Warum Glass (noch) nicht funktioniert

Ernüchternde Langzeiterfahrungen mit Google Glass

Test & Kaufberatung | Test

Googles Datenbrille Glass soll sich geschmeidig in den Alltag integrieren. Doch das klappt nicht, wie unser Langzeittest offenbart.

Eines muss man Google lassen: In Sachen Marketing ist Glass ein Meisterstück. Es gibt wohl auf der ganzen Welt keinen Technikenthusiasten, den der Hype komplett kalt lässt – und der die Datenbrille nicht gerne zumindest einmal ausprobieren würde. Durch künstliche Verknappung und einen irrwitzigen Preis von 1500 US-Dollar haben die Kalifornier ihrem Produkt die Aura des Kostbaren und Besonderen gegeben; sogar bei Menschen, die sonst nichts mit Technik am Hut haben.

Hat sich der Weihrauch verzogen, bleibt nicht mehr ganz so viel von der Wunderbrille. Das hatten wir bereits in unserem ausführlichen Test in Ausgabe 13/13 herausgefunden. Ein mehrwöchiger Langzeit-Alltagstest bestätigte die Probleme jetzt überdeutlich: Glass ist zwar die bislang am konsequentesten auf Alltagsnutzen getrimmte Datenbrille, enttäuscht aber aus fünf Gründen:

1. Glass ist zu viel Kamera

Auch wenn die Brille auf Googles Werbefotos nahezu in den Gesichtern der Models verschwindet. In der Realität identifiziert man einen Glass-Träger auf 30 Meter Entfernung, so auffällig ist das Gehäuse. Sogar Mitmenschen, die die Google-Brille noch nie gesehen haben, erkennen unserer Erfahrung nach fast immer, dass da jemand eine Kamera auf dem Kopf trägt. Das ist das Grundproblem: Kein Mensch fühlt sich entspannt, wenn ein Objektiv auf ihn gerichtet ist. Beteuerungen, dass man auf keinen Fall fotografieren oder filmen will, helfen wenig – die Allgegenwart der Linse verdirbt die Atmosphäre. Je häufiger man als Glass-Träger diese latente Unentspanntheit spürt, desto häufiger nimmt man die Brille ab. Am Ende will man sie nur noch aufsetzen, wenn gerade niemand in der Nähe ist. Oder einen auffälligen Klebestreifen auf die Linse pappen. Wer einen 3D-Drucker hat, kann sich auch ein „Privacy Kit“ (siehe c’t-Link) ausdrucken: Der Plastikrahmen deckt das Objektiv sauber ab.

Dass die Brille von Google stammt, macht das Ganze nicht besser: In Zeiten des Prism-Datenskandals weiß schließlich niemand so genau, ob die geschossenen Fotos nicht direkt auf einer Geheimdienst-Festplatte landen. Vollkommen ausgeschlossen ist das nämlich nicht, schließlich schickt Glass in der Standard-Einstellung alle Fotos und Videos in die Cloud.

2. Glass arbeitet wenig kontextbezogen

Die Werbefotos und -videos auf der Glass-Website führen clever in die Irre: Da sieht man, wie jemand eine Qualle im Aquarium beobachtet und Glass Informationen zu den glitschigen Tierchen ins Sichtfeld einblendet. Oder wie jemand über die Brooklyn Bridge läuft und im Glass-Display steht, dass die Brücke 1825 Meter lang ist. All diese Informationen kann die Brille zwar tatsächlich anzeigen, man muss aber explizit danach fragen – also zum Beispiel „Ok Glass“, „Google“, „How long is the Brooklyn Bridge?“ Ob man währenddessen auf besagter Brücke steht oder in Wanne-Eickel auf dem Sofa sitzt, ist vollkommen egal, denn das Kamerabild wird bei der Informationssuche aktuell überhaupt nicht einbezogen – obwohl der Konzern mit Apps wie Google Goggles bereits bewiesen hat, wie gut er Bildanalyse beherrscht. Auch die GPS-Position wird zurzeit noch nicht ausgewertet. Glass ist deshalb definitiv keine „Augmented-Reality“-Brille, auch wenn das häufig behauptet wird.

Damit verpufft ein Großteil des Glass-Potenzials. Ich kann zwar nach Eichen fragen, während ich durch den Wald spaziere (wissenschaftlicher Name Quercus, 600 Arten) – aber wie viel praktischer wäre es, wenn mir Glass auf Wunsch einfach mitteilen würde, welche Pflanzen ich gerade sehe? Das Gleiche gilt für Architektur: Wenn ich in einer fremden Stadt bin, weiß ich gewöhnlich nicht, an welchem Gebäude ich gerade vorbeilaufe, und zurzeit ändert auch Glass daran nichts.

Generell ist die Brille bei der Sprachsuche auf Informationen beschränkt, die in Googles Knowledge-Graph-Datenbank stehen. Zum Ausprobieren: Die Informations-„Karten“, die Glass ausspuckt, sind die gleichen wie bei der konventionellen Google-Suche.

Originelle Glass-Apps (sogenannte „Glassware“), die der Brille mehr kontextbezogene Intelligenz beibringt, gibt es bisher nicht. Ohnehin ist auffällig, wie schleppend neue Apps für die Brille veröffentlicht werden – im vergangenen Monat haben wir nur rund ein Dutzend neue Glassware-Anwendungen gezählt, die meisten davon kleine Programmier-Fingerübungen à la „Jeden Tag ein motivierender Kalenderspruch“.

3. Glass’ Akku ist ständig leer

Auch wenn geringes Gewicht und Tragekomfort wichtig sind: Eine praxistaugliche Betriebsdauer ist wichtiger. Und zumindest bei unserer Brille aus der Serie der ersten 2000 Entwickler-Exemplare ist diese ganz und gar nicht praxistauglich. Benutzt man die Brille nämlich etwas intensiver, schaltet sie sich nach nicht einmal zwei Stunden ab – obwohl das Display meist gar nicht eingeschaltet war. Richtig heftig wird es beim Dauerfilmen: Hier gab unsere Glass sogar schon nach 40 Minuten auf. Im Alltag haben wir das Gerät – zusätzlich zur nächtlichen Aufladung – im Schnitt zweimal am Tag ans USB-Kabel gehängt. Vergessen, dass man die Google-Brille auf dem Kopf trägt, kann man deshalb nicht: Man muss ständig darüber nachdenken, ob man noch genug Saft hat. Laut Bastlern im Netz, die die Brille auseinandergebaut haben, ist der Glass-Akku mit „2,1 Wh / 3,7V“ beschriftet, was einer Kapazität von rund 570 mAh entspricht. Hochwertige Smartphones haben mehr als viermal so viel.

4. Glass’ Hardware ist unausgegoren

Neben dem Akku als größtes Ärgernis nerven an der Glass auch viele andere Hardware-Problemchen. So liegt die Bildqualität der Kamera nur auf Mittelklasse-Smartphone-Niveau und auch das XE6-Firmware-Update von Anfang Juni hat daran nicht viel geändert – die Bilder neigen nun lediglich weniger zu Überbelichtungen. Nichts ausrichten können Firmware-Updates gegen das zu weitwinklige Objektiv. Es bildet nicht einmal ansatzweise den vom Auge wahrgenommenen Bildausschnitt ab. Bewusst komponieren lassen sich Fotos so nicht.

Noch schwerer wiegt im Alltag der schlechte Knochenschall-Kopfhörer in Verbindung mit der Headset-Funktion. Besonders bei Handy-Anrufen mit ohnehin nicht perfekter Sprachqualität fiel das auf: Wir mussten mehrfach Anrufe abbrechen, weil wir unseren Gesprächspartner partout nicht verstanden haben. Alternativ kann man das Smartphone so einstellen, dass es zwar die Netzverbindung über Bluetooth mit der Glass teilt, die Brille aber nicht als Headset nutzt.

Keine andere Wahl bleibt bei Videotelefonie-Sessions, hier muss man die Glass als Headset verwenden. Videochats klappen zurzeit nur via Google-Hangout, das populärere Skype wird noch nicht unterstützt. Kurios: Der Glass-Träger sieht das Porträt seines Gesprächspartners im Augenwinkel, während dieser das Kamerabild der Brille zugespielt bekommt. In der Praxis hapert es an der Ton- und vor allem der Bildqualität (siehe c’t-Video).

Ein profanes, aber durchaus nerviges Problem sind die fehlenden Scharniere an den Brillenbügeln: Während man eine konventionelle Brille zusammenklappen und in die Hemdtasche schieben kann, ist die starre Glass viel zu riesig für Hemd-, Hosen- oder Jackentasche.

5. Glass’ lässt sich nur per Sprache bedienen

Die Sprachbedienung funktioniert meistens faszinierend gut – aber eben nicht immer. In der Praxis führt das dazu, dass man besonders bei der Suche nach Eigen- oder Straßennamen auch nach Dutzenden Versuchen immer wieder das Falsche diktiert. Entweder ist man dann kreativ und navigiert zur von Google womöglich besser verstandenen Nachbaradresse – oder man gibt die Suche auf. Denn: Eine Alternative gibt es nicht, man kann keine „Notfall-Tastatur“ einblenden, die man zum Beispiel mit dem am Brillenbügel eingebauten Mini-Touchpad bedient. Dieses dient ausschließlich zur Navigation durch die Menüs: Fotos und Videos aufnehmen klappt damit, aber keine konkreten Such- oder Navigations-Anfragen.

Eine Tastatur (die ja theoretisch auch über das ohnehin gekoppelte Smartphone realisierbar wäre) wünscht man sich zudem in lauten Umgebungen – hier weckt auch ein gebrülltes „OK GLASS“ die Brille nicht auf. Und, nicht zu vergessen: Es ist in vielen Situationen unangenehm, laut mit Glass zu kommunizieren. Sensible Naturen finden es sogar grundsätzlich peinlich, in Gegenwart anderer Menschen in eine Brille hineinzusprechen.

Fazit

Wirklich Spaß machen mit der Glass zurzeit nur zwei Dinge: Freihändig Fotos machen – zum Beispiel beim Fahrradfahren – und Navigieren. Die Glass-Fotos wirken extrem „unmittelbar“ und strahlen dabei eine ungewöhnliche Faszination aus – obwohl sie technisch alles andere als perfekt sind. Beim Navigieren fühlt sich die im Sichtfeld eingeblendete Straßenkarte von der ersten Sekunde „richtig“ an. Sich in einer fremden Stadt ohne Smartphone in der Hand perfekt orientieren zu können, ist definitiv ein Killer-Feature – derzeit aber nur für anderthalb Stunden, denn danach ist der Akku leer. Weil auch sonst etliche Unausgegorenheiten stören, sind wir uns ziemlich sicher: In der aktuellen Form würde Googles Datenbrille kein Massenerfolg.

Die von uns getestete „Explorer“-Edition ist allerdings auch eine Beta-Version. Bis zur Markteinführung der Consumer-Version im nächsten Jahr kann Google noch kräftig an der Leistungsaufnahme, dem Knochenschall-Kopfhörer, der Kamera und dem Bedienkonzept feilen. Problem Nummer eins, das menschliche Unwohlsein im Angesicht einer Kamera, wird sich bis dahin aber nicht lösen lassen. (jkj)

Big Brother und Schnaps: Glass im Alltag

Ich gebe es offen zu: Als ich das erste Mal mit der Glass-Brille auf dem Kopf vor die Tür ging, war ich ziemlich aufgeregt. Ich malte mir gewalttätige Anschläge von Datenschützern aus (NSA! Überwachung! Datenschleudern!), Diebstahlversuche (fünfstellige Summen auf eBay!) und schlangestehende Autogrammjäger (Google-Fanboys!). Die Realität war weit weniger spektakulär – und bewies, wie wenig das Nerd-Universum mit der Alltagswelt zu tun hat.

Fielen meine (Nerd-)Freunde noch hyperventilierend in Ohnmacht, als ich auf Facebook die ersten „#throughglass“-Fotos postete, wunderte sich der Kioskverkäufer nur über das hässliche Gestell in meinem Gesicht. Erstaunlich allerdings: Er erkannte sofort, dass da eine Kamera auf ihn gerichtet ist, obwohl er noch nie von der Google-Brille gehört hatte – und glaubte mir erst nach mehrfacher Beteuerung, dass ich ihn gerade nicht filme. Diese Erfahrung machten auch andere Kollegen, die die Glass testeten: Menschen ist es häufig unangenehm, von einem Glass-Träger umgeben zu sein.

Es gab aber auch viele positive Reaktionen. Besonders nachdem die Hannoversche Allgemeine Zeitung darüber berichtet hatte, dass c’t womöglich gerade das einzige Glass-Exemplar Deutschlands testet, sprachen mich häufig Menschen auf der Straße an. Einige wenige wollten sich (sachlich) mit mir über Datenschutz und Big Brother unterhalten, einige wollten mir einen Schnaps ausgeben, die meisten fragten einfach nur, ob sie die Brille mal aufsetzen dürften – und ob ich kurz ein Foto von ihnen machen könnte. (Jan-Keno Janssen)

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Kapitel
  1. 1. Glass ist zu viel Kamera
  2. 2. Glass arbeitet wenig kontextbezogen
  3. 3. Glass’ Akku ist ständig leer
  4. 4. Glass’ Hardware ist unausgegoren
  5. 5. Glass’ lässt sich nur per Sprache bedienen
  6. Fazit
  7. Big Brother und Schnaps: Glass im Alltag
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