iPad im Ranzen

Apple steigt in den Lehrbuchmarkt ein

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Mit interaktiven Schulbüchern auf Basis von iBooks, einer Gratis-Software zum Erstellen derselben und einer iPad-Ausgabe des digitalen Vorlesungssystems iTunes U will Apple den Bildungsmarkt umkrempeln – vorerst in den USA.

Auf einer Pressekonferenz in New York stellten seine Nachfolger vor, was Steve Jobs noch vor seinem Tod angeschoben hatte: Digitale Lehrbücher sollen Schülern, Studenten und Lehrern ganz neue, interaktive Möglichkeiten auf dem iPad eröffnen. Sie können Lesezeichen setzen, suchen, Animationen, Klänge und Filme abspielen und bekommen automatisch neue Versionen ihrer Inhalte aufs Gerät, sobald diese im iBookstore vorliegen. Geht es nach dem Willen von Apple, hat das Schulbuch aus Papier bald ausgedient.

Bis dahin dürfte es noch ein Weilchen dauern, denn erst einmal müssen nicht nur die Schulbuchverlage mitspielen, sondern vor allem auch die Kinder, ihre Eltern und die Schulen. Da das iPad dort schon heute recht beliebt ist – laut Apple gibt es bereits 1,5 Millionen Geräte in Bildungseinrichtungen und über 20 000 Lern-Apps –, rechnet sich das Unternehmen gute Chancen aus, dass der Plan aufgeht.

Noch wichtiger als das Endgerät dürfte das Ökosystem drumherum sein, die Kombination aus Lese-App, einem zentralen Marktplatz und gelungenen Inhalten. Als Partner holte sich Apple die drei großen US-Schulbuchverlage Pearson, McGraw Hill und Houghton Mifflin Harcourt ins Boot. Zum Start boten sie sieben englischsprachige Lehrbücher („Textbooks“) im iBookstore an: „Biology“, „Chemistry“, „Geometry“ und „Environmental Science“ von Pearson sowie „Algebra 1“, „Biology“ und „Physics“ von McGraw Hill. Als Zielgruppe peilt Apple anfangs das Segment bis zur 12. Klasse der amerikanischen High School an.

Vergrößern Die Lehrbücher sind unter anderem mit Filmen, Bildergalerien, Multiple-Choice-Fragen und Keynote-Präsentationen angereichert.

Zum Ausprobieren gibt es „Life On Earth“ von Wilson Digital gratis, auch hierzulande. Das englischsprachige Biowissenschaftsbuch belegt mit seinen 51 Seiten satte 1 GByte Speicherplatz und demonstriert das Konzept mit seinen Animationen, Videos und Bilderstrecken durchaus anschaulich. Die Umsetzung der anderen Titel ist unterschiedlich gut gelungen; das über 1700 Seiten starke „Chemistry“ von McGraw Hill beispielsweise hat kaum interaktive Elemente zu bieten.

In den ersten drei Tagen sollen 350 000 Lehrbücher heruntergeladen worden sein. Mit jeweils mehreren hundert Bewertungen zwischen dreieinhalb und fünf Sternen kommen sie bei den Nutzern anscheinend gut an.

Kein Lehrbuch im iBookstore soll mehr als 15 US-Dollar kosten. Zum Vergleich: Für die Papierversionen der oben genannten Titel verlangt Amazon zwischen 70 und 105 Dollar. Steve Jobs hatte in Walter Isaacsons Biografie angekündigt, den 8 Milliarden schweren Schulbuchmarkt in den USA angreifen zu wollen. Die Werke seien nicht nur schwer und unflexibel, sondern auch zu teuer.

Nun ist Apple keine Wohltätigkeitsorganisation, sondern wittert auch in diesem Markt ein gutes Geschäft. Wie bei den anderen Inhalten aus dem iTunes Store will es 70 Prozent des Umsatzes an die Inhalteanbieter ausschütten und 30 Prozent behalten.

Ob Apple die weiteren US-Schulbuchverlage ebenfalls gewinnen kann, ist noch nicht abzusehen. Es wäre aber keine große Überraschung, wenn sie nachzögen, so wie einst auch viele Platten-Labels und Filmstudios entgegen ihrer anfänglichen Abneigung Inhalte bei iTunes einstellten.

iTunes U

Neben Verlagen und (Hobby-)Autoren sollen künftig auch Professoren und Lehrer iBooks Author verwenden, um ihre Unterrichtsmaterialien multimedial anzureichern und anschließend bei iTunes U hochzuladen, das ist jener Bereich auf Apples Webservern, der für virtuelle Vorlesungen reserviert ist. Mehr als 1000 Hochschulen, darunter Stanford, Harvard, Yale und 18 deutsche wie die in Hamburg, Freiburg und Aachen, stellen dort bereits Inhalte bereit.

War bislang iTunes die Schnittstelle zu iTunes U, gibt es nun auch eine kostenlose App für iPhone und iPad, mit der Studenten und Schüler digitales Begleitmaterial zum Unterricht beziehen können, das sind neben iBooks weiterhin Audio- und Video-Clips, PDF-Dokumente, Web-Links und Apps.

Hierzulande könnte der Einstieg etwas schwerer fallen. „Was Apple macht, nehmen wir sehr aufmerksam zur Kenntnis, finden das interessant und spannend, aber das Projekt ist nicht ohne Weiteres auf den hiesigen Markt zu übertragen. Es dürfte noch dauern, bis sich vergleichbare Angebote in Deutschland etablieren“, sagte Irina Pächnatz, Leiterin der Pressestelle bei Cornelsen, einem der führenden deutschen Schulbuchverlage, gegenüber c’t. Auch Dr. Herbert Bornebusch, Bereichsleiter Erwachsenenbildung und Schule bei Langenscheidt, zeigte sich skeptisch: „Wir glauben, dass das Tablet die Institutionen der Aus- und Weiterbildung im Moment finanziell überfordert – man sieht es bei der langsamen Durchdringung des Interactive Whiteboard im institutionellen Markt. Außerdem ist das Tablet ein Stromfresser und keineswegs billiger als Bücher.“ Bornebusch meint, es werde zehn Jahre dauern, bis sich der Markt sichtbar verändere.

Konkrete Kooperationen zwischen Apple und hiesigen Unternehmen scheint es bislang nicht zu geben. Vielmehr wollen 27 deutsche Bildungsmedienverlage auf der Fachmesse didacta, die vom 14. bis 18. Februar in Hannover stattfindet, ihr eigenes, plattformübergreifendes Konzept namens „Digitale Schulbücher“ vorstellen, „eine offene Lösung, mit der Schulen, Lehrkräfte und Schüler Bücher verschiedener Verlage in einem Regal verwalten, lesen und nutzen können – online oder offline“, wie es in der Presseerklärung des Verbandes Bildungsmedien heißt. Ob es jemals deutsche Lehrbücher im iBookstore geben wird, ist derzeit also offen.

Als Kauf- und Lese-Software stellt Apple Version 2 von iBooks zum Gratis-Download im App Store bereit. Die neuen Inhalte wie 2D-Animationen, drehbare 3D-Objekte, Diagramme und Bildergalerien beherrscht allerdings nur die iPad-Variante. Auf dem iPad 1 ruckeln Animationen teils deutlich.

Der Umgang mit Filmen und Tonelementen wurde verbessert; durch die Seiten lässt sich leichter navigieren als zuvor. Auch die Inhaltsverzeichnisse und Suchfunktion hat Apple überarbeitet, Index-Links erlauben Autoren das einfache Verknüpfen von Begriffen mit einem Glossar. Leser können Textpassagen per Fingerstreich in der Farbe ihrer Wahl hervorheben, Notizen auf die Seiten heften und später an gesammelter Stelle wieder abrufen. Notizen und Glossareinträge lassen sich als „Lernkarten“ darstellen, wie man sie vom Vokabelpauken kennt. Darüber hinaus können Autoren Multiple-Choice-Tests vorsehen.

Das Werkzeug zum Erstellen von iBooks steht im Mac App Store zum Download bereit, ebenfalls kostenlos. iBooks Author setzt einen Mac mit OS X Lion voraus; startet mit einem kleinen Trick aber auch unter Snow Leopard (siehe c’t-Link). Eine Windows-Version ist nicht erhältlich.

iBooks Author ist klar auch ein Angriff auf den Wettbewerb: Adobes Digital Publishing Suite eignet sich ebenfalls zum Erzeugen von digitalen Büchern, kostet aber gut 1000 Euro plus Lizenzgebühren. Amazon versucht, das digitale Buchgeschäft mit seinem billigen E-Reader Kindle und passenden Inhalten zu beherrschen.

iBooks Author wirkt wie eine Mischung aus der Textverarbeitung Pages und dem Präsentationsprogramm Keynote aus Apples Office-Alternative iWork. Sechs Standardvorlagen für verschiedene Disziplinen erleichtern den Einstieg. Die Layoutkomponenten und -fähigkeiten unterscheiden sich praktisch nicht von den iWork-Tools. Die Seiten lassen sich für eine gestalterisch aufwendige Queransicht und eine textlastige Hochkant-Ansicht vorbereiten, nur letztere erlaubt im Reader die Veränderung der Textgröße.

Vergrößern 3D-Dateien importiert iBooks Author im Collada-Format, das beispielsweise Google Sketch liefert.

Interessant sind die sogenannten Widgets, denn erst diese bringen dem digitalen Buch Interaktivität bei. Es gibt unter anderem Bildergalerien, Audio- und Video-Assets, Frage- und Antwort-Felder und 3D-Objekte. In dem Widget „interaktives Bild“ versieht der Autor ein Foto oder eine erklärungsbedürftige Grafik mit kleinen Etiketten und erlaubt seinem Leser, in Bilddetails hineinzuzoomen und weitere Informationen abzurufen.

Mit Hilfe der HTML-Widgets, die HTML-5- und Javascript-Elemente aufnehmen, lassen sich iBooks in Grenzen um neuen Code ergänzen. Solche Widgets kann man mit Hilfe von Apples Dashcode auch selbst entwickeln.

Basis der interaktiven Bücher ist der Epub-3-Standard, ergänzt um proprietäre Erweiterungen, die an den Eigenschaften mit Präfix „ibooks-“ in den CSS-Dateien zu erkennen sind.

Das fertige iBook lädt der Autor mit Hilfe des Tools iTunes Producer in den iBookstore hoch. Die Lizenzbedingungen erlauben den Verkauf von Büchern ausschließlich dort; lediglich kostenlose Bücher darf man anderen Nutzern auch etwa auf der Homepage oder per E-Mail zur Verfügung stellen, damit die es am Store vorbei in iBooks öffnen können. Diese Lizenzbedingungen werden zum Teil scharf kritisiert.

Ist das nun eine weitere digitale Revolution von Apple, die wieder einmal vieles verändert? Dass digitale Lehrbücher an Bedeutung gewinnen, ist absehbar. Dr. Rob Reynolds von MBS Direct, einem darauf spezialisierten US-Shop, schätzt, dass sich ihr Anteil am gesamten Lehrbuchmarkt in diesem Jahr auf 6 Prozent verdoppeln und bis 2020 auf 50 Prozent wachsen wird.

Spannend wird sein, was Inhalteanbieter wie Amazon dem Apple-Konzept entgegenzusetzen haben, wie etwa Google mit der starken Android-Plattform reagiert und ob die Schulbuchverlage in Deutschland einlenken. (se)

www.ct.de/1204040

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