shirts frotzelte IBM auf der Comdex 1993. Microsoft rief dort die Zeit des Client-Server-Computings aus, sah aber das NetBEUI-Protokoll für sein Server-Betriebssystem als ausreichend an und wollte von TCP/IP nicht wirklich etwas wissen.

Nice Try

Die Entwicklungsmannschaft, die hinter der ersten NT-Version steckte, kam zu großen Teilen von Digital Equipment. Den VMS-Chefentwickler Dave Cutler hatte Microsoft dort eingekauft; er galt als ausgeprägter Unix-Hasser. Sein Team war ihm zu Microsoft gefolgt, um die Pläne für ein Betriebssystem, die sie schon bei Digital geschmiedet hatten, nun für Microsoft endlich umzusetzen. Oft heißt es, dass NT nur ein billiger Abklatsch des mit IBM geplanten OS/2 3.0 sei -- aber es ist wohl mehr ein Produkt der Digital-Leute; die OS/2-Entwickler bei Microsoft wurden erst nach und nach und unter Mühen in das NT-Team integriert.

Die ersten internen Versionen von NT liefen auf i860-Systemen, einem RISC-Prozessor von Intel, der nie allzu große Bedeutung errungen hat. Ein Ziel der Entwicklung war es, das System portabel anzulegen, um es auf verschiedenen Prozessorarchitekturen einsetzen zu können -- vor allem wegen der damals als Performance-Hoffnung gehandelten RISC-Prozessoren. Sieht man vom i860 ab, den NT nie offiziell unterstützt hat, so lief NT in seiner Hochzeit auf immerhin vier verschiedenen Prozessoren: x86, Alpha, Mips und PowerPC; Gerüchte weiterer Portierungen machten die Runde, so zum Beispiel auf SPARC.

In der Anfangsphase war von Windows im Kontext von NT nicht die Rede. Erst als Microsoft bemerkte, dass das DOS-basierte Windows 3 ein Riesenerfolg wurde, entschloss man sich, NT mit einer gleich gebauten Bedienoberfläche zu versehen. Anders als die DOS-Variante führte das System 32-Bit-Software direkt aus (Win32), konnte aber zusätzlich auch alte Windows-Programme (Win16) und DOS-Anwendungen laufen lassen. Microsoft verwendete erhebliche Mühe, Entwickler auf den 32-Bit-Umstieg vorzubereiten; so gab es auch für Windows 3.x einen Zusatz (Win32s), der eine Teilmenge der 32-Bit-Schnittstellen (APIs) breitstellte. Im Sommer 1992 richtete Microsoft eine große Konferenz für Entwickler aus, von der jeder Teilnehmer eine Vorabversion des System mitnehmen konnte.

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Neben dem sichtbaren Windows-Look&Feel konnte NT aber zusätzlich auch Anwendungen ausführen, die für OS/2 1.x geschrieben worden waren (Binärkompatiblität); die grafische OS/2-Schnittstelle, der Presentation Manager, fehlte indes, ließ sich aber durch ein Paket nachinstallieren, das allerdings nie öffentlich zugänglich war. Außerdem -- das setzte NT dem Verdacht aus, ein Unix-Killer zu sein -- hatte Microsoft für Posix-Kompatiblität gesorgt: Neben einem Subsystem für OS/2 und Win32 gab es eines für Posix-Anwendungen, die allerdings neu zu übersetzen waren und nur rudimentär vorfanden, was seinerzeit Unix auszeichnete.

Erster Anlauf

Mehrfach verschob Microsoft den Termin der Markteinführung. Am 27. Juli 1993 ging das neue Betriebssystem als Windows NT 3.1 in Produktion. Es gab zwei Varianten, das Client-System und den Advanced Server, der als zentrales System im Netz unter anderem eine Benutzerdatenbank für alle Clients bereitstellen konnte (Domain-Controller). Auf den ersten CDs fand sich neben der Version für x86-CPUs eine für Systeme mit Mips R4000. Einige Monate später kam mit den ersten Systemen von Digital Equipment auch eine Fassung für Alpha-Prozessoren -- die einem solchen System in der Regel beilag.

Die Hardware-Anforderungen waren für heutige Zeiten sehr moderat, aber gegenüber den ersten Vorführversionen, die sich teils noch mit 8 MByte RAM begnügten, schon gewachsen. Ein 486er mit 16 MByte RAM galt als sinnvolle Ausstattung. Anwendungen gab es in der Anfangsphase so gut wie keine, obwohl Microsoft auf Entwicklerkonferenzen ordentlich die Werbetrommel für Win32 gerührt hatte. Frühadepten konnten sich aber an notdürftig laufenden Win16-Anwendungen erfreuen und hatten zumindest Zugriff auf die Entwicklungswerkzeuge, was damals ohnehin das Spannendste war.

Ein Jahr später hatten sich gerade mal 300.000 Käufer für das neue System gefunden. Das erste Update erschien: Nunmehr gab es Windows NT 3.5 Workstation und Server -- zur besseren Abgrenzung. Der unter dem Codenamen "Daytona" entwickelte Nachfolger brachte OpenGL mit, einen Client für den Netware-Zugriff und wies viele Detailverbesserungen auf. Mit dieser Version führte Microsoft das bis heute praktizierte Lizenzmodell ein, das trotz eines vorhandenen Client-Betriebssystems die Zahlung zusätzlicher Gebühren für den Serverzugriff vorsieht (Client Access Lizenz CAL -- damals für 70 Mark zu haben).

Wenig später, noch bevor Microsoft Windows 95 auf den Markt brachte, erschien mit NT 3.51 ein weiteres Update, das als Neuerungen nur transparente Kompression im NTFS-Dateisystem und PCMCIA-Unterstützung brachte; der Wechsel einer solchen Notebook-Erweiterung erforderte damals freilich noch einen Reboot. Intern offenbarte das System erstmals Mittel, mit denen ein Programm ein weiteres unter einem anderen Benutzerkonto starten konnte -- erste in der Unix-Welt bekannte "sudo"-Utilities entstanden, die den Wechsel zwischen Administrator und Benutzerdasein erleichterten. Kurz nach der Einführung von NT 3.51 gab es das System auch für den PowerPC-Prozessor.

Bunter Vogel

Windows 95 stellte Windows NT komplett in den Schatten: Es konnte Plug&Play (die erwähnten PCMCIA-Karten ließen sich im laufenden Betrieb wechseln), hatte eine neue dokumentenorientierte Oberfläche und brachte erstmals Spiele- und Multimediaschnittstellen (WinG, der Vorläufer von DirectX) mit. Die überarbeitete Bedienoberfläche (der Explorer), die den Programmmanager ablöste, gab es für neugierige Benutzer von NT 3.51 als Probierversion. Anders als mit NT gelang es Microsoft, mit Windows 95 andere Software-Entwickler zu ermuntern, 32-Bit-Software für Windows zu entwickeln (Win32). Technisch blieb der bunte Vogel aber weit zurück: Noch immer regierte DOS im Unterbau und alte 16-Bit-Anwendungen konnten Windows 95 komplett stilllegen.

Schon Jahre vor der Vorstellung von Windows 95 beschrieb Microsoft die Zukunft seiner Betriebssystemfamilie: Chicago, so der Codename für den 95er-Jahrgang, sollte den Endkunden glücklich machen, NT dagegen die Firmen. Auf lange Sicht sollten beide Systeme verschmelzen. Als Fernziel tauchte schon 1991 das objektorientierte Betriebssystem Cairo auf. Sein Ziehvater ist Jim Allchin, der seiner schlohweißen Haare wegen "Great White Hope" genannt wurde. Er kam von Banyan, einer Firma, die damals mit ihrem Netzwerkbetriebssystem Vines vorausnahm, was heutzutage mit Verzeichnisdiensten en vogue ist. 1999, kurz vor der Markteinführung des Active Directory durch Microsoft, das seit 1993 zumindest als Begriff existierte, verschwand Banyan aber in der Versenkung.

Die große Betriebssystemschmelze brachte erst Windows XP. Bis dahin schob Microsoft 1996 Windows NT 4 auf den Markt, das über die neue Bedienoberfläche von Windows 95 verfügte, ansonsten aber auf ziemlich alles, was das Endkundensystem begehrlich machte, verzichtete. Apropos Verzicht: NT 4.0 war das erste System, in dem Microsoft gänzlich auf das bisher mitgeschleppte OS/2-Dateisystem HPFS verzichtete -- zum Leidwesen vieler, die es mit einigen Handgriffen noch nachrüsteten.

Kommen und Gehen

In NT4 überarbeitete Microsoft die Architektur des Systems erstmals grundsätzlich. Die bisher als Anwendungscode ausgeführte Komponenten zur Fensterverwaltung und Grafikdarstellung wanderten in den Systemkern -- was zu heftigen Debatten führte, sich unterm Strich für die Performance aber auszahlte und auch keine krasse Verschlechterung der Stabilität bedeutete. Schon seit der Markteinführung war zu beobachten, dass die Treiber -- so es denn welche gab -- eine höhere Qualität aufwiesen und viele bewusst gewählte Designmaßnahmen zur Betriebssicherheit sich auszahlten.

Bei NT4 begann Microsoft, die Server-Version in verschiedenen Formen anzubieten, später zum Beispiel auch als Terminal Server Edition, die letztlich sogar eingefleischten Unix-Nutzern deutlich machte, dass NT schon ein Betriebssystem ist, dass sich auch für den gleichzeitigen Betrieb mehrerer Nutzer eignet -- bis dahin hatten lediglich andere Firmen Zusätze für einen solchen Betrieb angeboten. Mit NT4 wurde auch klar, dass Microsoft die MIPS-Schiene nicht weiterentwickeln würde. Einige Zeit später kam das Aus für den PowerPC als unterstützte Architektur.

Erst kurz vor der Fertigstellung von Windows 2000 kapitulierte Microsoft ganz und stellte die Weiterentwicklung der bis ins Stadium eines Release Candidate mitentwickelten Alpha-Variante ein. Von der einst mit großem Tamtam eingeläuteten Portabilität des Supersystems blieb nur x86 übrig. Wirklich gewundert hat das niemanden: Schon die Versorgung NTs mit 32-Bit-Software stockte, erst recht die der RISC-Versionen. Erst Ende 1994 -- über ein Jahr nach der Markteinführung von NT -- führte Microsoft auch 32-Bit-Versionen von Word und Excel ein, die dann nach und nach auch auf RISC-Prozessoren liefen. Viel mehr ist nicht nachgewachsen.

Noch trüber sah es mit der Treiberunterstützung aus: Obwohl ein Neuübersetzen von Anwendungen und Treibern genügt hätte, um auch die anderen Prozessoren neben x86 zu bedienen, hat sich kaum ein Hard- oder Softwarehersteller die Mühe gemacht. Werkzeuge, die eine Cross-Entwicklung erlaubt hätten, hat Microsoft nie bereitgestellt. Vielversprechende Ansätze gab es trotzdem: Die 16-Bit-Emulation war auf den RISC-Systemen zwar auf dem Stand des 80286 stehen geblieben, aber mit FX!32 gab es aus dem Hause Digital einen übersetzenden Emulator, mit dessen Hilfe ein Alpha Win32-Code für x86 in erstaunlichem Tempo ausführen konnte.

Reife Basis

Erst mit Windows XP stellte Microsoft die Weiterentwicklung seiner Cash Cow, Windows 95 ein, das immerhin noch drei Mal neu aufgelegt worden war. Seitdem arbeiten zunehmend mehr Windows-Anwender auf der technischen Basis, die vor rund zehn Jahren NT 3.1 begründet hat. Noch immer aber warten sie auf das objektorientierte Betriebssystem Cairo, das in Microsofts Zukunftsplänen gar nicht mehr auftaucht. Die Ziele der bekannten Nachfolger Longhorn und Blackcomb nehmen sich deutlich bescheidener aus.

Konkurrenz hatten die Remonder lange Zeit kaum mehr zu fürchten. Viele einst als Mitbewerber gehandelte Systeme sind in der Versenkung verschwunden oder fristen ein Nischendasein: OS/2, NextStep, BeOS et cetera. Dass das so bleibt, dafür sollen die Entwickler in Redmond sorgen, die zumindest in der heißen Phase der Systementwicklung auf ein paar Dutzend Multiprozessorsystemen tagtäglich die nächste Betriebssystemgeneration übersetzen lassen und testen ("Hundefutter" im Redmond-Jargon). Allein die Maschine, die die Debug-Symbole für die verschiedenen Versionen zur Fehlersuche enthält, füllt einen ganzen Schrank. Wäre da nicht eine eingeschworene Gemeinde Freiwilliger, die mit ihrem Unix-Abkömmlingen wie Linux und den diversen BSD-Derivaten mittlerweile über die Türschwelle getreten sind, stünde Microsoft heute weitgehend alleine auf weiter x86-Flur da.

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