Zuwachs bei Maschinenkickern

Robocup German Open 2004

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An der offenen deutschen Meisterschaft im Roboterfußball haben sich in diesem Jahr 150 Teams aus 13 Ländern beteiligt. Die Veranstaltung ist damit - wie die Initiatoren stolz anmerken - nach der Robocup-Weltmeisterschaft zum „zweitwichtigsten internationalen Event im Roboterfußball geworden. Im vergangenen Jahr hatten sich 120 Teams an dem Wettbewerb beteiligt. Hocherfreut sind die Ausrichter auch über die Teilnahme Jugendlicher, da sie mit dem Wettbewerb die Technikbegeisterung schüren wollen: 90 der 150 Mannschaften nahmen an den Wettbewerben der Junior League teil - diesmal sogar erstmals mit internationaler Beteiligung.

Roboterfußball gilt als Testfall für Robotik in „dynamisch veränderlichen Umgebungen“ ist also - im Unterschied zu Schach - „ein Stück weit näher dran an der wirklichen Welt“, so Professor Thomas Christaller, Leiter der Fraunhofer Instituts für Autonome Intelligente Systeme AIS, das mit dem Heinz Nixdorf Museumsforum die German Open in diesem Jahr bereits zum vierten Mal ausrichtete.

Spaß, der „spielerische Umgang mit der Wissenschaft“ und nicht zuletzt der sportliche Wettbewerb sollen die technische Entwicklung treiben, „gewissermaßen von inkrementellen Fortschritten einer Epsilon-Wissenschaft hin zur Delta-Wissenschaft“, erklärte Christaller. Weil gerade im universitären Bereich oftmals „das Rad neu erfunden wird“, wirbt das Fraunhofer AIS - auch auf der German Open - für seinen „Volksbot“ als günstige Basisplattform. Obwohl neben der hauseigenen AIS-Mannschaft zurzeit ein Team der FH Weingarten aufgebaut wird, das mit Volksbots spielt, scheint der Trend gegen die Standardisierungsbemühungen der Fraunhofer-Forscher und hin zu spezialisierter Hardware zu laufen: Während in den vergangenen zwei Jahren das Philips-Team mit seinen extrem schussstarken Maschinen den Titel in der Middle Size League der autonomen Roboter abräumte, triumphierten in diesem Jahr die Brainstormers Tribots [1|#literatur], die mit ihren drei omnidirektionalen Rädern ein ganz eigenes Antriebskonzept verfolgen.

Damit das Ganze nicht „völlig ins Spielerische abgleitet“ habe man als „wissenschaftliche Leitplanken“ Regelanpassungen vorgesehen, die die Latte für die Roboter beständig höher anlegen, erklärt Christaller. So spielt beispielsweise die Small Size League, die bislang auf einem Spielfeld von der Größe einer Tischplatte agierte, jetzt auf einem deutlich größeren Spielfeld von 4 m x 2,5 m. Die für die diesjährige Robocup-Weltmeisterschaft erstmals vorgesehene „Referee-Box“, die Schiedsrichteranweisungen per Funk direkt an die Spieler leitet, konnte in Paderborn von den Mannschaften erstmals im Wettbewerb getestet werden. Und in der Königsklasse der autonomen Roboter, der Middle Size League, müssen die Roboter mittlerweile mit schlechteren Beleuchtungsbedingungen klarkommen. Während das Spielfeld bislang mit 1000 Lux homogen ausgeleuchtet wurde, sind jetzt Schwankungen zwischen 300 und 1200 Lux möglich, was die Kalibrierung der Kameras sehr viel schwieriger macht.

Etwas abseits des Publikumsrummels gewinnt die Simulation Rescue League eine spannende Dynamik, denn die Liga erfreut sich wachsender Beliebtheit. Während die echten Roboter der Rettungsliga während der vergangenen Robocup-WM noch Mühe hatten, sich durch den als „Kammern des Schreckens“ titulierten Testparcours zu arbeiten, spielen ihre virtuellen Kollegen bereits auf richtigen Stadtplänen, wie beispielsweise dem der 1995 durch ein Erdbeben schwer verwüsteten japanischen Stadt Kobe. Zurzeit arbeiten einige Teams, wie beispielsweise die Mannschaft ResQ Freiburg, an einer dreidimensionalen Visualisierung des Spielgeschehens - bislang müssen sich die Zuschauer noch damit begnügen zuzusehen, wie farbige Punkte über den Stadtplan huschen.

In 300 Spielrunden müssen die Polizei-, Feuerwehr- und Sanitätsagenten so viele der auf dem Spielfeld verteilten Zivilistenagenten wie möglich retten, die entweder beim Erdbeben in einstürzenden Häusern verschüttet oder durch sich ausbreitende Feuer gefährdet sind. Die Rettungsagenten verfügen bei dieser Aufgabe nur über lokal begrenzte Informationen - sie sehen in ihrer Straße eingestürzte Häuser oder die Rauchfahnen von Bränden und können dann über Funk Verstärkung anfordern. Allerdings ist die Bandbreite dieser über UDP verbreiteten Meldungen stark begrenzt - pro Spielrunde dürfen maximal vier Botschaften mit nicht mehr als 256 Byte Datenvolumen von einem Agenten gesendet werden. Und manchmal gehen „fast wie im richtigen Leben“ auch Nachrichten verloren.

Neben der Tatsache, dass die Rescue League in Paderborn nur in der Simulation ausgetragen wird, unterscheidet auch das Fehlen humanoider Roboter die deutsche Meisterschaft von der Weltmeisterschaft. Eine Tatsache, die Christaller durchaus bedauert, aber es sei in Deutschland ungeheuer schwierig, Forschung zu humanoiden Robotern zu organisieren, da bei dem finanziellen Aufwand für solche Plattformen auch Unternehmen ihren Beitrag leisten müssten: „Aber wenn ich das hier in Deutschland diskutiere, wird dummerweise immer gesagt, was bringt mir das, wie viel Geld kann ich jetzt damit verdienen“? Dabei herrsche, ergänzt sein Kollege Hans-Dieter Burkhard, Professor für Künstliche Intelligenz an der Humboldt-Universität Berlin, derzeit in der Branche „absolute Goldgräberstimmung“. „Wer jetzt auf diesem Gebiet investiert“, prophezeit Burkhard, „wird kleine technische Fortschritte in ein Riesen-Geschäft ummünzen können.“ (wst)

[1] Creating a Robot Soccer Team from Scratch: the Brainstormers Tribots M. Arbatzat et al., online unter: http://borneo.ais.fraunhofer.de/robocup/msl2003/QualificationMSL2003/tdp_brainstormers.pdf

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Kapitel
  1. Simulierte Rettung
  2. Literatur
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