Hier kommt die faire Maus

Nachhaltige Elektronik: schwierig, aber möglich

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Wie kann man bessere Arbeitsbedingungen in der Computerindustrie durchsetzen? Indem man einfach damit anfängt.

Drei Jahre lang hat Susanne Jordan an ihrer fairen Maus gearbeitet. Die 35-jährige Geografin aus Bichl in Oberbayern hat Schaltpläne studiert, sächsische Kondensatorhersteller entdeckt, mit Taiwanern über kleine Stückzahlen verhandelt und 30 000 Euro für eine Gussform ausgegeben.

Im Dezember ist die Maus fertig. Doch kaum jemand interessiert sich für sie. Auf einer Berliner Öko-Messe verkauft Jordan ein paar Exemplare, auf dem Tollwood-Festival in München wird sie ignoriert. Schlecht gelaunt steht sie auf der Theresienwiese. Dann klingelt ihr Handy. „Auf der Webseite ist die Hölle los“, berichtet ein Freund. Der Spiegel und taz.de haben über die Maus berichtet und eine Flut von Bestellungen ausgelöst.

Die Idee, eine faire Maus zu entwickeln, hatte Jordan, als sie in einer Rating-Agentur für Nachhaltigkeit arbeitete. Sie bewertete die Computerindustrie – und stellte fest, dass es keine Fairtrade-Nische gibt. Zum System Apple/Foxconn fand sie keine Alternative.

Sie schraubte Mäuse auf und identifizierte 20 Komponenten: Widerstände, Kondensatoren, Schalter, LED, Gehäuse, Scrollrad, Kabel und Sensorchip. Zum Sensor bekam sie einen Schaltplan für die Leiterplatte dazu. Die Entwicklung ist nicht schwer, merkte sie.

Sie ging zur Electronica-Messe und suchte Hersteller. Einige deutsche Firmen freuten sich, trotz der geringen Stückzahl. Doch sie fand in Europa keine Produzenten von LEDs, Linsen, Scrollrädern und Sensoren.

Ihr wurde klar, dass ihr Vorhaben utopisch war. Selbst ein so simples Gerät wie eine Maus konnte sie unmöglich komplett unter menschenwürdigen Bedingungen produzieren lassen, unmöglich die Lieferkette bis zu den Rohstoffen überblicken. Sie entschied, die Maus trotzdem zu entwickeln. Keine komplett faire Maus, aber die fairste Maus, die es gibt.

Die größte Herausforderung war die Zusammenarbeit mit asiatischen Lieferanten. Jordan verlangte Informationen zu Arbeitsbedingungen, Zulieferern, Rohstoffen – für lächerliche Mengen von LEDs und Scrollrädern. Ein Lieferant aus Malaysia sprang ab. Jordan musste umschwenken auf die Philippinen, ein Rückschritt bei den Arbeitsbedingungen. Sie fand recycelte Metalle aus Belgien, aber keine Komponenten mit diesen Metallen, sodass sie ein USB-Kabel mit Kupfer unbekannter Herkunft nehmen musste.

Zwei Jahre dauerte es, bis sie den ersten Prototyp in den Händen hielt. Jetzt kann man die Maus kaufen. Einen Großteil der Lieferkette bezeichnet Jordan als fair: ohne Ausbeutung, ohne Kinderarbeit, ohne erzwungene Überstunden, mit Gesundheitsschutz, mit Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Bei einigen Komponenten sind die Bedingungen „unbekannt“, also vermutlich schlecht. 26,90 Euro kostet die Maus. Jordan hofft, dass sie 15 000 Stück verkauft. Dann ginge ihre Kalkulation auf. Die Maus soll sich rechnen, damit andere dem Beispiel folgen.

Sie arbeitet nun an der nächsten Version. Bald sollen auch das Scrollrad und die Kabel aus fairer Produktion stammen. „Vielleicht finden wir auch faire Füße.“

Sie will eine Entwicklung anstoßen, „die am Ende auch größere Firmen zum Handeln bewegt“. Ihr Ziel sind bessere Arbeitsbedingungen auch in klassischen Produktionsländern wie China und Vietnam. Sie hofft, dass es irgendwann sogar ein nachhaltig produziertes Smartphone gibt. (cwo)

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