Prozessorgeflüster

Von Austin Powers und Patenten

Trends & News | Prozessorgeflüster

Austin ist nicht nur die Hauptstadt von Texas und das Hauptdomizil von Dell, sondern auch ein Dreh- und Angelpunkt der Prozessorentwicklung, werden hier doch unter anderem Prozessoren von Intel (Atom), AMD und auch Apple designt. Doch es gibt noch mehr.

Schon fast in Vergessenheit geraten ist, dass in Austin neben den erwähnten großen auch noch ein kleines Prozessorhäuschen zu finden ist, der dritte noch verbliebene x86-Entwickler im Bunde: Centaur Technologies Inc. Die Firma gehört seit nunmehr 13 Jahren zum taiwanischen Chiphersteller VIA Technologies.

Die letzten Einträge auf der Centaur-Website datieren allerdings aus dem Jahre 2009 und hätte nicht Anand Lai Shimpi von Anandtech im letzten Jahr Centaur besucht und ausführlich darüber berichtet, hätte man nur wenig Lebenszeichen gehabt. Was Anand kann, das kann ich auch, und so machte ich mich nach einem Besuch des Texas Advanced Computing Center (siehe rechts) zur Suite 300 in 7600-C N. Capital of Texas Hwy auf, wo mich Ober-Zentaur Glenn Henry erwartete. Trotz dramatisch schlechter Bilanzen von VIA – die Zahlen für die ersten drei Quartale 2012 lagen mit insgesamt umgerechnet etwa 86 Millionen US-Dollar um 23 Prozent unter denen des Vorjahres – ist der 70-Jährige optimistisch: Wir kosten nicht viel, sodass selbst ein Prozent vom x86-Kuchen ausreicht. Zudem haben wir interessante Märkte in China und zunehmend auch in Brasilien. Die Kopfzahl seiner Firma sei mit insgesamt knapp unter 100 über Jahre hinweg weitgehend konstant geblieben. Und letztlich gehört VIA-Chef Wenchi Chen zu den reichsten Einwohnern Taiwans mit genügend tiefen Taschen.

Derzeit arbeitet man an dem CN-R, ein kleiner Quad-Core ausgelegt für den 28-nm-Prozess von TSMC. Bislang hat Centaur mit dem offiziell VIA Quadcore und intern bei Centaur CN-Q genannten Prozessor vor etwa einem Jahr einen auf zwei Chips verteilten Quad-Core herausgebracht, ähnlich wie seinerzeit der Pentium D. Jeder Einzelchip ist ein in 40 nm gefertigter Via Nano X2, der sich in seiner Klasse gut gegen Intel Atom D510 und AMD E-350 schlagen konnte. Für ihn gibt es die klassischen Eden-Boards und seit ein paar Wochen auch unter VIA EPIA P910 eine Quad-Core-Lösung für Mini-ITX-Boards.

Einen integrierten Speicher-Controller hat Centaur noch nicht, man verwendet weiterhin nach draußen den „Via-V4-Bus“ mit 1333 MHz, welcher weitgehend dem Bus des Pentium 4 gleicht. Hierüber ist dann der inzwischen weit größere Companion-Chip von VIA mit North- und Southbridge angekoppelt. Es gebe, so Henry, aber auch Pläne, die Chips in einem SoC zu integrieren. Doch zunächst soll der CN-R im klassischen Format im Taktbereich zwischen 1,2 und 2 GHz gegen Mitte nächsten Jahres auf den Markt kommen. Welcher Markt das sein soll, weiß Henry noch nicht: Tablets sind gut möglich, den Netbook-Markt gibts ja quasi nicht mehr, aber einen Nischenmarkt für kleine Desktop-PCs oder Miniserver sowie den Embedded-Bereich.

Ein paar Highlights könnten dabei den Chip gegenüber der Konkurrenz auszeichnen: AVX2 sowie die auf neue Krypto-Verfahren erweiterte Padlock-Einheit –damit können Atom und Bobcat/Jaguar nicht aufwarten. Im Unterschied zu Intels Haswell-Prozessor wird CN-R allerdings kein Fused-Multiply-Add und keine Transactional Memory Extension bieten, das wäre zu aufwendig gewesen. Erst wenige Stunden vor meinem Erscheinen hatte man eine weitere Sparentscheidung gefällt: Statt eines ursprünglich geplanten zentralen L3-Cache mit 4 MByte will man sich doch lieber auf 2 MByte beschränken, um Platz, Kosten und vor allem auch Energie zu sparen. Gerade an Letzterem muss Centaur arbeiten, um mit den Großen der Branche mithalten zu können.

Heiße Patente

Aber VIA/Centaur hat noch ein weiters heißes Eisen im Feuer, um in Zukunft für viel Einkommen sorgen zu können, und das sind die zahlreichen Patente. Er habe von Anfang an sehr darauf geachtet, dass seine Patente „litigation proof“ seien, also gerichtstauglich, betonte Henry. Viele hundert Patente hat Centaur erteilt bekommen und die Urkunden zum Teil als Metalldruck auf Holztafeln an den Flurwänden der Büroetage aufgehängt.

Besonders interessant sind dabei die US-Patente Nr. 6253312: Method and apparatus for double operand load sowie 6253311 und 6754810: instruction set for bi-directional conversion and transfer of integer and floating point data.

Die darin beschriebenen Techniken und Instruktionssätze werden, so Henry, von allen aktuellen ARM-Prozessoren verwendet und so hat man sich einen der reichsten ARM-Lizenznehmer herausgesucht und verklagt: Apple. Neben der Zivilklage bei dem an Patentstreitigkeiten gewohnten Distrikt-Gericht in Delaware gab es zeitgleich eine Beschwerde wegen unfairen Wettbewerbs gemäß Sektion 337 bei der International Trade Commission (ITC), die weitaus schneller als Zivilgerichte agiert.

Das Hearing fand im Sommer statt, nun will im Fall 337-TA-812 der administrative Richter (ALJ) Thomas B. Pender am 9. November seine mit Spannung erwartete „Initial Determination“ bekanntgeben. Die finale Entscheidung ist für März 2013 terminiert – im schlimmsten Fall droht Apple ein Einfuhrstopp von iPhones und iPads in die USA …

Das wäre dann schon der dritte Versuch des VIA-Chefs, an Apple-Pfründe heranzukommen. VIA hatte schon im letzten Jahr schwere Geschütze aufgefahren, und zwar über den familiär eng verbandelten Smartphone-Hersteller HTC – die Ehefrau des VIA-Chefs ist Chairwoman von beiden Firmen. HTC hatte zudem im vorigen Jahr für 300 Millionen Dollar von VIA die Grafikchipfirma S3 übernommen, die als eine der ersten Maßnahmen erst einmal Apple bei der ITC verklagte. Beide Beschwerden sind jedoch abschlägig beschieden worden, unter anderem, weil einige der fraglichen Patente zwischenzeitlich an AMD verkauft worden. Doch nun geht es nicht um einen chinesischen Konzern, sondern um eine amerikanische Tochterfirma und gut substantiierte Patente – das könnte spannend werden. (as)

Artikel kostenlos herunterladen

Kommentare

Anzeige