Wetten auf die Zukunft

Die Trends der International CES 2013

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„Man kann jedes Business besser machen, man muss es nur immer wieder neu erfinden“. Die Aussteller der CES 2013 versuchten diesen Leitsatz mit großen Smartphones, höchstauflösenden Fernsehern und besonders smarten Geräten umzusetzen.

Wie der CES-Austragungsort selbst, in dem Traditionshotels ohne ein Wimpernzucken gesprengt werden, um neuen Luxusherbergen Platz zu machen, versucht es auch der Messeveranstalter Consumer Electronics Association (CEA) jedes Jahr mit Erneuerung – und wenn es nur der Name der Messe ist. Fortan soll der weltgrößte Branchentreff nur noch „International CES“ oder kurz CES heißen, nicht mehr „Consumer Electronics Show“. Damit folgt die CEA dem Beispiel der Messe Berlin, die schon seit einiger Zeit von der Internationalen Funkausstellung nur noch als IFA spricht.

Video: Audi demonstriert seine Version vom autonomen Fahren

Die Motivation ist in beiden Fällen ähnlich: Bei „Funkausstellung“ denkt man eher an Omas Dampfradio als an Digitalfernsehen oder gar HDTV. Auch der Begriff „Consumer Electronics“ weckt bei vielen Konsumenten nur Assoziationen an klassische Unterhaltungselektronik. Doch wie die IFA geht die CES schon lange darüber hinaus und bietet eine Bühne für die neuesten Entwicklungen von Unterhaltungselektronik-, IT- und neuerdings auch der Autobranche, die mit vernetzten Infotainment-Systemen und autonomen Fahrzeugen aufwartete.

Überlebensstrategie

Mit vielen Produkten lässt sich heute nur eine recht kurze Zeit lang Geld verdienen – vor allem auf den etablierten Märkten, für die die Marktforscher eine durchschnittliche Wachstumsrate von einem mageren Prozent für dieses Jahr voraussagen. Also versuchen die großen Hersteller mit immer neuen Geräteklassen und Features neue Kaufanreize zu schaffen. Doch womit lassen sich die Kunden noch locken? Wer als Hersteller aufs falsche Pferd setzt, verliert eventuell einige Millionen. Manche „Wetten“ auf die Zukunft erscheinen dabei wesentlich riskanter als andere.

Der sicherste Tipp scheinen derzeit Tablets zu sein, die 2012 mit sehr hohen Wachstumsraten glänzten; allein in den USA verdoppelte sich die Verbreitung von 22 auf 44 Prozent der Haushalte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie immer häufiger als Zweit-Display („Second Screen“) genutzt werden, um etwa Zusatzinformationen zum laufenden TV-Programm zu liefern. Diesen Trend möchten Sony, Huawei und ZTE auf Smartphones übertragen und setzen daher bei der kommenden Gerätegeneration auf Modelle mit großen Full-HD-Displays ab 5 Zoll. Wir haben den Geräten auf Seite 24 einen eigenen Beitrag gewidmet.

Auch die letzten Hersteller springen nun auf den Zug von Hybrid-Notebooks und Tablets mit Windows 8 auf; ihnen kommen die von Intel auf der CES präsentierten schnelleren Atom- und sparsameren Core-i-CPUs gerade recht.

Bei den stationären Rechnern – Gaming-Tower, Mini-Desktops, All-in-One-PCs – stellen die Hersteller ebenfalls Windows 8 in den Mittelpunkt. Es erscheinen immer mehr All-in-One-Rechner mit Touch-Displays, wobei die Auswahl an 27-Zöllern mit hoher Auflösung wächst; sie zeigen 2560 × 1440 Pixel statt Full-HD-Auflösung. Lenovo etwa hat das IdeaCentre A730 angekündigt. Der Hersteller liefert auch ein Beispiel für innovative Ideen, die Windows 8 dank der Touch-Oberfläche anregt: Beim AiO-PC IdeaCentre Horizon lässt sich das Display komplett flach auf den Tisch klappen und dient in dieser Position als Spielfeld für mehrere Teilnehmer.

Ebenfalls von Lenovo kommt ein kompaktes Zusatzdisplay mit Touchscreen und Stiftbedienung, welches per USB 3.0 oder in einer WLAN-Version samt Akku sogar drahtlos an den PC andockt. Es kann die Schirmfläche von Notebooks erweitern, funktioniert aber auch wie ein Zeichentablett am Desktop-PC.

Ultra High Definition

Die Zukunft des TV-Markts sieht hingegen etwas trübe aus: Der Umsatz von LCD-TVs soll 2013 gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozent fallen, bei Plasma-Modellen sogar um 23 Prozent. OLED-TVs erreichen wiederum nur langsam den Markt – und im Fall von LGs im März in den USA erhältlichem 55-Zöller mit einem saftigen Listenpreis von 12 000 US-Dollar.

Die Hoffnung der großen Hersteller liegt jetzt bei „Ultra HDTV“-Auflösungen (UHD, auch 4K) mit 3840 × 2160 Pixel. Doch während der Qualitätssprung von Standardauflösung auf HD noch leicht zu vermitteln war, erschließt sich der Nutzen der vierfachen Full-HD-Auflösung am ehesten auf Geräten mit Bildschirmdiagonalen von um die 2 Meter – die allerdings enorm teuer sind. Die Hersteller wollen aber auch „eher bezahlbare“ Modelle anbieten: LG und Sony haben 55- und 65-Zöller (140 und 165 cm) angekündigt, Sharp ein Modell mit 60 Zoll (152 cm) Bilddiagonale.

Allerdings mangelt es an echten UHD-Inhalten, sodass die Hersteller vorläufig auf das Upscaling von Full-HD-Inhalten setzen. Sichtbare Anstrengungen für ein passendes Filmangebot unternimmt aktuell nur Sony: Der Konzern will im Sommer einen 4K-Download-Dienst starten (siehe auch Seite 20).

Second Screen

Während im vergangenen Jahr der Begriff „Smart“ bei Fernsehern vor allem für die Internet-Anbindung stand, wollen Hersteller den bei Mobilgeräten angesprochenen Second-Screen-Trend auch aktiv zur Vermarktung ihrer Audio/Video-Produkte nutzen. Bei Sony etwa zeigen Android- und iOS-Geräte als Sidekick zu einem der neuen TV-Modelle mit sogenanntem „TV SideView“ einen elektronischen Programmführer an und suchen (auch sprachgesteuert) über verschiedene Dienste wie Sonys Video Unlimited, Hulu und YouTube nach Inhalten. Finden sie dabei etwa ein YouTube-Video, bringen sie es per Tipp auf den Fernseher. Natürlich darf auch eine Smartphone-App mit Fernbedienungsfunktion nicht fehlen.

Die noch ohne Preis für das Frühjahr in den USA angekündigten Blu-ray-Player von Sony sind ebenfalls mit „TV SideView“ ausgestattet; allerdings muss man dort mangels TV-Tuner auf EPG und TV-Programmwechsel verzichten. LGs kommende BD-Modelle haben unterdessen einen sogenannten „Private Sound“-Modus, bei dem der Ton via WLAN auf ein Smartphone oder Tablet mit passender App gesendet wird und sich darüber mit Kopfhörern abspielen lässt, ohne andere zu stören.

Android überall

Zwar gab es auf der CES einige neue Geräte mit Google TV zu sehen. Deutlich erfolgreicher ist jedoch Googles Mobilbetriebssystem Android – auch jenseits von Smartphones und Tablets. So präsentierte Archos die Smart-TV-Box „TV connect“ mit einer Dual-Core-CPU (1,5 GHz) und Android 4.1. Die mit einer HD-Kamera ausgerüstete Box wird auf die Oberkante des Fernsehers aufgesattelt. Sie soll über Google Play heruntergeladene beliebige Apps ausführen, auf Googles Video-on-Demand-Dienst zugreifen können und via HDMI in Full-HD-Auflösung auf dem Fernseher wiedergeben. Die mitgelieferte spezielle Fernbedienung wartet mit Gyrosensor, Volltastatur, Gaming-Tasten und zwei analogen Thumb-Sticks auf, mit denen sich Touch-Gesten emulieren lassen sollen. Archos liefert eigens eine App, mit der sich den Tasten Spielefunktionen zuweisen lassen. Archos TV connect soll ab Februar für 150 Euro erhältlich sein.

Die echte Überraschung kam von Nvidia, das mit „Project Shield“ eine eigene Handheld-Spielkonsole mit Android aus dem Hut zauberte. Sie sieht aus wie ein Xbox-Controller mit angeflanschtem Display und nutzt natürlich die neueste Tegra-Inkarnation mit 72 Grafikkernen und vier A15-CPU-Kernen. Mehr Infos dazu auf Seite 24.

Überhaupt scheint 2013 das Jahr der Android-Spiele zu werden. Schon vor der Messe hat die Fertigstellung der Entwicklergeräte der per Crowdfunding finanzierten Android-Spielkonsole Ouya für Aufsehen gesorgt (S. 41); Gamestick und andere versuchen mit ihren Android-Konsolen ebenfalls von dem rasant wachsenden Spieleangebot im Play Store zu profitieren. Schließlich lief auch Vuzix’ monokulare Datenbrille M100 unter Android, mit der der Hersteller Googles eigenen Smart Glasses zuvorkommen will.

Gesundheit!

An erstaunlich vielen Ständen waren Körpermessgeräte zu sehen – der Trend wurde obendrein mit einer zweitägigen „Digital Health“-Konferenz bedacht. Besonders häufig traf man auf Bewegungs-Tracker, die Schritte zählen, die Schlafqualität aufzeichnen und die ermittelten Daten in die Cloud senden. Neben Newcomern wie Fitbug, die mit dem „Orb“ einen wasserdichten Bewegungs-Tracker mit Bluetooth 4.0 Low Energy zeigten, brachten auch etablierte Hersteller wie Fitbit und Bodymedia Neuheiten mit. Fitbit Flex und Bodymedia Core 2 kommen in Armbandform ohne Display daher. Größter Unterschied: Während das Fitbit-Gerät nur einen Beschleunigungssensor hat, ermittelt das Bodymedia-Armband zusätzlich Temperatur und Leitungswiderstand der Haut und kann so den Kalorienverbrauch sehr genau messen. Der Smart Activity Tracker von Withings kommt in Riegelform und misst neben Aktivität und Schlafqualität auf Wunsch auch die Herzfrequenz – allerdings nur, wenn man den Finger für einige Sekunden auf den Tracker drückt. Die neue Version von Withings’ WLAN-Waage zeigt nun neben Gewicht und Körperfettanteil auch die Herzfrequenz sowie Raumtemperatur und Luftqualität (Kohlendioxid-Anteil) an. Wem das noch nicht reicht, der kann seine arterielle Sauerstoffsättigung per Pulsoxymeter messen: Das Gerät von Masimo kommuniziert per Dock-Connector-Kabel mit iOS-Geräten, das Oximeter von iHealth funkt die Daten per Bluetooth an eine Statistik-App.

Günstig drucken in 3D

Auch einige Hersteller von 3D-Druckern nutzten die Messe, um neue Geräte der Einstiegsklasse vorzustellen. 3D Systems brachte dieses Jahr eine aufgebürstete Version des Cube mit, der im vergangenen Jahr auf der CES sein Debüt gab (c’t 3/12, S. 29). Der neue Cube soll neben ABS-Kunststoff auch PLA verarbeiten und in höherem Tempo feinere Objekte drucken. Dafür sind nicht zwingend Änderungen an der Hardware nötig, bei solchen einfachen 3D-Druckern reicht oft neue Soft- oder Firmware.

Eine größere Überraschung gelang 3D Systems hingegen mit dem deutlich größeren CubeX: Das Chassis dieses Druckers ähnelt frappierend dem des 3D Touch der Tochterfirma Firma Bits from Bytes (c’t 11/12, S. 92). Der CubeX baut Objekte bis zu einer Größe von 27,5 cm × 26,5 cm × 24 cm in Schichten von wahlweise 125 µm, 250 µm oder 500 µm Dicke. Es gibt ihn mit einem, zwei oder drei Extrudern (Druckköpfen) zu kaufen. Der Online-Shop Cubify.com nennt je nach Ausstattung Preise zwischen 2157 und 3465 US-Dollar; hinzu kommen Versand, Zoll und gegebenenfalls Steuern. Cube und CubeX spulen ihr Rohmaterial nicht von offenen Rollen in die Extruder, sondern aus proprietären Kassetten, die den Plastikdraht gegen Einflüsse wie Luftfeuchtigkeit schützen sollen.

MakerBot Industries zeigte auf der Messe die bereits angekündigte Ausführung 2X seines Replicator mit zwei Druckköpfen. Anders als der auf PLA als Druckmaterial ausgelegte Replicator 2 (S. 62) hat der 2X einen beheizten Drucktisch und ist für die Verarbeitung von ABS optimiert – transparente Klappen an den Seiten und eine Abdeckhaube sollen die warme Luft im Inneren halten und auf diese Weise verhindern, dass gedruckte Objekte vorzeitig abkühlen und sich dadurch verziehen. Mit EnvisionTEC war auch ein deutscher Hersteller von 3D-Druckern auf der CES vertreten. Dessen Gerät Perfactory Micro baut Objekte aus lichtempfindlichem flüssigem Kunststoff auf, der im LED-Licht aushärtet, und erreicht in diesem Verfahren eine minimale Schichtdicke von 1 µm. Die maximale Objektgröße beträgt zwar lediglich 8,6 cm × 6,45 cm × 10 cm, dafür soll die Maschine in den USA für unter 10 000 Dollar zu bekommen sein. ( nij )

In eigener Sache

Nach fast 30 Jahren verlässt Christian Persson als Chefredakteur die c’t-Redaktion, bleibt uns aber erfreulicherweise bis auf Weiteres als Herausgeber erhalten. Persson hat die c’t mit aufgebaut und leitete die Redaktion seit August 1983. Seit 1996 unterstützt ihn Detlef Grell als zweiter Chefredakteur. Grell ist wie Persson Gründungsmitglied des Blattes und künftig verantwortlich für den Textteil der c’t. Johannes Endres rückt in die Chefredaktion auf und übernimmt außerdem Perssons Position als Chefredakteur bei heise online.

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