Prozessorgeflüster

Von britischen Firmen und unbritischen Thronfolgern

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Intel-Chef Otellini hat seinen Rücktritt vom Amt des Chief Executive Officer für Mai nächsten Jahres verkündet. Gleichzeitig kauft Intel eine britische Entwicklerbude, die mit ARM Cortex und Mediaprozessoren arbeitet, und Intels GPU-Partner Imagination Technologies will MIPS schlucken.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Intel-Chef schon ein paar Jahre vor Erreichen der Altersgrenze von 65 seinen Hut nimmt. Das war in der 43-jährigen Intel-Geschichte bei allen vier Amtsvorgängern Otellinis so: Robert Noyce, Gordon Moore, Andrew Grove, Craig Barrett. Ungewöhnlich ist allerdings, dass Intels Board of Directors keinen Nachfolger präsentierte. Das war sonst der Chief Operation Officer (COO), der für die wichtige Führungsposition jahrelang aufgebaut wurde – eben wie Grove, Barrett und Otellini. Demnach käme dem jetzigen COO Bryan M. Krzanich diese Ehre zu; der 52jährige Chemiker hat nach seinem Bachelor-Examen 1982 bei Intel angefangen.

Als Kronprinz galt ursprünglich der Brite Sean Maloney, den vor zwei Jahren ein Schlaganfall aus dem Rennen warf. Gute Chancen werden auch der Software-Chefin Renée James eingeräumt oder dem Chef der Architecture Group Dadi Perlmutter, dessen Entwicklungsabteilung in Haifa einst Intel aus dem Pentium-4-Schlamassel zog.

Im Schlamassel steckt Intel jetzt wieder und das könnte für das Board durchaus ein Grund gewesen sein, Otellini zum Rücktritt zu bewegen. Die letzten Quartalszahlen sahen so toll nicht aus und die vom Noch-CEO versprochene „doppelte Mooresche Geschwindigkeit“ bei den Atom-Designs lässt auf sich warten. So hat Intel gegen ARM noch kein durchschlagendes Patentrezept entwickeln können, woran auch der Rauswurf des Mobilchefs Chandrasekher im letzten Jahr nichts änderte.

Bei der integrierten Grafik von Atom-SoCs wie Clover Trail oder Medfield hat man sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Weil man nichts Eigenes, Energiesparendes für DirectX, OpenCL und OpenGL auf die Reihe brachte, nahm man die PowerVR-Designs der britischen Firma Imagination Technologies in Lizenz, so wie Apple auch. Und damit hier nichts anbrennt, hält Intel Capital inzwischen als Hauptinvestor 14,5 Prozent von Imagination – Apple bloß 8,7 Prozent. Doch die Beteiligung allein nützt nichts, sondern man braucht auch Können – etwa ordentliche Treiber.

Imagination Technologies liebäugelt derweil mit dem Aufkauf des Konkurrenten MIPS, den einst Prozessorlegende und Stanford-Präsident John Hennessy ins Leben rief. Die MIPS-Architektur ist auch in China beliebt. Der Loongson 3B etwa beruht darauf und auf der nächsten ISSCC wollen die Chinesen den 32-nm-Chip Loongson 3B-1500 vorstellen, dessen acht Kerne 172 GFlops Gleitkommaleistung aus 40 Watt TDP zaubern – damit wäre er mehr als doppelt so effizient wie Intels Sandy Bridge-EP.

London Calling

Der MIPS-Deal war fast schon für 60 Millionen US-Dollar in trockenen Tüchern, da bot in letzter Sekunde ein anderer mehr – nein, nicht Intel, sondern der hierzulande wenig bekannte DSP-Entwickler Ceva aus Kalifornien beziehungsweise Israel. Seine Mobil-DSPs stecken in Funkmodems, wohl auch in jenen der ehemaligen Intel-Sparte, die früher zu Infineon gehörte. Wo MIPS letztlich landet, ist also offen.

Für ein bisschen mehr GPU-, ARM- und Treiber-Know-how schaute sich Intel aber offenbar in England um – und wurde fündig: 25 Meilen südlich von Imagination, in der Nähe von Heathrow, sitzt die zu Creative gehörende Firma Ziilabs – ehemals 3DLabs. Intel zahlte Creative kurzerhand 50 Millionen Dollar für die komplette Entwicklermannschaft samt der Nutzungsrechte an Patenten. Ziilabs hat sogenannte StemCell-SoCs entwickelt mit bis zu 96 Media Processing Cores, die energiesparend 58 GFlops Gleitkommaleistung erbringen, inklusive Treibern für OpenGL ES 2.0 und Accelerated OpenCL 1.1. Rein zufällig 96 Kerne – also ebenso viele, wie sie der für HPC-Beschleunigung gedachte Prozessor CSX600 der Firma ClearSpeed besitzt, der je nach Takt zwischen 50 und 66 GFlops schafft. ClearSpeed logiert etwa 50 Meilen entfernt von Ziilabs in Witney bei Oxford und hat zwar die Weiterentwicklung aufgegeben, verwaltet aber Patente und Lizenzen. Und wie es der Zufall so will, wirken mehrere ehemalige ClearSpeed-Entwickler heute bei Ziilabs. Zudem fand der frühere ClearSpeed-CTO John Gustafson zwischenzeitlich bei Intel Unterschlupf und wurde kürzlich Chef der Grafiksparte von AMD – so klein ist die Welt.

Der aus Intel-Sicht wohl wichtigste Ort in der Nähe von London dürfte Cambridge sein: dort logiert ARM. Die Briten drohen die Prozessorpreise dermaßen stark zu drücken, dass Intel angeblich überlegt, schon in wenigen Jahren keine Mittelklasse-Chips für Wechselfassungen mehr zu liefern. Genau wie die heutigen 17- und künftigen 10-Watt-CPUs für Ultrabooks und Tablets würden dann auch Desktop-Prozessoren fest aufs Mainboard gelötet – der Chip ist ja ohnehin meistens derselbe, für mehr Geld könnte man dann vielleicht höher takten, mehr Cache nutzen oder weitere Kerne freischalten.

ARM drängt aber auch ins Oberhaus, hin zu den Servern. Auf der Supercomputerkonferenz SC12 in Salt Lake City hatte ARM erstmals einen eigenen Stand, doch überall lugten ARM-Designs wie Pilze zwischen Bäumen hervor: Etwa Energy-Core-Module von Calxeda in Microservern von HP, Boston, Penguin Computing und dem „Zinc“, den Dell der Apache Software Foundation zur Verfügung stellte. Das Seco-Entwicklerboard Carma mit Nvidia Tegra 3 und Quadro 1000M steckte unter anderem in einem 12-Knoten-Cluster von E4. Das EU-Projekt Mont Blanc am Barcelona Supercomputing Center stellte ihren aktuellen Prototypen vor – aber nicht mit Nvidia-Technik wie beim Carma, sondern mit Samsung Exynos 5, also Cortex-A15. Dell präsentierte das Projekt Copper mit Marvells Armada XP, zu dessen Ahnen Intels XScale zählt. Doch alles sind noch Vorstufen: Acht Firmen entwickeln derzeit 64-bittige ARM-SoCs. Sie werden noch ein, zwei Jahre auf sich warten lassen, sodass der kommende Intel-Chef noch etwas Zeit hat zum Gegensteuern. (as)

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