c't-Onlinetalk: Von Wikileaks, Open Data und der gläsernen Gesellschaft - Wieviel Transparenz vertragen wir, wieviel brauchen wir?

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Der c't-Onlinetalk am Samstag, den 19. November, auf DRadio Wissen: Wikileaks nimmt für sich in Anspruch, mit seinen Veröffentlichungen u.a. die Demokratiebewegung in Nordafrika befördert zu haben. Auch westliche Regierungen sehen zu viel Transparent aber nicht gerne. Und die Bürger beobachten selbst, wie sie im Netz die Kontrolle über ihre Daten verlieren. Wieviel Transparenz ist also notwendig, wie gehen wir mit ihr um?

Die vor einem Jahr publik gemachten US-Botschaftsdepeschen haben zur Überwindung von Diktaturen in Nordafrika beigetragen, meint Wikileaks-Mastermind Julian Assange. Die Whistleblower-Plattform, die nach den Vorgaben ihres Gründers eigentlich ein Konzept vollständiger Transparenz jeden staatlichen Handels verfolgt, rückte vor einiger Zeit mit der Veröffentlichung der Irak- und Afghanistan-War-Logs, des Videos "Collateral Murder" über den Angriff einer US-Hubschrauberbesatzung auf Zivilisten im Irak und der US-Diplomatendepeschen in das Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit. Und mit ihr das Verlangen, das Handeln von Regierungen, Behörden und Institutionen transparent zu machen - zum Vorteil der Gesellschaft, zur Förderung demokratischer Strukturen.

Das stößt nicht nur auf Zustimmung - Regierungen in der ganzen Welt betrachen Wikileaks als Gefahr für ihr Handeln. Und der Moralphilosoph Peter Singer meint im Gespräch mit Assange in der Zeitschrift "Philosophie Magazin": "Jede Information, deren Freigabe eine eindeutige und unmittelbare Gefahr bedeutet, sollte geheim bleiben." Dem entgegnet Assange: Wikileaks sei letztlich nur "ein Versuch, jedem das Maximum an wahrer Information über seine Umgebung zur Verfügung zu stellen".

Während die Auseinandersetzung um die von Assange geforderte totale Transparenz anhält, entstehen im Rahmen der Open-Data-Bewegung ganz neue Ansätze, um offizielle Politik und Entscheidungen durchsichtig zu machen. Die Öffentlichkeit der anfallenden Daten, bei der unter anderem USA und Großbritannien Vorreiter spielen, ermöglichen neue Anwendungen für den Bürger, der sein Umfeld, seine Stadt, sein Land unter ganz neuen Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen kann. Aber auch diese, durch bereits von der öffentlichen Hand erhobenen Daten ermöglichte Transparenz gefällt nicht jedem Bürokraten. Ähnlich wie beim Informationsfreiheitsgesetz, das den Bürgern in Deutschland eigentlich Einsicht in die Akten geben soll, die von Behördenhandeln produziert werden, verweigern sich eben diese Behörden oft der Einsichtnahme.

Dass aber Transparenz in der modernen Gesellschaft für viele Bürger ein erstrebenswertes Gut ist, zeigt nicht zuletzt der Einzug der Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus – wobei die Piraten selbst an ihrem eigenen Anspruch gemessen wurden und dies schnell zu Widersprüchen führte. Auch ist die Diskussion nicht abgeschlossen, was denn Transparenz für das private Leben bedeutet. Der Streit zwischen Datenschutz auf der einen und Post-Privacy auf der anderen Seite ist noch lange nicht ausgestanden: Während Datenschützer erschreckt Gegenmaßnahmen gegen die Einbrüche in die Privatsphäre von Internet-Nutzern suchen, stellen die Post-Privacy-Vertreter schlicht den unvermeidlichen Kontrollverlust über die Daten fest und versuchen, ihn auch im Privaten positiv zu wenden.

Wieviel Transparenz also vertragen wir, verträgt die Gesellschaft? Und, auf der anderen Seite: Wieviel Transparenz ist notwendig? Darüber diskutiert Moderator Philip Banse im c't-Onlinetalk (Samstag, 19.11.2011, 11 Uhr) auf DRadio Wissen mit:

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