Breite Kritik an Apple Maps

Wie und warum sich Apple ohne Googles Kartendienst schlägt

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Mit iPhone 5 und iOS 6 baut Apple anstelle von Google auf einen eigenen Service. Der glänzt zwar mit spektakulären Flyovers, doch nach peinlichen Anlaufproblemen empfiehlt Apple nun kleinlaut doch wieder Google, bis der eigene Dienst den gesteckten Erwartungen entspricht.

Zusammen mit Apples lang erwartetem eigenen Landkartendienst brachte iOS 6 nicht zuletzt die Verbannung der bislang serienmäßigen App für Google Maps. Trotz spektakulärer Flyover-Städteansichten ernteten die Apple-Maps Beschwerden über falsche Ortsnamen, ungenaue Adress-Platzierungen, falsche Küstenverläufe, fehlende Städte und doppelt eingezeichnete Inseln. Im Web sammeln sich zig bizarre, sarkastisch kommentierte Beispiele für Patzer des unausgereiften Diensts.

Für iPhone-Interessenten stellen sich einige Fragen: Wie schlimm sind die kritisierten Fehler, wie kann man sie umgehen, sind in absehbarer Zeit spürbare Verbesserungen zu erwarten, und warum setzt sich Apple überhaupt so einer Blamage aus?

Der Reihe nach: Die Mängel der Apple-Maps fallen in zwei Kategorien: Einerseits zeigen die Flyovers mitunter abstruse „Foto“-Ansichten für Brücken und Waldkanten. Das Problem scheint durch den Algorithmus begründet, mit dem diese Ansichten gerendert werden.

Als Anfang 2012 die ersten der bislang beispiellosen Flyovers bei Nokia Maps zum Vorschein kamen, wurden die resultierenden Artefakte allgemein als unvermeidliche Schönheitsfehler akzeptiert [1]. Seit Apple die dahintersteckende Entwicklerfirma C3 aufgekauft und die Flugansichten für seinen Kartendienst reserviert hat, konnten die Techniker den Algorithmus offenbar verbessern, was sich bis jetzt aber nur an einzelnen Beispielen zeigt. An anderen Orten muten Brücken wie reißende Wasserfälle an.

Wahrhaft peinlich nehmen sich dagegen zahlreiche unpräzise, veraltete und lückenhafte Ortsangaben in Apples Kartendienst aus. Manche Firmenanschriften erscheinen auf der Karte um mehrere Straßenzüge versetzt und öffentliche Gebäude mit Namen, die schon seit Jahrzehnten überholt sind. Spartenchefin Eszter Pattantyus des Kartenlieferanten Tomtom distanziert sich offiziell davon, was Apple da zusammenstellt. Das Unternehmen verwende Karten von zwei Dutzend Anbietern, und beim Abstimmen dieser Daten aus unterschiedlichen Quellen könne es halt zu Fehlern kommen. Derlei Fehler, gegen die in der Anfangsphase auch Google nicht gefeit war [2], lassen sich ausschließlich durch eine personalintensive Qualitätssicherung vermeiden. Bei Google sind das offenbar Hunderte von Mitarbeiter.

Und nun?

Derweil bemüht sich Apple hektisch, seinen Personalstamm um Karten-kompetente Mitarbeiter aufzustocken, nach Medienberichten auch mit Abwerbeversuchen bei Google-Experten. Apple-Chef Tim Cook entschuldigte sich in einem offenen Brief für den Frust, den die Karten-App ausgelöst hat und versprach, alles Erdenkliche dafür zu tun, den Kartendienst zu verbessern. Für die Übergangszeit empfahl er sogar, alternative Map-Apps zu installieren oder – man höre und staune – den Link auf Google Maps unter Safari Mobile auf der iOS-Homepage abzulegen. Dabei hätte Google Maps durchaus weiter zur Verfügung gestanden; das Abkommen zwischen Apple und Google über deren Nutzung läuft dem Vernehmen nach erst 2013 aus und Google hätte eine Verlängerung sicher begrüßt.

Laut der New York Times arbeiten die Google-Entwickler insgeheim an einer Maps-App für iOS 6, anderen Quellen zufolge gibt es diese sogar schon im Tresor des Google-Hauptquartiers. Dessen Hausherr Eric Schmidt erklärte aber, er „habe noch nichts unternommen“, Apple zur Wiedereinführung von Google-Maps zu veranlassen.

Nach Apples Rausschmiss nicht nur für Maps, sondern auch für Youtube hat man in Mountain View jetzt sicher Eiligeres zu tun, als dem Konkurrenten Apple aus der selbst verursachten Misere zu helfen. Bis dahin blüht der Weizen für Entwickler wie Future Tap und Mymapplus, die iPhone-Nutzern mit ihren Apps „Wohin?“ und StreetViewer den Google-Dienst durch ein Hintertürchen erschließen (siehe S. 34).

Apples übereilte Google-Abkehr hängt sicher mit Googles Weigerung zusammen, der iOS-Version seiner Karten-App in kurzer Frist eine sprachgesteuerte Navi-Funktion zu spendieren, wie es sie für Android längst gibt. Offenbar zeigen die Android-Macher eine kalte Schulter nach Cupertino. Zudem hat Apple ein natürliches Interesse daran, dem Erzrivalen auf dem Mobilmarkt das Anzeigengeschäft aus der Maps-Anwendung zu versalzen.

Meldungen, in Cupertino habe man sich viel zu spät um kompetentes Personal für Apple Maps bemüht, lassen sich kaum überprüfen. So oder so ist unklar, ob Apple den Landkarten genauso viele Ressourcen widmen will wie Google. Dieses gründet schließlich sein gesamtes Geschäft auf die nicht zuletzt ortsbezogenen Werbeeinnahmen. (hps)

Literatur
  1. [1] Peter Schüler, Schöne neue Welt-Bilder, c’t 11/12, S. 138
  2. [2] Peter König, Peter Schüler, Die Welt als Wundertüte, c’t 11/08, S. 164

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