Prozessorgeflüster

Von goldigen Chips und feurigen Pfaden

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Das war ja ein vergleichsweise ruhiges Feuerwerk zum Jahresanfang in Las Vegas: Samsung, LG und Intel ließen auf der CES eher Zwergenknaller denn Böller krachen. Nvidia und AMD machten etwas mehr Lärm – und Broadcom und MIPS von sich reden.

Die Nachfahren der Alchemy-Au1550-Prozessoren sollen im zweiten Halbjahr 2013 mit mehreren MIPS-Kernen, GBit-Ethernet-Controllern und PCIe 3.0 den Prozessormarkt aufmischen.

Nvidia funkelte zwar – wie im letzten Geflüster schon vermutet – mit der Wunderkerze Wayne alias Tegra 4 und überraschte mit eigener Spielkonsole (S. 24), aber da bleibt noch vieles im Nebel, etwa, wie das mit den Spielen aussehen soll. AMD ließ einen interessanten Knallfrosch namens Temash für die nächste Tablet-Generation hüpfen und präsentierte mit Vizio auch endlich einen ersten Kunden für den aktuellen Tablet-Chip Hondo (Z-60).

Außerdem präsentierte AMD nach zahlreichen Abgängen einen neuen Verkaufsmanager für GPUs und APUs. Das hatte Theo Valich von Brightsideofnews schon lange vorher gewusst – was Wunder, war doch der in der Szene gut bekannte Roy Taylor einer seiner freien Mitarbeiter. Der hatte lange Zeit die Geschäfte bei Nvidia mitgesteuert und sich vor allem mit seinem lautstark vertretenen Credo: „CPUs sind tot, die Zukunft gehört den GPUs“ Gehör verschafft. Das kann er ja nun bei AMD ausleben und die Phenoms und Opterons für tot erklären; die erfahrenen Entwickler sind ja eh zumeist schon von Bo(a)rd. So etwa kurz vor Jahreswechsel Michael Goddard, der als Architekt und Chefarchitekt fast 25 Jahre lang die Prozessorgeschicke mitbestimmt hatte und dessen Abgang AMD sicherlich nicht gern gesehen hat.

Goddard arbeitete schon in den 80er Jahren mit Mike Johnson zusammen, der den damals recht beliebten RISC-Prozessor AMD29k konzipiert hatte. Mit dem anschließenden x86-Design K5 war dem Team allerdings nur wenig Erfolg beschieden – AMD kaufte lieber den K6 samt Entwickler und Manager von NexGen ein. Später hat Goddard dann zusammen mit dem von DEC gekommenen und später zum AMD-Chef reüssierten Dirk Meyer am erfolgreichen Athlon (K7) mitgewirkt. Der glücklose Johnson hingegen wurde zur Flash-Tochter abgeschoben, wechselte dann zur Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Texas Instruments und programmiert jetzt zu Hause in C++ für seine kleine Softwarefirma.

Neben TI sind Intel, Apple, ARM und vor allem Samsung in Austin präsent, um vor Ort erfahrene AMD-Entwickler abzusaugen. Bekanntlich hat Samsung die stärksten Staubsauger (der iCyclon von Apple steht ja noch aus …) – und so ist auch Goddard wie viele seiner Kollegen in Samsungs expandierendem Forschungs- und Entwicklungszentrum untergekommen. Dort managt übrigens der im Frühjahr 2012 abgesprungene Ex-AMD-Server-Chef Pat Patla die Abteilung.

Breite Wege zu MIPS

Und wie schlägt man nun den Bogen von AMD in Austin zu Broadcom in Irvine? Klar, auch Broadcom betreibt ein großes Entwicklungszentrum in der texanischen Hauptstadt, aber das wäre zu einfach, es gibt da einen interessanteren Bogen: In Austin lebt und wirkt der legendäre Prozessorentwickler Ty Garibay. Der konnte einst als Chefarchitekt von Cyrix (x86) auf sich aufmerksam machen und ging später als Vater von OMAP (ARM) in die Entwicklerannalen von Texas Instruments ein. Heute ist er VP bei Altera. Zwischenzeitlich gründete er Ende der 90er eine eigene Prozessorfirma namens Alchemy Semiconductor. Deren goldige Prozessoren rund um energiesparende MIPS-Kerne waren für die Tablets jener Zeit gedacht. 2002 wurde die Firma recht überraschend von AMD aufgekauft – wahrscheinlich als eine Art Gegenmaßnahme gegen Intels Experimente mit StrongARM. Doch wie Intel mit StrongARM konnte auch AMD mit Alchemy nicht wirklich was anfangen, schließlich sollten diese Chips ja auf keinen Fall den eigenen x86-Kindern Konkurrenz machen. Und so veräußerte AMD 2006 die Störenfriede wieder. Käufer war der im Sommer 1999 im heftigen Streit wenige Tage vor dem K7-Launch von AMD geschiedene Atiq Raza – zu jenem Zeitpunkt immerhin AMDs COO, CTO, Präsident und Kronprinz.

Zwei Jahre nach der Akquisition verkaufte er seine Firma RMI Corporation samt Alchemy-Prozessoren für rund 180 Millionen Dollar weiter an Netlogic. Diese wurde im September 2011 dann von – na, endlich – Broadcom akquiriert. Beim neuen Besitzer sollen nun die Alchemy-Chips als Kommunikationsprozessoren XLP II so richtig aufdrehen: Mit zunächst zwei MIPS-Kernen (XLP 200, bis zu 8 Threads, 2 GHz Takt, 8 × GbE, 1 × 10GbE, PCIe 3.0) bis hinauf zum 20-Kerner XLP 980, alles gefertigt im modernsten 28-nm-Prozess. Und während ARM auf 64 Bit immer noch warten lässt, gehört so etwas bei MIPS seit nunmehr zwei Jahrzehnten zur Grundausstattung.

MIPS ist also recht lebendig, in China erfreut sich die Architektur sogar besonderer Beliebtheit. Das gilt für chinesische Serverprozessoren, aber auch für Antriebsmotoren von Tablets – schließlich wird die MIPS-Architektur von Googles Android 4.1 voll unterstützt. Und so zeigte die Pekinger Firma Ingenic Semiconductor auf der CES ein Tablet mit einem hauseigenen Dual-Core-SoC JZ4780, passenderweise samt PowerVR-SGX5-Grafik des neuen MIPS-Besitzers Imagination.

Mit dem britischen Designhaus wird sich Broadcom jetzt wohl auch arrangieren müssen – die Kalifornier sind prozessormäßig aber ohnehin gut aufgestellt, haben weitreichende ARM-Lizenzen und vermarkten sehr erfolgreich SoCs mit ARM in Smartphones und anderen Geräten der Embedded-Welt. Zudem hat Broadcom noch eine eigene 64-bittige Prozessorlinie namens FirePath in der Hinterhand – designt von niemand anderem als der ARM-Schöpferin Sophie Wilson herself.

Auf der CES war Broadcom mit einer Fülle von Designs in Fernsehern (etwa bei LG mit 5G-WiFi), Ultra-HD-TV, Settop-Boxen, Gateways und so weiter vertreten. Die neuen XLP-200-Prozessoren zeigte man noch nicht; sie werden jetzt aber schon bemustert, die Volumenproduktion ist für die zweite Jahreshälfte geplant.

Auch wenn die Broadcom-Chips nicht so öffentlich im Vordergrund stehen, die Firma gehört mit 8,8 Prozent Umsatzplus im Vorjahr zu den klaren Gewinnern in der Halbleiterszene und konnte mit 7,8 Milliarden Dollar Jahresumsatz Micron von Platz 9 verdrängen. Nur Shootingstar Qualcomm legte noch mehr zu, und zwar deutlich um 30 Prozent und belegt jetzt mit rund 13 Milliarden US-Dollar Umsatz hinter Intel (49,3 Mrd.) und Samsung Electronics (25 Mrd.) Platz 3. Die beiden Spitzenreiter mussten wie alle anderen der Top 10 (TI, Toshiba, Renesas, STMicroelectronics …) zum Teil erhebliche Verluste einstecken.

Besonders stolz ist Broadcom auch auf die zahlreichen Patente sowie die vom Wall Street Journal darob vergebene Technologiestärke in der Halbleiterindustrie, wo man im letzten Jahr hinter Samsung Electronics Platz 2 noch vor Intel erreichen konnte. In der schieren Anzahl von US-Patenten quer über alle Industrien dominierte übrigens auch im letzten Jahr einmal mehr IBM mit rund 6440 Erteilungen vor Samsung mit 5440 und dem neuen Dritten Sony mit etwa 3770. (as)

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