Wann ist ein Buch ein Buch?

@ctmagazin | Editorial

E-Book-Leser haben derzeit keinen leichten Stand. Das Tote-Bäume-Establishment sieht sie als Hand am Dolch in der Brust des Buchhandels und der Bibliotheken. Ist doch das Buch bekanntermaßen ein Hort der Kultur, das letzte Refugium für intellektuelle Lichtgestalten wie Heinrich von Kleist, E. L. James und Johann Wolfgang von Goethe.

Und jetzt setzen sich Leute frech mit einer elektronischen Schiefertafel mit Knöpfchen auf die Parkbank, lesen drauf Rowling und Kerkeling und wagen zu behaupten, diesen albernen Dingern gehöre die Zukunft. Ein Graus!

Ende Oktober wurden mal wieder die Bedenken derjenigen gefüttert, die E-Books mit demselben langgezogenen Iiih aussprechen wie Igitt. Ohne Vorwarnung verlor eine norwegische Kindle-Besitzerin den Zugang zu ihrer gesamten E-Book-Bibliothek! Amazon reagierte auf Rückfragen zunächst stur mit patzigen Textbausteinen. Erst ein anprangernder Blog-Eintrag brachte den Giganten zur Räson und schloss die Bibliothek wieder auf. Fortschrittsverweigerer erzählen diese Geschichte ihren Kindern abends auf der Bettkante, mit einer Taschenlampe unter dem Kinn.

Tags drauf stoßen sie dann im Wohnzimmer gegen eine Ecke des Bücherregals, woraufhin Kästners gesammelte Werke Band für Band herunterpurzeln, um zum Schluss von einer staubigen Thomas-Mann-Werksausgabe plattgedrückt zu werden. Mit einem E-Book-Reader wär das nicht passiert, ätscht dann die digital progressive Fraktion.

Und schon geht der Streit los. Die E-Book-Leser heben hervor, wie viel Platz sie in der Wohnung sparen und wie viel leichter ihre Rucksäcke sind, wenn sie mit Literatur beladen auf Reisen gehen. Die analogen Leser weisen mit Nachdruck darauf hin, dass sich E-Books nicht vernünftig weitergeben oder verleihen lassen und dass ein Buch ein Ding in sich ist, das ohne Ladegerät und Netzanbindung auskommt.

Derzeit bleiben die besten Argumente gegen E-Books die Distributionswege und das DRM. Amazon steht jetzt schon zum zweiten Mal damit in den Schlagzeilen, dass der Konzern den lokalen Zugriff auf elektronische Bücher aus der Ferne abgeknipst hat.

Wenige Kunden sind sich darüber im Klaren, wie extrem E-Books von den Gnaden des Anbieters abhängig sind. Eigentlich müsste der Knopf "Jetzt kaufen" im Online-Shop "Jetzt Lizenz für eine kundenkontogebundene Erlaubnis zum Lesen erwerben" heißen. Natürlich weiß das jeder Mensch, der vor der Inbetriebnahme seines E-Book-Readers gewissenhaft das Lizenzabkommen durchgelesen hat. Der eine, der’s tatsächlich getan hat, möge aufstehen.

Findige E-Book-Enthusiasten wissen ihre Bücherschätze vor dem Radiergummi aus der Ferne zu schützen und befreien sie vorsichtshalber von allen künstlichen Beschränkungen. Das ist ähnlich umständlich, wie wenn wer sein Lieblingsbuch Seite für Seite zu Sicherungszwecken fotokopiert.

Tritt man zwei Schritte zurück, sind Bücher und E-Books auf unterschiedliche Art gleichermaßen gefährdete Kulturgüter. Wenn eins bei der Lektüre in der Badewanne durch die Finger glitscht, ist erst mal egal, obs ein Buch oder ein Ihbuch war. Die große offene Frage lautet erst einmal: Was könnte auf der nächsten Seite gestanden haben? Echte Lektüre war beides.

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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