Prozessorgeflüster

Von Überholern und Überholten

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Schlechte Zeiten im x86-Lager: Aktienkurse dümpeln im Keller, Intels Atom muss sich vom ARM Cortex-A15 überholen lassen und Qualcomm zieht beim Börsenwert an Intel vorbei. Obendrein plant Apple angeblich noch, auf x86-CPUs zu verzichten.

Theorie und Praxis stimmen bekanntlich nicht immer überein, wie Intel zurzeit schmerzlich erfährt. Seinen Vorsprung bei der Fertigungstechnik kann der Halbleiter-Weltmarktführer ausgerechnet bei den Atom-Prozessoren nicht in Performance und Marktanteile ummünzen. Obwohl deren Stückzahlen niedrig sind, ist ihre Bedeutung gewaltig: Sie taugen als bisher einzige Intel-Produkte für die boomenden Smartphones und Tablets, während Notebooks schwächeln. Doch Intel kann den Atom bislang bloß mit 32-Nanometer-Strukturen fertigen. Ein 22-nm-Nachfolger des Tablet-Atoms Z2760 war einst für Anfang 2013 angedeutet worden. Jetzt scheint dieser Valleyview eher Ende 2013 zu kommen.

Intel liefert zwar schon massenweise 22-Nanometer-Chips wie den Core i7, doch bei solchen x86-Dickschiffen bringt der Fertigungsvorsprung wenig, weil die Konkurrenz ausgestorben ist. AMD hat laut Mercury Research Marktanteile verloren und der Aktienkurs ist dermaßen niedrig, dass man den ganzen Laden für 1,15 Milliarden Euro kaufen könnte. Die ARM-Gegner der Atoms sind hingegen enorm erfolgreich. Die Firma Qualcomm hat rund 50 Prozent Marktanteil bei den Smartphone-SoCs und verdiente so gut, dass ihr Börsenwert jenen von Intel soeben übertrumpfte.

Dabei sah die Atom-Welt kürzlich noch freundlich aus: Der Atom Z2760 ermöglicht federleichte Windows-8-Tablets mit enormen Akkulaufzeiten, wie man sie sich für x86-Systeme zuvor kaum vorstellen konnte. Bisher durfte Intel auch mit Fug und Recht behaupten, dass der Atom schneller rechnet als ARM-SoCs. Doch plötzlich zieht der Cortex-A15 vorbei: Zwei dieser Kerne stecken im Exynos 5250, den Samsung in Googles jüngstes Chromebook 303C lötet. Zwar gibt es erst einige Browser-Benchmarks, doch die gewinnt der Exynos haushoch, sodass kaum Zweifel bleiben: Er ist schneller als der ähnlich hoch getaktete Atom Z2760. Unter Volllast schluckt der Cortex-A15 indes auch mehr Strom: Auf dem Exynos 5250 sitzt ein mehr als 13 Zentimeter langer Blechstreifen samt Heatpipe als Wärmeverteiler. Die 1,7 Watt des Tablet-Atom erlauben hingegen die kompakte Package-on-Package-Bauform mit Huckepack-RAM, also ohne größeren Kühler.

Die Atom-Welt hat sich krass verändert: Erst war Intels ARM-Angreifer schneller, schluckte aber zu viel Strom. Nun ist er dank S0ix-Modus sparsam, hinkt aber bei der Rechenleistung hinterher. Bis Intel mit 22-nm-Atoms kontern kann, bleibt der ARM-Konkurrenz vermutlich viel Zeit, um neue Windows-RT- oder Android-Tablets wie das Nexus 10 (siehe Seite 90) auf den Markt zu werfen.

Derweil wird wieder einmal spekuliert, Apple wolle Intel komplett aus den eigenen Rechnern werfen: Nachdem selbst entwickelte ARM-SoCs wie der A6 schon die iOS-Geräte – iPod, iPhone, iPad, Apple TV – antreiben, sollen sie demnach bald auch in MacBooks einziehen, wo bisher der Core i rechnet. Von den Stückzahlen her wäre das für Intel leicht zu verkraften, doch das Signal wäre fatal: Seht her, nach Microsoft (bei Windows-RT-Tablets wie dem Surface) und Google (beim erwähnten Chromebook) kann auch Apple auf x86 verzichten. Bei näherer Betrachtung dürfte Apple daran aber wenig Interesse haben. Anders als beim Umstieg von PowerPC- auf x86-Chips im Jahr 2006 versprechen bisherige ARM-SoCs nicht mehr, sondern viel weniger Rechenleistung als selbst die sparsamsten Ultrabook-Versionen des Core i5. Grob geschätzt müsste Apple einen ARM-Chip mit der vier- bis sechsfachen CPU-Performance des nagelneuen A6X aus dem iPad 4 hinbekommen. Bei der Gleitkomma-Rechenleistung ist der Abstand noch größer. Derweil verspricht Intel für 2013 Haswell-Prozessoren mit 10 Watt, die noch mehr schaffen als heutige 17-Watt-Typen – ganz zu schweigen von Quad-Cores. Da scheint es wenig wahrscheinlich, dass Apple viel Aufwand in eine Sparte steckt, die bloß noch 15 Prozent zum Umsatz beiträgt: Desktop-Macs brachten im letzten Geschäftsjahr zirka 6 Milliarden, MacBooks 17 Milliarden – doch alleine das iPad spülte 32 Milliarden US-Dollar in die Kasse, rund 40 Prozent mehr als alle x86-Produkte zusammen.

Die Spekulationen um Apples x86-Ablösung könnten andere Wurzeln haben: Branchenkenner wie Dean McCarron (Mercury Research) und Nathan Brookwood (Insight 64) halten es für denkbar, dass sich Intel von Apple als Auftragsfertiger für ARM-SoCs einspannen lässt. Schon munkelt die taiwanische Digitimes, Apples aktueller ARM-Fertigungspartner Samsung stutze geplante Investitionen in eine neue Fab, weil Apple sich anderweitig umschaut.

Dunkle Wolken

Anlässlich der SC12 (siehe S. 22) verkündete AMD gute Nachrichten, etwa über die Opterons im jüngsten Top500-Spitzenreiter Titan oder den FireGL-10000-Beschleuniger. Außerdem sind Trinity (Serie A), Vishera (FX) und Abu Dhabi (Opteron 6300, S. 66) endlich auf dem Markt. Doch die Zukunft sieht düsterer aus: Roadmap-Bildchen aus dem Internet legen den Schluss nahe, dass 2013 nun doch keine Steamroller-Prozessoren mit schnellerer Bulldozer-Technik zu erwarten sind. Auch der FM2-Chip Kaveri, der erste Andeutungen der Hybrid System Architecture HSA bringen sollte, fehlt dort. Stattdessen ist anscheinend Richland geplant, der bloß wie eine auf 28 Nanometer „geshrinkte“ Version von Trinity aussieht. Gegen Intels Haswell dürfte er kein Land sehen. Schwer einzuschätzen sind die Erfolgsaussichten der 2014 erwarteten Opterons mit 64-Bit-ARM-Kernen (S. 32) für Server: Weder wird AMD der erste Anbieter auf diesem Gebiet sein – Marvell, Applied Micro, Calxeda, Nvidia stehen schon in den Startlöchern – noch hat AMD besonderes Know-how in Bezug auf Netzwerk- oder Storage-Prozessoren zu bieten. Man fragt sich also, welche Vorzüge ein ARM-Chip von AMD haben könnte. Bisher ist außer vagen Ideen zur Hybrid System Architecture nur das Freedom Fabric der zugekauften Firma SeaMicro bekannt, das als effizienter I/O-Interconnect für eher gemächliche Microserver entwickelt wurde. (ciw)

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