iPad-Crescendo

Die Musikmesse im Zeichen von iOS

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Déjà-vu am Main: Wie im vergangenen Jahr nahmen Hardware-Ergänzungen und Apps für Apples Mobilgeräte einen großen Raum auf der Musikmesse ein – allerdings mit durchaus neuen Ansätzen. Auch jenseits von iOS gab es allerhand interessante Neuheiten.

Das iPad hat im Musikbereich die dritte Stufe erreicht: Zunächst als Spielzeug belächelt, dann dank Audiointerfaces, Mini-Mikrofonen sowie Controller- und Sequencer-Apps als durchaus brauchbares Arbeitsgerät akzeptiert, wird es jetzt verstärkt für ganz spezielle Lösungen genutzt. Vorreiter war dabei in diesem Jahr fraglos das kalifornische Unternehmen Alesis, das gleich einen ganzen Sack neuer Hardware für das iPad mit nach Frankfurt brachte – darunter das DM Dock, das das Tablet in ein Drummodul mit 13 Triggereingängen verwandelt. Das Gerät setzt die ankommenden Signale in MIDI-Steuerinformationen um und gibt diese an die App weiter, die dann ihrerseits die passenden Klänge ausgibt. So lassen sich Musik-Apps wie GarageBand mit einem E-Drumset steuern.

Auf Gitarristen zielt wiederum Amp Dock ab, das neben typischen Ein- und Ausgängen noch einem dynamischen Mikrofon-Anschluss bietet. Zusätzlich sind an der Front sechs Drehregler angebracht, die dem Gitarristen analoges Bedien-Feeling für die zahlreichen auf dem iPad verfügbaren Verstärkersimulationen bieten sollen. Nach Angaben von Alesis versteht sich Amp Dock mit allen gängigen CoreAudio- und -MIDI-Apps. Für Recording-Freunde haben die Kalifornier das ioMix ersonnen, eine Kombination aus Dock, kleinem Vierkanal-Mixer (Gain, Trim, Pan, Hi- und Lo-EQ) und Recording-App fürs iPad. Bis zu vier Spuren lassen sich mit dieser Kombination gleichzeitig aufnehmen und mischen.

Nachdem Yamaha bereits im vergangenen Jahr das iPad als Kontrolloberfläche für ihre professionellen Mischpulte nutzte, ziehen andere Hersteller nun nach: So stellte die Firma Alto mit der Masterlink-Live-Serie zwei Mischpulte inklusive iPad-Dock vor. Der Tablet-PC dient in diesem Fall als Aufnahmegerät für das Summensignal und stellt zusätzlich einen Realtime-Audio-Analyzer, einen 12-bandigen Equalizer sowie einen Kompressor/Limiter bereit.

Vergrößern Mackies Digitalmixer DL1608 kann über WLAN mit bis zu zehn iPads gleichzeitig Verbindung aufnehmen, sodass beispielsweise einzelne Musiker auf die für sie wichtigen Kanalzüge zugreifen können.

Ein etwas anderes Konzept präsentierte Mackie beim DL1608: Hier dient das iPad als Fernbedienung des digitalen 16-Kanal-Mixers, wahlweise angebunden über den Dock Connector oder drahtlos via WLAN. Beim Mixer selbst wurde auf gewohnte Kontrollelemente wie Drehknöpfe für die Klangreglung oder Kanalfader verzichtet wurde. Die Docking-Variante hat zudem die Vorteile, dass eine Wiedergabe von auf dem iPad gespeicherter Musik sowie eine Aufnahme der im Mixer eintreffenden Signale (jeweils in Stereo) möglich ist. Der 3,2 Kilogramm schwere Mixer mit 16 Onyx-Mikrofon-Vorverstärkern und 24-Bit-Cirrus-Logic-Wandlern soll ab Juli/August erhältlich sein, als Listenpreis werden rund 1300 Euro angepeilt. Allerdings sind kleinere wie größere Modelle geplant – sodass das Konzept künftig auch in den Amateurbereich schwappen dürfte.

Bei Fostex gab es mit dem AR-4i ein Stereo-Audiointerface für das iPhone 4(S), das sich besonders an Filmfreunde richtet, die der Tonqualität ihrer iPhone-Videos nachhaltig auf die Sprünge helfen wollen. Dafür hat das Gerät neben zwei aufsteckbaren Kondensatormikrofonen auch einen Blitzschuh für weiteres Zubehör von Drittanbietern sowie zwei Stativgewinde. Dank eines Griffs lässt sich das Interface samt darin eingeklemmten iPhone bequem tragen und ausrichten. Eine kostenlose App hilft bei der Justage der Interface-Parameter. Für den audiophilen iOS-Nutzer präsentierte Fostex außerdem den HP-P1, einen externen Kopfhörerverstärker für den Dockanschluss mit eigener Digital-Analog-Wandlung. Das Gerät hat außerdem einen optischen SPDIF-Ausgang sowie einen Line-Out.

Bei Tascam gab es das iU2 zu sehen, ein ausgesprochen handliches Audiointerface mit einem für Instrumente und Mikrofon nutzbaren Stereoeingang inklusive Phantomspeisung sowie einen digitalen und analogen Ausgang. Zusätzlich hat Tascam eine MIDI-Schnittstelle integriert. Das Gerät lässt sich auch am PC oder Mac nutzen – und eine kostenlose Recording-App gibt es von Tascam obendrein. Mit dem Aufsteckmikrofon iM2 verwandeln sich iPod, iPhone und iPad wiederum in Stereo-PCM-Recorder. Die beiden, in A/B-Konfiguration angeordneten, drehbaren Minimikrofone mit Kugelcharakteristik werden am Dockadapter aufgesteckt und verfügen über eigene Preamps und Analog-Digital-Wandler. Auch hier gibt es eine Recording-App von Tascam gratis.

Bei den Apps sorgte vor allem Propellerheads Ankündigung für Aufsehen, eine iOS-Version von Reason namens Figure im App Store für 0,79 Euro anbieten zu wollen. Bis zum Redaktionsschluss war diese allerdings noch nicht aufgetaucht. Interessant war in diesem Zusammenhang die Aussage von Rolf Wöhrmann, seines Zeichens Programmierer des Synthesizers NLog Pro: Er sprach beim neuen iPad von einer zirka 15 Prozent höheren Rechenleistung gegenüber der 2. Generation – und äußerte gleichzeitig die Hoffnung, die Quad-Core-Grafik-Engine des A5X-Chips später auch fürs normale Number-Crunching einsetzen zu können.

Dass man Hardware-Lösungen und Apps für Android-Smartphones und Tablets in Frankfurt vergeblich suchte, liegt übrigens nicht (nur) daran, dass die Hersteller in der Apple-Kundschaft eine konsumwillige Käuferschicht sehen. Vielmehr teilten uns mehrere Hersteller übereinstimmend mit, dass es dem Google-Betriebssystem an der nötigen Echtzeit-Audioverarbeitungsfähigkeit mit niedrigen Latenzen mangele – obwohl man diese immer wieder gefordert habe. Tatsächlich reicht eine Diskussion zu diesem Thema in Googles Entwicklerforum bis Mitte 2009 zurück (siehe Link am Ende des Artikels).

Ohne iPad-Anbindung, aber mit einem durchaus verwandten Bedienkonzept präsentierte sich der Zweikanal-AD/DA-Wandler Hilo der amerikanischen Firma Lynx. Hilo verzichtet fast vollständig auf herkömmliche Bedienelemente und wird nahezu komplett über das große Touchdisplay auf der Front gesteuert – Aussteuerungsanzeigen im analogen VU-Meter-Look inklusive. Ein derartiges Konzept ist für Geräte dieser Art ein absolutes Novum. Hilo ist mit zahlreichen analogen und digitalen Anschlüssen sowie einem USB-Interface gesegnet, sodass der Konverter auch im Studio – gegebenenfalls mit einem zusätzlichen Mikrofon-Vorverstärker – als Recording-Interface genutzt werden kann. Bei einem Preis von über 2000 Euro ist dies andererseits ein Luxusgerät, dass sich wohl nur besser betuchte Enthusiasten leisten werden.

Vergrößern Benutzt man alle Kanäle der HDSPe MADI FX (steckt hier in einem externen Thunderbold-Gehäuse), nimmt die Anzeige der Mixer-Software drei 27-Zoll-Bildschirme ein.

Mit der HDSPe MADI FX stellte Audiospezialist RME schließlich eine neue Bestmarke für PCI-Express-Audiokarten auf: Sie bietet satte 194 Eingangs- und 196 Ausgangskanäle, das ist mehr als ausreichend, selbst für aufwendigste Studio- und Live-Projekte. Herzstück ist ein neu entworfener Hammerfall-Core, der laut Entwickler reibungslosen Routing- und Recording-Betrieb bei niedrigsten Latenzen von nur 32 Samples ermöglicht. Um die Leistung des DSPs bestmöglich zu nutzen, werden ungenutzte Kanäle automatisch deaktiviert. Mit Total Mix FX steht eine 4096-Kanal-Matrix zur Verfügung, die den Einsatz der Audiokarte zum Routing ermöglicht. Jeden Kanal lässt sich dabei einzeln mit einem individuellen Gain pro Routing verschalten. Ausgestattet mit der 192-kHz-Effekt-Engine des Fireface UFX soll sich ein latenzfreies Monitoring mit zahlreichen EQs, Dynamikkompressoren sowie Hall und Echo direkt auf der Karte erstellen lassen, unabhängig von der laufenden DAW-Software. So viel Leistung hat seinen Preis: Gut 500 Euro sind für das Kärtchen zu entrichten.

Universal Audio (UA) startete den Verkauf seines ersten Audio-Interfaces. Bislang gab es die Hardware-Plattform UAD(2) des US-amerikanischen Unternehmens mit ihren speziellen Prozessoren zur Nachbildung analoger Effektgeräte und Bandmaschinen nur als Einsteckkarten und externe Boxen. Dadurch mussten deren Nutzer eine leichte Verzögerung in Kauf nehmen, da die Audiodaten vom System in die UAD-Hardware und wieder zurück in das System geleitet werden. Das „Apollo“ genannte FireWire-Interface wartet indes mit integrierten DSPs auf und soll schnell genug sein soll, um in den Eingangsweg eingebundene UAD-Plug-ins ohne merkliche Verzögerung (laut Hersteller unter 2 ms) zu nutzen. So lässt sich beispielsweise eine Gesangsstimme gleich mit dem Sound eines klassischen Equalizers aufnehmen. Der Spaß hat jedoch seinen Preis: Das Apollo-Interface wird in zwei Ausführungen mit Duo- und mit Quad-Core-Prozessor zu Straßenpreisen von rund 2000 beziehungsweise 2500 Euro angeboten. Im Lieferumfang enthalten ist jeweils ein „Analog Classics“- Bundle mit mehreren UAD-Plug-ins.

Vergrößern Mit dem Plug-in Unveil der in Hannover ansässigen Firma Zynaptiq sollen sich Hall- beziehungsweise Raumanteile in einem Audiosignal in Echtzeit bearbeiten lassen.

Apopros Plug-ins: Die noch junge deutsche Firma Zynaptiq zeigte zwei bemerkenswerte virtuelle Effekte. So erlaubt es Pitchmap, ein Musikstück in Echtzeit (beispielsweise über ein MIDI-Keyboard) zu reharmonisieren, sodass eine völlig neue Komposition entsteht. Das Plug-in soll dabei alle Instrumente im Mix berücksichtigen; die tatsächliche Qualität dieser Manipulation muss aber erst ein Test zeigen. Bei Unveil handelt es sich wiederum um einen „De-Reverbaration Processor“, also ein Modul, das unerwünschte Hall- beziehungsweise Raumanteile aus einem Signal entfernt. Das funktionierte in der Vorführung verblüffend gut. Die Plug-ins sind zunächst nur als Audio Units für Intel-Macs erhältlich; VST- und AAX-Versionen (Avid Audio Extension für Pro Tools 10) sollen im Laufe des Jahres folgen.

Und schließlich gab Propellerhead in Frankfurt Details zur Einbindung von Plug-ins von Drittherstellern bei seiner Digital Audio Workstation Reason bekannt. Danach wird es keine komplette Öffnung geben: Die Einbindung erfolgt nicht über die gewöhnlichen Schnittstellen wie AU oder VST, sondern über eine proprietäre Lösung namens „Rack Extensions“. Propellerhead begründet diesen Schritt damit, dass die Plug-ins in einer Sandbox liefen und daher bei Abstürzen die DAW nicht mit in den virtuellen Abgrund zögen. Die virtuellen Geräte sollen über einen Online-Shop des Herstellers angeboten werden. Kundenfreundlich ist die geplante 30-tägige Testphase nach dem Kauf eines Plug-ins. Zu den ersten bestätigten Lieferanten gehören Korg, u-he, GForce, Softube und Sugar Bytes; mit anderen Anbietern stehe man in Verhandlungen. Vorhandene „gewöhnliche“ Plug-ins sollen sich vergleichsweise problemlos anpassen lassen, beim Design sind die Programmierer an Reasons Bedienoberfläche gebunden: Das virtuelle Gerät muss in das Rack der DAW passen. (nij)

www.ct.de/1209018

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Kapitel
  1. Im Heimstudio
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