Verstecktes Verfallsdatum

Wirkprinzipien der geplanten Obsoleszenz

Wissen | Hintergrund

Die willkürliche Lebensdauerbegrenzung von Produkten ist keine neue Idee, war aber noch nie so verführerisch wie für Hersteller von Digitalgeräten. Eine Absicht ist zumeist nur schwer nachzuweisen – dennoch sind Verbraucher nicht völlig hilflos.

Es ist ein Paradoxon: Findet man beispielsweise in Marokko noch auf jedem Wochenmarkt mindestens einen Kesselflicker, der Beschädigungen an Kochtöpfen repariert, die häufig über Generationen hinweg in Gebrauch sind, erhalten Bürger in Europa auch schon mal staatliche Anreize in Höhe von mehreren Tausend Euro, wenn sie ältere (aber noch vollkommen intakte) Fahrzeuge verschrotten lassen und über anschließende Auto-Neukäufe die Ökonomie ankurbeln. Eine auf Konsum und Gewinnstreben ausgerichtete Wirtschaftsordnung kennt aber auch subtilere Mittel, um Produktionskreisläufe aufrechtzuerhalten – etwa, indem Waren so gefertigt werden, dass sie aufgrund von vorsätzlich integrierten Schwachstellen nur eine bestimmte Zeit halten und Reparaturen mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand verbunden sind.

Bekannt ist die Strategie der künstlichen Veralterung von Produkten (die sogenannte „geplante Obsoleszenz“, die sich in zahlreichen Facetten manifestieren kann, wie das nachfolgende Interview zeigt) schon mehrere Jahrzehnte. Als ihr Erfinder gilt Alfred P. Sloan, der als Präsident von General Motors in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts jährliche Veränderungen bei Automobilen einführte. Auf diese Weise sollten Kunden zum Kauf neuer Modelle animiert werden, auch wenn ihre alten Fahrzeuge noch gut funktionierten. Der Plan ging auf: Rasch war der Konkurrent Ford, der mit seinem robusten und preiswerten Model T überhaupt erst den Massenmarkt für Autos geschaffen hatte, abgehängt. Im Jahr 1941 konnte Sloan zufrieden feststellen, dass die äußere Erscheinung des Fahrzeugs zum vielleicht entscheidenden Verkaufsfaktor geworden war – „weil ohnehin jeder weiß, dass das Auto fährt“.

Bei den Automobilen ging es zunächst noch um sichtbare Veränderungen, die ältere Modelle obsolet machen sollten. Zugleich entwickelte sich aber auch eine tückischere Form der geplanten Obsoleszenz, die den Kunden verborgen blieb. So verständigten sich im Jahr 1924 international führende Hersteller von Glühbirnen darauf, die Lebensdauer ihrer Produkte auf 1000 Stunden zu begrenzen. Für Firmen, die sich nicht an die Absprache hielten, wurden Geldstrafen festgelegt. Anfang der 1940er-Jahre flog das Kartell auf, die künstliche Begrenzung der Lebensdauer von Glühbirnen wurde verboten. Diese brannten aber auch anschließend nicht mehr länger als 1000 Stunden.

Digitalgeräte bieten den Umsetzern von geplanter Obsoleszenz heute ganz neue Möglichkeiten – denn nirgendwo lassen sich vorsätzlich integrierte Lebenszeitbegrenzer so leicht verstecken wie in Geräten, die programmiert werden müssen. Ein klassisches Beispiel ist der Tintenstrahldrucker eines japanischen Herstellers, bei dem ein verborgenes Programmmodul die Druckvorgänge zählt und nach Erreichen des vorgegebenen Limits einen Stopp-Befehl sendet. Wie viele bewusst integrierte Schwachstellen in heutigen Digitalgeräten verborgen sind, weiß niemand. Auf Internetseiten wie www.murks-nein-danke.de können zumindest Verdachtsfälle gemeldet werden. Eine Absicht ist im Einzelfall aber schwer nachzuweisen, ein juristisches Vorgehen gegen geplante Obsoleszenz kommt daher zumeist nicht in Frage. Tatenlos müssen die Nutzer deswegen aber nicht bleiben. Wir haben mit dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Niko Paech darüber gesprochen, wie geplante Obsoleszenz aus wirtschaftsethischer Sicht zu bewerten ist und wie Konsumenten damit umgehen können. (pmz)

Globale Nachbarschaftshilfe als Antithese gegen das Produktdesign der Vergänglichkeit

Professor Niko Paech über geplante Obsoleszenz und die Gegenbewegung der Prosumenten

c’t: Herr Paech, Ihr Drucker, Ihr MP3-Player oder Ihr Fahrradscheinwerfer stellen unerwartet den Betrieb ein, einen Tag nachdem die Garantie abgelaufen ist. Was denken Sie?

Paech: Ganz schön miese Qualität, denke ich erst einmal. Meine Studierenden weise ich immer wieder darauf hin, dass Zuverlässigkeit und Dauerhaftigkeit die Grundvoraussetzungen für Produktqualität sind. Das liegt hier offensichtlich nicht vor. Als Nächstes würde ich mich fragen, ob es sich bei dem Versagen der Geräte um geplante Obsoleszenz, also eine gezielte Begrenzung der Lebensdauer, handelt. Die von Ihnen genannten Geräte sind dafür ja berühmte Beispiele.

c’t: Cosima Dannoritzers Film „Kaufen für die Müllhalde“, ausgestrahlt auf Arte, hat den Begriff gerade wieder etwas bekannter gemacht. Aber das Konzept, Produkte mit einem Verfallsdatum auszustatten, ist keineswegs neu.

Paech: Nein, das Problem der Marktsättigung hat Unternehmen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach neuen Wegen zur Steigerung des Absatzes suchen lassen. Als sich die Zahl der Kunden nicht mehr erhöhen ließ, musste man sie dazu bringen, häufiger zu kaufen. Spätestens seit den 1920er Jahren wird diese Steigerung des „Consumer Lifetime Value“, wie es im Marketing heißt, auch durch geplante Obsoleszenz betrieben.

c’t: Ist es nicht ein Betrug an den Kunden, ihnen bewusst schlechte Ware zu verkaufen?

Paech: Man kann in geplanter Obsoleszenz durchaus auch ein Zeichen von Fortschritt sehen: Die Nutzer werden schneller in die Lage versetzt, auf innovativere Versionen der Produkte zu wechseln. Ein Tintenstrahldrucker altert schnell, schon nach zwei, drei Jahren gibt es wesentlich bessere Modelle. Da hat es eine gewisse Logik, die Lebensdauer von vornherein entsprechend zu begrenzen. In dem von Dannoritzer geschilderten Fall war das ein Chip, der die Druckvorgänge zählte und bei Erreichen einer vorgegebenen Zahl das System blockierte. Es wäre zu einfach, das nur als böse Verschwörung zu deuten. Die Entwicklung wird auch von den Konsumenten und ihrer Nachfrage nach neuen Produkten vorangetrieben.

c’t: Die Wirtschaftspolitik wird sich da kaum in den Weg stellen, oder?

Paech: Der Ökonom John Maynard Keynes hat Empfehlungen zur Überwindung von Wirtschaftskrisen formuliert, die im Extremfall darauf hinauslaufen, Dinge zu produzieren, die wir im nächsten Moment verbuddeln – nur um Nachfrage zu erzeugen und Investitionen anzuregen, die wiederum zur Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts führen. Die Bundesregierung hat nach der Lehman-Brothers-Krise mit der Abwrackprämie genau so eine keynesianische Politik verfolgt. Das Produzieren für die Müllhalde ist also ein durchaus angesehenes und von vielen Wirtschaftswissenschaftlern empfohlenes Konzept.

c’t: Ist das Prinzip der geplanten Obsoleszenz demnach in der Logik unseres Wirtschaftssystems und damit auch in unseren Köpfen bereits tief verankert?

Paech: Es entspricht nicht nur der wirtschaftspolitischen Maxime, sondern der Logik einer bestimmten Konsumkultur. Beim Konsum in einer Überflussgesellschaft geht es ja schon lange nicht mehr darum, Knappheit zu beseitigen oder Grundbedürfnisse zu befriedigen. Vielmehr sind sozialpsychologische Motive und Intentionen im Spiel, die man in drei Kategorien einteilen kann. Da gibt es erstens natürlich immer noch das klassische Motiv, einen materiellen Mangel zu beseitigen. Jeder Kaufakt ist aber zweitens immer auch ein Kommunikationsakt, der etwas über den Käufer mitteilt: Sag mir, welches Auto du fährst, und ich sage dir, wer du bist. In der modernen Konsumgesellschaft, in der die Menschen auch metaphysisch obdachlos geworden sind, ist der Konsum praktisch die einzige Möglichkeit, Authentizität, soziale Zugehörigkeit und kulturellen Anschluss zu erlangen. Dann gibt es noch die dritte Motivkategorie, die auf den Kultursoziologen Gerhard Schulze zurückgeht und den Erlebniserfolg, die emotionale Steigerung in den Mittelpunkt stellt. Das ist die introvertierte Konsumfunktion, geprägt von Neugierde, Spieltrieb und einem Gefühl der Freiheit. Deswegen sind Autos im Innern wie Cockpits gestaltet, die an Raumschiff Enterprise erinnern. Aus dieser Perspektive ist es klar, dass es hinreichend viele Konsumereignisse geben muss, um diese emotionale Steigerung permanent zu ermöglichen. Da eilt die geplante Obsoleszenz dem Konsumenten regelrecht zu Hilfe.

c’t: Sie überraschen mich. Mit so einem Plädoyer für geplante Obsoleszenz habe ich nicht gerechnet.

Paech: Das ist kein Plädoyer, sondern erst einmal nur eine nüchterne Beobachtung. Als Nachhaltigkeitsforscher kann ich das natürlich nicht rechtfertigen, sondern sehe darin die größte Perversion des Wirtschaftens. Sie findet ihren Rückhalt auf der Angebotsseite im Bedürfnis nach Markterweiterung, auf der politischen Seite im Keynesianismus und auf der Nachfrageseite in der Selbstdarstellung durch materielle Freiheiten.

c’t: Angesichts eines solch fatalen Zusammenspiels der verschiedenen Akteure am Markt hat es wahrscheinlich wenig Sinn, bestimmte Übeltäter identifizieren zu wollen?

Paech: Die Unternehmen sind ganz klar die Impulsgeber für geplante Obsoleszenz. Als Konsument habe ich aber durchaus die Wahl, mich für langlebige Produkte zu entscheiden, jedenfalls soweit es den „kulturellen Verschleiß“ betrifft, wie bei Mode und Design. Bei der physischen Obsoleszenz, die nicht so offen zutage tritt, ist das natürlich schwieriger. Hier steht zum einen der politische Akteur in der Pflicht, mit harten Gesetzen gegen solche Praktiken vorzugehen. Aber auch auf der Nachfrageseite gibt es Möglichkeiten, etwa in Gestalt der Repair Revolution oder der „I-fix-it“-Bewegung. Junge Leute finden sich da übers Internet zusammen und machen sich einen Sport daraus, Dinge langlebig zu gestalten. Solche Projekte finde ich hoch spannend. Auch der Handel mit gebrauchten Gütern setzt ein Gegengewicht, denn der funktioniert mit geplanter Obsoleszenz überhaupt nicht. Hier ist die Langlebigkeit ja unbedingte Voraussetzung dafür, Nutzungskreisläufe zu eröffnen. Wenn ich ein Produkt nach der Nutzung weiterverkaufen möchte, muss ich es vorsichtig behandeln. Da lassen sich auf eBay oder Amazon Marketplace ganz herausragende Beispiele für eine neue Kultur des Umgangs mit Produkten beobachten.

c’t: In der digitalen Welt bildet sich demnach Widerstand gegen ein Konzept, das durch die Digitalisierung erst auf die Spitze getrieben wurde?

Paech: Die Digitalisierung ist die größte ökologische Katastrophe im Konsumgüterbereich. Nirgendwo lässt sich geplante Obsoleszenz so einfach ins Design integrieren, wie bei Geräten, die programmiert werden müssen. Es hat auch noch nie Geräte gegeben, die so wenig reparabel sind wie IT-Endgeräte. Bei der extrem miniaturisierten Smart Technology gibt es praktisch keine Chance mehr zur Reparatur, diese Option ist abgeschafft. Zudem ist IT-Hardware zu einem symbolischen Objekt der Selbstdarstellung geworden. Wenn aber die Ästhetik im Vordergrund steht, erfolgt der kulturelle Verschleiß besonders schnell. Schließlich erfolgen die technischen Innovationszyklen mit sehr hoher Frequenz und entwerten damit vorhandene Produktbestände.

c’t: Bei digitalen Technologien haben wir uns ja längst daran gewöhnt, dass sie innerhalb weniger Jahre überholt sind. Wir werfen Mobiltelefone weg, nicht weil sie nicht mehr funktionieren, sondern weil es neue, vermeintlich bessere Modelle gibt.

Paech: Es gibt natürlich so etwas wie Steigerungsspiele: Wenn der Besitz von Smartphones quasi zum Standard geworden ist, wird es Pioniere geben, die versuchen, sich mit einem besonders schicken Smartphone von der Masse abzusetzen. Dann gibt es auch Komplementaritäten, etwa neue Windows-Versionen, die regelmäßig neue Hardware erfordern. Übrigens: Manche Linux-Distributionen sind diesbezüglich auch nicht besser! So kommt es zu Interaktionen zwischen parallelen Innovationszyklen. Wenn ich sehe, dass es eine neue Gangschaltung gibt, kann ich die vielleicht nicht an mein altes Fahrrad montieren, muss mir also gleich ein komplett neues kaufen. Auch solche Effekte treiben die Entwertung des bisher Ausreichenden voran.

c’t: Als ein Mittel gegen geplante Obsoleszenz wird gelegentlich der Open-Source-Gedanke genannt, zumindest da, wo Software eine zentrale Rolle spielt. Was halten Sie davon? Deuten sich hier neue Formen des Wirtschaftens an, die stärker von Kooperation als von Konkurrenz geprägt sind?

Paech: Aus ökonomischer Perspektive ist Open Source ein sogenanntes Gemeingut, eine digitale Allmende gewissermaßen. Man spricht auch von Digital Commons. Hier finden sich gute Beispiele, wie sich jenseits von Expansions- oder Profitorientierungen eine allgemeine Versorgung gewährleisten lässt. Es kann aber auch immer das genaue Gegenteil dabei herauskommen. Wenn wir zum Beispiel darüber nachdenken, bestimmte Produktionsanlagen als Gemeingut zu organisieren, erhöhen wir auch den Zugang dazu. Das kann schnell zu noch mehr Produktion und noch mehr Verschleiß führen. Wenn Open Source so verstanden wird, dass dezentrales Wissen in die Weiterentwicklung von Produkten einfließt, kann das die Innovationszyklen weiter beschleunigen und die alten Produkte rascher entwerten. Wir müssen also sehr genau hinsehen, was wir als Gemeingut organisieren. Ein Gegenbeispiel ist die bereits erwähnte I-fix-it-Bewegung: Da werden die Informationen, die nötig sind, um Gegenstände langlebig zu machen, als Gemeingut organisiert. Ich habe mir zum Beispiel eine alte Effektleiste aus den 1980er Jahren gekauft, um den Klang meines Saxofons zu verfremden. Die Gebrauchsanleitung, mit deren Hilfe ich einige Störungen beseitigen konnte, fand ich als PDF-Datei im Internet. So einen multimedialen Austausch von Informationen kann ich mir gut als digitale Allmende vorstellen. Daraus könnte eine Kultur des Erhalts als Gegenbewegung zur geplanten Obsoleszenz erwachsen. Aber Open Source allein für sich ist noch kein Allheilmittel.

c’t: Das klingt ein wenig nach globaler Nachbarschaftshilfe, organisiert übers Internet.

Paech: Ich prognostiziere eine Entwicklung, die getrieben wird von den Energiepreisen und den nächsten Finanzkrisen. Das wird über Teilzusammenbrüche unseres ökonomischen Systems dazu führen, dass die Kaufkraft der Menschen sinkt. Damit steigt die Motivation, die Rolle des Konsumenten zu verlassen und die eines Prosumenten einzunehmen, in dem sich die Eigenschaften eines Produzenten und Konsumenten vereinen. Weil er gar nicht das Geld hat, ständig Geräte auszurangieren und sich neue zu kaufen, bemüht sich der Prosument, sein Thinkpad 10 oder 15 Jahre am Laufen zu halten. Dafür wird er sich mit anderen zusammentun und Digital Commons nutzen, etwa um die nötige Software für so ein altes Gerät zu beschaffen. Ein Prosument, der die Dinge in die Hand nimmt, könnte zu einer Identifikationsfigur werden. Gegenseitige Hilfe wird zur gelebten Antithese gegen das Produktdesign der Vergänglichkeit. Jeder kann sofort damit anfangen. Wenn Sie mir helfen, meinen Computer wieder zum Laufen zu kriegen, kann ich Ihnen vielleicht das Tretlager vom Fahrrad wechseln oder das Hinterrad richten. Wenn die Kaufkraft schwindet, werden wir in einer solidarischen Ökonomie gar nicht anders können, als uns gegenseitig zu helfen. Prosumenten sind nicht nur ökonomisch souverän, sondern tragen dazu bei, die Ökonomie wieder sozial einzubetten. (Dr. Hans-Arthur Marsiske/pmz)

„Die Digitalisierung ist die größte ökologische Katastrophe im Konsumgüterbereich.“

„Ein Prosument, der die Dinge in die Hand nimmt, könnte zu einer Identifikationsfigur werden.“

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