Ein kleines, preiswertes Gerät verbindet alle Völker zum Ortstarif mit dem Internet. Egal, wo sich jemand aufhält, er kann in seiner Landessprache und in der ihm bekannten Schrift EMails, Newsgruppen und Zeitungen lesen. Dieses hehre Ziel verfolgt der sardische Medienunternehmer Nicola Grauso mit seinem Projekt Video On Line, kurz VOL.
Die Basis für VOL bildet ein vielsprachiger Browser, in den HTML-basierte EMail- und Chat-Funktionen bereits integriert sind. Die Kodierung der Schriftzeichen erfolgt über Unicode. An der Serversoftware arbeiten das Media Lab des MIT in Boston, dessen sardisches Gegenstück CRS4 und die VOL-eigenen Programmierer.
Die aktuelle Version 1.3 des VOL-Browsers läuft unter Windows 95 leidlich stabil, die MAC-Variante funktioniert problemlos und eine verbesserte Version für Windows 3.x ist in Arbeit, ebenso wie Browser für diverse Unix-Derivate. Die Integration von Java und RealAudio klappt noch nicht; auch der Newsreader bedarf noch einer Überarbeitung. VOL ist im Internet zu finden; dort liegt der Browser auch als Freeware zum Download bereit. VOL verfügt über ein eigenes Leitungsnetz, in dem Mirror-Server die Geschwindigkeit steigern: Die Inhalte befinden sich jeweils gespiegelt auf dem Server, der dem Abfrager am nächsten liegt. So zählen zu den regelmäßigen Lesern der polnischen und sardischen Zeitungen auf VOL hauptsächlich vernetzte Auswanderer, vor allem in Nordamerika. Auf den Mirror-Servern liegt auch die EMail der VOL-Abonnenten bereit, die für die Mitgliedschaft rund 200 DM Jahresbeitrag entrichten. Im ersten Jahr erreichte VOL 40 000 Nutzer in Italien, wo inzwischen 85 lokale Knoten existieren. Für Deutschland und etliche weitere Länder steht Nicola Grauso zur Zeit in Verhandlungen mit Franchise-Nehmern. VOL bietet ihnen ein umfangreiches Softwarepaket an. Doch VOL ist zum Internet hin offen. Die Netzgemeinde erhält so ein neues, vielsprachiges Angebot. Für VOL rechnet sich das, weil dadurch die Zahl der Zugriffe steigt und damit auch die Preise für kommerzielle Angebotsseiten und Sponsorenlinks. Der VOL-Kunde, der für ein paar Mark pro Megabyte seine eigene Infoseite aufziehen kann, freut sich natürlich auch über Besucher aus dem Internet, wenn er etwa als Künstler seine Bilder in der Galerie anbietet.
VOL zielt mit seinem Angebot, neben den klassischen Märkten in Nordamerika und Europa, vor allem auf Afrika, was von Cagliari auf Sardinien aus gesehen auch naheliegt (zwanzig Flugminuten). Dort arbeitet man mit etlichen Regierungen zusammen, um ihnen beim Ausbau der häufig mangelhaften Telefonnetze zu helfen. 'Für Afrika', so Alberto Rodriguez, Editorial Director von VOL, 'beziehen sich unsere Hauptideen auf den Bereich der Ausbildung.' Rodriguez wird nicht müde zu betonen, daß dieses 'kulturelle Projekt' für Video On Line im Vordergrund steht, auch wenn es sich im Moment nicht rechnet. Der afrikanische Markt scheint interessant, wenn man Riadh Jaber, Projektpartner von Video On Line in Tunesien, glauben darf: Dort ist neben CompuServe und America Online auch das französische MINITEL vertreten, das laut Jaber '75mal langsamer ist, als das Internet, etwa 70 Pfennig pro Minute kostet und trotzdem etliche tausend Nutzer findet'. Aber nicht nur das Kommunikationsbedürfnis der Tunesier sei ausschlaggebend: 'Die Telefonkosten in Tunesien betragen etwa 3 Pfennig pro Minute, 98 Prozent der Landesfläche werden vom Netz erreicht. Zur Zeit gibt es 150.000 Computer auf 10 Millionen Einwohner.' Um die Zahl der Nutzer zeitgemäßer Telekommunikation zu steigern, geht man auch in anderen Schwellenländern ungewöhnliche Wege: Letztes Jahr wurden in Malaysia die Steuern auf Computer einfach abgeschafft. (ad)
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