Glass durchschaut

Googles Datenbrille im Test: Nerd-Spielzeug oder mobile Zukunft?

Test & Kaufberatung | Test

Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine kaputte Sportbrille. Hat man aber erst einmal kapiert, warum der Träger mit der Brille spricht, sie streichelt und auf einen kleinen Glasklotz am rechten Brillenbügel starrt, will fast jeder Google Glass selbst ausprobieren.

Der Höhenflug beginnt mit einem Fall. Am 27. Juni 2012 stürzen sich mehrere Personen aus einem Luftschiff über San Francisco. Im freien Fall rasen sie auf das Moscone Center zu, in dem gerade die Entwicklerkonferenz Google I/O tagt. Dann öffnen sich die Fallschirme. Die Welt verfolgt alles live: Denn die Fallschirmspringer tragen Prototypen von Googles Datenbrille „Project Glass”, die den Sprung per Videochat übertragen. Eine perfekte Inszenierung für das neue Lieblingsprojekt des Google-Mitgründers und -Technikvisionärs Sergej Brin. Die Message lautet: Wir werden die Welt mit anderen Augen sehen – durch Googles Brille.

Ein Jahr später sitzt Technik-Blogger Robert Scoble mit einer Entwicklerversion von Glass auf einer Bühne in Amsterdam. Er ist einer der Ersten, die die Datenbrille von Google bekommen haben. Er trägt sein Exemplar seit Wochen rund um die Uhr. Wie das denn andere finden, wenn er mit der Glass-Kamera im privaten Raum unterwegs sei, fragt ihn der Moderator. Scoble wiegelt ab: „Ich habe sie in 20 öffentlichen Toiletten in dieser Woche getragen, und ich habe bisher kein Problem damit gehabt.“ Dass das aber nicht jeder normal findet, zeigen Schmäh-Tweets, die Scoble als „Glasshole“ bezeichnen, das keine Rücksicht auf die Privatsphäre nimmt.

Längst hat Glass auch Datenschützer auf den Plan gerufen. Sie machen sich darüber Gedanken, wie solche Datenbrillen möglicherweise in die Privatsphäre eingreifen, aber auch darüber, was Google mit den gesammelten Informationen der Glass-Träger anstellt. Wir beleuchten die Argumente ab Seite 70.

Video: Das erste Mal Google Glass

Am Interesse an der Brille ändert das aber nichts: Als wir in Aussicht stellten, Kolleginnen und Kollegen (auch außerhalb der Redaktionen) könnten möglicherweise „für ein paar Minuten Google Glass ausprobieren”, wurden wir förmlich überrannt. Alle wollen wissen, wie sich die Datenbrille „anfühlt”. Ist es einfach nur teures Nerd-Spielzeug oder möglicherweise die Zukunft der Mobilcomputer? Wird wirklich bald jeder Zweite mit einer Kamera auf dem Kopf herumlaufen? Wie wird das unsere Welt und unser Miteinander verändern?

Wer die Fragen beantworten will, muss erst einmal verstehen, wie Glass überhaupt funktioniert. Und nur wenige konnten sich ein eigenes Bild von Glass machen; denn nur 2000 Entwickler wurden bislang eingeladen, eine „Explorer Edition” für 1500 US-Dollar zuzüglich Steuern zu kaufen; auch c’t-Korrespondent Daniel AJ Sokolov war unter ihnen (siehe Seite 67). Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass wir als eine der ersten deutschen Zeitschriften Google Glass einem ausführlichen Test unterziehen konnten. 8000 weitere Interessen aus der „If i had Glass”-Kampagne haben ebenfalls das Recht „gewonnen”, Google Glass zu kaufen, werden aber erst später beliefert.

Was Glass ist

Wenn über Googles Datenbrille geredet wird, geht es meist um die integrierte Kamera. Doch Glass ist weit mehr als eine Action-Cam, die auf der Nase sitzt. Im Kern ist sie eine Erweiterung für Android-Smartphones: Wird die Brille per Bluetooth daran gekoppelt, arbeitet sie nahliegenderweise nicht nur als Headset, sondern blendet auf einem Prisma über dem rechten Auge Termine, Nachrichten, die Wetterlage oder den Weg zum nächsten Postamt ein.

Was Google Glass – jedenfalls bisher – nicht ist: eine Augmented-Reality-Brille, die die Wirklichkeit mit virtuellen Elementen überlagert. Vielmehr ist die Brille für kurze Interaktionen mit geringer Informationsdichte vorgesehen; daher werden auch keine Webseiten angezeigt.

Und noch ein wichtiger Punkt: Die „Explorer Edition” ist kein fertiges Produkt, sondern ein Entwicklergerät. Die kommerzielle Version soll im kommenden Jahr erscheinen und bis dahin gemäß der Rückmeldungen der „Beta-Tester” überarbeitet werden.

In der uns vorliegenden Datenbrille steckt Technik aus der Smartphone-Mittelklasse: Auf dem von Texas Instruments gefertigten OMAP4430-SoC mit ARM-Cortex-A9-Prozessor (2 × 1,2 GHz) läuft ein nicht ganz aktuelles Android 4.0.4 (Ice Cream Sandwich). Auch alle für Smartphones typischen Sensoren stecken in der Brille; einzig ein GPS-Empfänger fehlt. Der Flash-Speicher umfasst 16 GByte, wovon das Betriebssystem rund 4 GByte beansprucht. Für Apps und Daten – beispielsweise Fotos oder Videos – bleiben so rund 12 GByte übrig. Der verfügbare Arbeitsspeicher umfasst 682 MByte, insgesamt soll 1 GByte RAM drin stecken.

Auffälligstes Merkmal der Datenbrille ist das halbtransparente Prisma am vorderen Ende des rechten Brillenbügels. Es soll nicht vor dem Auge, sondern auf Höhe der Augenbraue sitzen. Das dort vom Display mit 640 × 360 Bildpunkten eingeblendete Bild schwebt nicht direkt vor der Nase. Es wirkt so, als würde man aus ungefähr zweieinhalb Metern auf einen 24-Zoll-Monitor schauen.

Da das Prisma am oberen Rand des Blickfeldes sitzt, muss man nach oben schauen und umfokussieren, um die eingeblendeten Inhalte zu sehen – anfangs ist das ziemlich gewöhnungsbedürftig und bei Dauernutzung anstrengend. Das in Glass verbaute LCoS-Display (Liquid Crystal on Silicon) erzeugt die Grundfarben nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Dadurch blitzen bei weißer Schrift vor dunklem Hintergrund die Buchstabenkanten bunt auf – vergleichbar mit dem Regenbogeneffekt bei Projektoren mit DLP-Technik. Weil das Prisma durchsichtig ist, können freilich keine schwarzen Hintergründe erzeugt werden; dunklere Töne erscheinen rötlich.

In dunkler Umgebung ist das Bild gut erkennbar, mit Gegenlicht wird es schwierig bis unkenntlich. Obwohl das Bild physisch nur auf dem rechten Auge auftrifft, hilft es nicht, das linke Auge zuzukneifen.

Richtig angepasst sitzt Glass nur im peripheren Blickfeld und ist die meiste Zeit über inaktiv. So wie Brillenträger auch den Rahmen ihrer Brille normalerweise nicht bewusst wahrnehmen, stört Glass nach kurzer Zeit allenfalls durch das für eine Brille vergleichsweise hohe Gewicht von 43 Gramm (mit einklippbaren Gläsern 55 Gramm) – Brillen liegen je nach Ausführung zwischen 10 und 30 Gramm.

Bedient wird Glass über Sprachkommandos sowie Wischen und Tippen auf dem rechten Brillenbügel, der nicht nur die Technik aufnimmt, sondern auch ein Touchpad enthält. Hinter dem Ohr befindet sich ein Knochenschall-Lautsprecher, der die Schwingungen auf den Schädelknochen überträgt – und bei Audioausgabe etwas hinter dem Ohr kitzelt. Am Ende des Bügels sitzt der Akku. Dadurch ist der rechte Bügel recht lang und schwer, weshalb die Brille gerne mal schief auf der Nase sitzt, wenn der Steg nicht richtig eingestellt ist.

Mit dieser Hardware-Ausstattung könnte die Brille zumindest im WLAN eigentlich autark arbeiten. Tatsächlich benötigt man jedoch zusätzlich ein Android-Smartphone mit der sogenannten Companion-App MyGlass.

„OK Glass”

Die (derzeit nur englischen) Sprachbefehle leitet man stets mit dem Stichwort „OK Glass“ ein. Anschließend folgen die eigentlichen Befehle „google“ (für die Suche), „take a picture“ (Fotografieren), „record a video“ (Videoaufnahme), „get directions (to)“ (Navigation wahlweise für Auto-, Fahrradfahrer oder Fußgänger), „send a message (to)“ (Versand von SMS, E-Mail nur als Fallback bei fehlender Mobiltelefonnummer), „make a call (to)“ (Telefonanruf) oder „hangout with“ (Google+ Hangout).

Außer beim Aufnehmen von Fotos und Videos spricht man gleich weiter und gibt etwa bei der Google-Suche die Stichwörter ein oder nennt das Navigationsziel. Suchergebnisse werden meist als kurze Textschnipsel mit Angabe einer Internet Domain angezeigt. Bei einer Anfrage wie „OK Glass, google cat pictures“ blendet Google sechs Vorschaubilder ein. Das Anfordern von Bildern klappt allerdings noch nicht zuverlässig, sodass man sich oft per „trial and error” an das gewünschte Ergebnis herantasten muss.

Video: Google Glass: Technik und Bedienung

In einigen Fällen klinkt sich Googles Knowledge Graph ein: Dann liefert die Brille beispielsweise auf die Frage „How old is Arnold Schwarzenegger” gleich „65” nebst Sprachausgabe und zugehörigem Bild – das klappt genauso wie bei der Sprachsuche auf Android-Smartphones. Wie auch bei den Smartphones zensiert Google die Sucheingaben bei Glass. Selbst wenn man Schimpfwörter in der Spracheingabe zulässt, wird beispielsweise aus „shit“ nur „s ***“, und das nicht nur in der Einblendung, sondern auch in der tatsächlichen Suche, so dass dann nur Ergebnisse zum Buchstaben s geliefert werden. „Fuck” wird so zu ”f ***”, und das erste Suchergebnis ist Facebook.

Das Touchpad am rechten Bügel erkennt Antippen und Wischgesten nach vorne, nach hinten und nach unten. Mit Vor- beziehungsweise Zurückstreichen wandert man durch kleine Kacheln (Cards) und wählt eine durch Antippen aus. In Listen kann man auch durch Heben und Senken des Kopfes scrollen.

Hat eine Kachel oben rechts ein weißes Eselsohr, gibt es in einem Untermenü weitere Kacheln zur Auswahl. Mit einem Wisch nach unten schließt man die aktuelle Kachel. Streicht man mit zwei Fingern nach unten, legt sich Glass sofort schlafen; nach einigen Sekunden Inaktivität deaktiviert sich Glass aber auch von selbst.

Steht aber eine wichtige Nachricht an, wacht Glass auf. Das können eingehende Anrufe, Textnachrichten, Informationen von Google Now oder Navigationsanweisungen („turn right“) sein. Für Anrufe und Hangouts muss Glass als Bluetooth-Headset mit dem Handy gekoppelt sein.

Glass-Auge

Eines der von Glass-Kritikern am meisten diskutierten Features ist die eingebaute Kamera. Beim Fotografieren oder Filmen leuchtet das Prisma auf, sodass der Einsatz für das Gegenüber nicht unbemerkt bleibt.

Der in der Entwicklerversion eingebaute Kamerasensor schießt Bilder mit einer Auflösung von 2560 × 1888 Pixeln (4,8 Megapixel) im JPG-Format. Die Fotos sind etwas blass, dunkel und zeigen nur wenige Details, haben aber einigermaßen natürliche Farben. Die Kamera hat einen flotten Autofokus und stabilisiert Fotos und vor allem Videos recht ordentlich. Letztere zeigen bei Schwenks allerdings starke Ruckler. Bei einem Smartphone-Test würde die Kamera allenfalls mit „durchschnittlich“ abschneiden.

Zum Dauerfilmen taugt die Glass-Kamera nicht: Der Akku hält das nicht lange durch, der Speicherplatz ist nicht erweiterbar und der rechte Bügel wird unangenehm warm.

Die Audioausgabe erfolgt stets durch einen vibrierenden Knopf hinter dem Ohr. Die Qualität dieses Knochenschall-Lautsprechers ist für Sprache ausreichend, aber oft zu leise. Der Geheimhaltung dient das nicht: In ruhiger Umgebung können Nebenstehende die Audioausgabe mithören. Bei Umgebungslärm versteht auch der Träger der Brille selbst wenig, weil seine Ohren offenbleiben (sollen).

Um Glass möglichst handlich und leicht zu machen, musste auch der am hinteren Ende des rechten Bügels angebrachte Akku besonders klein sein, was den Energievorrat begrenzt. Besonders Navigation leert den Akku schnell – in unseren Versuchen sogar schneller, als nachgeladen werden konnte. Die Navigation sollte daher ausdrücklich gestoppt werden, sobald man sie nicht mehr benötigt. Der Akku kann nicht gewechselt werden und wird über eine Micro-USB-Buchse geladen.

Die Frage, wie lange der Akku der Explorer Edition von Glass durchhält, können wir bislang nur grob beantworten, weil das stark von der Nutzung abhängt: Verwendet man die Brille mäßig, hält der Akku bis zu acht Stunden durch. Im (eher untypischen) Dauerbetrieb war nach weniger als zwei Stunden Schluss.

Die Glass Explorer Edition kann nur zehn Kontakte speichern, obwohl die Brille mit dem normalen Google-Konto verbunden ist. Sie sollen online oder über die App eingegeben werden. Im Test zeigte sich dieser Bereich besonders störrisch, die Funktion scheint noch nicht ganz ausgereift. Anrufe und SMS können von Glass aus nur zu den in Glass gespeicherten Kontakten initiiert werden. Ist auf dem Handy Google Voice installiert, werden SMS stets darüber verschickt; für SMS zu nicht-nordamerikanischen Rufnummern muss entsprechendes Google Voice Guthaben aufgeladen werden. Alternativ kann man Google Voice ganz entfernen. E-Mails können nur an Kontakte verschickt werden, die keine Mobilnummer verzeichnet haben.

Für Hangouts kann Glass besonders praktisch sein, weil die Glass-Kamera ja nicht wie eine Webcam den Blick auf den Teilnehmer überträgt, sondern ungefähr das, was dieser sieht. Allerdings gelang es uns nicht, von Glass aus einen gezielten Hangout mit ausgewählten Google+-Kontakten zu starten. Man kann nur alle Personen aus seinen Kreisen einladen oder aber alle Personen, denen man folgt. Von der Google+-Webseite aus ist es jedoch möglich, einzelne Personen oder Kreise einzuladen.

Anwendungen

Für die Ersteinrichtung muss man sich auf www.google.com/myglass mit seinem Google-Account anmelden und dann mit der Brille den im Browser angezeigten QR-Code fotografieren. Anschließend ist Glass mit dem Account verknüpft. Nach der Installation von MyGlass aus Googles Play Store auf dem Handy lassen sich Brille und Smartphone via Bluetooth miteinander koppeln. Da Glass mittels Tethering fortan selbstständig Infos aus dem Web zieht, beispielsweise bei der Suche oder beim Navigieren, kann das Smartphone dabei in der Tasche bleiben.

Zu Hause braucht die Internetverbindung nicht zwingend über Bluetooth-Tethering zu laufen. Die Datenbrille kann sich auch direkt mit WLAN-Netzwerken verbinden. Die Konfiguration dafür erfolgt ebenfalls im Webbrowser oder in der MyGlass-App und nicht etwa auf der Datenbrille selbst: Auf der MyGlass-Webseite lassen sich in der Rubrik „Setup“ über die Kachel „My Wifi networks“ Name und Zugangsdaten gewünschter Drahtlosnetzwerke eintragen. Direkt von Glass aus kann man neue WLANs nur hinzufügen, wenn sie ungesichert sind.

Die MyGlass-Seite und die MyGlass-App für Android dienen der Verwaltung von Glass-Anwendungen – Glassware genannt –, die übrigens derzeit kostenlos und werbefrei sein müssen. Viele Anwendungen melden sich bei gegebenem Anlass von selbst; lassen sich aber sonst nur über die „Timeline” ansteuern.

Noch ist die Zahl der Anwendungen gering: Google selbst steuert Google Plus, Gmail und Google Now bei. Als erste Medien haben die New York Times, CNN und Elle Glass-Apps veröffentlicht.

Die New York Times liefert einmal pro Stunde ein News-Update, durch dessen Überschriften man scrollen und sich von Glass eine Zusammenfassung vorlesen lassen kann. CNN legt noch eins drauf und bietet sogar Videoschnipsel an. Abspielen ließen sich die Clips in unseren Tests allerdings nicht – außer einem Player-Icon bekamen wir nichts zu sehen.

Für den Anschluss an soziale Netze sorgen Apps für Facebook, Twitter, Path, Tumblr und Evernote. Sie alle richten neue „Sharing Contacts” ein, über die man mit Glass geknipste Bilder – auf Wunsch mit diktierter Beschreibung – teilen kann. Viel mehr geht in der Regel nicht. Mit Twitter for Glass lassen sich immerhin per Spracheingabe Antworten auf Tweets und Direktnachrichten diktieren, außerdem kann man Tweets retweeten und favorisieren. Die Evernote-App empfängt Notizen, die dann in der Glass-Timeline angezeigt werden. Praktisch, um sich beispielsweise einen Einkaufszettel auf die Brille zu beamen.

Nicht alle verfügbaren Apps tauchen direkt bei MyGlass auf. Einige findet man zunächst nur auf den Webseiten der Anbieter. Klickt man dort auf den Anwendung-Link, fragt Google, ob man der Anwendung Zugriff gewähren möchte, wie man es beispielsweise auch von der Autorisierung von Facebook- und Twitter-Apps kennt. Zugelassene Anwendungen werden im App-Bereich der MyGlass-Seite angezeigt und müssen aktiviert werden.

Auch hier überwiegen die Funktionen zum Teilen von Fotos: GlassTweet tweetet Fotos, Glass To Facebook veröffentlicht selbige auf Facebook und Glassnost schickt sie zum gleichnamigen Dienst.

Spannender ist Glassagram. Der Dienst wendet Instagram-artige Filter auf Glass-Fotos an, die man über den hinzugefügten Sharing Contact an den Web-Dienst des Anbieters schickt und in gefilterter Fassung zurückbekommt.

Fullscreen Beam schiebt Glass-Videos auf YouTube. Auf der Website des Anbieters stellt man die Zeitzone ein, ob das Video öffentlich oder privat sein soll und ob ein Tweet mit dem Link abgesetzt werden soll.

Mit Glass To Do kann man Sprachnotizen aufzeichnen und einer „Your To Dos”-Kachel hinzufügen, die bei Aktualisierung der Aufgabe leider nicht wieder an den Anfang der Glass-Timeline hüpft. Immerhin ein Anfang.

ThroughGlass soll mehr als die offizielle Facebook-App leisten. So soll man beispielsweise zu geteilten Bildern eine Textbeschreibung diktieren und auf Kommentare antworten können. Leider konnten wir die App nicht ausprobieren, weil die Google-Autorisierungs-Webseite temporär nicht funktionierte.

Thirst Droplet zeigt dem Träger Neuigkeiten zu Themen an, die er auf der Thirst-Webseite anhand von Stichwörtern auswählt.

All diese Apps von Drittanbietern nutzen Googles Mirror-API. Damit lassen sich Web-Anwendungen für Glass programmieren, die ihre Inhalte von Google-Servern aufs Brillen-Display schicken. Alle wichtigen Infos für den Einstieg hat Google auf der Glass-Entwicklerseite (siehe c’t-Link) zusammengestellt.

Es gibt aber auch schon erste Hacks, die man direkt auf der Brille installieren kann; wie das geht, steht im Kasten auf Seite 68. Beispielsweise aktiviert Mike DiGiovannis Bulletproof einen Sperrbildschirm, wenn man die Brille abnimmt, sodass nicht jeder sie aufsetzen und einen Blick auf private Daten erhaschen kann. Beim Aufsetzen öffnet eine Kombination aus vom Nutzer bestimmten Tipp- und Wischgesten das Schloss. Ebenfalls von DiGiovanni stammt das bereits kontrovers diskutierte Winky. Es nutzt den Augensensor der Datenbrille, um mit einem Blinzeln Fotos aufzunehmen. Diese und mehr seiner Projekte gibt es unter dem c’t-Link.

Realitätscheck

Die Meinungen derjenigen Kollegen, die Glass zumindest kurz aufsetzen konnten, gingen auseinander: Während die eine Hälfte die Brille bei einem akzeptablen Preis (um die 200 Euro) sofort kaufen würde, meinten andere ernüchtert: Nette Spielerei, aber zu wenige Anwendungen. Das verwundert allerdings wenig, weil Glass gerade erst an Entwickler ausgeliefert wird und es sich noch nicht um das fertige Produkt handelt.

Nur ein Kollege war enttäuscht und fand das Gerät billig. Wirklich vorstellen, Glass den ganzen Tag zu tragen, konnte sich fast niemand. Unser Nordamerikakorrespondent hatte Glass schon etwas länger und hat sie durchaus lange getragen – mit eingesetzten Shields schützt Glass seine Kontaktlinsen gegen schnelles Austrocknen.

Blick in die Glass-Kugel

Datenbrillen gibt es schon seit einem Jahrzehnt, wenn auch deutlich klobigere. Neben Google arbeiten auch Sony, Samsung und einige kleinere Unternehmen an ähnlichen Produkten.

Vieles von dem, was Glass derzeit kann, lässt sich auch mit einer Smartwatch oder einem Handy samt Headset erledigen. Aber Glass hält die Hände frei, die Interaktion wird unmittelbarer. Die getestete Explorer Edition stürzt gerne ab und hat noch viele Ecken und Kanten. So ist Glass zwar meist im Schlafmodus, aber wenn wir unser Exemplar ausschalteten, bootete es nach einiger Zeit von selbst und ging dann wieder in den Schlafmodus. Schaltet man Glass während des Ladens aus, endet auch der Ladevorgang. Und größere Datenmengen können nur in Häppchen vom internen Speicher kopiert werden.

Die Explorer Edition gibt Entwicklern die Möglichkeit, sich auf das vorzubereiten, was kommen mag. Der öffentliche Diskurs dreht sich in erster Linie um Fotos und Videos, doch bei Glass geht es um mehr: Informationen für den Träger werden näher an seine wichtigsten Sinnesorgane herangeführt. Der Nutzer klinkt sich weniger aus der Umgebung aus, weil er nicht mehr ständig mit gesenktem Kopf auf ein Display starrt.

Googles PDA

Googles Vorteil gegenüber den Mitbewerbern ist der bereits jetzt tiefe Einblick in das Leben der Google-Nutzer. Google Now zeigt, wohin die Reise gehen soll: Keine verpassten Termine mehr, denn Google weiß, wo man wohnt, und empfiehlt bei akuter Staugefahr etwas früher loszufahren. Auf Reisen präsentiert Google Now eine Liste der lokalen Sehenswürdigkeiten und liefert über den Knowledge Graph die passenden Info-Häppchen dazu.

Google will allzeit als persönlicher Assistent bei Fuß stehen, vielmehr: auf der Nase sitzen. Die technischen Möglichkeiten tasten sich also an die seit Jahrzehnten beschworene Vision des Persönlichen Digitalen Assisttenten (PDA) heran.

Der Formfaktor ist freilich ein anderer als bei Psion anno 1984. Für die einen ein Traum, für andere ein Albtraum: Gesichtserkennung könnte helfen, nie wieder in die peinliche Situation zu kommen, jemandem wiederzubegegnen, dessen Namen man aber längst vergessen hat; die Lambda Labs haben bereits eine passende Software-Schnittstelle angekündigt.

Ein ähnliches Killerfeature könnte die Bilderkennungs-Anwendung Google Goggles werden: Fotografiert man mit dem Dienst beispielsweise Sehenswürdigkeiten, erkennt Goggles das Bildmotiv und führt eine Websuche dazu aus. Alternativ könnte man zum Beispiel eine anderssprachige Speisekarte oder ähnliches fotografieren und sich in der eigenen Sprache vorlesen lassen.

Der Erfolg von Geräten wie Glass oder einer Smartwatch steht und fällt mit treffsicheren Ergebnissen, um Fehlbedienungen zu vermeiden. Dazu muss Google den Knowledge Graph und Google Now noch deutlich verbessern.

Selbst mit der besten Spracherkennung nervt es, mit seiner Brille reden zu müssen. Wichtiger wird es deshalb sein, wie gut Google (oder andere) es hinbekommen, Informationen so zu verknüpfen, dass Relevantes automatisch präsentiert wird: Beispielsweise könnte die Brille auf Dienstreisen dem Nutzer erzählen, wo die nächste Kneipe ist, in der das Spiel der Lieblingsmannschaft übertragen wird – natürlich direkt mit Routenoptionen und Tipps für die Wahl des öffentlichen Verkehrsmittels.

Heute sitzt die Hardware noch recht prominent in der Visage. Doch Google möchte Glass zu einem modularen Werkzeug machen. Designer, Optiker, Techniker, alle sollen sich daran versuchen, sodass es bald zum schicken Accessoire werden könnte. Allerdings nur, wenn die Diskussion um den Datenschutz bis dahin beigelegt ist.

Heute jedenfalls wird der Schutz der Privatsphäre intensiv diskutiert. Im Unterschied zu versteckten Überwachungskameras gibt die deutliche Sichtbarkeit von Glass Vielen das mulmige Gefühl, vielleicht heimlich gefilmt und fotografiert zu werden, oder vom Gegenüber gerade einer Hintergrund-Überprüfung unterzogen zu werden (siehe Artikel Seite 70).

Noch mehr Menschen sehen in Google eine riesige Datenkrake, die sich jede noch so kleine Info über seine Nutzer unter den Nagel reißt. Wer heute schon seine Kontakte lieber auf der SIM-Karte ablegt, statt sie mit Android in der Google-Cloud zu speichern, der wird morgen kaum unter einer Brille hervorlugen wollen, die dem Datenkonzern theoretisch immer sagen kann, wo man ist und was man treibt. (spo/vza)

Glass Explorer No. 1975

Als 1975ter bin ich gerade noch unter die ersten 2000 Besteller gekommen. Einige Wochen danach erhielt ich als Bestätigung einen Glasquader mit meiner Nummer darauf – auch ein Teil der Glass-Inszenierung. Den versprochenen Liefertermin „Anfang 2013“ konnte Google zwar nicht halten, aber im Reisebus auf dem Weg zur Google I/O 2013 erreichte mich die Nachricht, dass ich nun an der Reihe sei und zugreifen dürfe. Am 15. Mai konnte ich mein Exemplar der Google Glass Explorer Edition in einem Hotel in San Francisco in Empfang nehmen. Auch dabei fehlte es nicht an Inszenierung: In der Lobby wurde ich empfangen und fast schon konspirativ in eine Hotelsuite geleitet.

Die Aufnahme in den kleinen Kreis der Glass Explorer dauerte etwa eineinhalb Stunden. Ein „Glass Guide“ erläuterte mir die grundlegenden Funktionen und half beim Verknüpfen der notwendigen Konten auf Google+ und Gmail sowie der Installation der App auf meinem mitgebrachten Android-Smartphone. Die Weitergabe an eine andere Person ist übrigens verboten; Google behält sich in diesem Fall das Recht vor, Glass zu deaktivieren. Naheliegenderweise will Google in der momentanen „frühen Betaphase“ den Daumen auf die Brillen halten.

Die entscheidende Hilfestellung meines Glass Guide war aber die Anpassung des Geräts an meinen Kopf. Das Prisma, durch das ich die von Glass erzeugten Bilder sehen kann, darf nämlich nicht vor meinem Auge sitzen. Es muss deutlich darüber sitzen, etwa auf Höhe der Augenbraue.

MIr als Brillenträger stellte sich die Frage: Glass zusätzlich zur Brille aufsetzen oder lieber Kontaktlinsen benutzen. Obwohl man Glass grundsätzlich auch zusammen mit einer Brille tragen kann – laut Kollegen klappte es auch mit deren Gleitsichtbrille –, war mir das zu viel Zeug im Gesicht. Daher nutze ich Glass in Kombination mit Kontaktlinsen. Damit diese nicht so schnell austrocknen, setze ich meist die mitgelieferten „Shields“ (farblos) oder, bei starkem Sonnenlicht, die getönten „Shades“ ein.

Es gibt in den Google-Laboren auch schon Prototypen mit optisch korrigierenden „Gläsern“ aus Polycarbonat. Erklärtes Ziel ist ein modularer Aufbau. Damit können Designer Google Glass in allerlei Formen und Farben packen und Optiker ihre Sehhilfen mit Google Glass verkaufen. Denkbar ist auch, dass zusätzliche Module angeflanscht werden, etwa ein Blitz.

Mich stört Glass kaum, weil das Prisma nur im peripheren Sichtfeld sitzt. Der gute Tragekomfort führt aber auch dazu, dass ich sehr schnell vergesse, dass Glass auf meiner Nase sitzt. So ist es durchaus vorgekommen, dass ich mit Glass an der Stirn in sensible Bereiche wie eine Toilette gehe – obwohl ich mir vorgenommen habe, genau das nicht zu tun. Dabei ist Glass natürlich inaktiv, aber Dritten kann das trotzdem unangenehm aufstoßen. Es wird ein Lernprozess für mich selbst und alle anderen Glass-Träger sein, das Gerät vor dem Gang zum Abort von der Stirn zu nehmen und seitlich um den Hals zu legen.

Glass-Baukasten

Auf Glass lassen sich auch herkömmliche Android-Apps installieren. Das klappt über einen mit der Brille verbundenen PC. Damit dieser auf die Brille zugreifen kann, muss man zunächst im Settings-Menü der Brille die Android Debug Bridge (ADB) einschalten und auf dem Rechner das aktuelle Android-SDK installiert haben. Sobald die Brille über Bluetooth oder USB mit dem PC verbunden ist, lassen sich auf der Kommandozeile des Android-SDK mittels adb install -r Meine-App.apk eigene Apps auf der Brille installieren.

Für die ersten Gehversuche mit dem Android SDK gibt es drei Demo-Apps: Hierzu zählt ein Standard-Android-Launcher, der die von Handys gewohnten Homescreens aufs Brillen-Display holt. Zudem finden sich im SDK ein für Glass angepasstes Einstellungsmenü und eine Notiz-App. Letztlich handelt es sich dabei aber nur um eine nette Spielerei, da die Bedienung der klassischen Android-Oberfläche mangels Touchscreen wenig Spaß macht.

Will man dagegen auf das gesamte Dateisystem zugreifen, System-Apps austauschen oder alternative Android-Images flashen, kommt man mit ADB-Befehlen nicht weiter. Wie bei Nexus-Smartphones und -Tablets muss dafür der Bootloader entsperrt werden. Erst dann führt Glass auch unsignierten Code aus. Mittels adb reboot bootloader startet man zunächst den Bootloader neu. Danach nimmt die Brille Befehle vom Kommandozeilen-Tool Fastboot entgegen. Für das Entsperren des Bootloader sorgt der Aufruf von fastboot oem unlock. Dabei wird das Gerät auf den Werkszustand zurückgesetzt – es werden also alle Daten und das Nutzerkonto gelöscht. Zudem erlischt bei dem Eingriff die Garantie.

Unter dem c't-Link finden Sie ein Boot-Image mit Root-Zugang zur Brille. Mittels fastboot flash boot boot.img wird es installiert. Dieser Befehl weist Fastboot an, die Datei boot.img in die Bootloader-Partition der Brille zu flashen. Die Datei boot.img muss dafür im selben Verzeichnis liegen wie Fastboot.

Nach dem Flashen muss das frische Boot-Image mit dem Befehl fastboot reboot gestartet werden. Anschließend reicht das Kommando adb root, um mit Administratorrechten auf das gesamte Android-Dateisystem der Glass zugreifen zu können. So ist es möglich, eigene Android-Images zu flashen – beispielsweise, um der Brille neue Funktionen zu entlocken oder vielleicht der Oberfläche eine andere Optik zu verpassen.

Das Rooten will gut überlegt sein: Es führt zum Garantieverlust, außerdem bekommt man keine offiziellen Software-Updates mehr. Noch gibt es keine Custom-ROMs für Glass. Bis sich freie Entwickler an die Arbeit machen, dürfte es aber nicht allzu lange dauern. Selbst nach der Installation eines Custom-ROM gäbe es einen Rückweg: Auf der Developer-Seite steht neben dem Bootloader mit Root-Zugang auch das Factory-Image für die Brille zum Download bereit, mit dem man Glass wieder in den Auslieferungszustand versetzen kann (siehe c’t-Link).

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Infos zum Artikel

Kapitel
  1. Was Glass ist
  2. „OK Glass”
  3. Glass-Auge
  4. Anwendungen
  5. Realitätscheck
  6. Blick in die Glass-Kugel
  7. Googles PDA
  8. Glass-Baukasten
  9. Glass Explorer No. 1975
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