Blackberry holt auf

Blackberry-Hersteller RIM zeigt Smartphones mit neuer Betriebssystem-Version

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Die Betriebssystem-Version Blackberry 10 ist da, und gleich zwei neue Smartphones: das Z10 nur mit Touch-Display und das Q10 in bewährter Blackberry-Bauart mit Tastatur. Eine ausgefeilte Touch-Bedienung soll den Anschluss an Android und iOS bringen, und die Möglichkeit, private und geschäftliche Daten sicher voneinander zu trennen, hat so noch niemand zu bieten.

Die Blackberrys sind seit zehn Jahren im Geschäftsleben etabliert, grundsolide Messaging-Geräte mit der besten Mobiltastatur, zuverlässig – aber langweilig. Der Wunsch nach cooleren Geräten mit mehr Sex-Appeal wurde unter der Ägide des Gründers und CEO Mike Lazaridis nie erfüllt, Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Seit einem Jahr leitet der deutsche Thorsten Heins das Unternehmen, er möchte an Android und Apple verlorene Fans zurückgewinnen und die Devise von Lazaridis ändern. Blackberry 10 soll zeitgemäßer sein, ist weniger auf eine Provider-Infrastruktur angewiesen und verspricht etwas Neues: die perfekte Trennung von privaten und geschäftlichen Anwendungen und Daten. Das präsentierte Heins Ende Januar auf einer Pressekonferenz in New York zusammen mit zwei neuen Smartphones, dem Z10 und dem Q10. Dort änderte er auch den Unternehmensnamen von Research in Motion (RIM) in Blackberry.

Das Z10 sieht auf den ersten Blick aus wie ein iPhone 5: Touchscreen, keine Tasten, flach, abgerundete Ecken. Für Freunde der Blackberry-Tastatur eignet sich das Q10 mit kleinerem Display und den bekannten Daumentasten. Was beiden bleibt, ist die rote LED, die als Markenzeichen von Blackberry auf neue Nachrichten hinweist.

Das Z10 hat ein 4,2 Zoll großes Display mit 1280 × 768 Punkten; das sind 355 dpi. Das Q10 zeigt 720 × 720 Punkte auf einem ebenfalls Touch-fähigen 3,1-Zoll-Display. Beide haben die gleichen Innereien: ein Zweikern-Prozessor mit 1,5 GHz, 2 GByte Arbeitsspeicher, 16 GByte Flash, zwei Kameras (8 MP/1080p auf der Rückseite, 2 MP/720p an der Front), NFC, Bluetooth 4.0, 11n-WLAN (Dualband), LTE mit den in Deutschland üblichen Bändern. Außen sitzen Lautstärkeregler, MicroUSB- und MicroHDMI-Buchse.

Für einen ersten Test stand uns ein Z10 zur Verfügung. Es wird mit Wischgesten vom Rand des Bildschirms bedient. Von oben erreicht man das Menü, von unten verkleinert man die aktive Anwendung als Kachel und öffnet eine Übersicht der gestarteten Apps. Von dieser Übersicht aus geht es mit einer Geste von links zum zentralen Nachrichten-Sammler Blackberry Hub, von rechts zieht man das Startmenü herein, also die Liste aller installierten Apps. Das hat man schnell gelernt, aber man sollte sich die Einführung kurz anschauen, die bei der Neueinrichtung gezeigt wird. An dieser Stelle muss man eine Blackberry-ID einrichten, so wie bei Apple, Android oder Windows Phone.

Die Bildschirmtastatur hat Blackberry um eine so noch nicht gesehene Vorschlagsfunktion aufgewertet: Während man tippt, tauchen über verschiedenen Buchstaben der virtuellen Tastatur Vorschläge auf, die man mit dem Finger in den Text schnippst. Mit der Zeit kommen bessere Vorschläge, weil das Gerät lernt, was man häufiger schreibt. Das funktioniert in bis zu drei Sprachen gleichzeitig, sodass man sein Business-Denglisch tippt, ohne die Sprache zu wechseln.

Den Bereich Navigation deckt das Z10 mit einer eigenen Anwendung ab, die Karten, POIs und Verkehrsdaten von TomTom nutzt, aber dem ersten Eindruck zufolge nicht so gut ist wie die Apps der Konkurrenz. Da die Karten im Vektorformat übertragen werden, benötigen sie nur wenig Übertragungsvolumen; vorab herunterladen lassen sie sich anscheinend nicht.

Endlich autark

Anders als die alten Versionen arbeitet Blackberry 10 autark und verbindet sich direkt mit dem Internet: Kein Blackberry Internet Service (BIS) ist nötig, kein spezieller Blackberry-Vertrag vom Provider. Bei der Einrichtung des Mail-Kontos gibt man lediglich Adresse und Kennwort ein, der Rest geht von selbst; man kann aber auch selbst Hand anlegen und die Dienste einzeln konfigurieren. Gibt man etwa eine Gmail-Adresse ein, dann erstellt Blackberry automatisch drei Konten: IMAP für die Mail, CardDAV für die Kontakte, CalDAV für den Kalender.

Im Geschäftsleben ist Microsoft Exchange als integrierte Mail- und Kalenderlösung verbreitet. Wie auch andere Smartphones nutzt Blackberry 10 nun das ActiveSync-Protokoll für den Zugriff auf diese Server. Man braucht also keinen Blackberry Enterprise Server mehr. Der Admin kann auf dem Exchange-Server Policies wie etwa eine Passwort-Richtlinie festlegen oder Geräte aus der Ferne löschen. Auch auf Lotus Domino wird man über Lotus Traveler ähnlich zugreifen.

Ab Werk sind Twitter, Facebook, LinkedIn und Evernote installiert, aus dem App-Store Blackberry World kann man zum Beispiel Google Talk nachrüsten. Diese Services existieren nicht einfach als Apps, sondern sind ins System eingebettet: So tauchen etwa alle Kalender in einer gemeinsamen Ansicht auf, Nachrichten aus Facebook und LinkedIn erscheinen bei den Mails, aus der Notizbuch-App Remember heraus greift man auf seine Evernote-Notizen zu, Dropbox-Dateien erscheinen im Filemanager. Das Ganze heißt Blackberry Flow.

Schließt man das Z10 an einen PC oder Mac an, dann installieren diese zunächst Treiber, die eine Netzwerkverbindung zwischen Blackberry und Computer herstellen. Mit der neuen Software namens Blackberry Link lassen sich dann Multimedia-Dateien zwischen Computer und Blackberry synchronisieren – per USB oder direkt per WLAN.

Work-Life-Balance

Will man den größten Vorteil von Blackberry 10 nutzen, nämlich die „Balance“ genannte konsequente Trennung privater und geschäftlicher Daten, braucht man dann aber doch wieder eine Blackberry-Infrastruktur, und zwar muss in der Firma der neue Blackberry Enterprise Service 10 (BES 10) laufen. Der wird nach Zugriffsberechtigungen (CALs) lizenziert, für alte BES-Lizenzen gibt es ein Trade-up. Preise nannte Blackberry noch nicht, eine kostenlose 60-Tage-Lizenz ermöglicht den Test.

Der Mail-Zugriff kann dann zusätzlich geschützt sein: Der Admin provisioniert ein Mail-Konto vom internen Server, der nicht im Internet sichtbar sein muss. Der BES verbindet sich mit Blackberrys Infrastruktur, das Smartphone des Anwenders ebenfalls – dessen SIM-Karte muss entsprechend berechtigt sein. Für den Anwender ist die Provisionierung einfach: Er richtet ein Konto ein und gibt seine Business-Mail-Adresse und das vom Admin mitgeteilte Aktivierungskennwort ein. Den Rest verhandeln dann BES 10 und Blackberry-Endgerät.

Das kennt man so auch von den alten Blackberrys, neu ist die Architektur: Der bisherige BES 5 hat eine Synchronierungskomponente, die Exchange-Nachrichten mit dem BES abgleicht. Beim BES 10 entfällt das, er routet den Traffic des Endgeräts einfach an den Exchange-Server. BES10 und Endgerät bauen über die Blackberry-Infrastruktur einen sicheren Tunnel auf, der Mail-Server bleibt nur intern sichtbar, aber das Endgerät spricht direkt mit dem Mail-Server. Im Ergebnis ist BES 10 damit auf viel höhere Nutzerzahlen skalierbar, weil er weniger zu tun hat. Ein zweiter Vorteil: Beim BES 5 gab es nur ein Endgerät pro Anwender, beim BES 10 entfällt diese Beschränkung.

Hat man das Smartphone am BES 10 angemeldet, errichtet es einen sicheren Bereich (Perimeter genannt), in dem Business-Anwendungen und -Daten abgelegt werden. Der Firmen-Admin legt fest, wie dieser Bereich geschützt wird, welche Policies gelten und welche Anwendungen automatisch installiert werden. Die Trennung geht bis hinunter ins Dateisystem. An der Oberfläche gibt es zwei verschiedene Reiter für private und geschäftliche Anwendungen. Die beim PlayBook eingeführte und auch hier vorhandene Möglichkeit, spezielle Android-Apps auszuführen, existiert allerdings nur im privaten Bereich, nicht im geschäftlichen.

Schützt das Unternehmen seine Daten mit einem Kennwort, dann muss der Anwender es nur eingeben, wenn er die geschäftlichen Apps nutzen will. Diesen Bereich kann er aufschließen und wieder absperren. Außerdem lässt sich das Gerät mit einem Passwort schützen, das man bei jedem Einschalten eingeben muss.

Lösung unklar

Der Knackpunkt dieser Lösung ist die notwendige Authentifizierung der SIM-Karte für den Zugang zur Blackberry-Infrastruktur. Das steuert der Mobilfunk-Provider, der mit Blackberry eine Geschäftsbeziehung haben muss. Details dazu wird man vielleicht im März zur CeBIT erfahren.

Auch der Nachrichtendienst Blackberry Messenger (BBM) hängt von der gleichen Provisionierung ab – ohne Zugriff auf die Blackberry-Infrastruktur funktioniert BBM einfach nicht, und an dieser Stelle steht ein Kassenhäuschen zwischen Provider und Blackberry. Hier stellt sich Blackberry potenziell selbst ein Bein, denn die vorwiegend privaten Nutzer des BBM werden nicht bereit sein, dafür Geld zu zahlen, zumal es reichlich Alternativen wie Facebook Messenger oder Whatsapp gibt. Auch wenn BBM nun kostenlose Voice- und Videocalls anbietet, so bleibt das eine geschlossene Lösung, die nur mit anderen Blackberry-Nutzern funktioniert.

Für Verwirrung unter Testern wie dem Blog CrackBerry.com sorgte der scheinbare Widerspruch, dass die Testgeräte allesamt mit beliebigen SIMs einen BES-Zugang aufbauen konnten. Das klärte Blackberry schnell gegenüber c’t auf: Demnach benötigen die Testgeräte keine speziellen SIMs, weil Blackberry sie schon vor der Herausgabe für die Blackberry-Infrastruktur freigeschaltet hatte.

Fazit

Blackberry 10 ist ein leistungsfähiges Betriebssystem, das sich hinter keinem Konkurrenten verstecken muss. Erstmals seit vielen Jahren hat Blackberry die Konkurrenz eingeholt und in einem Punkt sogar überholt: Android, iOS und Windows Phone bieten nicht die Möglichkeit, private und geschäftliche Daten so perfekt zu trennen. Das funktioniert aber nur, wenn das Unternehmen einen Blackberry Enterprise Service 10 einsetzt und die SIM-Karten entsprechend provisionieren lässt.

Wie gut Z10 und Q10 daher bei Privatkunden ankommen, hängt eher vom Content ab, also vom Angebot an Apps, Musik, Spielen sowie – derzeit noch nicht in Deutschland – Filmen und Zeitschriften. Rund 70 000 Apps und Spiele gibt es derzeit für Blackberry 10, darunter etwa 17 000 Android-Portierungen, die nur in der eingeschränkten Emulator-Sandbox laufen. Für die bisherigen Smartphones wird es kein Update auf Blackberry 10 geben, für das Tablet PlayBook wohl schon.

Video: BlackBerry Z10

Das Z10 will Vodafone noch im Februar verkaufen, andere Provider äußerten sich noch nicht. Ohne Vertrag soll es im März für etwa 600 Euro erhältlich sein, wie einige Händler in die Preissuchmaschinen eintragen. Das Q10 dürfte wohl erst im April erscheinen. Ein Video mit einem ausführlichen Blick auf das Z10 finden Sie über den c’t-Link. (jow)

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Kapitel
  1. Endlich autark
  2. Work-Life-Balance
  3. Lösung unklar
  4. Fazit
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