Perfektionisten mit Spezialbegabung

Softwareunternehmen rekrutieren Autisten als Fachkräfte

Wissen | Hintergrund

Es sind wichtige Schritte hin zu mehr Offenheit im Umgang mit autistischen Menschen und ihren Fähigkeiten, wenn Unternehmen wie die SAP AG damit beginnen, Autisten in ihren Teams zu beschäftigen. Wer ihre Detailgenauigkeit und hohe Konzentration für IT-Aufgaben nutzen möchte, muss sich allerdings auf eine neue Art des Miteinanders am Arbeitsplatz einstellen.

Er ist einsilbig, hingebungsvoll in die Dinge auf seinem Bildschirm vertieft, meidet den Kollegenplausch und schaut irritiert auf, wenn er angesprochen wird. Ein Typus, der im IT-Bereich keine Seltenheit ist, wie Bernd Herwig schmunzelnd berichtet. Herwig ist leitender IT-Projektmanager bei Auticon, einem Berliner Start-up mit Schwerpunkt Softwaretesting. Auch auf seine Mitarbeiter passt die obige Beschreibung. Es handelt sich ausschließlich um Menschen aus dem Autismus-Spektrum, genauer um Personen mit Asperger-Syndrom – einer leichteren Form des Autismus. Alle haben ein ausgeprägtes Interesse an Informationstechnik.

Belastbare Zahlen und Erfahrungen über autistische Mitarbeiter im IT-Bereich gibt es nicht. Viele Autisten mit dem weniger auffälligen Asperger-Syndrom werden erst im Erwachsenalter diagnostiziert. Auticon gibt an, dass 0,3 Prozent der Bevölkerung vom Asperger-Syndrom betroffen sind, und hat in Kooperation mit der Freien Universität Berlin ermittelt, dass davon etwa 15 Prozent das Spezialinteresse IT haben.

Bernd Herwig beschreibt seine Mitarbeiter als ausdauernd, besonders zuverlässig in der Detail- und Mustererkennung, stark im logischen und lösungsorientierten Denken, aber mit Defiziten im sozialen Bereich. Gespräche mit Kollegen, eine unruhige Umgebung oder spontane Änderungen im Zeitplan stressen sie je nach Ausprägung des Autismus mehr oder weniger stark. Auticon hat 2011 begonnen, Brücken zwischen den Mitarbeitern mit ihren unterschiedlichen Spezialbefähigungen und IT-Projekten in ganz Deutschland aufzubauen. Inzwischen gibt es weitere Niederlassungen in München und Düsseldorf, für 2014 sind Büros in weiteren Ballungszentren wie Frankfurt und Hamburg geplant.

Fokus auf Autisten

Dabei tritt die vom Social Venture Fund geförderte Auticon GmbH am Markt wie ein normales IT-Unternehmen auf. Da Auticon als vorgeschaltetes Unternehmen die Mitarbeiter beschäftigt, muss auch nur das Start-up den besonderen Kündigungsschutz beachten – Autisten gelten mit unterschiedlichen Graden als Menschen mit Behinderung und sind daher praktisch unkündbar.

„Bereits bei Recruiting und Ausbildung von Autisten muss man einen speziellen Fokus haben“, davon ist Projektleiter Herwig überzeugt. Er hat an der Seite von Geschäftsführer Dirk Müller-Remus die mehrstufigen Aufnahmetests und eine auf die Bedürfnisse von Autisten angepasste Weiterbildung zum ISTQB-zertifizierten Softwaretester entwickelt. Jenny Siotka, Trainerin und Senior Consultant bei Díaz & Hilterscheid in Berlin, hat die Auticon-Mitarbeiter auf die Prüfung vorbereitet und berichtet von positiven Ergebnissen: „Wenn das Lehrmaterial in einer Weise vermittelt wird, die auf diesen Personenkreis abgestimmt ist, dann sind hier deutlich bessere Ergebnisse zu erzielen als bei den anderen Softwaretestern. Viele meiner Fragen und Übungen wurden schneller und präziser beantwortet als in meinen anderen Seminaren.“ Um die abschließende Prüfung für das Basiszertifikat für Softwaretester („Certified Tester Foundation Level“) möglichst stressfrei zu gestalten, kam der Prüfer in die Räume von Auticon.

Nach dieser fünfmonatigen Rekrutierungsphase beginnt für die frischgebackenen Consultants das eigentliche Berufsleben. Sie erhalten von Auticon einen unbefristeten Arbeitsvertrag, mit regulärer Probezeit und einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 30 Stunden in der Woche. „Mehr schaffen sie aufgrund der hohen Konzentrationsleistung einfach nicht. Auch kann es sein, dass sie sogar im Laufe des Tages nicht merken, dass sie eine Pause machen müssen“, erklärt Herwig. Auf ausreichende Pausen zu achten, sei eine der Aufgaben der Auticon-Job-Coaches. Sie begleiten die Consultants in Sachen Arbeitsumgebung, helfen beim Umgang mit Behörden und halten regelmäßig Kontakt. Finden die Einsätze beim Kunden vor Ort statt, informieren die Coaches das Team und die Vorgesetzten über die besonderen Bedürfnisse des neuen Mitarbeiters und sorgen für einen möglichst reizarmen Arbeitsplatz, wenn nötig mit Trennwänden oder Kopfhörern.

„Unsere Consultants kommen in verschiedenen Projektphasen zum Einsatz. Dies geschieht beim Kunden vor Ort oder hier in unseren Räumen. Mit unseren zwei weiteren Niederlassungen können wir die Betreuung am Ort garantieren, denn unsere Mitarbeiter sind auf ihr vertrautes Umfeld angewiesen“, sagt Projektleiter Herwig. Neben dem richtigen Matching zwischen Projekt und Fähigkeiten des Consultants sei eine gute Strukturierung wichtig. Sie lasse die Projekte besser laufen und realisieren, das hätten auch die Kunden gemerkt, so Herwig. „Da unsere Consultants klare Strukturen brauchen, bieten wir an, Testvorhaben von vornherein zu strukturieren. Der Kunde kann Testfälle so auch leichter wiederverwenden.“

Die Vergütung ist mit derjenigen eines Junior Testers vergleichbar. Öffentliche Förderungen wie bei anderen sozialen Unternehmen seien aber aufgrund ihrer wirtschaftlichen Absicht nicht gerechtfertigt und nicht so wichtig, sagt Geschäftsführer Müller-Remus. „Vom Integrationsamt erhalten wir aber die üblichen Zuschüsse, die Arbeitgeber für die Einstellung von behinderten Menschen bekommen. Dies ist gedacht, um den Wettbewerbsnachteil auszugleichen. Teilweise werden davon unsere Job-Coaches bezahlt.“

SAP will ein Prozent

Mit einem ähnlichen Aufwand an Betreuung rechnet auch SAP. Um den Plan, bis 2020 unter den weltweit gut 65 000 Mitarbeitern etwa ein Prozent Menschen mit Autismus zu beschäftigen, in die Tat umzusetzen, kooperiert der Softwareriese mit dem dänischen Sozialunternehmen Specialisterne – deutsch: „Die Spezialisten“ –, das Ländervertretungen in Dänemark, Polen, Island, Norwegen, Irland, Österreich, der Schweiz, den USA und Großbritannien hat. Es vermittelt überwiegend Menschen mit Autismus an Arbeitgeber; die Deutschland-Niederlassung ist im Aufbau.

Geschäftsführer Matthias Prössl hat in den vergangenen beiden Jahren überwiegend Netzwerkarbeit mit Institutionen und Unternehmen betrieben. Der IT-Manager lernt seine Kandidaten früh kennen und begleitet sie bei der Aus- und Weiterbildung, die er zusammen mit sozialen Institutionen aktuell im Bereich München durchführt. „Wir wollen equal pay“, fordert auch Prössl für seine künftigen IT-Spezialisten. „In einer ersten Phase werden die Mitarbeiter bei Specialisterne angestellt und als Consultants bei SAP eingesetzt. Hier erhalten sie eine Vergütung wie andere Mitarbeiter in vergleichbaren Positionen“, erklärt Alicia Lenze, Sprecherin Bereich Human Resources bei SAP. „Wir werden im September in Deutschland mit dem Rekrutierungsprozess beginnen.“ Im selben Zeitraum seien auch in den USA und in Kanada vergleichbare Projekte geplant, während SAP in Irland gerade eine Auswahlphase für fünf Mitarbeiter beendet habe. In den entsprechenden Abteilungen sollen Mitarbeiter ausgebildet werden, um jedem neuen Kollegen mit Autismus einen Mentor zur Seite stellen zu können. Dabei will SAP die Erkenntnisse aus einem seit 2011 laufenden Pilotprojekt in Indien kontinuierlich mit einbeziehen. Bezüglich der Arbeitsleistungen der autistischen Mitarbeiter seien in Indien keine Unterschiede zu anderen Mitarbeitern festzustellen gewesen.

Entstanden war dieses Pilotprojekt aus einer freiwilligen Initiative von SAP-Mitarbeitern und der Autistic Society in Bangalore, die sich um Kinder mit Autismus kümmert. SAP Labs India entwickelte aus diesem Kontakt zunächst die iPad-App Bol, die autistischen Kindern alltägliche Gegenstände und Prozesse mit akustischen und visuellen Rückmeldungen verständlich machen will. Inzwischen arbeiten dort nach Angaben des Unternehmens sechs Softwaretester mit Autismus an der SAP Business Suite und sind in das Quality Assurance Testing Team integriert. Es hätte sich nicht nur die Produktivität entscheidend verbessert, sondern – aufgrund der erforderlichen Klarheit für die autistischen Mitarbeiter – auch die Kommunikation untereinander. SAP hebt deren Null-Fehler-Toleranz, ihre Detailaufmerksamkeit, das analytische Denkvermögen und den hohen Fleiß hervor. Die Konzentration lasse selbst bei häufigen Wiederholungen nicht nach. Die autistischen Mitarbeiter tragen die gleiche Verantwortung wie alle anderen. Langfristig könne man sich eine Übernahme als Programmierer oder Spezialisten für Datenqualitätssicherung vorstellen.

In der Praxis

Die Consultants des Berliner Unternehmens Auticon haben unter anderem in der Automobilbranche erste Erfahrungen gesammelt. So waren beispielsweise ihre C-Kenntnisse gefragt. „Unser Kunde hatte Probleme mit dem Divisionsbefehl eines Embedded Controllers beim Wechsel einer Prozessorgeneration. Dieser warf bei der Division durch Null keine Ausnahme aus, sondern ein definiertes Ergebnis“, beschreibt IT-Leiter Herwig die Ausgangslage. Die Aufgabe bestand also darin, den gesamten Code mit seinen Zehntausenden Zeilen durchzusehen, alle Divisionsstellen zu finden und zu bewerten, welche Risiken auftreten können.

Der Auticon-Consultant fand gut 500 problematische Stellen und machte Vorschläge, wie der Code verändert werden könnte. Er benötigte dafür drei Wochen. „Das Unternehmen war erstaunt und meinte, dass ein normaler Softwaretester zwei Monate gebraucht hätte“, erinnert sich Herwig. „Und dabei wäre es schwer gewesen, eine hundertprozentige Zuverlässigkeit zu erreichen. Unser Consultant hatte an jeder Stelle die richtige Schlussfolgerung gezogen.“

Einer der Unternehmenspartner am Standort Düsseldorf ist Vodafone. Hier sind vier Mitarbeiter beschäftigt. Einer im First Level Support der Telefonhotline, die anderen drei in der Mobilfunkinfrastruktur. Sie scannen Log-Files auf bestimmte Muster, um mögliche Auslastungsspitzen frühzeitig zu erkennen. So können bei Bedarf, etwa bei Großveranstaltungen, rechtzeitig weitere Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden. Es geht Vodafone darum, die Teams vielfältiger zu gestalten und aus dem Projekt neue Erkenntnisse zu gewinnen. „Autisten sind so normal und vielseitig wie alle anderen Mitarbeiter auch. Sie unterscheiden sich lediglich durch die ihnen eigene Art der zwischenmenschlichen Kommunikation“, sagt Marc Ruckebier, Projektleiter und Diversity-Experte bei Vodafone.

Neue Diversity

Genau deswegen und um von vornherein Missverständnisse zu vermeiden, setzt sich Kristina Beese, Pädagogin und Autismus-Therapeutin am Hamburger Autismus Institut, für einen offenen Umgang mit den Schwächen autistischer Mitarbeiter ein. Es ist falsch, Autismus schlicht mit den Fähigkeiten des Raymond im Film „Rain Man“ gleichzusetzen – die im Film dargestellte Form zeigt das noch viel seltenere Savant-Syndrom. „Menschen aus dem Autismus-Spektrum sind aber kaum einer wie der andere. Manche können sich für uns selbstverständliche Regeln im Alltag abgucken, andere müssen sie schlicht auswendig lernen, wie einen Code.“ Daher, so Beese, hat jeder Autist andere Anforderungen an seine Arbeitsumgebung.

Sich auf diese menschliche Vielfalt einzustellen könnte also bald zur Unternehmenskultur von IT-Unternehmen gehören. Bei SAP halte man es für wichtig, jedem Mitarbeiter „ein Umfeld zu bieten, in dem er seine Stärken ausspielen kann“, sagt Sprecherin Lenze. Langfristig wollen die Walldorfer in ihrer Belegschaft denselben Anteil von Menschen mit Autismus erreichen wie in der Bevölkerung. Vodafone setzt auf einen inkludierenden Führungsstil und Mitarbeiterschulungen. Der Erfolg des Projekts werde daran gemessen, wie gut die Mitarbeiter ihre individuellen Potenziale entfalten können, so Diversity-Experte Ruckebier. (dwi)

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