Olymp der IT

Die Technik hinter den Olympischen Sommerspielen von London

Wissen | Reportage

Alle vier Jahre treffen sich Sportler aus aller Welt zum friedlichen Wettstreit um Medaillen und Platzierungen bei den Olympischen Spielen. Hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen schon sehr viel länger – und ohne den Einsatz moderner IT-Lösungen wäre ein solches Riesenspektakel nicht zu bewältigen.

Die Olympischen Spiele sind für den Sport, was die CeBIT für die Computerbranche ist: Ein global beachtetes Mega-Event, das sämtliche Vergleichsveranstaltungen in den Schatten stellt – mit zahlreichen Punktsiegen für den Sport: Fast 15 000 Athleten und Athletinnen reisen zu den Sommerspielen der XXX. Olympiade und den anschließenden Paralympics in London an, begleitet von einem ebenso großen Tross an Trainern, Betreuern und Funktionären. Mehr als 20 000 Journalisten berichten von den insgesamt fast 800 Medaillenentscheidungen (davon rund 300 bei den Olympics, knapp 500 bei den Paralympics), die voraussichtlich zehn Millionen Zuschauer live vor Ort und viereinhalb Milliarden Menschen weltweit an TV-Geräten und Computerbildschirmen mitverfolgen werden.

Um ein solches Großereignis zu stemmen, sind enorme logistische Anstrengungen nötig. Die Vorbereitungen dazu begannen bereits im Juli 2005, als London auf der 117. Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Singapur zum Austragungsort der diesjährigen Olympischen Sommerspiele ausgerufen wurde. Seit nunmehr sieben Jahren setzen die Mitarbeiter des „London Organising Committee of the Olympic and Paralympic Games“ (LOCOG) und der „Olympic Delivery Authority“ (ODA) ein Mosaiksteinchen neben das andere, koordinieren Aufbau und Inbetriebnahme von Wettkampfstätten, planen den Einsatz von 200 000 Arbeitskräften (darunter 70 000 freiwillige Olympia-Helfer), lenken Waren-, Verkehrs- und Informationsströme.

Ohne den Einsatz modernster IT-Lösungen wäre ein solches Unterfangen nicht zu bewältigen. Zuständig für den Aufbau der IT-Infrastruktur für die Organisation der London-Games ist das französische Unternehmen Atos, das seit 2001 (damals noch als Atos Origin) als globaler IT-Partner des IOC auftritt und durch die Übernahme der „Siemens IT Solutions and Services“ (SIS) im vergangenen Jahr auch hierzulande stärker ins Rampenlicht gerückt ist. Als Hauptauftragnehmer obliegt dem Konzern nicht nur die IT-Systemintegration, sondern gemeinsam mit dem LOCOG auch die Koordination der zahlreichen Technologiepartner, zu denen neben Atos auch Acer (Computerausrüstung), Cisco (Netzwerke), BT (Datenübertragungsinfrastruktur), Panasonic (Video-/Audioausrüstung), Airwave (Betriebsfunk), Samsung (Mobilkommunikation) und Omega (Zeitmessung) gehören.

Nur eine Chance

Geschuldet ist der enorme logistische Aufwand nicht zuletzt der weitläufigen Verteilung der zahlreichen Wettkampfstätten: Während sich das Geschehen beim weltweit zweitgrößten Sport-Event – den ebenfalls alle vier Jahre stattfindenden Fußballweltmeisterschaften – auf wenige Stadien mit weitgehend gleichen Anforderungen beschränkt, umfasst das Olympia-Konzept mehr als 100 verschiedene Wettkampforte und Sportstätten, die teilweise hunderte Kilometer voneinander entfernt liegen – von Mountainbike-Rennen auf dem Gelände der Hadleigh Farm in Essex über Kajak-Rennen im „Lee Valley White Water Centre“ bis hin zu Vorrundenspielen des Olympischen Fußballturniers im schottischen Glasgow und den Segelwettbewerben, die vor der Küste von Weymouth und Portland in der Grafschaft Dorset an der Südküste Englands ausgetragen werden.

Über den Daumen gepeilt, ist der informationstechnische Aufwand, der bei den Olympischen Sommerspielen 2012 betrieben wird, ungefähr zehnmal so groß wie bei der letzten Fußball-WM. „Im Verlauf der Spiele werden wir außerdem rund 30 Prozent mehr Daten verarbeiten als bei früheren Olympischen Spielen“, unterstreicht Michèle Hyron. Die studierte Informatikerin, die seit 1999 an der Organisation von IT-Großprojekten rund um die Olympischen Spiele mitwirkt, wurde Ende 2008 von Atos zum „Chief Integration Officer“ für die Olympischen und Paralympischen Spiele von London ernannt. „Das Besondere an einem solchen Projekt ist, dass wir nur eine einzige Chance haben“, verdeutlicht Hyron. Versagt beispielsweise das an Server der Polizei und andere Sicherheitsbehörden angekoppelte elektronische Zugangskontrollsystem im Olympic Park, verpassen Athleten womöglich ihren Wettkampf, streikt das Commentator Information System (CIS), müssen TV-Reporter bei der Moderation auf Wettkampfergebnisse und Sportlerinformationen verzichten. Höchste Priorität bei der Planung der IT-Infrastruktur hatte deshalb nicht die Umsetzung von möglicherweise Machbarem, sondern die Konzentration auf Konzepte und Technologien, die sich in der Vergangenheit bereits bewährt haben. Während etwa zentrale Cloud-Dienste bei der Risikoabschätzung wegen Defiziten bei der Echtzeit-Bereitstellung von Daten durchfielen, kommen zumindest Lösungen zur Server-Virtualisierung im Sommer erstmals bei Olympischen Spielen zum Einsatz. Von einer Migration der Netzwerktechnik auf IPv6 nahmen die Olympia-IT-Spezialisten bei ihren Planungen ebenfalls Abstand. Jedes Stück Hard- und Software, das bei den Spielen verwendet wird, ist redundant ausgelegt und durchläuft mehrere intensive Testzyklen. Im Technology Operations Centre (TOC), das im Turm der Großbank HSBC im Londoner Finanzzentrum Canary Wharf untergebracht ist, richteten die Olympia-Macher dazu eine streng geschützte Testplattform ein. Seit Monaten simulieren mehrere hundert IT-Spezialisten dort die anstehenden Wettkämpfe und werten zudem Erkenntnisse der sogenannten „London Prepare Series“ aus, einer im Mai 2011 gestarteten Reihe hochkarätiger Sportveranstaltungen, die in den verschiedenen Olympia-Austragungsstätten stattfinden.

Angriff garantiert

Zum IT-Equipment, das für die Organisation der Sommerspiele von London benötigt wird, gehören rund 11 500 Desktop-Rechner, 1100 Notebooks, etwa 1000 Netzwerk- und Security-Komponenten, 900 Server sowie unzählige Monitore, Drucker und Kopierer. Als Standardrechner dienen vor allem kleine Business-Desktop-PCs vom Typ „Veriton L670“ von Acer, die unter Windows 7 laufen und mit identischen Mainboards, Speichermodulen und Dual-Core-Prozessoren von Intel bestückt sind – fällt ein PC aus, kann er sofort durch ein anderes Gerät ersetzt werden. Gleiches gilt für die verwendeten TravelMate-Notebooks. Bespielt sind die Acer-Rechner mit einer Atos-Software-Suite, die unter anderem Programme für zentrale Managementaufgaben, Personalplanungen, Akkreditierungsfunktionen und die Verarbeitung von Wettkampfergebnissen enthält. Für jede Wettkampfstätte ist zudem ein Rack mit mindestens drei (virtuellen) Servern der Acer-Tochter Gateway vorgesehen.

Eingebunden in die umfangreichen Testaktivitäten im TOC sind auch zahlreiche Security-Experten. „Hacker werden versuchen, unsere Infrastruktur anzugreifen – und das nicht nur einmal“, ist sich Gerry Pennell sicher. Als Chief Information Officer (CIO) beim LOCOG trägt Pennell die Verantwortung für die IT-Sicherheit der Spiele – und er muss sich mit allen nur erdenklichen Bedrohungsszenarien auseinandersetzen: Skriptkiddies könnten Websites defacen, Anonymous-Aktivisten die Chance nutzen, missliebige Firmen wie den offiziellen Olympia-Sponsor „Dow Chemical“ wegen seiner Bhopal-Vergangenheit öffentlich an den Pranger zu stellen. Und für Wirtschaftskriminelle wären wiederum die zahlreichen Datenbanken interessant, in denen detaillierte Informationen über registrierte Ticketkäufer, Medienvertreter oder auch teilnehmende Sportler hinterlegt sind.

Nach einem ersten Systemtestlauf, der Anfang April endete, grenzten die TOC-Verantwortlichen die Bedrohungslage auf einige Dutzend „ernsthafte“ Vorkommnisse ein, die ein sofortiges administratives Eingreifen nach sich ziehen würden – den Rest glaubt man über Stellschrauben bei der Nutzerkontrolle und intelligente Software-Tools im Griff zu haben. Dabei hilft vor allem, dass wichtige Aufgaben wie die Übermittlung von Wettkampfergebnissen oder der Austausch sensibler Organisationsinformationen über gesonderte Intranet-Infrastrukturen abgewickelt werden, die keine direkte Verbindung zum Internet haben. Von den Technologiepartnern BT (British Telecom) und Cisco wurden dazu im Vorfeld dedizierte Kommunikationswege mit einer Gesamtlänge von mehreren tausend Kilometern gelegt, die auch das Olympia-Gelände mit einem neuen Rechenzentrum im Osten der Stadt verbinden. Ein letzter großer Systemtest ist für Mai angesetzt, danach werden die einzelnen IT-Komponenten eingelagert und kurz vor Beginn der Spiele an ihren Bestimmungsort gebracht.

Bilderfluten

Auch für den Transfer der Bild- und Tonsignale, die in London in HD-Qualität produziert (und für SD-Kunden später gegebenenfalls herunterskaliert) werden, sind eigene Übertragungskapazitäten reserviert. Die BT Group stellt dafür Teile ihrer nationalen 21CN-Netzwerkinfrastruktur (21. Century Network) zur Verfügung, die zuletzt massiv ausgebaut wurde, darunter ein neuer Glasfaserring, der den Olympic Park im nahe gelegenen Stadtteil Stratford im Osten der Metropole umschließt. Zwischen den rund zwei Dutzend über das Königreich verteilten 21CN-Zentralknoten lassen sich bis zu 160 GBit Daten pro Sekunde transferieren, die Wettkampforte sind mit jeweils 20 GBit/s angeschlossen. Organisatorisch und technisch verantwortlich für die Produktion des internationalen TV- und Radiosignals (ITVR) ist seit den Winterspielen von Vancouver (2010) das spanische Unternehmen „Olympic Broadcasting Services“ (OBS), das Ende 2001 vom IOC gegründet worden war und erstmals bei den Olympischen Spielen von Peking (2008) offiziell in Erscheinung trat.

Für die Spiele in Großbritannien gründete OBS im Jahr 2009 wiederum den Dienstleister „Olympic Broadcasting Services London“ (OBSL), der als sogenannter Host Broadcaster für die Konzeption und den Betrieb des International Broadcast Centre (IBC) auf dem Olympia-Gelände zuständig ist, wo alle Fäden der Berichterstattung zusammenlaufen. OBSL, das während der Spiele mit rund 4000 Mitarbeitern und 1000 Kameras vertreten sein wird, kümmert sich auch um die Multimedia-Übertragungsinfrastruktur an den jeweiligen Sportstätten (inklusive Ü-Wagen mit Satelliten-Uplinks als Backup) und tritt als Bindeglied zwischen dem LOCOG und den zahlreichen nationalen Sendeanstalten auf, die nicht nur auf das offizielle ITVR-Signal zugreifen, sondern mit eigenen Crews vor Ort in der Regel zusätzliches Videomaterial produzieren.

Die Schaffung einer eigenen Produktionsgesellschaft hat für das IOC den Vorteil, dass man sich nicht im Zwei-Jahres-Rhythmus von Sommer- und Winterspielen immer wieder aufs Neue mit nationalen Sentimentalitäten und technischen Besonderheiten arrangieren muss. Vielmehr reist ein lediglich hundert Mann starkes OBS-Kernteam mit eigener Technik wie ein Wanderzirkus von Austragungsland zu Austragungsland, rekrutiert vor Ort einen Großteil der benötigten Hilfskräfte, liefert die Bilder der Show – und zieht dann weiter. „Im Sommer haben wir hier nicht viel zu sagen“, schildert John Tweed die Lage. Den Leiter der „Weymouth & Portland National Sailing Academy“ hat c’t im März besucht. Kamerapositionen wurden bereits festgelegt und auch die DGPS-Vermessung der einzelnen Regattastrecken für die Olympischen und Paralympischen Segelwettbewerbe ist bereits abgeschlossen. Mit der Etablierung des OBS kann das IOC den weltweit verstreuten Käufern von Übertragungsrechten zudem weitgehend neutrale Bild- und Tondaten garantieren. So enthält das offizielle ITVR-Signal aus London keine Kommentare oder Interviews, dafür sind dann Fernsehsender wie die BBC, die ARD oder das ZDF zuständig, die das Signal mit eigenem Material anreichern.

Um die Menge an Mitarbeitern zu gewinnen, die während der Spiele für Produktionsaufgaben benötigt werden, startete das OBSL im vergangenen Jahr ein Trainings- und Rekrutierungsprogramm an mehreren britischen Universitäten für Studenten der Fächer Medien, Kommunikation und Rundfunktechnik. Wer die mehrwöchigen Workshops erfolgreich absolvierte, bekam Anfang 2012 eine Jobzusage für den Sommer. Zu den Tätigkeiten gehören beispielsweise Assistenzen bei Kamera- und Tonaufnahmen, Einrichtung und technische Betreuung der internationalen Kommentatorenplätze, Produktion von ENG-Beiträgen (Electronic News Gathering) für den „Olympic News Channel“, Videoschnitt-Unterstützung oder auch eine Mitarbeit im offiziellen Olympia-Archiv des IBC, das bis zum Ende der Spiele mehr als 3000 Stunden digitales Live-Material umfassen wird.

Glanzlichter

Produziert und verteilt werden die internationalen TV-Bilder im Sommer im HD-Format 1080/50i. Von der ursprünglich angekündigten Londoner 3D-Live-TV-Gala ist nur wenig übrig geblieben. So überträgt beispielsweise die BBC nach aktuellem Stand lediglich Teile der Eröffnungsfeier, das 100-Meter-Finale der Männer sowie Ausschnitte der Abschlussfeier ohne Zeitversetzung in 3D. Geplant ist außerdem eine tägliche Highlight-Sendung in stereoskopischem 3D, die zu später Stunde dann über den „BBC HD“-Kanal laufen soll. Grund für das magere 3D-Angebot seien „Kapazitätsengpässe“, erklärt der Olympia-Direktor bei der BBC, Roger Mosey: „Räumen wir 3D auf einem unserer beiden HD-Fernsehkanäle für Olympia mehr Platz ein, muss unsere zahlenmäßig sehr viel stärker vertretene HD-Kundschaft im Gegenzug auf attraktive Wettbewerbe verzichten.“

Ein größeres Angebot plant offenbar die britische Sendergruppe BSkyB, die Anfang April erklärte, in den „Sky 3D“-Kanal würden während der Olympischen Spiele insgesamt rund 100 Stunden 3D-Live-Beiträge eingespeist, die von Eurosport redaktionell verantwortet werden, darunter Disziplinen wie Turnen, Schwimmen, Basketball und Kanufahren. Wer nun hofft, als deutscher Sky-Kunde ebenfalls in den Genuss von 3D-Live-Bildern aus London zu kommen, wird wohl enttäuscht: Außer dem paneuropäischen Sender Eurosport sind hierzulande nur ARD und ZDF im Besitz von Live-Übertragungsrechten, die bereits im Jahr 2004 über eine Kooperation mit der European Broadcasting Union (EBU) erworben wurden – und 3D spielt bei den Öffentlich-Rechtlichen auf absehbare Zeit keine Rolle. BSkyB wiederum hatte jüngst einen Vertrag zur Zweitverwertung von Audio-/Videodaten mit dem britischen Olympia-Rechteinhaber BBC geschlossen.

Auch der US-amerikanische Sender NBC zeigt 3D-Material von den Olympischen Spielen, dieses aber nur als Wiederholung und um einen Tag zeitversetzt. Ebenso wie das internationale HD-Material kommen auch die offiziellen 3D-Feeds von OBSL, zur Produktion setzt man hier 3D-Camcorder der Serie P2 HD (AG-3DP1 und AG-3DA1) von Panasonic mit integriertem Doppelobjektiv ein. Die meisten 3D-Aufnahmen dürften allerdings auf einer „Best-off“-Blu-ray verschwinden, die Panasonic bereits für die Zeit nach den Olympischen Spielen angekündigt hat. Den Vogel in Sachen Fortschritt bei der audiovisuellen Wiedergabe schießt in London aber die japanische Rundfunkgesellschaft NHK ab: Sie wird an mindestens drei Orten in Großbritannien Public-Viewing-Events abhalten, bei denen Bewegtbilder von den Olympischen Spielen in „Super Hi-Vision“ gezeigt werden. Das bedeutet eine Auflösung von 7680 × 4320 Pixel (8k, 16-fache Auflösung von Full-HD), garniert mit einem 3D-Audiosound, den insgesamt 24 Lautsprecher (22.2-Kanal-Audio) erzeugen. Das Produktionsequipment (Stadionkamera, Kugelmikrofone, Übertragungswagen, Mischer) bringen die Japaner mit, ebenso modifizierte 4k-Projektoren von JVC, die über eine elektronische Pixelverschiebung die Auflösung vervierfachen können.

Herz der Spiele

Der von NHK erzeugte Datenverkehr dürfte im Sendemodus bei über einem halben GBit/s liegen – insgesamt erwarten die Macher der Olympischen Spiele Datentransferraten von bis zu 60 GBit pro Sekunde in ihren Netzen. Der meiste Traffic fließt dabei über das International Broadcast Centre. In dem 275 Meter langen und 104 Meter breiten Gebäude mit vier Stockwerken, das mit dem Hauptpressezentrum (MPC) verbunden ist und in dem zahlreiche Fernsehstudios großer Sendeanstalten untergebracht sind, schlägt das multimediale Herz der Spiele von London. Zu den temporären Mietern (das IBC soll nach den Spielen zu einem Bürogebäude umfunktioniert werden) gehört beispielsweise die belgische Firma EVS, die sich auf die Verarbeitung von digitalen Video- und Audiodaten spezialisiert hat und leistungsfähige Video-Produktionsserver herstellt.

Equipment von EVS wird unter anderem genutzt, um die von den Kamerateams im offiziellen „DVCPRO HD“-Format aufgezeichneten Videofeeds so aufzubereiten, dass der TV-Regie in kürzester Zeit Highlight-Szenen oder auch Zeitlupen (SloMo, Super-SloMo, Ultra-SloMo) zur Verfügung stehen. Allein den Host Broadcaster OBSL rüstet EVS dazu mit mehr als 300 Multikanal-Servern der XT-Reihe aus, die größtenteils in der Außenproduktion eingesetzt werden. Das Workstation-Managementsystem „IP Director“ bietet den Produktionsmitarbeitern dabei die Möglichkeit, per Browser alle Medien zu durchsuchen, die auf den EVS-Servern abgelegt sind. Hinzu kommt ein aus zwölf XT3-Produktionsservern und einem Storage Area Network (XStoreSAN) gebildeter zentraler Media Server im IBC, der mit mehr als 360 TByte Speicherplatz ausgestattet ist und sämtliche Live-Feeds sowie Highlight-Pakete enthält, auf die alle Rechteinhaber zugreifen können.

Auch ARD und ZDF, die in London wieder gemeinschaftlich auftreten, verwenden in großem Umfang EVS-Equipment – wobei die für solche Großveranstaltungen im Ausland benötigte Hard- und Software größtenteils nur angemietet ist, inklusive Servicetechniker. Nach Deutschland gelangen die Olympia-TV-Bilder, die für SDTV-Zuschauer schon vor der Übermittlung runterskaliert und parallel zum HD-Stream übertragen werden, über das EBU-eigene Glasfasernetz FiNE, an das wiederum das interne Breitbandübertragungsnetz der ARD (HYBNET-Neu) angeschlossen ist. Besondere Sorge bereitet den Olympia-Planern aber vor allem der Internet-Traffic. So will etwa allein die BBC HD-Live-Streams von bis zu 24 Veranstaltungsorten gleichzeitig ins Netz einspeisen – mit der Folge, dass britische Internet Service Provider ihre Geschäftskunden schon davor gewarnt haben, sie müssten während der Olympischen Spiele mit erheblichen Einschränkungen beim Datentransfer rechnen.

Noch weiß auch niemand genau, wie die Mobilfunknetze die rund 200 000 Besucher verkraften, die jeden Tag über das Olympia-Park-Gelände strömen werden, immer auf der Suche nach einem Smartphone-Schnappschuss, der dann so schnell wie möglich auf sozialen Plattformen wie Facebook oder Google+ landen muss – oder nach Online-Videos für das iPad, die zeigen, was man gerade nicht selbst live erlebt hat. Entlastung bringen zumindest die zahlreichen kostenlosen WLAN-Angebote, die jetzt nach und nach für London angekündigt werden. So bietet etwa O2 freie Hotspot-Nutzung in McDonalds-Filialen (von denen es einige in Stadion-Nähe gibt) sowie in den Bezirken Westminster, Kensington und Chelsea. Virgin Media rüstet bis zum Sommer 80 U-Bahn-Stationen mit kostenlosem WLAN aus, der Wi-Fi-Provider „The Cloud“ erhielt von London Overground den Auftrag zur Installation von WLAN-Hardware an 56 S-Bahn-Haltestellen.

Neben öffentlich nutzbarem Mobilfunk und WLAN wurde für die Olympischen Sommerspiele in den vergangenen Monaten auch noch ein drittes Netz für Drahtloskommunikation aufgesetzt: Der private Betreiber des britischen Digitalfunk-Netzes für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste, Airwave, installierte das ebenfalls auf dem TETRA-Standard (Terrestrial Trunked Radio) basierende „Apollo Network“, über das die insgesamt rund 18 000 LOCOG-Mitarbeiter abhörsicher miteinander kommunizieren können. 312 Objektfunkanlagen und 1280 der insgesamt rund 30 000 Sendestandorte der bereits existierenden Airwave-Network-Infrastruktur, die fast die komplette Landfläche Großbritanniens abdeckt, wurden dafür bereits umgerüstet.

Inkonsistenzen

Neben der Technik spielt natürlich auch der Sport eine wichtige Rolle bei Olympischen Spielen. Was aber ist eigentlich Sport? Laut Definition handelt es sich bei Sport um „Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten von Menschen“, wobei die motorische Aktivität dabei laut DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) im Vordergrund steht. Klassische Vertreter sind etwa das Ringen, das Gewichtheben oder auch Leichtathletikdisziplinen wie der Diskuswurf oder das Kugelstoßen. Die Chancen, dass Computerspieler, deren motorische Aktivitäten sich in der Regel auf das Bedienen von Maus, Joystick und Tastatur sowie kognitive Verarbeitungsprozesse beschränken, in näherer Zukunft an Olympischen Spielen teilnehmen könnten, dürften daher recht gering sein.

Aber bei der Definition „Sport“ gibt es auch Inkonsistenzen: So hat etwa der DOSB Schach als Sport anerkannt, das IOC darüber hinaus sogar das Kartenspiel Bridge. Und eine Olympische Sportart fällt komplett aus dem Rahmen: Reiten. Denn hier (egal ob es sich um Dressur, Springreiten oder Military handelt) wird vor allem die motorische Leistung des Pferdes und nicht die des Menschen gewürdigt. Der einzige Olympische Wettbewerb, der jemals unter Zuhilfenahme von Verbrennungsmotoren durchgeführt wurde, fand im Übrigen ebenfalls in Großbritannien statt: 1908, zur Pionierzeit des Automobils, gingen im Rahmen der IV. Sommerspiele von London erstmals Motorboote an den Start. Teilnehmer in drei Klassen mussten damals in der Bucht von Southampton eine Strecke von 40 Seemeilen (rund 74 Kilometer) bewältigen. Doch die Premiere stand unter keinem guten Stern: Schlechtes Wetter und hoher Seegang führten dazu, dass jeweils nur ein Boot überhaupt das Ziel erreichte. Und das war’s dann mit Motorkraft bei Olympia.

Aber das Beispiel von 1908 zeigt, dass Höchstleistungssport immer auch sehr eng mit den Einsatz innovativer Technik verbunden ist. Wurden vor gut einem Jahrhundert kurzerhand die besten verfügbaren Automotoren zu Bootantrieben umfunktioniert, hat heute ein Sportler selbst mit besten physischen Voraussetzungen nur eine Chance aufs Olympische Siegertreppchen, wenn er sich wissenschaftlichen Trainingsprogrammen unterwirft und aktuelle Techniken zur Leistungssteigerung umsetzt. Häufig ist auch das Material ausschlaggebend für neue Bestleistungen. Damit in London wieder Rekorde purzeln, greift der Veranstalter selbst in die technologische Trickkiste. So ist etwa das 50 Meter lange Hauptschwimmbecken im Aquatics Centre so gestaltet, dass Wasserverwirbelungen so wenig wie möglich an den Beckenrändern reflektieren und den Schwimmer in seiner Vorwärtsbewegung hemmen. Statt der sonst üblichen zwei Meter wurde das Becken dafür durchgehend auf drei Meter vertieft und es wurden an den Rändern Transferkanäle eingebaut, die geringfügig unter der Wasseroberfläche liegen. Überströmendes Wasser kann so ungehemmt abfließen.

Gefüllt ist das Schwimmbecken auch nicht einfach nur mit schnödem Nass direkt aus dem Wasserhahn, sondern mit einer auf exakt 26 Grad Celsius erwärmtem H2O-Basis, um die für Höchstleistungen nötige Kombination von erträglicher Temperatur mit idealer Wasserdichte zu gewährleisten. Auch den Helden des werbewirksamsten aller Wettkämpfe (der 100-Meter-Sprint der Männer) wird im Olympiastadion ein Geläuf bereitet, das als besonders schnell gilt. Sie kämpfen auf einem „Sportflex SuperX Performance“-Belag des italienischen Herstellers Mondo um Hundertstelsekunden. Der Hightech-Belag besteht aus synthetischem Kautschuk, in den mineralische Zusatzstoffe eingearbeitet wurden. Eine in Laufrichtung ausgerichtete besondere Wabenstruktur an der Unterseite sorgt laut Mondo dafür, dass es zu einer „Differenzierung der biomechanischen Reaktion je nach Art der Belastung kommt, die durch den Athleten ausgelöst wird“. Besonders gute Chancen auf eine vordere Platzierung hat auf der Sprintstrecke, wer in der Lage ist, seinen Laufstil optimal an einen solchen Belag anzupassen.

Bleib sauber

Mitunter kommen Athleten (oder ihre Trainer) aber auch auf die Idee, sportliche Defizite durch verbotene Substanzen zu kompensieren, die sie womöglich schon lange vor Beginn der Wettkämpfe eingenommen haben. Bei den Spielen von Athen im Jahr 2004 beispielsweise wurden insgesamt 23 Doping-Fälle aufgedeckt, bei den Sommerspielen 2008 in Peking erwischten die Dopingfahnder 15 Athleten. In London soll Doping gar keine Chance haben, betonen die Veranstalter, die zudem neue Wege einschlagen. Denn erstmals in der Geschichte der Olympischen Spiele tritt mit GlaxoSmithKline (GSK) ein Pharma-Riese als Anti-Doping-Sponsor auf, der eigene Laborkapazitäten für die Untersuchung tausender Blut- und Urin-Proben zur Verfügung stellt. Der britische Konzern lässt sich dieses Engagement (und den Titel „Official Laboratory Services Provider“) rund 20 Millionen Pfund kosten. Verantwortet wird das von der „World Anti-Doping Agency“ (WADA) zertifizierte Analysezentrum während der Spiele allerdings nicht von GlaxoSmithKline selbst, sondern vom IOC und dem Leiter des „Drug Control Centre“ am King’s College London, Professor David Cowan.

Untergebracht ist das hochmoderne Anti-Doping-Labor im R&D-Komplex einer Glaxo-Niederlassung im rund 30 Kilometer vom Olympia-Park entfernten Harlow (Essex). Bis zu 400 Proben täglich sollen im Sommer von Sicherheitskurieren dorthin transportiert und von einem Wissenschaftler-Team untersucht werden, dem mehr als 150 internationale Anti-Doping-Spezialisten angehören. Gefahndet wird nach insgesamt 240 Substanzen – rund um die Uhr. Negative Befunde (der Sportler schummelt offenbar nicht) sollen schon nach 24 Stunden vorliegen. Spüren die Hightech-Analysegeräte verbotene Stoffe (von anabolen Steroiden über Maskierungsmittel wie Diuretika bis hin zu Beta-Blockern) oder Abbauprodukte davon auf, wird das IOC innerhalb von 48 Stunden über den Doping-Fall informiert. Etwas länger (drei Tage) soll der Nachweis von Blutdoping etwa mittels Erythropoetin (EPO) dauern. Fraglich ist allerdings, ob die Fahnder auch die neueste Masche aufdecken können: Die Behandlung von Eigenblut mit UV-Strahlung; dadurch lässt sich nämlich der Retikulozytenwert senken, der bei Blutdoping in der Regel erhöht ist.

Deutlich weniger Probleme mit Doping gibt es bei Sportlern, die an den paralympischen Wettbewerben teilnehmen, obwohl auch hier intensiv getestet wird. Man mag nun denken, dass der Grund vielleicht darin liegen könnte, dass keine lukrativen Werbeverträge und hohen Antrittsprämien winken. Auf dem Spiel steht für Spitzenathleten im Behindertenbereich aber auch viel: „Wir sind Profis und haben ebenso Leistungsdruck wie Nichtbehinderte“, erklärt Alexandra Rickham im Gespräch mit c’t. Die 30-Jährige vertritt Großbritannien im Sommer bei den paralympischen Segelwettbewerben in der SKUD-18-Klasse. Als Teenager machte sie das, wovor Eltern ihre Kinder warnen: Spring nicht kopfüber ins flache Wasser! Sie tat es doch und ist seither vom 5. Halswirbel abwärts querschnittsgelähmt. Rechter Arm und rechte Hand funktionieren, den linken Arm kann Alexandra zumindest noch bewegen – und sie ist gut drauf, denn sie ist amtierende Doppelweltmeisterin.

Unsichtbar

Unterstützt wird das Team, dem außer Segelpartner Niki Birrell (er nimmt den vorderen Platz im Zweier-Kielboot ein) noch eine persönliche Betreuerin angehört, vom Finanzdienstleister Skandia und der staatlichen Fördereinrichtung UK Sport. Ihre rund 30 000 Euro teure Segeljolle erfüllt die Vorgaben der SKUD-18-Klasse, ist aber mit einem zusätzlichen Elektromotor ausgestattet, der es Alexandra ermöglicht, ihren Ruder-Sitz (an den sie vor dem Ablegen festgeschnallt wird) zur Gewichtsverlagerung nach Back- oder Steuerbord zu neigen. Von London aus, wo Alexandra lebt, reist das Team Birrell/Rickham rund um die Globus – der Terminkalender liest sich wie das „Who is Who“ des Segelsports: Kieler Woche, Olympic Classes Regatta in Miami, Sail Sydney, ISAF-Weltmeisterschaften, Olympische Spiele.

Für ein Spitzensportlerleben ist die britische Hauptstadt mit ihren acht Millionen Einwohnern (da fallen allen Unkenrufen zum Trotz 300 000 Olympiagäste pro Tag nicht sonderlich ins Gewicht) und allein fünf internationalen Flughäfen ideal. Im Vorfeld der Spiele von London wurden noch einmal Milliardenbeträge in Infrastruktur- und Sicherheitsmaßnahmen investiert. Zwar ist die Angst vor terroristischen Anschlägen groß, „Sicherheitsspiele“ wolle man aber nicht abhalten, unterstreichen die zuständigen Behörden. Und wahrscheinlich werden die Gäste der Stadt die angekündigten 23 000 zusätzlichen Sicherheitskräfte zum Schutz der größten Sportveranstaltung auch gar nicht wahrnehmen.

Denn Überwachung spielt sich in Großbritannien vor allem unsichtbar ab: Rund fünf Millionen öffentliche und private CCTV-Kameras sind im Königreich installiert, wer einen Tag lang durch London läuft, wird von mehr als 1000 Geräten erfasst. Dabei ist der Sinn intensiver öffentlicher Videoüberwachung, für die hunderte Millionen Pfund ausgegeben werden, inzwischen auch auf der Insel umstritten. So kam etwa die Londoner Metropolitan Police schon 2009 zu dem Ergebnis, dass der Einsatz von CCTV-Kameras keine Straftaten verhindert. Auch die Aufklärungsrate lag mit einem statistischen Wert von einem Fall pro 1000 Überwachungskameras deutlich unter den Erwartungen. „Ich bemerke das gar nicht mehr“, räumt Skipperin Alexandra ein. „Aber ob Kameras oder nicht – ich mache sowieso, was ich will.“ (pmz)

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