Geteilte Freude

Nintendos Wii U startet in Europa

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Nach dem Welterfolg der Wii nimmt Nintendo Abschied von den BewegungsControllern. Der Nachfolger Wii U setzt auf eine Tablet-Steuerung mit kleinem Zusatzbildschirm. Der erlaubt pfiffige neue Spielideen für mehrere Spieler und sorgt dafür, dass die Konsole nicht zwingend den Fernseher in Beschlag nehmen muss.

Als Nintendo vor sechs Jahren mit der Wii auf den Markt kam, überflügelte die kleine Konsole mit ihren Fuchtelfernsteuerungen die Konkurrenz, die stattdessen auf HD-Grafik für die aufkommenden Flachfernseher in XL-Größe setzten. Fast 100 Millionen Geräte konnte Nintendo von der Wii absetzen, gut 30 Millionen mehr als Microsoft und Sony. Doch die Wii U wird es schwer haben, diesen Erfolg zu wiederholen.

Der Hype um Bewegungsspiele ist mittlerweile vorbei. Auch die Nachzügler Kinect und Playstation Move haben ihren Reiz verloren. Eine reine HD-Version der Wii mit einer noch genaueren Bewegungssteuerung auf den Markt zu bringen wäre also wenig sinnvoll gewesen. Mit der Wii U greift Nintendo deshalb den aktuellen Boom der Tablets auf und baut erstmals einen großen Touchscreen in einen Spiel-Controller ein. Auf diesen kann in einigen Spielen die Bildschirmausgabe für den Fernseher umgeleitet werden. Wenn Papi seine Sportschau sehen will, muss er sich also nicht mehr mit dem Sohnemann zanken. Der stöpselt einfach einen Kopfhörer in den Controller ein und spielt weiter. Allerdings muss er in der Nähe bleiben, denn die Funkverbindung von der Wii U zum Tablet reicht bei freier Sicht nur etwa acht Meter, eventuell durch eine dünne Wand ins anliegende Zimmer, aber nicht schräg durch die ganze Wohnung.

Zweitens erleichtert der Tablet-Bildschirm Mehrspielerpartien. Die müssen zu zweit nun nicht mehr am geteilten Bildschirm stattfinden, sondern ein Spieler schaut aufs Tablet und der zweite auf den Fernseher. Dazu lassen sich die alten Wii-Controller samt Nunchuk recyceln, die allesamt mit der Wii U funktionieren. Eleganter sind die neuen Pro-Controller, ähnlich den Gamepads für Xbox 360 und PS3. Möglich werden auch neue kooperative Spielideen wie in „New Super Mario Bros. U“, bei dem ein Spieler dem anderen hilft, indem er zusätzliche Sprunghilfen einzeichnet (siehe S. 213). Dank der unterschiedlichen Rollenverteilung können auch ungeübte Eltern mit ihren geschickten Kleinen gemeinsam spielen. Der Anschluss eines zweiten Tablet-Controllers soll später zwar grundsätzlich möglich sein, er wird derzeit aber nicht unterstützt.

Flink verbunden

Die Verbindung der Wii U mit dem Tablet ist wesentlich enger als bei Konzepten der Konkurrenz. Egal ob beim iPad mit dem Apple TV, der Xbox 360 mit SmartGlass oder der PS3 mit der PS Vita: Alle diese Kombinationen leiden unter den großen Verzögerungen bei der Signalübertragung, die eine präzise Steuerung von Action-Spielen nahezu unmöglich machen. Nintendo nutzt hingegen eine direkte Funkverbindung auf dem 5,2-GHz-Band. Lediglich um einen Frame soll sich die Ausgabe auf das Pad verzögern – weniger als auf vielen Fernsehern. Im Test konnten wir selbst mit einer Hochgeschwindigkeitskamera keine zeitlichen Unterschiede zwischen der TV- und Tablet-Ausgabe feststellen (siehe Video unter dem c’t-Link). So hat man das Gefühl, die Spiele liefen direkt auf dem Gamepad und nicht auf einer per Funk verbundenen Konsole.

Über ihren HDMI-Anschluss gibt die Wii U endlich auch Spiele in HD mit Surround-Sound aus. Grafisch reichen die ersten Wii-U-Spiele aber nicht über PS3- und Xbox-360-Titel hinaus. Einige sehen vielmehr wie hochskalierte Wii-Versionen aus – da hätten wir von einer neuen Hardware-Generation mehr erwartet. Zwar hat die Wii U mit 2 GByte deutlich mehr Hauptspeicher (wovon 1 GByte an das Betriebssystem fällt), die Prozessoren spielen mit ihrer Rechenleistung aber offenbar in der gleichen Liga wie die sechs Jahre alte Hardware von Sony und Microsoft. Immerhin arbeiten sie effizienter: Mit einer Stromaufnahme von 33 Watt braucht die Wii U weniger als die Hälfte der Konkurrenz.

Trotz seiner Größe liegt der Tablet-Controller auch bei längeren Spielesitzungen bequem in der Hand. Der 6,2 Zoll große Touchscreen lässt sich per Finger oder Stift bedienen; er ist druckempfindlich (resistiv) und kann nicht mehrere Eingaben gleichzeitig verarbeiten. Damit der Spieler weiß, ob er zum Fernseher oder zum Pad schauen soll, geben die Spiele ihm immer wieder Hinweise.

Die Bildschirmhelligkeit reicht mit bis zu 202 cd/m2 für Innenräume aus. Der Akku hält bei dieser Einstellung allerdings keine zwei Stunden; wenn man die Helligkeit auf Stufe 4 (133 cd/m2) herunterregelt, schafft er immerhin drei Stunden. Ist der Akku leer, kann man das Tablet auch am langen Ladekabel mit eigenem Netzteil betreiben – die etwas kurze Laufzeit sollte in der Praxis also keine größeren Probleme bereiten. Mit der TV-Kontroll-Funktion lassen sich zahlreiche Fernseher fernbedienen. Sie bietet die wichtigsten Funktionen, kann aber keine programmierbare Universalfernbedienung ersetzen oder einen AV-Receiver steuern.

Die Retail-Spiele liefert Nintendo auf Blu-ray-ähnlichen Discs mit 25 GByte Speicherkapazität. Sie rotieren mehr als doppelt so schnell wie in der PS3 und schaffen damit eine Übertragungsrate von 22,5 MByte/s. Das verkürzt die Ladezeiten, erhöht aber auch die Laufgeräusche der Wii U von 0,6 auf 1,5 Sone. Sie liegt damit zwischen einer PS3 (0,6 bis 0,9 Sone) und einer Xbox 360 (2,2 Sone). Download-Spiele speichert die Wii U auf ihrem internen Flash-Speicher. Von den 8 GByte der Basic-Variante stehen dem Anwender lediglich 3 GByte zur Verfügung, bei der Premium-Version sind es rund 25 GByte. Der Speicher kann über einen SDHC-Card-Slot oder USB-Sticks erweitert werden. Ob zum Starten der Spiele wie bei der Wii ein Umkopieren auf den internen Speicher nötig ist, konnten wir vorab nicht testen. Die Installation von Disc-Spielen auf dem Flash-Speicher wird zurzeit nicht unterstützt.

Zusatzprogramme

Das Hauptmenü ähnelt dem der Wii. Deutlich langsamer sind allerdings die Umschaltzeiten zwischen den einzelnen Anwendungen. Ein Wechsel zur Systemsteuerung und wieder zurück dauerte jeweils knapp 20 Sekunden (gemessen auf der Vorab-Firmware 1.0.2.E). Ein Statistik-Menü gibt Auskunft, welches Spiel an welchem Tag wie lange gespielt wurde. Eltern können zwar den Zugang zu den Online-Funktionen und die Altersfreigabe von Spielen einschränken, nicht aber die Gesamtspielzeit, wie es etwa die Xbox 360 erlaubt.

Kontakt zum Internet stellt die Wii U per WLAN her. Testen konnten wir die Verbindung noch nicht, weil Nintendo uns dies für das Vorabmuster untersagte. Zum Verkaufsstart soll eine neue Firmware verfügbar sein, die man bei der ersten Internet-Verbindung herunterladen muss. In den USA dauerte dies aufgrund von Server-Überlastungen mitunter mehrere Stunden. Auf keinen Fall sollte man den Update-Prozess unterbrechen, weil die Wii U anschließend nicht mehr reagiert und zur Reparatur muss.

Neben einem neu konzipierten sozialen Netzwerk, in dem jeder Spieler durch einen Mii-Avatar vertreten wird, bietet die Wii U einen (nicht Flash-fähigen) Browser. DVD- und Blu-ray-Filme kann die Wii U nicht wiedergeben, ebenso wenig Audio-CDs. Stattdessen soll man YouTube-Clips und das Online-Angebot der Amazon-Tochter Lovefilm abrufen können.

Alte Wii-Spiele werden in einer eigenen App gestartet, die die Wii-Umgebung simuliert. Die Spiele werden über HDMI in 480p ausgegeben und nicht weiter hochskaliert. Download-Spiele von der Wii lassen sich auf die neue Konsole übertragen, was wir jedoch noch nicht testen konnten. Gamecube-Titel laufen auf der Wii U nicht.

Überlebenskampf

Nintendo bietet zum Start der Wii U lediglich zwei eigene Titel an. Neben dem bereits erwähnten Super Mario soll die Mini-Spiel-Sammlung „Nintendo Land“ Spielern die neuen Funktionen der Konsole demonstrieren. Am spaßigsten von den zwölf Titeln waren noch die Fangspiele, bei denen der Tablet-Spieler bis zu vier weitere Spieler mit der Wiimote durch Labyrinthe jagt. Nach einigen Runden verloren wir jedoch die Lust; auch die simplen Solospiele konnten nur wenig begeistern. Sie hatten den Charme einfacher Tablet-Apps, die man im App-Store für 89 Cent erstehen kann. Für ein Vollpreisspiel fehlt es ihnen an Substanz.

Als wichtigster Publisher entwickelte Ubisoft das Survival-Horror-Spiel „Zombi U“, das auch im Bundle mit der Konsole angeboten wird. Der Spieler muss versuchen, möglichst lange in einer dunklen, von Zombies bevölkerten Stadt zu überleben. Eine Sonarfunktion auf dem Gamepad zeigt – die Alien-Filme lassen grüßen – die Position der Gegner. Hält man das Pad hoch, wird es zu einem Scanner, der die Umgebung nach Hilfsmitteln absucht. Das langsame Tempo des Spiels lässt einem genügend Zeit, die neuen Gadgets auszuprobieren und im Inventar zu stöbern. Im Kampf sind die Zombies zäh – es braucht einige Treffer mit einem Cricket-Schläger, bis sie Ruhe geben. Munition für Fernangriffe ist rar. Die ersten Stunden wissen dank der unheimlichen Atmosphäre und des hohen Schwierigkeitsgrades zu unterhalten, auf Dauer geht dem Spiel mangels Abwechslung aber die Luft aus. Enttäuschend ist der Mehrspielermodus, eine Art Capture the Flag, bei dem der Tablet-Spieler den anderen Zombies auf den Hals hetzt. Da er diese jedoch nicht direkt steuern kann, geht der Reiz schnell verloren.

Zahlreich vertreten sind darüber hinaus Portierungen von anderen Konsolen wie „Batman Arkham City“. Grafisch gleicht letzteres den Versionen für PS3 und Xbox 360. Auf dem Tablet sind zusätzlich Übersichtskarten und das Inventar zu sehen, ebenso lässt sich die Umgebung scannen. Der spielerische Mehrwert solcher Funktionen hält sich allerdings in engen Grenzen. Wer will, kann den Titel aber auch komplett auf dem Tablet spielen. Das ist ebenfalls beim einzig zum Konsolenstart erhältlichen Rennspiel „Sonic All Stars Racing“ möglich, wenn man über den Touchscreen von oben nach unten streicht. Die Grafik ist wegen der geringeren Auflösung (854 × 480) zwar nicht so detailliert wie auf einem Full-HD-Fernseher, als quasi mobile Variante aber imposant.

Fazit

In der Praxis funktioniert die Konsole-Tablet-Kombination besser als erwartet. Auch die Verarbeitung und Handhabung der Wii U überzeugen. Lediglich die langen Ladezeiten beim Wechsel zwischen den Anwendungen nerven und der Tablet-Controller muss aufgrund der kurzen Akkulaufzeit alsbald wieder an die Leine. Die Stärken der Konsole liegen bei gemeinsamen Mehrspielerpartien im selben Raum sowie in der (bei einigen Spielen möglichen) unabhängigen Nutzung vom Fernseher.

Das Angebot an neuen Titeln zum Start kann jedoch nur mit wenigen exklusiven Titeln aufwarten, von denen „Super Mario“ und „Zombi U“ noch die interessantesten sind, aber nicht herausragen. Die Grafik der Wii U sieht keinesfalls besser aus als die auf einer PS3 oder Xbox 360 und die Zusatzfunktionen der Portierungen sind lediglich Gimmicks, die den höheren Preis kaum rechtfertigen. Auch alte Wii-Spiele sehen auf der Wii U nicht besser aus.

Damit die Wii U ein langfristiger Erfolg wird, muss Nintendo für einen steten Nachschub exklusiver Titel sorgen, die die Spezialfunktionen ausnutzen – und dabei sollten sie sich nicht nur auf ihre alten Galionsfiguren Mario und Zelda verlassen. Die Möglichkeiten sind durchaus vorhanden. (hag)

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Kapitel
  1. Flink verbunden
  2. Zusatzprogramme
  3. Überlebenskampf
  4. Fazit
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