Nicht mein Ding? Aber hallo, Welt!

Der 29. Chaos Communication Congress (29C3) in Hamburg

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Beim 29C3 in den letzten Tagen des Jahres 2012 traten die klassischen Hacker-Themen zugunsten (netz-)politischer Analysen etwas in den Hintergrund. Für Aufregung sorgte die Aktion gegen „Sexismus von Hacker-Kongressen“, bei der jeder in Schiedsrichter-Manier mit gelben und roten Karten angeblich falsches Verhalten ahnden durfte.

Die Fnord-Newsshow sorgte beim 29C3 auch nach 23 Uhr noch für einen vollen Saal.

Nach 15 Jahren ist der Chaos Communication Congress erfolgreich nach Hamburg zur historischen Basis des veranstaltenden Chaos Computer Clubs (CCC) zurückgekehrt. Die weitläufigen Fluchten des Congress Centrum Hamburg boten Veranstaltern wie Besuchern genügend Raum, sich auszubreiten und spontane Diskussionen zu organisieren. Im Vergleich zur drangvollen Enge in Berlin entwickelte sich eine entspannte Atmosphäre wie auf einem Outdoor-Festival, die die 6600 Teilnehmer sehr genossen haben.

„Not my department“ lautete das Motto des deutschen Hacker-Kongresses, der traditionell zwischen den Jahren stattfindet. Der CCC führte diesen Leitspruch auf Wernher von Braun und einen Protestsong zurück, doch ist der Satz eine verbreitete Floskel. Weltberühmt wurde er durch den Film Casablanca mit Humphrey Bogart, der auf einen flammenden Appell eines Widerstandskämpfers lakonisch erklärte: „l’m not interested in politics. The problems of the world are not in my department.“ Der CCC stellte mit dem Motto die Frage an den Kongress, wer sich wie mit den politischen und gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung beschäftigen soll.

Widerstand gefordert

Ein unpolitisches Hacker-Dasein allein mit Spaß am Gerät kann es nicht mehr geben, das zeigte die Auftaktveranstaltung mit Jacob Appelbaum. Appelbaum, ein Wikileaks-Aktivist und einer der Programmierer des Tor-Projektes, appellierte ans Publikum, dass Programmierer sich den Tendenzen zum Überwachungsstaat auf allen Ebenen widersetzen müssen. Sie müssten Daten über geheimpolizeiliche Aktivitäten sammeln, aber auch die Mitarbeit an Projekten verweigern, die zu einem Überwachungsstaat führten.

In Kontrast zu dieser Behauptung stand der Auftritt der drei anderen US-amerikanischen Hauptredner, zweier ehemaliger NSA-Programmierer und ihrer Rechtsanwältin. Thomas Drake, ein von der Obama-Regierung unerbittlich verfolgter Whistleblower, arbeitete über zehn Jahre lang für die National Security Agency (NSA) in verschiedenen Positionen, William Binney arbeitete sechs Jahre an den Abhörprojekten Trailblazer und Thin Thread. Erst nach seiner Pensionierung wandte er sich an die Öffentlichkeit. Nicht nur der bekannte CCC-Aktivist Felix von Leitner war überrascht davon, wie wenig selbstkritisch die Redner ihre jahrelange Mitarbeit an Überwachungsprojekten beurteilten. Jesselyn Radack, die Anwältin der beiden Whistleblower, berichtete davon, wie sie bei der Verteidigung ihrer Mandanten behindert wurde. Unter anderem landete sie auf der No-Fly-Liste der Sicherheitsbehörden.

Was die Fnord-Newsshow von CCC-Sprecher Frank Rieger und von Leitner (Fefes Blog) brachte, war da schon erheiternder und witziger. Für Lacher sorgten etwa die seltsamen Geschäfte rund um die Lkw-Maut, bei der das Maut-Konsortium über bald zehn Jahre vergessen hat, Rückstellungen zu bilden, und der Bund das Mautsystem unter Verzicht auf Regressforderungen für eine „logische Sekunde“ übernehmen will, um es einem neuen Konsortium zu schenken. Groß auch die Erheiterung über die Meldung, dass die Trojaner-Software von Digitask so programmiert war, dass punktuelles Löschen von mitgeschnittenem Gestöhne aus dem Kernbereich der privaten Lebensführung nicht möglich war.

Kritik an SSL

Angesichts der Größe des Kongresses, aber auch bedingt durch die politischere Ausrichtung des CCC, war der Anteil an technischen Themen im Vergleich zu früheren Jahren rückläufig. Zu den Höhepunkten gehörte ein Vortrag, der sich mit dem System der SSL-Verschlüsselung beschäftigte. Was der Niederländer Axel Arnbak über den Zustand und die Ausstattung der Zertifikat-Herausgeber berichtete, erfuhr wenige Tage nach dem Kongress seine Bestätigung, als bekannt wurde, dass der türkische Herausgeber Türktrust fehlerhafte Sicherheitszertifikate für beliebige Domains signiert hatte (siehe dazu S. 46).

Ebenfalls technischer Natur war das Referat eines belgischen Hackers aus der Osmocom-Gemeinschaft, die sich mit der Analyse und dem Nachbau von Tetra- und GSM-Funksystemen beschäftigt. Sylvain Munaut konnte zeigen, dass es grundsätzlich möglich ist, ein GSM-Mobiltelefon so zu manipulieren, dass es sich gegenüber anderen Handys als Basisstation ausgeben kann. Ebenfalls aus der Osmocom-Szene kam ein Vortrag, der den Eigenbau einer Probestation zur Analyse von Chips beschrieb. Bis zur Größenordnung von 0,5 Mikrometer könnten Hobby-Hacker so die Tiefenstruktur von Chips analysieren.

Zum Gedanken freier und unkontrollierter Netze gehörte es, dass der CCC für seinen Kongress in Hamburg ein eigenes Telefonnetz auf DECT-Basis und ein GSM-Netz errichtet hatte, wobei letzteres hauptsächlich für SMS genutzt wurde. Neben einer Truppe von Spezialisten für Computersicherheit unterhielt der CCC ein Team für Belästigungen und Übergriffe aller Art auf dem Gelände des Kongresszentrums. So wurde etwa ein Neonazi, identifiziert durch seine Thor-Steinar-Kleidung, des Geländes verwiesen und ein völlig übermüdeter Hacker zum Zwangs-Ausschlafen weggebracht.

Die durchweg friedliche Veranstaltung wurde nur durch die Aktion gegen den „Sexismus von Hacker-Kongressen“ kräftig durchgewirbelt. Dazu hat der CCC rote, gelbe und grüne Karten verteilt, mit denen jedefrau und jedermann in SchiedsrichterInnen-Manier falsches Verhalten ahnden sollte. Die Verteilung der Karten sorgte für Verwirrung eigener Art. So passierte es Mann, für das Aufhalten einer Tür die gelbe Karte zu bekommen, während Frau eine rote Karte kassierte, weil sie eine Banane verzehrte.

Überschattet wurde die Aktion durch die prominent verbreitete Beschwerde einer Crypto-Aktivistin, die in der Ablehnung ihres eingereichten Vortrags einen Vorgang sah, der durch das „mackerhafte“ Verhalten eines Mitstreiters ausgelöst wurde. Die heftig geführte Diskussion nach dem Kongress deutet an, dass „Not my Sex“ ein zentrales Thema kommender Kongresse sein könnte. (hob)

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  1. Widerstand gefordert
  2. Kritik an SSL
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