Grenzkontrollen der Zukunft

Ausschreibung für Automated Border Control gestartet

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Das Bundesinnenministerium hat eine Ausschreibung zur Einführung sogenannter „Automated Border Control“-Systeme für die Selbstabfertigung bei der Einreise in den Schengen-Raum via Flugzeug gestartet. Alle großen deutschen Flughäfen sollen bis Ende 2014 mit ABC-Spuren ausgestattet werden, die Reisende mit elektronischem Reisepass nutzen können.

Weltweit sind nach Angaben der Bundesdruckerei 300 Millionen elektronische Reisepässe im Umlauf. In Deutschland verlieren die letzten „analogen“ Pässe im Jahr 2015 ihre Gültigkeit – und längst haben die Arbeiten an der nächsten Generation von Reisepässen begonnen, die vom Bundesinnenministerium (BMI) unter dem Schlagwort „Pass 3.0“ laufen. Verbesserte Dateneingabe und die Aufnahme von Iris-Biometriedaten sollen die künftigen Pässe für die Zusammenarbeit mit ABC-Systemen (Automated Border Control) optimieren. Die jetzt erfolgte Ausschreibung für bis zu 180 solcher Abfertigungsspuren an den Großflughäfen von Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und München komplettiert das Bild. Dabei ist die Selbstabfertigung bei der Ankunft im Schengen-Raum nur der Anfang – am Ende steht ein Traum vom Fliegen, bei dem der ständig wachsende Flugverkehr in Europa mit Passagierzuwachsraten von jährlich fünf Prozent durch ein nahtloses Kontroll- und Sicherheitssystem ohne zermürbende Prozeduren abgewickelt werden soll, dem sich Reisende widerspruchslos unterwerfen.

Für die angelaufene Ausschreibung des BMI interessieren sich zahlreiche Firmen, beispielsweise die US-amerikanische L1 Identity Solutions mit der Lösung „ABC Gate“, die Safran Group mit „MorphoWay“, das unter anderem bereits beim französischen PARAFE-Programm zum Einsatz kommt, oder die kanadische Rogue DNA mit ihrem „eGate“. Aus Deutschland ist das Essener Unternehmen Secunet mit seinem „EasyPass“-System dabei, das am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen bereits im Pilotbetrieb in verschiedenen Konfigurationen die generelle Machbarkeit von ABC-Systemen unter Beweis stellte. EasyPass arbeitet inzwischen mit einem Dokumentenscanner der Bundesdruckerei und Gesichtserkennungstechnik der Dresdener Firma Cognitec, ergänzt um eine kleine Gangway, über die Reisende mit Handgepäck die Selbstabfertigung in einem Schritt durchführen können.

Bei der biometriegestützten automatischen Grenzkontrolle wird ein elektronischer Reisepass (in Deutschland auch ein elektronischer Personalausweis) vom Reisenden selbst auf den Dokumentenscanner gelegt. Dieser liest die maschinenlesbare Zone (MRZ) des Dokuments aus und bildet aus diesen Daten einen symmetrischen Schlüssel, der zum RF-Chip des Passes geschickt wird. Ist der Wert dieser „Basic Access Control“ korrekt, kann das auf dem Chip gespeicherte Bild ausgelesen und angezeigt werden. Im nächsten Schritt wird mit einer Kamera ein Bild des Reisenden aufgenommen und dieses per Software mit dem Bild des Passes verglichen. Gleichzeitig läuft im Hintergrund ein Datenbank-Check, ob der Reisende besonders geprüft werden muss. Liegt nichts gegen ihn vor und stellt der Computer eine hohe Übereinstimmung der biometrischen Daten fest, öffnet sich eine Schranke und der automatische Grenzübertritt wird vollzogen. Ist die Übereinstimmungsrate hingegen niedrig oder liegt ein Hinweis zur Prüfung des Reisenden vor, öffnet sich die Schranke zur Nachkontrolle durch einen Grenzbeamten.

Multimodale Kontrollen

Die meisten der heute eingesetzten ABC-Systeme sind sogenannte One-Stop-Systeme, bei denen Reisende nach dem Einlesen der Daten und dem Bildabgleich in einem kleinen Gang zur Schleusentür gelangen, die sich öffnet. So soll die Abfertigung nur wenige Sekunden dauern und – vorausgesetzt, es sind mehrere Abfertigungsspuren in Betrieb – Lastspitzen abfedern, die entstehen, wenn Maschinen aus Nicht-Schengen-Ländern im Minutentakt landen. Entwickelt werden aber auch Systeme, bei denen das Einlesen des Reisedokuments und die Aufnahme an einem speziellen Kontroll-Kiosk erfolgen, der eine Chipkarte oder ein anderes Token ausgibt. Mit diesem Kontrollnachweis begibt sich der Reisende dann zum allgemeinen Ausgang, wo er an einem weiteren Gerät die Freigabe erhält.

Zwar arbeiten die derzeit verfügbaren ABC-Systeme in der Regel nur mit dem Abgleich biometrischer Bilddaten, laut den Vorgaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex müssen sie aber darauf ausgelegt sein, bei Reisedokumenten der „dritten Generation“ auch multimodale Kontrollen durchführen zu können, also zum Beispiel zusätzlich Fingerabdruckdaten zu vergleichen. In den Dokumenten zum Interessenbekundungsverfahren der „ÖPP Deutschland AG“ heißt es denn auch: „Das künftige System der automatisierten Grenzkontrolle an deutschen Flughäfen soll dem sogenannten multibiometrischen Ansatz gerecht werden, das heißt, neben der Gesichtsbildbiometrie sollen die Schleusensysteme auch mit der optionalen Hard- und Software zur Durchführung der Iris- und Fingerabdruckbiometrie konfigurierbar angeboten werden.“ Zusätzliche Iris-Kontrollen und Abgleiche von Fingerabdruckdaten stehen freilich quer zum angestrebten Ziel, Reisende in einer Zeitspanne von maximal 30 Sekunden abzufertigen.

Seitenwechsel

Wechselt man auf die Seite der Grenzbeamten, stehen diesen Kontrollmonitore zur Verfügung, auf denen der gesamte Überprüfungsprozess in Echtzeit abgebildet ist. In Deutschland soll ein Beamter maximal vier Abfertigungsspuren überwachen, nach Frontex-Vorgaben sind jedoch bis zu zehn Spuren pro Kontrolleur erlaubt. Wie sich bei einem Pressetermin in Frankfurt im Februar 2013 mitverfolgen ließ, sehen die Kontrolleure jeweils das Chipbild und das Kamerabild nebeneinander, darunter liegt ein „Qualitätsbalken“. Der Balken signalisiert den Beamten, für wie hoch die Software die Übereinstimmung der Bilddaten einschätzt. Angezeigt wird mit grünen und roten Schaltflächen außerdem, ob der MRZ-Check und der Datenbankabgleich erfolgreich waren. Außerdem werden zu jeder Abfertigungsspur Videoüberwachungsbilder gezeigt, mit denen man Täuschungsversuche unterbinden will – etwa, indem der Reisende einfach ein Foto vor die Kamera hält. Der Beamte am Monitor steht zudem in ständigem Kontakt mit einem Kollegen, der für die Nachkontrolle zuständig ist.

Allerdings können ABC-Systeme nur so schnell und zuverlässig arbeiten, wie es die Qualität der vorgelegten elektronischen Dokumente zulässt. Unterschiede zeigen sich schon beim Auslesen der maschinenlesbaren Zone, was fehlerfrei erfolgen muss, damit überhaupt der Zugriff auf die Bilddaten des Chips gestattet wird. Die Mitte der 1970er Jahre für Durchzugsleser konzipierte Zone wird von ABC-Systemen optisch abgetastet, wobei die variierenden Hintergründe im reflektierenden Laminat mit seinen Sicherheitsmerkmalen eher hinderlich sind.

Sollen ABC-Systeme an Flughäfen zum Standard werden, muss auch die Qualität der MRZ in künftigen Pässen erheblich verbessert werden. Gleiches gilt für die Fotos auf dem Chip im Reisepass. So können Grenzbeamte derzeit die Erfahrung machen, dass deutsche ePässe nicht die besten sind, weil sie im Unterschied zu anderen Ländern mit einem Medienbruch produziert werden: Das vom Fotografen aufgenommene Digitalbild wird ausgedruckt und bei der Meldebehörde eingescannt. Dieses veraltete System dürfte mit der nächsten Passgeneration obsolet und Fotografen künftig verpflichtet werden, Bilder direkt verschlüsselt zur Behörde zu senden – womöglich zusammen mit Iris-Aufnahmen des Kunden, die bei der multimodalen biometrischen Kontrolle künftig ja eine große Rolle spielen sollen.

Sicherheitstheater

Nun sind ABC-Systeme aber nicht allein Sache der Behörden, auch Flughafenbetreiber und Fluggesellschaften spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Grenzkontrollen der Zukunft. Das fängt schon damit an, dass die Standards für elektronische Reisepässe von der internationalen Luftfahrtorganisation ICAO gesetzt werden. Auch ist das „Sicherheitstheater“ (der aufwendige Sicherheitsscheck an den Passagierschleusen durch private Sicherheitsdienste) ein ständiger Quell des Ärgers für Reisende wie Fluglinien, aber auch für den Flughafenbetreiber. Vor einem Jahr veröffentlichte der Dachverband der Fluggesellschaften IATA deshalb seine Vision vom „Checkpoint of the Future“: Ein automatisches Abfertigungssystem mit drei Spuren für Normalreisende, Vielreisende und eine Detailkontrolle. Neben der multimodalen biometrischen Überprüfung (Fingerabdruck, Iris, Gesichtsbild) sind im IATA-Konzept Gänge mit vielen in die Wände eingelassenen Sensoren zu sehen, die zum Beispiel Pheromone des Reisenden analysieren (hat er Angst, ist er hochgradig angespannt?), Metallspuren und Flüssigkeiten erkennen und selbst das Gepäck beim einfachen Durchschreiten untersuchen können. Grenz- und Gepäckkontrolle wären dann verschmolzen, und selbst der umstrittene „Körperscanner“ wäre kein Problem mehr, denn autonom agierende Terahertz-Sensoren in den Wänden arbeiten zuverlässiger als jeder Mensch. Die frühzeitige Gewöhnung von Passagieren an ABC-Systeme wie EasyPass und Co. ist also nur ein erster Schritt, soll die gefällig ausgeleuchtete Vision der IATA eines Tages Realität werden. (pmz)

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  1. Multimodale Kontrollen
  2. Seitenwechsel
  3. Sicherheitstheater
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